Montag, 19. Mai 2014

Sex mit bleibendem Eindruck

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Geschlechtskrankheiten und andere sexuell übertragbare Erkrankungen (STI) erleben derzeit im klinischen Alltag eine nie gesehene Renaissance. Die europäischen Infektionsraten steigen und gleichzeitig breiten sich Antibiotikaresistenzen bei vielen Erregern immer weiter aus. Die rechtzeitige Diagnose von STI ist deshalb wichtiger denn je. „Uns steht ein dunkles Zeitalter bevor, wenn wir nicht handeln“, sagen Experten voraus.
Nach neuesten Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wünscht sich bei uns etwa ein Drittel aller Menschen älter als 16 Jahre mehr Informationen zu sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI; engl.: sexually transmitted infections). Bei den Jugendlichen ist das Interesse mit 61 Prozent besonders stark ausgeprägt. Anhand dieses Informationsinteresses sieht man, wie groß doch die Wissenslücken sein müssen. Auf die Frage nach sexuell übertragbaren Infektionen geben weniger als die Hälfte der über 16-Jährigen Syphilis (45 Prozent) und Gonorrhoe/Tripper (48 Prozent) an; obwohl die Infektionen mit Syphilis in den letzten Jahren angestiegen sind, wissen immer weniger Menschen über die Erkrankung bescheid. Noch weitaus seltener werden Hepatitis (13 Prozent) und Herpes (8 Prozent) genannt. Chlamydien, Kondylome und Trichomoniasis sind hierzulande in den Köpfen der Menschen fast unbekannt (7/3/1 Prozent).

Zahl der HIV-Neuinfektionen stagniert, Syphilis ist auf dem Vormarsch
Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts lebten 2012 in Deutschland ca.78.000 Menschen mit HIV. In der Altersgruppe der über 40-Jährigen hat sich diese Zahl seit Anfang der 1990er Jahre fast verfünffacht. Die heute verfügbare antiretrovirale Therapie führt dazu, dass die infizierten Menschen immer länger leben und deutlich an Lebensqualität zugelegt haben. Gerade die junge Generation unterschätzt jedoch gerade deshalb die Gefahr einer Infektion mit HI-Viren. Dies mag ein Grund dafür sein, dass die Zahl der HIV-Neuinfektionen in den letzten Jahren unverändert bei etwa 3.400 Infektionen pro Jahr steht. Sehr viele Infizierte aus der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren wissen Schätzungen zufolge nicht einmal, dass sie infiziert sind. Besonders gefährdet sind noch immer die klassischen Risikogruppen wie beispielsweise homo- und bisexuelle Männer (74 Prozent) sowie Drogenkonsumenten (6 Prozent). Jedoch auch Heterosexuelle machen immerhin noch etwa 19 Prozent der Neuinfektionen aus.
 
Syphilis in Deutschland: Das Comeback.
[Klicken Sie das Bild für eine vergrößerte Ansicht; Quelle WHO Europe]











Um die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland nachhaltig zu verringern, müssten mehr kostenlose Tests angeboten werden, um Infizierte früher zu erkennen, bevor weitere Personen angesteckt werden können. Auch der Gebrauch von Kondomen ist weiterhin unverzichtbar. Wichtig wäre es auch, den starken Anstieg der Syphilis-Fälle der letzten Jahre gerade in den Risikogruppen zu stoppen. Eine Syphilis und andere Geschlechtskrankheiten öffnen immer Tür und Tor für eine mögliche HIV-Infektion. Aus diesem Grund wird bei einem Syphilispatienten i.d.R. auch immer ein HIV-Test standardmäßig durchgeführt.

Erreger werden resistent
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt zudem vor der Gefahr der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen. Besiegt geglaubte Infektionskrankheiten könnten demnach schon bald wieder tödlich enden. Seit der Entdeckung des Penicillins im Jahr 1928 sind Antibiotika zu einem der wichtigsten Instrumente in der Behandlung von Infektionskrankheiten geworden. Sie galten gar als Wunderwaffe, die das Zeitalter der Infektionskrankheiten endgültig beenden würde. Doch diese Zeiten sind vorbei, denn Antibiotika-Resistenzen von Bakterien nehmen weltweit zu und betreffen ebenfalls schon heute viele Geschlechtskrankheiten.

