Mittwoch, 17. September 2014

Chlamydien: Sie sind mitten unter uns

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Infektionen mit Chlamydia trachomatis (CT) verlaufen in der Mehrzahl der Fälle vollkommen symptomlos. Dennoch kann eine Infektion sehr schwere gesundheitliche Folgen haben. Unerkannt führen Chlamydien zu Unfruchtbarkeit bei Mann und Frau. Bisher wusste niemand in Deutschland, wieviele Menschen sich bereits mit dieser sexuell übertragbaren Infektion (STI) angesteckt haben. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) liefert nun erstmals Daten für Männer und Frauen in Deutschland aus den Jahren zwischen 2008 und 2013.
Der freiwillige Laborsentinel wertete Daten aus fast drei Millionen CT-Tests aus 23 Laboren in ganz Deutschland aus. Die Zahlen wurden nach Geschlecht, Alter, Testgrund und Wohnregion  ausgewer­tet.

Besonders junge Frauen sind häufig infiziert
Der überwiegende Anteil der Tests (93 %) wurde an Frauen durchgeführt. Insgesamt waren 3,9 % der Tests bei den untersuchten Frauen positiv für CT. Bei den 15- bis 19-Jährigen lag die Ansteckung sogar bei 6,8 % und war hier am höchsten. Der Anteil an jungen Frauen mit positivem CT-Testergebnis war deutschlandweit insgesamt sehr hoch. „Generell scheinen sich junge Frauen bei einer Schwangerschaft für das Thema Chlamydien zu interessieren“, sagen die Epidemiologen des RKI. Ärzte sollten deshalb eigentlich sehr viel häufiger bereits während der Beratung zur Empfängnisverhütung auf den Test hinweisen, um die Frauen zwischen 15 und 19 Jahren zukünftig noch besser aufzuklären.

Jeder 5. Mann zwischen 20 und 24 Jahren ist Träger
Im gleichen Zeitraum untersuchten die Labore insgesamt 184.711 Proben von männlichen Patienten auf CT-Infektionen; Männer im Alter zwischen 20 und 44 Jahren machten mit 70 % der Proben den Hauptteil der Untersuchten aus. Im gesamtdeutschen Durchschnitt waren 10,7 % der Tests bei den Männern positiv. Die höchste Prävalenz fand sich mit 19 % in der Gruppe der 20- bis 24-Jährigen. Im Vergleich der Bundesländer untereinander sind Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt führend. In beiden wurden zwischen 15 % und 16 % der Männer positiv getestet. Bei den Untersuchungsmaterialien waren deutschlandweit bei den Männern vor allem Rektalabstriche (12 %), Urethralabstriche (9 %) sowie Urin (9 %) am häufigsten positiv. „Aufgrund des hohen Anteils positiver Rektalabstriche sollte der Fokus für standardisierte CT-Tests bei jungen Männern zukünftig auch auf die Gruppe der Männer, die mit Männern Sex haben (MSM) ausgeweitet werden“, so die Epidemiologen abschließend.

Symptome einer Chlamydien-Infektion
Chlamydien gehören zu den am häufigsten beim Sex übertragenen Krankheitserregern. Sollten Sie folgende Symptome an sich bemerken, gehen Sie bitte zu einem Arzt (Hausarzt, Hautarzt, Gynäkologe oder Urologe):

Frauen
  • Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen
  • Ausfluss aus der Scheide
  • Schmerzen oder Blutungen auch außerhalb der Periode
Männer
  • Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen
  • Weißer oder wässriger Ausfluss aus dem Penis
  • Druckschmerz in den Hoden
Achtung!
Chlamydien können auch im Rachen oder in den Augen Infektionen hervorrufen, führen z.B. zur sogenannten Chlamydienkonjunktivitis (Bindehautentzündung). Unbehandelt führt die Infektion mit Chlamydien unter Umständen zur Unfruchtbarkeit in beiden Geschlechtern.

Der Test ist für Frauen bis zum 25. Lebensjahr kostenlos.  

