Montag, 22. Dezember 2014

Ein Kuss für Millionen

News: Forschung

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Der Kontakt von Mund zu Mund spielt im Tierreich eine sehr große Rolle. Insbesondere als Fütterrungsritual findet er sich von den Fischen bis zu den Primaten. Der Mensch nutzt den Kuss darüber hinaus als Zeichen der Zuneigung. Doch, dass ein Kuss weitaus mehr über zwei Menschen aussagt, als uns bisher bewusst war, fanden Remco Kort und Kollegen kürzlich heraus. Sie erzählen eine Geschichte von Menschen und ihren Mundbakterien und wie ähnlich sich die Mikrobiome zweier küssender Menschen eigentlich sind. Mit 80 Millionen übertragenen Mikroben ist ein einzelner Kuss zudem wohl doch eher ein öffentliches Ereignis, zumindest aus Sicht der Bakterien.

In unserer Mundhöhle leben Millionen von unterschiedlichen Bakterien. Sie besiedeln unsere Zähne, unsere Zungenoberfläche und schwimmen sogar im Speichel. Erst seit Kurzem lernen Forscher weltweit, dass unser Mikrobiom – die Gesamtheit aller Bakterien des Menschen – die Prozesse in unserem Körper auf vielfältige Weise steuern und beeinflussen kann. Autoimmunerkrankungen, Übergewicht, ja selbst unser Sexualverhalten soll in gewissem Umfang mit den Mikroorganismen, die uns besiedeln, in Zusammenhang stehen. So soll das Küssen denn auch das Immunsystem des Menschen stärken.
Bei einem 10-sekündigen Kuss tauschen
wir bis zu 80 Mio. Bakterien aus.
(Quelle: olga meier-sander/pixelio.de)
Bei einem intimen Kuss werden 80 Millionen Bakterien ausgetauscht
Die Forscher um Remco Kort untersuchten Speichel und Zungenoberfläche bei 21 Paaren, die an einem kontrollierten Kuss-Experiment teilnahmen. Um die Menge an ausgetauschten Mikroben erfassen zu können, mussten die Probanden in einem zweiten Versuch probiotischen Joghurt essen, der hauptsächlich Lactobacillus und Bifidobacterien enthielt. Die Wissenschaftler stellten fest, dass küssende Partner bis zu 80 Millionen Bakterien austauschen und somit deutlich ähnlichere Mundmikrobiome hatten als sich unbekannte Personen. Interessanterweise war die Ähnlichkeit bei den Bakterien am größten, welche unsere Zungenoberfläche besiedeln. Dennoch scheinen diese Ähnlichkeiten nicht direkt vom Kuss abzuhängen. Sie sind wahrscheinlich vielmehr von den Lebensgewohnheiten, übereinstimmender Ernährungsweise sowie anderen Umweltfaktoren der Paare beeinflusst.

Da sich die Bakteriengemeinschaften nach dem letzten Kuss sehr schnell wieder individuell umgestalten, erhöht ein Kuss von Zeit zu Zeit nicht nur den Zusammenhalt der Partner, sondern sorgt auch für einen regelmäßigeren Austausch der „Mitbewohner“ in unserer Mundhöhle.

Quelle:
Kort R et al. Shaping the oral microbiota through intimate kissing. Microbiome 2014; 2:41

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Ein Tripper steigert das Krebsrisiko

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.
Das Prostatakarzinom ist die zweithäufigste Krebsart des Mannes und die sechsthäufigste Todesursache bei Männern weltweit. Obgleich diese Krebsart sehr intensiv erforscht wird, konnten bisher noch immer keine veränderbaren Risikofaktoren für die Entstehung des Prostatakarzinoms beschrieben werden. Eine neue Metaanalyse von 47 Studien zum Einfluss von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) auf die Entwicklung des Prostatakarzinoms brachte nun ein überraschendes Ergebnis.
Männer, die jemals in ihrem Leben an einer Geschlechtskrankheit gelitten hatten, hatten infolgedessen ein um das 1,5-Fache höheres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Messbar erhöht war das individuelle Risiko z.B. nach einer durchgemachten Infektion mit Gonokokken (SRR 1,20; 95 % KI 1,05 – 1,37). Das Risiko war dabei anscheinend unabhängig davon, ob die Infektion einmalig im Leben aufgetreten war und lange zurücklag oder nicht. Kein anderer der betrachteten Erreger von Geschlechtskrankheiten (Treponema pallidum, Chlamydia trachomatis, Trichomonas vaginalis, Ureaplasma urealyticum, Mycoplasma hominis, Herpes simplex, Cytomegalievirus) zeigte einen signifikanten Einfluss auf die Entstehung eines Prostatakarzinoms bei den betroffenen Männern.
Die Forscher um Caini schließen, dass eine Prävention von Geschlechtskrankheiten weltweit auch die Häufigkeit des Prostatakarzinoms senken könnte. Derzeit kommen sowohl die Geschlechts­krankheiten als auch der Prostatakrebs sehr häufig vor. Darüber hinaus sind die sexuell übertragbaren Erkrankungen in Deutschland derzeit wieder auf dem Vormarsch – allen voran der Tripper, aber auch die Syphilis.
Quelle: Caini S. et al. 2014. Cancer Epidemiol ; 38:329-38

Mittwoch, 26. November 2014

Alternative Arthrosemittel: Was wirklich hilft

News: Komplementärmedizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Arthrose, Arthritis, Rheuma und Gicht sind die vier häufigsten Gelenkerkrankungen in Deutschland. Sie gehören zu den Krankheiten des rheumatischen Formenkreises. Ihnen allen gemeinsam ist die Entzündung, welche schließlich zu Bewegungseinschränkungen und starken Schmerzen im Gelenk führt. Neben den klassischen Schmerzmitteln bei Arthrose und den gängigen Operationsverfahren tauchen auch immer wieder sogenannte Wundermittel auf, die gegen die Krankheit helfen sollen. Doch was hilft wirklich? Wie gut ist die Komplementärmedizin bei degenerativen Gelenkerkrankungen aufgestellt?
Fehlernährung und das damit verbundene Übergewicht sowie der latente Bewegungsmangel unserer heutigen Zeit führen dazu, dass in den Industrienationen bis zu 10% der Bevölkerung in höherem Lebensalter (> 59 Jahre) unter symptomatischen Gelenkarthrosen leidet; Frauen sind davon sogar häufiger betroffen als Männer.

Konventionelle Therapie mittels Schmerzmitteln
Aus klassisch medizinischer Sicht sind die Behandlungsmöglichkeiten bei Arthrose noch immer sehr begrenzt. Krankengymnastik und Schmerzmittelgebrauch (sogenannte NSAR) gelten weithin als etablierte Therapien. Wie solche NSAR wirken und welche Nebenwirkungen sie auslösen können, lesen Sie unter anderem hier: http://ideen-und-wissen.blogspot.de/2013/04/schmerztherapie-bei-arthrose-von.html

Interessant ist, dass die Arthroskopie bei geschädigten Gelenken noch immer sehr häufig durchgeführt wird, ohne dass es dafür tatsächlich einen wissenschaftlichen Beleg der Wirksamkeit bei Arthrose gäbe. Am Ende eines langen Leidensweges steht in vielen Fällen schließlich die Knie- oder Hüftprothese. Doch auch hier gibt es Anzeichen für eventuelle Spätfolgen, meist dadurch, dass Metalle aus den Prothesematerialien freigesetzt werden und sich im Körper anreichern können. Langzeitstudien zu diesem Thema fehlen bisher.

Künstliche Hüftgelenke sind oft der letzte Ausweg
aus dem Arthroseschmerz. (Quelle: Dieter Schütz/pixelio.de).