Die Gonorrhoe („Tripper“) ist beispielsweise eine der häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen bei uns. Sie wird durch Bakterien ausgelöst, die zunehmend gegen Antibiotika resistent sind. Über 100 Millionen Menschen weltweit stecken sich jährlich neu mit Gonorrhoe an, womit sie zu einer der häufigsten Geschlechtserkrankungen wird. Früher galt sie als leicht therapierbar und eher als ein Ausdruck jugendlichen Leichtsinns. Zunehmende Besorgnis erregen jedoch die Berichte über Gonorrhoe-Fälle, die gegen viele Medikamente resistent sind; Ärzte sprechen dann von multiresistenten Erregern. Experten warnen davor, dass sich die bakterielle Infektionskrankheit zu einem nicht behandelbaren „Superbazillus“ entwickeln könnte. Deshalb fordert Nicola Low, Professorin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, die dringende Entwicklung von Tests, die Gonorrhoe diagnostizieren und gleichzeitig eine antimikrobielle Resistenz entdecken können. „Solche Tests kommen Gonorrhoe-Patienten zugute, indem sie eine individuellere Therapie ermöglichen und durch einen ‚intelligenten‘ Einsatz von Antibiotika auch die Verbreitung von Resistenzen verzögern können“, sagt Nicola Low.

Wissenschaftler am HZI arbeiten an Methoden,
mit denen man die Antibiotikaresistenzen von
Bakterien schneller bestimmen kann.
© HZI/BIOCOM AG
Es gibt derzeit keine Ersatz-Medikamente
Gegen Gonorrhoe werden heute sogenannte Cephalosporine, eine Gruppe von Breitband-Antibiotika, eingesetzt, doch die Empfindlichkeit der Erreger nimmt ab. Auch gegenüber anderen Antibiotika wurden 2010 bereits Unempfindlichkeiten und zunehmende Resistenzentwicklungen bei Gonokokken bemerkt (Ciprofloxacin 74 Prozent Resistenz; Tetracyclin 42 Prozent Resistenz; Nichtempfindlichkeit gegenüber Penicillin 80 Prozent; Azithromycin 6 Prozent Resistenz). Alternativen zu diesen Medikamenten gibt es nicht, denn jahrzehntelang galten Gonokokken dank der Antibiotika als leicht behandelbar.

Die Experten sind sich einig: In einer Welt der sexuellen Freizügigkeit mit E-Dating-Plattformen und anonymen Dates per Smartphone ist es an der Zeit, die Menschen noch umfassender zu informieren und ihnen zu zeigen, dass sorgloses Handeln zukünftig schwere persönliche Folgen haben kann. Geschlechtskrankheiten führen unter anderem zu Schäden an Neugeborenen, Unfruchtbarkeit sowie neurologischen Komplikationen wie sie z. B. bei der Spätsyphilis auftreten. Der „Kampf Mensch gegen Mikrobe“ geht in eine neue Runde. Deshalb: Schützen Sie sich, denn weder hetero- noch homo- oder bisexueller Verkehr muss zwangsläufig gesundheitliche Folgen haben.

Quellen:

Fuchs W & Brockmeyer NH. JDDG 2014; doi:10.1111/ddg.12310

Pressemitteilung des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung vom 14.05.2014; http://idw-online.de/de/news587002

Pressemitteilung der Universität Bern vom 05.02.2014; http://idw-online.de/de/news572231

Pressemitteilung des Robert-Koch-Instituts vom 11.11.2013; http://idw-online.de/de/news560653

Pressemitteilung der BZgA vom 12.07.2013; http://idw-online.de/de/news543291

Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 14 vom 8.April 2013

World Health Organisation; http://gamapserver.who.int/gho/interactive_charts/sti/msm_syphilis/atlas.html
 
WHO Europe; http://data.euro.who.int/cisid/?TabID=338504

Dienstag, 13. Mai 2014

Kniegelenkspiegelung bei Arthrose ohne Nutzen

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Die Arthroskopie gilt heute als eines der bevorzugten Mittel zur Behandlung einer Arthrose des Kniegelenks (Gonarthrose). Doch ihr Nutzen ist nicht belegt. Lediglich im Vergleich der Injektion von Glukokortikoiden in das Kniegelenk schnitt die Arthroskopie besser ab. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Auch eine neue Studie mit Trainingstherapie als Vergleich ändert nichts an dieser Einschätzung.

