Freitag, 25. Juli 2014

Unfallschäden: Mit neuem Netz ans Werk

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


Nur Sekundenbruchteile und schon kann sich ein Leben dramatisch verändern; insbesondere auch das der Angehörigen. Laut Global Status Report on Road Safety 2013 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommen derzeit jährlich etwa 1,24 Millionen Menschen weltweit im Straßenverkehr ums Leben. Insgesamt zeigt der Trend sogar noch weiter nach oben.
Die Versorgungssituation nach einem Unfall hängt in besonderem Maße vom Entwicklungsstand des jeweiligen Landes ab. In Ländern mit niedrigem Einkommen stirbt ein Unfallopfer in 36 % aller Fälle, während ein Patient in einem Land mit hohem Einkommen in nur 6 % der Fälle verstirbt. Eine verbesserte Infrastruktur und Rettungskette sichern das Überleben im Notfall.

Estimated Road Traffic Death Rate Per 100,000 Population in 2010
Verkehrstote pro 100.000 Einwohner weltweit. Quelle: WHO, 2010 (zur interaktiven Karte über den Link: http://chartsbin.com/view/25826)

In Deutschland ging die Unfall-Sterblichkeit bei Schwerverletzten in den letzten 20 Jahren deutlich zurück.Maßgeblich für diesen Erfolg ist die zunehmende Vernetzung aller beteiligten Retter sowie die Einrichtung des bundesweiten TraumaNetzwerkes DGU®“, sagte Prof. Ingo Marzi anlässlich des 15. European Congress of Trauma and Emergency Surgery in Frankfurt am Main.

Estimated Road Traffic Death Rate Per 100,000 Population in 2010
Verkehrstote pro 100.000 Einwohner in Europa. Quelle: WHO, 2010 (zur interaktiven Karte über den Link: http://chartsbin.com/view/25827)

Gestiegene Überlebenschancen dank Versorgungsnetz
Unfallkliniken in Deutschland werden im Weißbuch „Schwerverletztenversorgung“ nach vorgegebenen Versorgungs- und Qualitätsstandards zertifiziert und zu regionalen Netzwerken zusammengefasst. Ziel dieses Netzwerkes ist es, jedem Schwerverletzten in Deutschland an jedem Ort die gleichen Versorgungsstandards zukommen lassen zu können. Durch eine optimale und schnelle Versorgung lässt sich die Überlebenschance schließlich weiter verbessern. Von den circa 16.000 Schwerverletzten im Jahr 2013 in Deutschland mussten nahezu alle im Schockraum eines Traumazentrums versorgt werden. „Noch immer sind in Westeuropa innere Blutungen die häufigste Todesursache nach einem Unfall“, so Prof. Luke Leenen von der Universität Utrecht in den Niederlanden. Dem gut ausgestatteten Schockraum kommt daher durch die schnelle Diagnose und verkürzten Wartezeiten bis zur Weiterbehandlung eine immense Bedeutung in der Unfallversorgung zu.

Kürzere Diagnostikzeiten im Schockraum
Eine optimale Unfallversorgung besteht aus den derzeit etablierten sechs Gliedern der Rettungskette:
  • Primärrettung,
  • Transport,
  • Schockraumdiagnostik,
  • Schocktherapie,
  • Chirurgie sowie
  • Rehabilitation.
Besonders wichtig für das Überleben des Patienten ist dabei eine schnelle Diagnostik und Versorgungsplanung im Schockraum. Auch hier zeigt sich, dass die Zeiten bis zur Diagnose mittels Notfall-CT von 38 Minuten im Jahr 2002 auf derzeit 21 Minuten verkürzt wurden. „Mit dem Ganzkörper-CT haben wir ein leistungsfähiges Diagnoseverfahren und können Verletzungen – praktisch vom Scheitel bis zur Sohle – schnell und sicher erkennen. Das spart im Notfall lebensrettende Minuten“, führte Prof. Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), aus. „Dennoch gibt es auch weiterhin Raum für Verbesserungen“, ergänzt Prof. Bertil Bouillon seinen Kollegen, „Noch immer übersehen wir schlichtweg bis zu 10 % der Finger- und Fußverletzungen, was Folgeschäden und Einschränkungen für die Patienten nach sich ziehen kann.“

Das primäre Ziel der Unfallversorgung ist und bleibt jedoch in erster Linie das Überleben des Schwerverletzten. Erst, wenn dies gesichert ist, werden die anderen Verletzungen versorgt. Ein weiterer Trend der letzten Jahre: Der klassische Gipsverband gerät zunehmend aus der Mode. Der Patient wird stattdessen geklammert und verschraubt, um sie oder ihn möglichst schnell wieder auf die Beine zu bringen.