Liegen Hoffnungen und Wirkungen in der Komplementärmedizin?
Da die Schmerzmittel bei Langzeitanwendung schwere Nebenwirkungen haben und die Knieoperation zwar Linderung bringen kann, dies aber nicht zwingend erfolgreich muss, ist der Ruf nach Alternativen und ergänzenden (komplementären) Behandlungsverfahren größer denn je. Die Komplementärmedizin im Bereich der Arthrosebehandlung wird hauptsächlich eingesetzt, um Schmerzen zu lindern sowie die Beweglichkeit im Gelenk zu erhalten und somit den Gelenkersatz hinauszuzögern. Das Buch „Checkliste Komplementärmedizin“ (R. Huber & A. Michalsen (Hrsg., Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, ISBN: 978-3-8304-7369-5) weist die folgenden komplementären Verfahren als wirksam bei Arthose aus:
  • Während eine generelle vegetarische oder sogar vegane Ernährungsweise bei Arthrose sehr hilfreich ist, zeigte insbesondere das Heilfasten in einer kontrollierten Studie sehr gute Ergebnisse bei der Schmerzlinderung. Um diesen Effekt auch über die Zeit des Fastens hinaus zu garantieren, ist eine Ernährungsumstellung zwingend erforderlich.
  • Kräftigende und gelenkschonende Bewegung stärkt die Muskulatur und Bänder, welche die Gelenke stützen.
  • Da empfundene Schmerzen sehr häufig auch stressabhängig sind, haben sich Methoden zur Stressreduktion bei Arthrose ebenso bewährt, z. B. Yoga, Feldenkrais oder Tai-Chi und Qigong.
  • Eine besonders große Stellung nimmt die Phytotherapie bei der Behandlung einer Arthrose ein. Verschiedenste Pflanzenextrakte (z.B. Brennnessel, Weidenrinde, Weihrauch) zeigten in Studien schmerzlindernde und/oder entzündungshemmende Wirkungen. Ebenso können wohl Beinwell, Cayennepfeffer sowie Kohlwickel die Symptome einer aktiven Arthrose lindern.
  • Auf orthomolekularer Ebene zeigten sich Sojaprotein, Vitamin E und Basenpulver als fraglich bzw. gering wirksam. Chondroitin- und Glucosaminsulfat sind bei Arthrose neuesten Metaanalysen zufolge nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksam.
  • Gezielte Kälte- oder Wärmereize führen empirisch zu einer Verbesserung der Arthrosesymptome. Allerdings unterscheidet sich die Wirkung solcher medizinischer Bäder individuell. Heiße Wannenbäder sind zuhause sehr leicht umsetzbar, allerdings ist auf Begleiterkankungen wie Krampfadern und Herzschwäche zu achten, welche solche Bäder generell verbieten.
  • Ultraschall- und Elektrotherapie bei Arthrose zeigten bisher nur milde Effekte.
  • Besonders gut untersucht und hinreichend belegt ist die Wirkung der Akupunktur bei Schmerzleiden im Allgemeinen und bei Gelenkarthrosen im Besonderen. Ergänzend stehen schmerzlindernde Punkte am Ohr zur Verfügung.
  • Aus der Reihe der ausleitenden Verfahren ist die Blutegeltherapie als sehr gut geeignete Methode zur Linderung einer symptomatischen Arthrose zu nennen. Dieses Verfahren gilt als hochwirksam, was in zahlreichen Studien und anhand empirischer Beobachtungen bestätigt wurde. Eine einmalige Blutegeltherapie soll demnach bereits bei bis zu 80 % der Patienten zu einer Linderung der Gelenkschmerzen führen; und dies innerhalb von zwei bis neun Monaten.
Einen weiteren Überblick über die Studienlage zu ausgewählten Naturstoffen gibt Ihnen auch der folgende Artikel: http://ideen-und-wissen.blogspot.de/2013/08/arthrose-ganz-naturlich-behandeln-ein.html

Fazit: Die derzeitig rasant zunehmende Zahl der Forschungsarbeiten zu alternativen Behandlungsmethoden – nicht nur bei Arthrose - zeigt eines ganz deutlich: Die Komplementärmedizin ist endlich auch in der etablierten klinischen Medizin angekommen.
Quelle: Huber, Roman; Michalsen, Andreas (Hrsg.): Checkliste Komplementärmedizin, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2014, ISBN: 9783830473695

Samstag, 15. November 2014

Harninkontinenz: Land unter in Deutschland?

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Bis zum Jahr 2040 wird der Anteil der Männer und Frauen in Deutschland, die älter als 65 Jahre sind, auf über 25 % ansteigen. Die moderne Medizin und verbesserte Rahmenbedingungen im Alltag sorgen dafür, dass die Menschen bei uns immer älter werden. Zeitgleich wird aber ebenso die Zahl der Mediziner in Deutschland um bis zu 37.000 sinken. Dies birgt sehr schwerwiegende sozioökonomische Risiken für unser Gesundheitswesen. In der Altersgruppe der 60- bis 79-Jährigen leidet bereits heute mehr als die Hälfte der Menschen an einer überaktiven Blase. Etwa 30 bis 40 % dieser Patienten klagen sogar über Harninkontinenz - das Unvermögen, den Harn in der Blase zu halten. Wird die Harninkontinenz damit in Deutschland zu einem ernstzunehmenden Problemfall?

Mit zunehmendem Alter - und meist noch dadurch verstärkt, wenn ein älterer Mensch ins Senioren- oder Pflegeheim geht - steigen die Harninkontinenzraten drastisch an. In einigen Häusern sind bis zu 90 % der Senioren davon betroffen; eine Häufung findet sich vor allem bei Frauen. Bereits heute sind Pflegekräfte vielfach mehr mit dem Trockenlegen von Patienten beschäftigt als mit ihren eigentlichen Routineaufgaben. Erschwerend kommt hinzu, dass Harninkontinenz noch immer als ein Problem der Alten gilt und in der öffentlichen Meinung als klassisches Tabuthema angesehen wird.
 
Droht im Rahmen der Harninkontinenz ein Dammbruch?
Zukünftig mehr betroffene Patienten zu haben, ist nicht das einzige Problem am Horizont. Aktuelle Hochrechnungen des Deutschen Krankenhausinstituts zeichnen ein düsteres Bild: Bis 2019 werden mehr als 37.000 Ärzte in Praxen und Krankenhäusern fehlen, sollte sich der Ärztemangel wie bisher entwickeln. Solange sich weiterhin 35 % derer, die ihr Medizinstudium in Deutschland beginnen, später nicht als Ärzte betätigen, wird diese Entwicklung wohl nur schwer aufzuhalten sein.

Von Ärztemangel bis Harninkontinenz
Doch was heißt das nun ganz konkret für die Harninkontinenz? Immer mehr Patienten stehen immer weniger ausgebildeten Ärzten gegenüber. Wer soll denn dann zukünftig die Betroffenen versorgen? Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft und ihr 1. Vorsitzender, Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann, stellten anlässlich der Tagung der Gesellschaft in Frankfurt am Main einen konkreten Lösungsansatz vor: Speziell ausgebildete Kontinenzschwestern – nach österreichischem Vorbild und mit Zusatzqualifikation – könnten anstelle eines Arztes inkontinente Patienten versorgen. „Wir müssen ja das Rad nicht neu erfinden. Österreich hat bereits seit einiger Zeit Erfahrung mit solchen Qualifizierungsprogrammen für Kontinenzschwestern“, merkte Prof. Jünemann weiter an. Und warum kann das nicht jede Schwester einfach tun? „Nun, die Krankenschwestern und Pfleger müssen in der Lage sein, einfachste differentialdiagnostische Schlüsse zu ziehen“, so Prof. Jünemann, „Wir benötigen Fachleute für diese Aufgabe.“

Um dieses Ziel schließlich auch erreichen zu können, bedarf es noch so mancher Anstrengung. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft kann nicht allein politische Änderungen und Nachbesserungen bei der Ausbildung von medizinischem Personal bewirken. „Deshalb werden wir verstärkt mit Verbänden der Urologen, Gynäkologen und Viszeralchirurgen zusammenarbeiten.“, so Prof. Jünemann zum Abschluss.

Harninkontinenz - Was ist das?



Harninkontinenz - Was ist das?
Harninkontinenz - Was ist das? (Infografik mit freundlicher Genehmigung der Param GmbH, Hamburg)

 Quelle:
Pressekonferenz anlässlich des 26. Jahreskongresses der Deutschen Kontinenz Gesellschaft am 14.11.2014 in Frankfurt am Main

Montag, 3. November 2014

Ersetzen Nanopartikel bald unsere Antibiotika?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Ein internationales Forscherteam hat eine neue Substanz entwickelt, um schwere bakterielle Infektionen ganz ohne den Einsatz von klassischen Antibiotika zu behandeln. „Damit könnten künftig auch Antibiotika-Resistenzen vermieden werden“, sind sich dieForscher sicher.

Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Bei uns längst als besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose, Gonorrhoe und Co. treten derzeit einen ungeahnten Siegeszug rund um die Welt an. Und viele unserer Antibiotika - die einstigen Wunderwaffen gegen bakterielle Infektionen - sind bereits unwirksam oder schwächeln spürbar. Der sorglose Umgang mit Antibiotika in der modernen Medizin fördert diese Entwicklungen, sodass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar schon vor Zuständen wie in der prä-antibiotischen Zeit warnt. Doch haben wir überhaupt wirksame Alternativen? Mit der Entdeckung des Forscherteams unter der Leitung von Eduard Babiychuk und Annette Draeger vom Institut für Anatomie der Universität Bern könnte sich tatsächlich ein neues Kapitel im Kampf gegen Antibiotika-resistente Keime öffnen.
Der Ansatz der Forscher: Aus Liposomen - das sind künstlich hergestellte Nanopartikel, die aus Bestandteilen der Fettschicht von Körperzellen gebildet werden – entwickelten sie einen „Schutzschild“. Dieser fängt die von den Bakterien ausgestossenen Giftstoffe ein und neutralisiert sie sehr effektiv. Dadurch werden die Bakterien für den Menschen ungefährlich und können von den Zellen des Immunsystems attackiert und unschädlich gemacht werden.

Das ist ein unwiderstehlicher Köder für Bakterien-Gifte
Liposomen werden unter anderem verwendet, um Medikamente in den Körper zu schleusen. Die Berner Wissenschaftler setzten nun Liposomen ein, welche bakterielle Giftstoffe anziehen und so die Körperzellen vor diesem gefährlichen Giftcocktail schützten.

„Mit unseren Liposomen haben wir tatsächlich einen unwiderstehlichen Köder für bakterielle Toxine entwickelt. Die Gifte greifen bevorzugt diese Liposomen an und werden dort gezielt eingefangen und unschädlich gemacht. Schäden an unseren Körperzellen treten dann praktisch nicht mehr auf“, sagte der Studienleiter Eduard Babiychuk begeistert.

„Das Tolle daran: Da sich die Wirkung der Liposomen nicht gegen die Bakterien, sondern deren Giftstoffe richtet, kann sich auch keine Resistenz entwickeln“, fügte Annette Draeger hinzu. Im Tierversuch überlebten mit Liposomen behandelte Mäuse eine ansonsten tödliche Blutvergiftung und wurden auch ganz ohne Antibiotika wieder vollständig gesund.

Mit Patent zur Anwendung?
Der neue Wirkstoff ist bereits zum Patent angemeldet worden. Die neue Substanz wird als Medikament unter dem Namen „CAL02“ von der Genfer Biotechnologiefirma LASCCO SA weiterentwickelt und für die klinischen Studien und die Anwendung am Menschen vorbereitet. Eine erste klinische Studie ist bereits in Planung mit Patienten, die an einer schweren Lungenentzündung durch Streptokokken leiden.

Quelle:
Henry BD et al. Engineered liposomes sequester bacterial exotoxins and protect from severe invasive infections in mice, Nature Biotechnology, 2.11.2014, doi:10.1038/nbt.3037

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wir müssen Ebola emotional an uns heranlassen

News: Medizin

Bericht vom Ebola-Symposium der wpk vom 22.10.2014 in Frankfurt/Main (von Dr. Marcus Mau)

Die Krankheit ist für uns in Deutschland sehr weit weg und das merken Hilfsorganisationen, wie die Ärzte ohne Grenzen, an der eher niedrigen Spendenbereitschaft. Für die Menschen in Afrika aber bedeutet die Seuche noch weitaus mehr als nur Leid und Tod. Das öffentliche Leben in den betroffenen Staaten bricht zusammen, Überlebende werden stigmatisiert und ausgegrenzt – auch Kinder sind davon betroffen. Was Ebola für das menschliche Miteinander und die Helfer vor Ort und in Deutschland bedeutet, diskutierten Experten kürzlich exklusiv auf einem Ebola-Symposium der Wissenschafts-Pressekonferenz (wpk) in Frankfurt am Main.

 „Ebola ist eine harte Prüfung – auch für die Helfer“, sagt Dr. Matthias Grade, der im Sommer aus Liberia zurückgekehrt war. In Liberia war er für Ärzte ohne Grenzen aktiv und versorgte 147 Patienten. „Eine Stunde in diesen gelben Anzügen ist das absolute Maximum. Sie beginnen zu schwitzen und die Brille beschlägt“, so Grade. „Das Schlimmste aber ist die enorme psychische Belastung. Dort werden Familien durch Ebola auseinandergerissen und Sie tragen jeden Morgen tote Kinder aus den Isolierstationen.“ Seine Worte berühren, doch vorstellen kann man sich das, was Dr. Grade erlebt hat, nur schwer. „Sie können dort nicht länger als 4 Wochen im Einsatz bleiben. Es macht Sie körperlich und seelisch kaputt.“ Dennoch gibt der Arzt Hoffnung, denn Ebola ist eine behandelbare Erkrankung, aber eben nicht kurativ behandelbar.

Auf dem Symposium "Ebola in Afrika - Ebola in Deutschland" diskutierten die Experten aktuelle Entwicklungen zur Epidemie in Westafrika. (v.l.n.r. Ruf, Schmiedel, Wolf, Kupferschmidt (Moderation), Gottschalk, Burger; Foto: Dr. Marcus Mau)
 
Information in Deutschland hilft, Ängste zu verringern

Die Hilfe vor Ort ist das Wichtigste, was wir den Menschen in Westafrika jetzt geben müssen. Doch um wirklich helfen zu können, brauchen Hilfsorganisationen Geld. „Das Spendenaufkommen in Deutschland ist noch sehr gering“, ergänzt Prof. August Stich von der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit. Die beste Prävention für Deutschland - wie für den Rest der Welt - bleibt, die Epidemie vor Ort zu bekämpfen. „Wir werden einzelne Ebola-Fälle auch in Deutschland sehen. Aber wir sind gut aufgestellt, um das einzudämmen“, sagt Prof. Stich. Sehr viel problematischer wird es sein, dass gerade in den Wintermonaten sehr viele Heimkehrer aus Afrika nicht selten einen Schnupfen oder eine fiebrige Erkältung entwickeln werden. „Es wird dadurch gehäuft zu Fehlalarmen kommen.“ Daher sei es jetzt besonders wichtig, gezielt die deutsche Ärzteschaft über Ebola aufzuklären. Das Gesundheitsamt Frankfurt stellt beispielsweise zu diesem Zweck Informationsmaterial auf seinen Seiten zur Verfügung (www.frankfurt.de/ebola). „Die Ärzte haben aber neben allen Maßnahmen und Veranstaltungen, die wir für sie planen, eine Abholpflicht für die Informationen“, sind sich Prof. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt und Prof. Reinhardt Burger vom Robert-Koch-Institut, einig.

Ein Patient beschäftigt 30 Pfleger und Ärzte
Wir werden einige Patienten in Deutschland sehen.Bisher waren dies drei Erkrankte, die zur Therapie aus Westafrika nach Frankfurt, Hamburg und Leipzig eingeflogen worden waren. „Ich habe so viele Jahre auf diesen Tag hintrainiert“, merkt Dr. Stefan Schmiedel von der Berhard-Nocht-Klinik in Hamburg an, „Doch als der Patient schließlich eintraf, war alles so viel anders.“ Und was genau war anders? Insgesamt braucht es bis zu 30 Pfleger und Ärzte, die sich im Schichtdienst um einen einzigen Ebola-Patienten kümmern. Allein, um einen Menschen nach der Arbeit wieder sicher aus dem Schutzanzug zu bekommen, braucht es zwei weiterer Kollegen. „Ebola erfordert einen enormen materiellen und personellen Aufwand“, sind sich Dr. Schmiedel sowie seine zwei Kollegen aus Leipzig und Frankfurt, Prof. Bernhard Ruf und Dr. Timo Wolf, einig. Aus diesem Grund sind in allen Isolierstationen in Deutschland wohl kaum mehr als jeweils ein bis maximal zwei solcher Patienten zeitgleich zu behandeln. Ein Grund mehr, den Ausbruch mit allen verfügbaren Mitteln vor Ort in Westafrika anzugehen und einzudämmen.
Quelle: Ebola in Afrika – Ebola in Deutschland, Symposium vom 22.10.2014 in Frankfurt am Main

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Wird die Gefahr durch Ebola unterschätzt?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Mehr als 4.000 Tote in Westafrika und die Epidemie ist nicht zu stoppen. Aus den USA wird indes der zweite bestätigte Ebolafall außerhalb Afrikas gemeldet. Wie sich der Patient ansteckte? Unklar. Am wahrscheinlichsten sind Fehler während des Wechsels der Schutzkleidung. Und obwohl sich die Menschen hierzulande immer mehr sorgen, die deutschen Experten sind sich einig: Für Deutschland besteht keine direkte Gefahr einer Ebolaausbreitung. Doch eine intensivere Nachrichtenschau aus aller Welt lässt Zweifel an den hiesigen Aussagen aufkommen. Wird das Ebola-Virus womöglich unterschätzt?

