Dienstag, 5. März 2013

Das Mädchen aus Mississippi: HIV-Heilung oder Postexpositionsprophylaxe?

News: Medizin

von Dr. Marcus Mau

Baby besiegt HIV. Eine Schlagzeile geht um die Welt und lässt einmal mehr auf Heilung für Millionen HIV-Infizierte hoffen. Doch ist es wirklich die ersehnte Heilung? Was versteht man unter einer sogenannten „funktionellen Heilung“? Oder handelt es sich gar um eine Postexpositionsprophylaxe für Neugeborene?
Wie Wissenschaftler auf einer Konferenz in Atlanta mitteilten, gelang es, das HI-Virus in einem neugeborenen Mädchen mittels einer frühzeitig eingeleiteten Dreimedikamententherapie unter die Nachweisgrenze zurückzudrängen. „Die heute Zweieinhalbjährige komme ohne Medikamente aus und zeige nur noch einzelne, inaktive Viruspartikel“, so die Forscher.

HIV-Nachweis am zweiten Tag nach der Geburt
Alles begann mit einer Frühgeburt in einem Krankenhaus im US-Bundesstaat Mississippi. Erst im Kreißsaal erfuhren die behandelnden Ärzte von der HIV-Infektion der werdenden Mutter. Das neugeborene Mädchen wurde in ein anderes Krankenhaus verlegt und die dortigen Spezialisten entschieden sich, umgehend (30 Stunden nach der Geburt) eine Behandlung mit antiviralen Medikamenten zu beginnen. Dadurch hofften sie, die Infektion des Kindes aufzuhalten. Anders als allgemein üblich versuchten sie eine neue antivirale Therapie, bestehend aus drei Medikamenten. Doch bereits am zweiten Tag nach der Geburt kam die Gewissheit. Im Blut des Mädchens wurde das HI-Virus nachgewiesen. Die Behandlung wurde fortgesetzt und ebenso der Virustiter weiter kontrolliert. Am 7., 12. Und 20. Tag enthielt das Blut des Mädchens weiterhin HI-Virusgenom in nachweisbarer Menge. Zur großen Freude der behandelnden Ärzte kam der Test am 29. Tag als negativ zurück.
Ein Zurückdrängen der Viruslast unter die Nachweisgrenze ist bei antiviraler Behandlung nicht ungewöhnlich. Das Problem dabei ist, dass das HI-Virus nicht gänzlich aus dem Körper verschwunden ist. In sogenannten Schläferzellen bleibt es erhalten und kann selbst nach Jahren noch reaktiviert werden. Die antivirale Therapie dauerte bis zum 18. Lebensmonat des Mädchens an und wurde anschließend aus nicht näher benannten Gründen abgebrochen.

Ärzte sprechen von „funktioneller Heilung“
Im Normalfall sollte sich das Virus nach Abbruch der Therapie wieder verstärkt vermehren und somit eine Virämie auslösen. Dabei handelt es sich um eine massive Ausschwemmung von aktiven Viruspartikeln in das Blut des Patienten. Bei dem Mädchen blieb diese Virämie aus. Ganz im Gegenteil zeigte sich bei einer erneuten Untersuchung, dass das Blut des Kindes nur noch sehr wenige und zudem inaktive Viruspartikel enthält. Der Körper hatte gelernt, das Virus ohne Medikamente in Schach zu halten. In einem Fall, in dem das Immunsystem die Vermehrung des HI-Virus allein kontrolliert, ohne es vollständig aus dem Körper eliminieren zu können, bezeichnen die Forscher als „funktionelle Heilung“. Das HI-Virus ist weiterhin in geringer Kopiezahl vorhanden, jedoch nicht mehr aktiv. Es vermehrt sich nicht. Doch kann man in einem solchen Fall von Heilung sprechen?

Das Prinzip der Post-Expositionsprophylaxe
Objektiv betrachtet hat das von den Ärzten des Mädchens angewandte Verfahren sehr große Ähnlichkeit mit der für Erwachsene angebotenen Postexpositionsprophylaxe (PEP). Besteht das Risiko eines HIV-Kontaktes, kann innerhalb von 72 Stunden mit einer antiretroviralen Therapie begonnen werden, um eine für das Virus erfolgreiche Infektion zu verhindern oder zurückzudrängen. Behandelt wird mit einem Medikamentencocktail bestehend aus drei Medikamenten, in der Regel zwei Nukleosidanaloga und einem HIV-Proteaseinhibitor. Die Prophylaxe wird über einen Monat hinweg durchgeführt. Je größer das Zeitfenster zwischen Kontakt und Behandlungsbeginn wird, desto geringer ist die Chance, eine Infektion noch zu vermeiden. Und selbst bei frühzeitigem Einsatz der Medikamente besteht kein 100%-iger Schutz vor der Infektion.
Ein wichtiger Patient für die Forschung
Für die Forschung ist das Mädchen auf jeden Fall von sehr großer Bedeutung. Es gilt aufzuklären, was am Immunsystem der Kleinen anders ist, und warum es das Virus selbstständig eindämmen kann. Dieser Fall beantwortet möglicherweise darüber hinaus wichtige Fragen im Bereich des frühen Behandlungsbeginns bei Neugeborenen und Kindern. In jedem Fall jedoch wird die antivirale Therapie von Neugeborenen aus HIV-Risikoschwangerschaften wohl neu bewertet werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich in zukünftigen Studien die Erfolge des Dreimedikamentenansatzes gegenüber dem konventionellen Einmedikamentansatz statistisch absichern lassen.

Quellen:
Nathan Seppa, 2013, Baby may be cured of HIV: http://www.sciencenews.org/view/generic/id/348710/description/Baby_may_be_cured_of_HIV

rme/Ärzteblatt, 2013, HIV: „Funktionelle Heilung“ eines Frühgeborenen in den USA: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/53614/HIV-Funktionelle-Heilung-eines-Fruehgeborenen-in-den-USA

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