Quelle: Pressekonferenz, 15. European Congress of Trauma and Emergency Surgery, Frankfurt am Main, 2014

Donnerstag, 3. Juli 2014

Der Mensch ist die Summe seiner Bakterien

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Sprechen wir von Bakterien und Viren, so verbinden sich damit meist automatisch Vorstellungen von Krankheit und Tod. Doch verschieben wir unseren Blick auf die Mikroben, die uns besiedeln, nur ein ganz klein wenig, dann werden diese vermeintlichen Feinde plötzlich in der Mehrzahl der Fälle zu Freunden. Unser Mikrobiom (Gesamtheit aller uns besiedelnden Mikroorganismen)  sorgt dafür, dass wir gesund bleiben - so die neue Sichtweise der Forscher auf dem Leopoldina-Symposium anlässlich der STI-Tagung 2014 in Berlin.
Alle Pflanzen, Tiere und in gleicher Weise auch der Mensch werden von unzähligen Mikroorganismen bewohnt. Der menschliche Körper allein besteht dank der auf seiner Oberfläche und an den inneren Schleimhäuten sitzenden Bakterien aus mehr Fremdorganismen denn eigenen Zellen. Und dennoch haben wir meist nichts von diesen Mikroben zu befürchten. In Jahrmillionen bildete sich eine komplexe Lebensgemeinschaft zum beiderseitigen Nutzen heraus. Bakterien und Immunsystem fanden einen Weg zur friedlichen Koexistenz. Wird das Immunsystem jedoch geschwächt, oder zerstören wir diese Partnerschaft auf Haut und Schleimhäuten mittels alkalischer Reinigungsmittel bzw. Antibiotika, verlieren wir unsere kombinierte Abwehr. Krankheitskeime haben dann leichtes Spiel.

"Morphologie bei Bakterien"
von Yikrazuul, basierend auf Abbildung von
Mariana Ruiz LadyofHats, gemeinfreie Lizenz; Wikipedia, 2014)
Wir beginnen gerade erst, zu verstehen
Ist der Mensch vielleicht sogar die Summe seiner Viren? Dank des in den letzten Jahren entwickelten Ultra Deep Sequencing-Verfahrens zeigte sich, dass ein Großteil des menschlichen Genoms aus viraler DNA besteht. Eine wirkliche Gesundheitsgefährdung lässt sich für diese ruhenden Viren nicht finden. Interessant daran ist, dass selbst Viren anzutreffen sind, die bisher als humanpathogen eingestuft wurden, aber scheinbar friedlich mit uns zusammenleben. Ein weiteres Novum, welches durch die neuen Forschungen ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde: Spezielle Viren, die sogenannten Bakteriophagen, patrouillieren in unserem Körper und könnten vor allem im Darm die Zusammensetzung der Darmflora entscheidend beeinflussen. Haben die Mikroben unseres Körpers somit etwa einen diagnostischen und therapeutische Wert?

Mikrobiomanalysen in der Praxis
Veränderungen des humanen Mikrobioms stehen mit einer Vielzahl von Krankheiten in Zusammenhang. Dazu gehören Hautkrankheiten ebenso wie Diabetes mellitus Typ 2, Arteriosklerose und Adipositas. Im Fall der Adipositas scheint zudem ein wechselseitiger Einfluss zwischen Darmbakterien und Körpergewicht zu bestehen, d.h. die „falschen“ Darmbakterien sorgen für einen veränderten Stoffwechsel der Nahrungsbestandteile, was zu Übergewicht führen kann. Auf der anderen Seite beeinflusst Fettleibigkeit die Zusammensetzung (Präferenz) der Darmflora.

Um den Einfluss bestimmter Veränderungen des humanen Mikrobioms auf Krankheiten zuverlässig vorhersagen zu können, müssen derzeit noch die infrage kommenden zukünftigen Nachweisverfahren validiert und standardisiert werden. Doch in jedem Fall verändern die Erkenntnisse zum humanen Mikrobiom bereits heute die Sichtweise auf weitverbreitete Erkrankungen des Menschen.
Klassische Krankheiten neu bewertet

Wie eng die körpereigene Abwehr und die Darmmikroflora zusammenarbeiten wird am Beispiel des Morbus Crohn sowie der Colitis ulcerosa deutlich. War die bisherige Annahme, dass es sich bei beiden zumindest im Ansatz um autoimmune Erkrankungen handelt, entwirft die Mikrobiomforschung ein zunehmend differenziertes Bild des entzündeten Darms. Genetische Defekte, die die Zusammensetzung der Schleimhautbarriere im Darm verändern, sind nach neuesten Erkenntnissen die Hauptursache für entzündliche Darmerkrankungen. Muzine, die Schleimstoffe der Mukosa, dienen nicht nur der angeborenen Immunabwehr von Krankheitserregern, sondern eben auch als erste Anheftungsbasis für eine Vielzahl helfender Darmbakterien. Ohne die schützende Schleim- und Bakterienschicht können sich Krankheitserreger anlagern und die Darmzellen schädigen. In der Folge kommt es zu den schweren, chronischen Entzündungsverläufen, wie sie bei der Colitis ulcerosa oder beim Morbus Crohn beobachtet werden.

Die moderne Mikrobiom-Forschung könnte die zukünftige Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit revolutionieren. „Es ist an der Zeit, den menschlichen Körper als Summe seiner Mikroben zu verstehen, denn nur so können wirksamere und dennoch schonende Therapieverfahren entwickelt und angewendet werden“, schlossen die Forscher dazu auf ihrem Symposium.

Quelle: Leopoldina-Symposium 18. Juni 2014, Rotes Rathaus Berlin
feedeater.de