Streikendes Flughafenpersonal, Einreiseuntersuchungen bei Ankunft aus einem westafrikanischen Land, das von Ebola betroffen ist. All dies geschieht beispielsweise in den USA und in Großbritannien. Damit soll die Einschleppung des Virus verhindert werden. Obgleich Deutschland mit Frankfurt am Main - will man den statistischen Modellen glauben - einen der verwundbarsten Flughäfen für einen Ebolaimport hat, sagen die wissenschaftlichen Experten sowie Gesundheitsminister Gröhe, dass das Risiko für die deutsche Bevölkerung bei nahe null liegt. Der Virologe Alexander Kekulé differenzierte im ZDF-Interview sogar, dass einzelne Ebola-Fälle auch in Deutschland nicht völlig auszuschließen seien, es aber generell keinen Grund zu größerer Sorge gäbe. Letztlich wird es keine Temperaturmessung für Flugpassagiere in Deutschland geben. Noch nicht.
Deutschland besitzt gut ausgestattete Isolierstationen – tatsächlich?

Sind nicht die USA vergleichbar gut ausgestattet wie Deutschland? Und dennoch gibt es dort bereits den zweiten bestätigten Ebolafall außerhalb Afrikas. Wie kann das sein? Nun, offensichtlich haben sich die betroffenen Pflegekräfte aufgrund mangelnder Schulung einen fatalen Fehler erlaubt. Und Fehler passieren leider immer wieder, umso häufiger, je weniger das Gesundheitspersonal auf solche Krankheiten wie Ebola vorbereitet wird. Menschen können Fehler machen, immer und zu jeder Zeit. Auch in Madrid machte eine Pflegehelferin einen Fehler und kämpft derzeit auf einer Isolierstation um ihr Leben.

In Deutschland gibt es spezialisierte Zentren, in denen Ebolapatienten fachgerecht betreut werden können, so z. B. in Hamburg, Frankfurt, Leipzig, Düsseldorf, München, Stuttgart und Berlin. „Insgesamt stehen 50 Betten zur Verfügung, praktisch aber wahrscheinlich nur 25“, so Kekulé auf süddeutsche.de. Fünfundzwanzig Betten? Da bleibt zu hoffen, dass jeder Infizierte, der das Land erreichen sollte, auch sofort erkannt und isoliert werden kann. Zwar zeigten Erfahrungen mit dem Marburgvirus, dass selbst nach Ausbruch der Erkrankung sehr selten Familienmitglieder und soziale Kontakte angesteckt wurden. Doch handelte es sich beim Marburgvirus seinerzeit auch um einen sehr begrenzten Ausbruch mit schnell erfolgter Isolation der betroffenen Labormitarbeiter. Welche Kreise ein unerkannter oder auch abgewiesener Fall in nur wenigen Tagen ziehen kann, zeigte vor einigen Tagen Patient null in Dallas, USA.
Übertragungswege noch immer nicht vollständig verstanden

Trotzdessen, dass das Ebolavirus bereits seit 40 Jahren bekannt ist, gibt es weder einen Impfstoff noch eine wirkliche Therapie. Ebensowenig kennt man bis heute die genauen Übertragungswege des Virus. Fakt ist, dass es über den direkten Kontakt zu Körperflüssigkeiten von Infizierten oder über von ihnen kontaminierte Oberflächen übertragen wird. Besonders gefährlich sind dabei Blut, Erbrochenes und Sperma, aber auch Stuhl, Tränen oder die Muttermilch.

Wie schnell verbreiten sich Viren?
Die Übertragung über kontaminierte Gegenstände ist nicht nur bei Ebola ein effektiv funktionierender Infektionsweg. US-Forscher demonstrierten unlängst, wie schnell sich Viren von einer kontaminierten Oberfläche, z. B. einer Türklinke, ausbreiteten. Innerhalb von zwei bis vier Stunden waren bis zu 60% aller Oberflächen und Mitarbeiter im Testpflegeheim durchseucht. Zum Glück verwendeten die Forscher für ihren Test harmlose Bakteriophagen, die für Menschen vollkommen ungefährlich sind. Dennoch vermag dieses Experiment gerade in Zeiten der Ebola-Epidemie wachzurütteln, jederzeit ein Höchstmaß an Vorsicht und Hygiene walten zu lassen. Weitaus unberechenbarer als die Ansteckungswege sind die Veränderungen, die das Ebola-Virus jederzeit mit jedem weiteren Infizierten durchlaufen könnte.

Das Ebola-Virus verändert sich
Anfang Oktober teilte der UN Ebola-Beauftragte Anthony Banbury in einer Pressekonferenz mit, dass er die Sorge habe, Ebola könnte zu einem über die Luft übertragbaren Erreger mutieren. Wörtlich sagte er: „Je länger das Virus im epidemiologischen Schmelztiegel Westafrika zirkuliert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es schließlich mutiert.“ Bereits heute wissen die Forscher, dass der aktuelle Ausbruch zu mehr als 200 bis 300 Mutationen im Genom des Ebolavirus geführt hat. Welche Auswirkungen dies auf die Aggressivität und Ansteckungsrate haben könnte, bleibt derzeit jedoch unbeantwortet. Dennoch wäre ein solches Szenario mit einem durch die Luft übertragbaren Ebolavirus ein Albtraum und die schiere Vorstellung sollte eigentlich bereits genügen, um die Weltgemeinschaft entschiedener gegen die Krankheit ankämpfen zu lassen. Doch auch weiterhin laufen die Maßnahmen in Westafrika der Seuche viel zu oft hinterher; ein rasches Ende ist nicht in Sicht. Eines machten die Ärzte ohne Grenzen in diesem Zusammenhang bereits vor wenigen Wochen unmissverständlich klar: Der wichtigste Schritt, Ebola zu besiegen, liegt darin, jetzt die Neuansteckung mittels lückenloser Quarantänemaßnahmen zu verhindern.

Wie gefährlich ein über die Luft übertragbares Ebola-Virus sein könnte, zeigten Forscher bereits 2012 in einem Laborversuch an Mäusen. Sie infizierten gentechnisch veränderte Nager unter anderem mit dem Ebola-Stamm Zaire und dem Marburgvirus, zum einen über eine direkte Injektion ins Bauchfell, zum anderen über virushaltige Aerosole (feine Flüssigkeitströpfchen). Obwohl die über Aerosole verbreiteten Viren etwas weniger ansteckungsfähig waren, führten doch beide Infektionswege sehr sicher zum Tod der Tiere.
Quelle:
Lever MS et al. 2012. Lethality and pathogenesis of airborne infection with filoviruses in A129 α/β -/- interferon receptor-deficient mice. J Med Microbiol. 2012 Jan;61(Pt 1):8-15

Samstag, 11. Oktober 2014

Ist Soja bei Brustkrebs schädlich?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Viele Frauen - vor allem auch Brustkrebspatientinnen - denken, sie tun sich etwas Gutes, indem sie sich sojareich ernähren. Doch in einigen Fällen könnte genau das Gegenteil zutreffen. Soja scheint nämlich bei jungen Frauen mit Brustkrebs bestimmte Tumorgene zu fördern.