 
Quellen:
Alt K et al. P1. STI-Kongress 2014, Berlin
Hofmann A et al. P6. STI-Kongress 2014, Berlin
RKI Endbericht CT-Laborsentinel, 2013
RKI Epidemiologisches Bulletin 46/2013

Donnerstag, 4. September 2014

Ebola - „Es ist unsere historische Pflicht zu handeln“

Medizin: Aktuell

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


„Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und Ebola so scheint es, wird gewinnen“, erklärte die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, Joanne Liu, während einer Anhörung bei den Vereinten Nationen in New York. Sie übte harsche Kritik am Umgang der internationalen Staatengemeinschaft mit der Seuche. „Die Zeit für Treffen und Planungen ist definitiv vorbei. Es ist jetzt an der Zeit zu handeln. Jeder Tag, an dem wir nichts tun, bedeutet weitere Tote und den langsamen Zusammenbruch der Gesellschaften in den betroffenen Ländern.“ Dass dies auch für den Rest der Welt zum Problem werden kann, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen forderte unlängst alle Staaten dringend dazu auf, Personal und Material zur Ebola-Bekämpfung nach Westafrika zu entsenden. „Die Weltgemeinschaft versagt bei ihrer Reaktion auf die bisher schlimmste Ebola-Epidemie“, sagte Liu weiter. Gelingt es nicht, den Ausbruch heute einzudämmen und weitere Infektionen zu vermeiden, würden Tausende den Preis dafür zahlen müssen. Die internationale Staatengemeinschaft müsse sehr viel mehr Spezialisten und medizinische Einheiten entsenden. „Wir haben die letzten sechs Monate gegen das Virus verloren. Aber wir können diesen Kampf noch gewinnen“, so die internationale Präsidentin. Es sei unser aller historische Pflicht, den betroffenen Staaten uneingeschränkt mit allen Mitteln der Seuchenbekämpfung zu helfen – und zwar schnell und unbürokratisch.

Die Kultivierung der Untätigkeit

Bis jetzt werde die Verantwortung im Umgang mit diesem außergewöhnlich großen Ebola-Ausbruch überforderten Gesundheitsbehörden und privaten Hilfsorganisationen überlassen. „Die Regierungen versagen angesichts dieser grenzüberschreitenden Bedrohung. Die Erklärung der WHO vom 8. August 2014, wonach die Epidemie eine internationale gesundheitliche Notlage darstelle, hatte keine entschiedenen Maßnahmen zur Folge. Stattdessen haben sich die Staaten zu einer internationalen Koalition der Untätigkeit zusammengetan“, merkte die Präsidentin der Organisation Ärzte ohne Grenzen an. Sie rief desweiteren dazu auf, dass „Staaten, die über die benötigten Kapazitäten verfügen, eine politische und humanitäre Verpflichtung haben, angesichts dieser Katastrophe konkrete Hilfeleistungen anzubieten. Anstatt sich nur darauf zu beschränken, sich auf eine mögliche Ankunft eines Ebola-Infizierten in ihrem Land vorzubereiten, sollten sie die Gelegenheit ergreifen, um dort Leben zu retten, wo dies jetzt viel notwendiger ist: direkt in Westafrika.“ Kurzfristig würden zusätzliche Isolierzentren, mehr ausgebildetes Personal und mobile Labors für eine bessere Diagnostik benötigt.

Die Isolierstationen sind randvoll

Die Kliniken in Liberia und Sierra Leone sind bereits mit Patienten, bei denen Verdacht auf Ebola besteht, überfüllt. Routinemäßige Untersuchungen und Geburtshilfe können nicht mehr geleistet werden. Die Menschen sterben nicht nur an Ebola, sondern auch immer mehr an Erkrankungen, die unter Normalbedingungen leicht behandelbar wären. Zudem erkranken die Menschen nach wie vor an Ebola und sterben in ihren Dörfern und Gemeinden. Aufgrund des Zusammenbruchs des öffentlichen Lebens und des Gesundheitssystems liegen vor allem in Sierra Leone die hochgradig ansteckenden Leichen auf den Straßen und verwesen.