Die Kniegelenk-Arthrose oder Gonarthrose ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung. Häufig sind beide Kniee zugleich betroffen. Das Gelenk versagt zunehmend, was mit Veränderungen an der Gelenkstruktur, Schmerzen und verminderter Beweglichkeit einhergeht. Der Alltag wird zur Tortur, die Lebensqualität sinkt deutlich ab. In Deutschland erkranken rund 17 Prozent aller Männer und 27 Prozent aller Frauen im Lauf ihres Lebens an Arthrose. Zu den Risikofaktoren für eine Arthrose gehören Alter, Geschlecht, genetische Faktoren und vor allem starkes Übergewicht. Bei einer therapeutischen Kniegelenk-Arthroskopie wird das Kniegelenk gespiegelt und mit Kochsalzlösung gespült; gegebenenfalls werden auch krankhaft veränderte Meniskus- oder Knorpelanteile abgetragen oder geglättet. Das soll die Beschwerden lindern und gleichzeitig die Beweglichkeit verbessern. Doch was ist dran an diesen Aussagen?

Studien mit großen Unsicherheiten behaftet
Es wurden elf randomisierte und kontrollierte Studien mit zusammen über 1.000 Patientinnen und Patienten in die Bewertung einbezogen. Etliche Untersuchungen waren jedoch mit Unsicherheiten behaftet. Zum Beispiel waren die Studien nicht als Blindversuch angelegt: Die Behandelten wussten dann zu jedem Zeitpunkt, ob sie eine Arthroskopie bekamen oder nicht. Dabei lassen sich durchaus Scheinarthroskopien durchführen, bei denen ein kleiner Einschnitt am Knie erfolgt, anschließend aber nicht weiter operiert wird. Gerade solche „Placebo-Operationen“ sind für die Bewertung aussagekräftig, wenn auch nicht unumstritten. Generell gilt, dass Placebo-Effekt und Erwartungshaltung von Patienten die Studienergebnisse ganz maßgeblich beeinflussen können.

Kein Vorteil gegenüber Scheineingriffen
Aus den meisten Studien ließ sich kein Nutzen der therapeutischen Arthroskopie im Vergleich zur Scheinoperation und zur Nichtbehandlung ableiten. Auf der anderen Seite waren aber ebenso wenig Schäden durch unerwünschte Therapiewirkungen eindeutig zu erkennen. Überrascht waren die Wissenschaftler davon, wie groß die gefühlte Verbesserung nach einer Placeboarthroskopie ausfiel. Nur gegenüber der Injektion von Glukokortikoiden ins Kniegelenk hatte die Arthroskopie einen leichten Vorteil: Die Patienten hatten weniger Beschwerden. Ob sich dadurch auch die Lebensqualität allgemein verbesserte, zeigten die Studien nicht.

Trainieren oder Operieren?
Die Arthroskopie war im Vergleich zu einer Trainingstherapie unter physiotherapeutischer Aufsicht zu keinem Studienzeitpunkt überlegen. Sie verringerte weder die Schmerzempfindung noch sorgte sie für eine anschließend höhere Beweglichkeit des betroffenen Gelenks. Somit lautet das nüchterne Gesamtergebnis: Der Nutzen einer Arthroskopie des Kniegelenks zur Behandlung von Gonarthrose ist nicht belegt.