Die positiven Auswirkungen einer sojareichen Ernährung werden seit Jahrzehnten auch bei uns verbreitet. So ganz falsch können die epidemiologischen Studien zum Thema ja auch nicht sein, schließlich wird Soja in asiatischen Ländern seit Jahrtausenden genutzt. Zudem kommen einige Krebsarten, wie z. B. der Brustkrebs, bei Asiatinnen weniger häufig vor. Viel Soja muss also zwangsläufig vor Brustkrebs schützen. Doch Halt! Ganz so einfach ist die Geschichte nicht erzählt. US-Forscher kommen in ihrer erst kürzlich veröffentlichten Studie zu einem weitaus differenzierteren Eindruck über den Nutzen oder Schaden durch Soja für Brustkrebspatientinnen. Je nach Lebensalter und Hormonstatus scheint die Sojabohne unterschiedliche Wirkungen zu haben.
Die Sojabohne - Jahrtausendealtes Erfolgsmodell.
(Quelle: „Sojabohne“ von Scott Bauer - US Department of Agriculture – Agricultural Research Service. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sojabohne.jpg#mediaviewer/File:Sojabohne.jpg)
 
Phytoöstrogene aus dem Soja gehen ins Blut

Soja enthält neben vielen weiteren Bestandteilen und dem wertvollen Eiweiß zwei hormonell aktive Substanzen – Daidzein und Genistein. Beide Stoffe werden vom Menschen in das Blut aufgenommen und gelangen so auch in alle Organe unseres Körpers. Dort haben diese sogenannten Pflanzenhormone ganz ähnliche Wirkungen wie das körpereigene Östrogen und fördern oder hemmen dosisabhängig das Wachstum von Zellen. In Studien an Frauen mit einem hormonabhängigen Brustkrebs wurden dennoch bisher weder eindeutig positive noch negative Einflüsse von Soja gefunden. Aufgrund dieser noch sehr unsicheren Datenlage empfiehlt das American Institute for Cancer Research (AICR) einen täglichen Sojakonsum von weniger als 160 Gramm Tofu bzw. einem halben Liter Sojamilch. Die dabei ins Blut aufgenommenen Mengen der Phytoöstrogene werden noch als unbedenklich eingestuft. Höhere Konzentrationen von Daidzein und Genistein hatten zuvor in größeren Zellkultur-Studien DNA-Schäden bis hin zum Zelltod zur Folge.

Angriffsziele der Phytohormone Daidzein und Genistein in den Zellen des Menschen. Hohe Konzentrationen beider Stoffe führen zu Schäden an der DNA sowie im Eiweißhaushalt der Zelle. (Quelle: Dr. Marcus Mau)
Soja beeinflusst Gene im Tumor

US-Forscher um Dr. Moshe Shike gingen nunmehr der Frage nach, ob die Aufnahme von Soja die Genexpression in einem aktiven Brustkrebs verändern könne. Insgesamt erhielten 140 Frauen mit einem frischdiagnostizierten Brustkrebs im Frühstadium eine Nahrungsergänzung mit 26 Gramm Sojaeiweiß oder Placebo (Kuhmilcheiweiß). Acht von zehn Frauen hatten einen hormonabhängigen Tumor, d.h., ihr Krebs war für Östrogene und ähnlich aufgebaute Substanzen sensibel. Ein Drittel aller Teilnehmerinnen hatte zudem die Menopause („Wechseljahre“) noch nicht erreicht.

Blutproben der Frauen mit einer Sojanahrung zeigten über den Untersuchungszeitraum von bis zu 30 Tagen einen sehr raschen Anstieg der Phytohormone um das Vier- bis Siebenfache. Eine wirkliche Überraschung waren jedoch Änderungen der Genaktivität im untersuchten Tumorgewebe. In der Sojagruppe waren zehn Tumorgene stärker aktiv; in der Kontrollgruppe nur fünf. Von besonderer Bedeutung sind dabei zwei Gene: eines für die DNA-Reparatur sowie ein anderes für den Östrogenstoffwechsel im Tumor. Beide zeigten eine um 90 % größere Aktivität. Ein drittes vermehrt gebildetes Eiweiß konnte als wichtiger Wachstumsfaktor für Tumoren ausgemacht werden.

Aufgrund dieser Ergebnisse schlossen die Studienautoren, dass Brustkrebspatientinnen nur mit der gebotenen Vorsicht Soja zu sich nehmen sollten. Craig Jordan, ein führender Onkologe aus den USA, meinte dazu: „Östrogenwirkungen sind recht komplex. Während Frauen mit einem Brustkrebs vor den Wechseljahren eher mit einem Tumorwachstum auf östrogenartige Hormone reagieren, verschiebt sich das Gleichgewicht bei Frauen nach den Wechseljahren deutlich. Bei ihnen überwiegt häufig der durch die Östrogene ausgelöste Zelltod.“ Kurzum: Ältere Brustkrebspatientinnen könnten möglicherweise von hormonell aktiven Substanzen aus dem Soja profitieren, jüngere Frauen vor den Wechseljahren jedoch ganz sicher nicht.

Quelle:
Shike M et al. 2014. J Natl Cancer Inst 106(9):dju189

Mittwoch, 17. September 2014

Chlamydien: Sie sind mitten unter uns

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Infektionen mit Chlamydia trachomatis (CT) verlaufen in der Mehrzahl der Fälle vollkommen symptomlos. Dennoch kann eine Infektion sehr schwere gesundheitliche Folgen haben. Unerkannt führen Chlamydien zu Unfruchtbarkeit bei Mann und Frau. Bisher wusste niemand in Deutschland, wieviele Menschen sich bereits mit dieser sexuell übertragbaren Infektion (STI) angesteckt haben. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) liefert nun erstmals Daten für Männer und Frauen in Deutschland aus den Jahren zwischen 2008 und 2013.
Der freiwillige Laborsentinel wertete Daten aus fast drei Millionen CT-Tests aus 23 Laboren in ganz Deutschland aus. Die Zahlen wurden nach Geschlecht, Alter, Testgrund und Wohnregion  ausgewer­tet.

Besonders junge Frauen sind häufig infiziert
Der überwiegende Anteil der Tests (93 %) wurde an Frauen durchgeführt. Insgesamt waren 3,9 % der Tests bei den untersuchten Frauen positiv für CT. Bei den 15- bis 19-Jährigen lag die Ansteckung sogar bei 6,8 % und war hier am höchsten. Der Anteil an jungen Frauen mit positivem CT-Testergebnis war deutschlandweit insgesamt sehr hoch. „Generell scheinen sich junge Frauen bei einer Schwangerschaft für das Thema Chlamydien zu interessieren“, sagen die Epidemiologen des RKI. Ärzte sollten deshalb eigentlich sehr viel häufiger bereits während der Beratung zur Empfängnisverhütung auf den Test hinweisen, um die Frauen zwischen 15 und 19 Jahren zukünftig noch besser aufzuklären.

Jeder 5. Mann zwischen 20 und 24 Jahren ist Träger
Im gleichen Zeitraum untersuchten die Labore insgesamt 184.711 Proben von männlichen Patienten auf CT-Infektionen; Männer im Alter zwischen 20 und 44 Jahren machten mit 70 % der Proben den Hauptteil der Untersuchten aus. Im gesamtdeutschen Durchschnitt waren 10,7 % der Tests bei den Männern positiv. Die höchste Prävalenz fand sich mit 19 % in der Gruppe der 20- bis 24-Jährigen. Im Vergleich der Bundesländer untereinander sind Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt führend. In beiden wurden zwischen 15 % und 16 % der Männer positiv getestet. Bei den Untersuchungsmaterialien waren deutschlandweit bei den Männern vor allem Rektalabstriche (12 %), Urethralabstriche (9 %) sowie Urin (9 %) am häufigsten positiv. „Aufgrund des hohen Anteils positiver Rektalabstriche sollte der Fokus für standardisierte CT-Tests bei jungen Männern zukünftig auch auf die Gruppe der Männer, die mit Männern Sex haben (MSM) ausgeweitet werden“, so die Epidemiologen abschließend.