Ärzte ohne Grenzen betreibt derzeit fünf Ebola-Behandlungszentren mit einer Kapazität von insgesamt 480 Betten. Seit März 2014 hat Ärzte ohne Grenzen 2.077 Patienten aufgenommen, von denen 1.038 positiv auf Ebola getestet wurden. Nur 241 wurden wieder gesund. Aktuelle Zahlen (WHO-Daten) zu den bestätigten Ebolaerkankungen in den betroffenen fünf westafrikanischen Ländern sind in der folgenden Grafik dargestellt:


Die Hoffnungen ruhen auf einem Impfstoff…

…Doch dieser kommt für die derzeit Betroffenen in Westafrika in jedem Fall zu spät. Tausende oder sogar Zehntausende werden nach Schätzungen der WHO erkranken, bevor die Vakzine auf dem Markt ist. Die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen folgt normalerweise international geltenden und sehr strengen Regeln. Der gemeinsam von GlaxoSmithKline und dem amerikanischen Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) entwickelte Impfstoff befindet sich dank eines beschleunigten Verfahrens in der Phase I der klinischen Prüfung. Sollten die Testpersonen (lediglich bis zu 60 gesunde europäische und afrikanische Studienteilnehmer!) keine schwerwiegenden Nebenwirkungen zeigen und das Präparat tatsächlich zur erhofften Immunantwort führen, würde der Impfstoff bereits Ende 2014, spätestens Anfang 2015, eingesetzt werden können. Warum kann es unter Umständen dennoch Jahre dauern, bis das Präparat weltweit zum Einsatz kommt?
Zu viel ist noch immer nicht verstanden in Bezug auf das Ebolavirus. Sollten sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen schwerwiegende Impfreaktionen zeigen, so könnte dies die Tests deutlich verlängern. Ebenso ist es möglich, dass der Impfstoff letztlich gänzlich als ungeeignet eingestuft werden muss. Die jahrelangen Testphasen für neue Medikamente und Impfstoffe sind gerade deshalb normalerweise vorgeschrieben. Ein neues Medikament kann durchaus erfolgreich die ersten Phasen durchlaufen und dennoch in den letzten Jahren vor Markteinführung noch scheitern. Die Menschen und ihre Reaktionen sind sehr verschieden; eine Testgruppe von gerade einmal 60 Personen viel zu klein, um verlässliche Aussagen ableiten zu können. Was ist mit Kranken, was mit alten Menschen? Können auch Kinder und Schwangere den Impfstoff erhalten? Viele Fragen werden offenbleiben und dennoch sind sich die Forscher einig, dass mit NIAID/GSK, wie die experimentelle Vakzine genannt wird, ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Ebola zumindest erst einmal auf den Weg gebracht wurde. Ob dies wirklich ausreicht, wird die nahe Zukunft zeigen.

















Neuinfektionen zu verhindern ist die derzeit bessere Alternative
Eines machten die Ärzte ohne Grenzen in diesem Zusammenhang unmissverständlich klar: Der wichtigste Schritt, Ebola zu besiegen, liegt darin, jetzt die Neuansteckung mittels lückenloser Quarantänemaßnahmen zu verhindern. Je mehr Menschen sich infizieren, desto schwieriger wird es werden, dieses Ziel schließlich zu erreichen. Und noch ein weiteres Problem könnte entstehen. Je mehr Menschen das Virus befällt, desto mehr kann es sich verändern. Bereits jetzt wissen Forscher, dass der aktuelle Ausbruch zu mehr als 200 – 300 Mutationen im Genom des Ebolavirus geführt hat. Welche Auswirkungen dies auf die Aggressivität und Ansteckungsrate haben könnte, bleibt noch unbeantwortet. Jedoch sollte die schiere Möglichkeit eines Wandels des Erregers zu seiner gezielten Bekämpfung anregen. Es bleibt zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft den Warnschuss versteht und nun schnellstmöglich alle verfügbaren Ressourcen einsetzt, dieser Krankheit entschieden zu begegnen. Denn: Ebola ist längst nicht mehr nur ein afrikanisches Problem.

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Quellen:
Ärzte ohne Grenzen, 2014, Staaten müssen dringend Katastrophenschutz-Spezialisten zur Ebola-Bekämpfung nach Westafrika entsenden: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/presse/staaten-muessen-dringend-katastrophenschutz-spezialisten-zur-ebola-bekaempfung-nach
Gire SK et al., Science 2014, 345(6202): http://www.sciencemag.org/content/early/2014/08/27/science.1259657.full.pdf
GlaxoSmithKline, Press release, 28.08.2014
NIH News, 28.08.2014
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