Quelle: Pressemitteilung; Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vom 12.05.2014

Donnerstag, 8. Mai 2014

Wird die frühe Arthrose jetzt heilbar?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Knorpelschäden sind eine der häufigsten Gelenkerkrankungen und können der Anfang für eine Arthrose sein. Eine Heilung des Defekts scheint jetzt dank eines neuen Präparats möglich. Das Geheimnis ist eine Kollagenmatrix, die z. B. ins Knie gespritzt wird und in die Zellen aus dem umliegenden Gewebe einwandern können. An der Entwicklung des Verfahrens zur Aufreinigung des Kollagens ist auch das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) beteiligt.

Jedes Jahr erleiden in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen einen Knorpelschaden. Am häufigsten ist dabei das Knie betroffen. Knorpelschäden sind nicht nur schmerzhaft, sondern führen oft über Jahrzehnte hinweg zu einer Arthrose. Im Verlauf der Erkrankung wird der Gelenkknorpel immer stärker abgetragen, bis schließlich die Knochenflächen freiliegen. In diesem Spätstadium hilft meist nur noch der vollständige Gelenkersatz.

Biologische Behandlungsverfahren bei Knorpelschäden

Vereinzelt sind schon heute biologische Therapieverfahren eine gute und vor allem frühzeitige Alternative zum künstlichen Kniegelenk. Die autologe Chondrozytentransplantation beispielsweise nutzt Knorpelzellen aus einem Stück gesundem Knorpel des Patienten, der im Labor vermehrt und nach etwa drei Wochen – meist auf einer formgebenden Matrix – in den Defekt implantiert wird. Mit der Zeit bauen die implantierten Zellen die Matrix zu einem knorpelähnlichen Regenerationsgewebe um, sodass der Knorpeldefekt vollständig ausheilt. Die Kosten für eine solche Behandlung sind sehr hoch und nicht alle Krankenkassen erstatten die anfallenden Beträge. Zudem sind bei der autologen Chondrozytentransplantation immer zwei operative Eingriffe notwendig: Beim ersten Eingriff werden die Knorpelzellen entnommen. Beim zweiten Eingriff werden die im Labor vermehrten Zellen eingepflanzt.

Kollagen aus der Spritze

Eine vergleichbar vollständige Heilung – mit nur einem operativen oder minimalinvasiven Eingriff – verspricht die Behandlung von Knorpeldefekten mit einem zellfreien Kollagenimplantat. Kollagen ist als Strukturprotein der Hauptbestandteil des Gelenkknorpels. Das erste, gelartige Produkt auf Kollagenbasis wurde bereits 2012 für den europäischen Markt zugelassen. Im Dezember 2013 erhielt jetzt eine Weiterentwicklung des gelartigen Kollagenimplantats die medizinische Zulassung in Europa. Das Kollagen liegt zunächst als flüssiges Implantat vor und kann daher mit einer speziellen Spritze direkt in den Knorpeldefekt gespritzt werden. Innerhalb von Minuten bildet sich ein formstabiler Knorpelersatz (eine Kollagenmatrix) aus. Knorpel- und Stammzellen sollen anschließend aus dem umliegenden Gewebe in die Kollagenimplantate einwandern und könnten auf diese Weise die Selbstheilung des verletzten Knorpels anregen. Innerhalb kurzer Zeit entsteht so neues, belastbares Knorpelgewebe. In MRT-Untersuchungen an Patienten zeigte sich, dass der Knorpeldefekt bereits nach sechs Monaten nahezu gefüllt ist.


Das flüssige Kollagenimplantat wird mit einer speziellen Spritze injiziert. (Bildquelle: Fraunhofer IGB)

Mit dem neuartigen Kollagengel scheint zumindest eine Heilung von Knorpelschäden im Frühstadium möglich. Bleibt abzuwarten, ob die Krankenkassen die Kosten für diese Behandlung übernehmen werden. In jedem Fall aber kostet die Nachfrage beim behandelnden Arzt oder der zuständigen Gesundheitskasse erst einmal nichts.

Quelle:
Schandar M, 2014, Pressemitteilung "Kollagen fürs Kniegelenk": http://www.igb.fraunhofer.de/de/presse-medien/presseinformationen/2014/kollagen-kniegelenk.html
feedeater.de