Symptome einer Chlamydien-Infektion
Chlamydien gehören zu den am häufigsten beim Sex übertragenen Krankheitserregern. Sollten Sie folgende Symptome an sich bemerken, gehen Sie bitte zu einem Arzt (Hausarzt, Hautarzt, Gynäkologe oder Urologe):

Frauen
  • Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen
  • Ausfluss aus der Scheide
  • Schmerzen oder Blutungen auch außerhalb der Periode
Männer
  • Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen
  • Weißer oder wässriger Ausfluss aus dem Penis
  • Druckschmerz in den Hoden
Achtung!
Chlamydien können auch im Rachen oder in den Augen Infektionen hervorrufen, führen z.B. zur sogenannten Chlamydienkonjunktivitis (Bindehautentzündung). Unbehandelt führt die Infektion mit Chlamydien unter Umständen zur Unfruchtbarkeit in beiden Geschlechtern.

Der Test ist für Frauen bis zum 25. Lebensjahr kostenlos.  

 
Quellen:
Alt K et al. P1. STI-Kongress 2014, Berlin
Hofmann A et al. P6. STI-Kongress 2014, Berlin
RKI Endbericht CT-Laborsentinel, 2013
RKI Epidemiologisches Bulletin 46/2013

Donnerstag, 4. September 2014

Ebola - „Es ist unsere historische Pflicht zu handeln“

Medizin: Aktuell

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


„Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und Ebola so scheint es, wird gewinnen“, erklärte die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, Joanne Liu, während einer Anhörung bei den Vereinten Nationen in New York. Sie übte harsche Kritik am Umgang der internationalen Staatengemeinschaft mit der Seuche. „Die Zeit für Treffen und Planungen ist definitiv vorbei. Es ist jetzt an der Zeit zu handeln. Jeder Tag, an dem wir nichts tun, bedeutet weitere Tote und den langsamen Zusammenbruch der Gesellschaften in den betroffenen Ländern.“ Dass dies auch für den Rest der Welt zum Problem werden kann, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen forderte unlängst alle Staaten dringend dazu auf, Personal und Material zur Ebola-Bekämpfung nach Westafrika zu entsenden. „Die Weltgemeinschaft versagt bei ihrer Reaktion auf die bisher schlimmste Ebola-Epidemie“, sagte Liu weiter. Gelingt es nicht, den Ausbruch heute einzudämmen und weitere Infektionen zu vermeiden, würden Tausende den Preis dafür zahlen müssen. Die internationale Staatengemeinschaft müsse sehr viel mehr Spezialisten und medizinische Einheiten entsenden. „Wir haben die letzten sechs Monate gegen das Virus verloren. Aber wir können diesen Kampf noch gewinnen“, so die internationale Präsidentin. Es sei unser aller historische Pflicht, den betroffenen Staaten uneingeschränkt mit allen Mitteln der Seuchenbekämpfung zu helfen – und zwar schnell und unbürokratisch.

Die Kultivierung der Untätigkeit

Bis jetzt werde die Verantwortung im Umgang mit diesem außergewöhnlich großen Ebola-Ausbruch überforderten Gesundheitsbehörden und privaten Hilfsorganisationen überlassen. „Die Regierungen versagen angesichts dieser grenzüberschreitenden Bedrohung. Die Erklärung der WHO vom 8. August 2014, wonach die Epidemie eine internationale gesundheitliche Notlage darstelle, hatte keine entschiedenen Maßnahmen zur Folge. Stattdessen haben sich die Staaten zu einer internationalen Koalition der Untätigkeit zusammengetan“, merkte die Präsidentin der Organisation Ärzte ohne Grenzen an. Sie rief desweiteren dazu auf, dass „Staaten, die über die benötigten Kapazitäten verfügen, eine politische und humanitäre Verpflichtung haben, angesichts dieser Katastrophe konkrete Hilfeleistungen anzubieten. Anstatt sich nur darauf zu beschränken, sich auf eine mögliche Ankunft eines Ebola-Infizierten in ihrem Land vorzubereiten, sollten sie die Gelegenheit ergreifen, um dort Leben zu retten, wo dies jetzt viel notwendiger ist: direkt in Westafrika.“ Kurzfristig würden zusätzliche Isolierzentren, mehr ausgebildetes Personal und mobile Labors für eine bessere Diagnostik benötigt.

Die Isolierstationen sind randvoll

Die Kliniken in Liberia und Sierra Leone sind bereits mit Patienten, bei denen Verdacht auf Ebola besteht, überfüllt. Routinemäßige Untersuchungen und Geburtshilfe können nicht mehr geleistet werden. Die Menschen sterben nicht nur an Ebola, sondern auch immer mehr an Erkrankungen, die unter Normalbedingungen leicht behandelbar wären. Zudem erkranken die Menschen nach wie vor an Ebola und sterben in ihren Dörfern und Gemeinden. Aufgrund des Zusammenbruchs des öffentlichen Lebens und des Gesundheitssystems liegen vor allem in Sierra Leone die hochgradig ansteckenden Leichen auf den Straßen und verwesen.

Ärzte ohne Grenzen betreibt derzeit fünf Ebola-Behandlungszentren mit einer Kapazität von insgesamt 480 Betten. Seit März 2014 hat Ärzte ohne Grenzen 2.077 Patienten aufgenommen, von denen 1.038 positiv auf Ebola getestet wurden. Nur 241 wurden wieder gesund. Aktuelle Zahlen (WHO-Daten) zu den bestätigten Ebolaerkankungen in den betroffenen fünf westafrikanischen Ländern sind in der folgenden Grafik dargestellt:


Die Hoffnungen ruhen auf einem Impfstoff…

…Doch dieser kommt für die derzeit Betroffenen in Westafrika in jedem Fall zu spät. Tausende oder sogar Zehntausende werden nach Schätzungen der WHO erkranken, bevor die Vakzine auf dem Markt ist. Die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen folgt normalerweise international geltenden und sehr strengen Regeln. Der gemeinsam von GlaxoSmithKline und dem amerikanischen Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) entwickelte Impfstoff befindet sich dank eines beschleunigten Verfahrens in der Phase I der klinischen Prüfung. Sollten die Testpersonen (lediglich bis zu 60 gesunde europäische und afrikanische Studienteilnehmer!) keine schwerwiegenden Nebenwirkungen zeigen und das Präparat tatsächlich zur erhofften Immunantwort führen, würde der Impfstoff bereits Ende 2014, spätestens Anfang 2015, eingesetzt werden können. Warum kann es unter Umständen dennoch Jahre dauern, bis das Präparat weltweit zum Einsatz kommt?
Zu viel ist noch immer nicht verstanden in Bezug auf das Ebolavirus. Sollten sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen schwerwiegende Impfreaktionen zeigen, so könnte dies die Tests deutlich verlängern. Ebenso ist es möglich, dass der Impfstoff letztlich gänzlich als ungeeignet eingestuft werden muss. Die jahrelangen Testphasen für neue Medikamente und Impfstoffe sind gerade deshalb normalerweise vorgeschrieben. Ein neues Medikament kann durchaus erfolgreich die ersten Phasen durchlaufen und dennoch in den letzten Jahren vor Markteinführung noch scheitern. Die Menschen und ihre Reaktionen sind sehr verschieden; eine Testgruppe von gerade einmal 60 Personen viel zu klein, um verlässliche Aussagen ableiten zu können. Was ist mit Kranken, was mit alten Menschen? Können auch Kinder und Schwangere den Impfstoff erhalten? Viele Fragen werden offenbleiben und dennoch sind sich die Forscher einig, dass mit NIAID/GSK, wie die experimentelle Vakzine genannt wird, ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Ebola zumindest erst einmal auf den Weg gebracht wurde. Ob dies wirklich ausreicht, wird die nahe Zukunft zeigen.

















Neuinfektionen zu verhindern ist die derzeit bessere Alternative
Eines machten die Ärzte ohne Grenzen in diesem Zusammenhang unmissverständlich klar: Der wichtigste Schritt, Ebola zu besiegen, liegt darin, jetzt die Neuansteckung mittels lückenloser Quarantänemaßnahmen zu verhindern. Je mehr Menschen sich infizieren, desto schwieriger wird es werden, dieses Ziel schließlich zu erreichen. Und noch ein weiteres Problem könnte entstehen. Je mehr Menschen das Virus befällt, desto mehr kann es sich verändern. Bereits jetzt wissen Forscher, dass der aktuelle Ausbruch zu mehr als 200 – 300 Mutationen im Genom des Ebolavirus geführt hat. Welche Auswirkungen dies auf die Aggressivität und Ansteckungsrate haben könnte, bleibt noch unbeantwortet. Jedoch sollte die schiere Möglichkeit eines Wandels des Erregers zu seiner gezielten Bekämpfung anregen. Es bleibt zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft den Warnschuss versteht und nun schnellstmöglich alle verfügbaren Ressourcen einsetzt, dieser Krankheit entschieden zu begegnen. Denn: Ebola ist längst nicht mehr nur ein afrikanisches Problem.

Bei 100 Likes und/oder Empfehlungen für diesen Artikel spendet der Wissenschaftsblog: Ideen & Wissen 100 € an die Ärzte ohne Grenzen! Also bitte fleißig teilen! Vielen Dank


Quellen:
Ärzte ohne Grenzen, 2014, Staaten müssen dringend Katastrophenschutz-Spezialisten zur Ebola-Bekämpfung nach Westafrika entsenden: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/presse/staaten-muessen-dringend-katastrophenschutz-spezialisten-zur-ebola-bekaempfung-nach
Gire SK et al., Science 2014, 345(6202): http://www.sciencemag.org/content/early/2014/08/27/science.1259657.full.pdf
GlaxoSmithKline, Press release, 28.08.2014
NIH News, 28.08.2014

Freitag, 29. August 2014

Was der Bauer nicht kennt…

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Medikamente müssen in Farbe und Form einen hohen Wiedererkennungswert haben, damit Patienten therapietreu bleiben. Generika, obwohl wirkgleich, haben hier oft einen Nachteil – mit durchaus ernsten Folgen.

Generika gleichen in ihrer Zusammensetzung und Wirkung bekanntlich dem Originalpräparat und sind als günstigeres Ersatzprodukt austauschbar. Wer häufiger Generika verordnet bekommt, weiß aber, dass sich trotz Wirkgleichheit die einzelnen Präparate mit dem selben Wirkstoff in Farbe, Größe und Form stark unterscheiden können. Doch warum ist das so? Nun, in erster Linie sind es komplizierte Patentangelegenheiten, die es einem Generikahersteller verbieten, ein ähnlich aussehendes Produkt mit gleicher Wirkung wie das Original herzustellen. Bekannt ist Ihnen als Leser ein solcher Patentstreit sicher noch vom ewigen Tauziehen zwischen zwei Mobilgeräte-Titanen.

Neues Aussehen bei gleicher Wirkung verwirrt

Unter anderem aufgrund von Rabattverträgen und spezieller Verordnungen ist es in Deutschland gängige Praxis, dass in der Apotheke andere Präparate abgegeben werden als auf dem Rezept vermerkt sind – sogar oft ohne Wissen des behandelnden Arztes. Das unteschiedliche Aussehen verwirrt viele, vor allem die älteren Patienten, und hat unter Umständen erhebliche Auswirkungen auf die Therapietreue (fachlich: Compliance). Die Folge: Tabletten werden nicht richtig oder gar nicht mehr eingenommen. Dass das Erscheinungsbild die Therapietreue beeinflusst, hat jetzt eine Studie aus den USA bestätigt: Die Compliance bei Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten, sinkt demnach mit Änderungen in Farbe und Form des Medikaments. „Nach einem überstandenen Herzinfarkt ist meist eine langjährige Medikamenteneinnahme zwingend erforderlich. Brechen Patienten die Therapie vorzeitig ab, steigt das Risiko zu versterben“, erklärt Prof. Aaron S. Kesselheim (Brigham and Women‘s Hospital, Harvard Medical School, Boston, USA), der Koordinator der vorliegenden Studie.

Patienten mögen ihre Pillen

Die Therapietreue hängt der Studie zufolge vor allem auch von der gewohnten Erscheinung der Tablette ab. Insgesamt wurden die Versicherungsdaten von 10.000 Patienten ausgewertet, die zwischen 2006 und 2011 nach überstandenem Herzinfarkt mit der üblichen Medikamentenkombination aus generischen Betablockern, Angiotensin-II-Rezeptorblockern oder Cholesterinsenkern weiterbehandelt wurden. Die Epidemiologen suchten nach Zeiten von Therapieunterbrechungen als direkte Folge von Veränderungen im Aussehen des verordneten Medikaments. Im Ergebnis stieg die Wahrscheinlichkeit eines Therapieabbruchs um 34 %, wenn sich die Farbe des Präparates änderte, und um 66 % nach Änderungen bei der Tablettenform.

Quellen:
Kesselheim A et al. Ann Intern Med. 2014;161:96-103. doi:10.7326/M13-2381
DER PRIVATARZT Ausgabe 4/2014

Sonntag, 3. August 2014

Ebola: Experimentelle Therapieansätze vielversprechend

Medizin: Aktuell

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Es ist der bisher längste und auch schwerwiegendste Ausbruch von Ebola in Afrika – und die Welt hält den Atem an. Trotz aller Bemühungen seitens der WHO und unzähliger Hilfsorganisationen vor Ort ist die Seuche einfach nicht zu stoppen. Mittlerweile sind vier Staaten Westafrikas betroffen: Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria. Die Politik hat versagt und damit diesen Ausbruch begünstigt, urteilen viele einstimmig. Doch ist dem wirklich so? Herrschte in allen Ländern das gleiche Mißmanagement? Und was steckt hinter den aufkeimenden Hoffnungen in experimentelle Therapieverfahren, um Ebola zu stoppen?

Das Ebolavirus aus der Familie der Filoviridae.
(Bild: Wikipedia/Dr. FA Murphy, CDC)
Mittlerweile (Stand: 27.07.2014) sind insgesamt 909 bestätigte Fälle von an Ebola erkrankten Menschen in Westafrika erfasst; Tendenz weiter steigend. Die Hauptlast der Epidemie verlagert sich immer weiter auf die Hilfskräfte. Inzwischen soll nach Meldungen bereits jeder zehnte Betroffene eigentlich ein medizinischer Helfer sein. Selbst leitende Ärzte und Missionarinnen sind erkrankt oder an den Folgen der Infektion verstorben. Dennoch zeigen die Neuerkrankungsraten deutlich, dass nicht alle betroffenen Staaten in gleicher Weise unzureichend auf die Gefahr reagierten. Während die Fallzahlen in Liberia und Guinea anfangs relativ stabil waren, verdoppelte sich die Zahl der Infizierten in Sierra Leone innerhalb nur eines Monats (siehe Grafik „Bestätigte Ebola-Fälle Juli 2014“).

Bestätigte Ebola-Fälle Juli 2014 (Datenquelle: WHO)

Ein weiterer Fall aus Nigeria lässt die Welt in der Zwischenzeit den Atem anhalten. Der Mann war per Flugzeug eingereist und noch im nigerianischen Flughafen zusammengebrochen. „Kommt das Virus nun auch zu uns?“, fragen deshalb viele Menschen dieser Tage verunsichert.

Gefahr aus der Luft?
Die Experten in Deutschland, den USA und Großbritannien sagen hierzu, dass die Gefahr eines Ebola-Imports sehr gering, aber dennoch nicht vollständig zu kontrollieren sei. Ein bereits infizierter Mensch, der noch keine Symptome zeigt, könne sehr leicht mit dem Flugzeug in jeden Winkel der Erde reisen. Die Luftfahrtverbände weltweit sind sich dieser Möglichkeiten bewusst und arbeiten derzeit mit der WHO an Änderungen bei der Fluggastkontrolle. In der Zwischenzeit wurde ein erkrankter US-amerikanischer Arzt aus Liberia in die USA ausgeflogen, um ihn dort mit einer experimentellen Therapie vielleicht noch retten zu können. Ob Impfung (präventiv) oder Behandlung mit einem Medikament (kurativ), um das Virus in seiner Vermehrung zu stoppen - erste Versuche an Affen waren durchaus vielversprechend.

Favipiravir (T-705) erfolgreich in der Zellkultur und im Mausmodell
Strukturformel Favipiravir (T-705)
(Bildquelle: Wikipedia/Yikrazuul)
Nach wie vor gibt es weder einen Impfstoff noch eine wirkliche Therapieoption gegen Ebola. Dennoch mangelt es nicht an Ideen und Forschungen, um eines Tages doch die rettende Vakzine oder das Medikament gegen die Krankheit zu finden. Einen Schritt in diese Zukunft machte ein Team des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg (Deutschland). Die Wissenschaftler testeten in Zellkulturen und an Mäusen, ob der antivirale Wirkstoff Favipiravir (T-705) das Zaire-Ebolavirus stoppen könnte.

Und tatsächlich, in der Zellkultur hemmten 110 µM der Substanz T-705 die Virusvermehrung. Ebenso konnten Mäuse gerettet werden, welche sechs Tage nach der Infektion mit T-705 behandelt wurden. Die Tiere zeigten eine hohe Virusclearance, weniger starke Krankheitssymptome und überlebten die Infektion mit dem Ebolavirus zu 100%. „Unsere Ergebnisse geben Hoffnung, dass die Substanz eines Tages eine echte Therapieoption bei fortgeschrittener Ebola-Infektion sein könnte“, schlussfolgern die Forscher optimistisch. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass der Weg dorthin noch lang ist: Zuerst müsse die Substanz an Affen getestet und später am Menschen weiter erprobt werden. Die Ergebnisse geben jedoch eine derzeit nicht ganz unbegründete Hoffnung im Kampf gegen die tödliche Seuche. Doch die Behandlung von Ebola ist nur die eine Seite der Medaille. Gibt es denn auch mögliche Kandidaten, um eine wirksame Schutzimpfung zu entwickeln und so eine Ansteckung zukünftig zu vermeiden?
Impfung: Virusvektoren mit Ebolagenen schützen Affen vor einer Infektion
Eine wirksame Impfung, um einer Ansteckung mit dem hochinfektiösen Ebola-Erreger vorzubeugen, wäre natürlich das beste Zukunftsszenario. Aber gerade der Weg zu einer funktionierenden Impfung ist oft schwer und allzuoft sehr steinig. Dennoch haben beispielsweise amerikanische Forscher einen Weg gefunden, das Hüllprotein des Ebolavirus in das Genom eines Impfvirus einzubauen und damit Affen zu impfen. Im Ergebnis waren diese geimpften Affen je nach „eingeschleustem“ Hüllprotein anschließend gegen Infektionen durch Ebolaviren vom Stamm Sudan, Zaire und Bundibugyo immun. „Der weitere Weg bis zu einem Impfstoff für den Menschen ist aber trotz der vielversprechenden Ergebnisse noch sehr weit“, bremsen die Wissenschaftler die Euphorie.

Das nationale US-Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) hat derweil weitere klinische Versuchsreihen angekündigt, in denen ab Mitte September 2014 einige experimentelle Impfstoffe gegen Ebola auch am Menschen getestet werden sollen.

Quellen:
Ärzte Zeitung online, 01.08.2014
Mire CE et al. Vesicular stomatitis virus-based vaccines protect nonhuman primates against Bundibugyo ebolavirus. PLOS Neglected Tropical Diseases 2013; 7(12), e2600
Oestereich L et al. Sucessful treatment of advanced Ebola virus infection with T-705 (favipiravir) in small animal model. Antiviral Research 2014; 105, 17-21
WHO (World Health Organisation), http://www.who.int/csr/don/archive/disease/ebola/en/


Exkurs in Bildern: Tagebuch einer Infektion (fortlaufend)

Bestätigte Ebola-Fälle in Westafrika 30. Juni 2014. (interaktive Karte)














Bestätigte Ebola-Fälle in Westafrika 14. Juli 2014.
Das Epizentrum des Ausbruchs verlagert sich nach Sierra Leone. (interaktive Karte)













Bestätigte Ebola-Fälle in Westafrika 27. Juli 2014.
Ein Flugreisender brachte Ebola nach Nigeria. (interaktive Karte)












Freitag, 25. Juli 2014

Unfallschäden: Mit neuem Netz ans Werk

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


Nur Sekundenbruchteile und schon kann sich ein Leben dramatisch verändern; insbesondere auch das der Angehörigen. Laut Global Status Report on Road Safety 2013 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommen derzeit jährlich etwa 1,24 Millionen Menschen weltweit im Straßenverkehr ums Leben. Insgesamt zeigt der Trend sogar noch weiter nach oben.
Die Versorgungssituation nach einem Unfall hängt in besonderem Maße vom Entwicklungsstand des jeweiligen Landes ab. In Ländern mit niedrigem Einkommen stirbt ein Unfallopfer in 36 % aller Fälle, während ein Patient in einem Land mit hohem Einkommen in nur 6 % der Fälle verstirbt. Eine verbesserte Infrastruktur und Rettungskette sichern das Überleben im Notfall.

Estimated Road Traffic Death Rate Per 100,000 Population in 2010
Verkehrstote pro 100.000 Einwohner weltweit. Quelle: WHO, 2010 (zur interaktiven Karte über den Link: http://chartsbin.com/view/25826)

In Deutschland ging die Unfall-Sterblichkeit bei Schwerverletzten in den letzten 20 Jahren deutlich zurück.Maßgeblich für diesen Erfolg ist die zunehmende Vernetzung aller beteiligten Retter sowie die Einrichtung des bundesweiten TraumaNetzwerkes DGU®“, sagte Prof. Ingo Marzi anlässlich des 15. European Congress of Trauma and Emergency Surgery in Frankfurt am Main.

Estimated Road Traffic Death Rate Per 100,000 Population in 2010
Verkehrstote pro 100.000 Einwohner in Europa. Quelle: WHO, 2010 (zur interaktiven Karte über den Link: http://chartsbin.com/view/25827)

Gestiegene Überlebenschancen dank Versorgungsnetz
Unfallkliniken in Deutschland werden im Weißbuch „Schwerverletztenversorgung“ nach vorgegebenen Versorgungs- und Qualitätsstandards zertifiziert und zu regionalen Netzwerken zusammengefasst. Ziel dieses Netzwerkes ist es, jedem Schwerverletzten in Deutschland an jedem Ort die gleichen Versorgungsstandards zukommen lassen zu können. Durch eine optimale und schnelle Versorgung lässt sich die Überlebenschance schließlich weiter verbessern. Von den circa 16.000 Schwerverletzten im Jahr 2013 in Deutschland mussten nahezu alle im Schockraum eines Traumazentrums versorgt werden. „Noch immer sind in Westeuropa innere Blutungen die häufigste Todesursache nach einem Unfall“, so Prof. Luke Leenen von der Universität Utrecht in den Niederlanden. Dem gut ausgestatteten Schockraum kommt daher durch die schnelle Diagnose und verkürzten Wartezeiten bis zur Weiterbehandlung eine immense Bedeutung in der Unfallversorgung zu.

Kürzere Diagnostikzeiten im Schockraum
Eine optimale Unfallversorgung besteht aus den derzeit etablierten sechs Gliedern der Rettungskette:
  • Primärrettung,
  • Transport,
  • Schockraumdiagnostik,
  • Schocktherapie,
  • Chirurgie sowie
  • Rehabilitation.
Besonders wichtig für das Überleben des Patienten ist dabei eine schnelle Diagnostik und Versorgungsplanung im Schockraum. Auch hier zeigt sich, dass die Zeiten bis zur Diagnose mittels Notfall-CT von 38 Minuten im Jahr 2002 auf derzeit 21 Minuten verkürzt wurden. „Mit dem Ganzkörper-CT haben wir ein leistungsfähiges Diagnoseverfahren und können Verletzungen – praktisch vom Scheitel bis zur Sohle – schnell und sicher erkennen. Das spart im Notfall lebensrettende Minuten“, führte Prof. Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), aus. „Dennoch gibt es auch weiterhin Raum für Verbesserungen“, ergänzt Prof. Bertil Bouillon seinen Kollegen, „Noch immer übersehen wir schlichtweg bis zu 10 % der Finger- und Fußverletzungen, was Folgeschäden und Einschränkungen für die Patienten nach sich ziehen kann.“

Das primäre Ziel der Unfallversorgung ist und bleibt jedoch in erster Linie das Überleben des Schwerverletzten. Erst, wenn dies gesichert ist, werden die anderen Verletzungen versorgt. Ein weiterer Trend der letzten Jahre: Der klassische Gipsverband gerät zunehmend aus der Mode. Der Patient wird stattdessen geklammert und verschraubt, um sie oder ihn möglichst schnell wieder auf die Beine zu bringen.

Quelle: Pressekonferenz, 15. European Congress of Trauma and Emergency Surgery, Frankfurt am Main, 2014
feedeater.de