Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wir müssen Ebola emotional an uns heranlassen

News: Medizin

Bericht vom Ebola-Symposium der wpk vom 22.10.2014 in Frankfurt/Main (von Dr. Marcus Mau)

Die Krankheit ist für uns in Deutschland sehr weit weg und das merken Hilfsorganisationen, wie die Ärzte ohne Grenzen, an der eher niedrigen Spendenbereitschaft. Für die Menschen in Afrika aber bedeutet die Seuche noch weitaus mehr als nur Leid und Tod. Das öffentliche Leben in den betroffenen Staaten bricht zusammen, Überlebende werden stigmatisiert und ausgegrenzt – auch Kinder sind davon betroffen. Was Ebola für das menschliche Miteinander und die Helfer vor Ort und in Deutschland bedeutet, diskutierten Experten kürzlich exklusiv auf einem Ebola-Symposium der Wissenschafts-Pressekonferenz (wpk) in Frankfurt am Main.

 „Ebola ist eine harte Prüfung – auch für die Helfer“, sagt Dr. Matthias Grade, der im Sommer aus Liberia zurückgekehrt war. In Liberia war er für Ärzte ohne Grenzen aktiv und versorgte 147 Patienten. „Eine Stunde in diesen gelben Anzügen ist das absolute Maximum. Sie beginnen zu schwitzen und die Brille beschlägt“, so Grade. „Das Schlimmste aber ist die enorme psychische Belastung. Dort werden Familien durch Ebola auseinandergerissen und Sie tragen jeden Morgen tote Kinder aus den Isolierstationen.“ Seine Worte berühren, doch vorstellen kann man sich das, was Dr. Grade erlebt hat, nur schwer. „Sie können dort nicht länger als 4 Wochen im Einsatz bleiben. Es macht Sie körperlich und seelisch kaputt.“ Dennoch gibt der Arzt Hoffnung, denn Ebola ist eine behandelbare Erkrankung, aber eben nicht kurativ behandelbar.

Auf dem Symposium "Ebola in Afrika - Ebola in Deutschland" diskutierten die Experten aktuelle Entwicklungen zur Epidemie in Westafrika. (v.l.n.r. Ruf, Schmiedel, Wolf, Kupferschmidt (Moderation), Gottschalk, Burger; Foto: Dr. Marcus Mau)
 
Information in Deutschland hilft, Ängste zu verringern

Die Hilfe vor Ort ist das Wichtigste, was wir den Menschen in Westafrika jetzt geben müssen. Doch um wirklich helfen zu können, brauchen Hilfsorganisationen Geld. „Das Spendenaufkommen in Deutschland ist noch sehr gering“, ergänzt Prof. August Stich von der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit. Die beste Prävention für Deutschland - wie für den Rest der Welt - bleibt, die Epidemie vor Ort zu bekämpfen. „Wir werden einzelne Ebola-Fälle auch in Deutschland sehen. Aber wir sind gut aufgestellt, um das einzudämmen“, sagt Prof. Stich. Sehr viel problematischer wird es sein, dass gerade in den Wintermonaten sehr viele Heimkehrer aus Afrika nicht selten einen Schnupfen oder eine fiebrige Erkältung entwickeln werden. „Es wird dadurch gehäuft zu Fehlalarmen kommen.“ Daher sei es jetzt besonders wichtig, gezielt die deutsche Ärzteschaft über Ebola aufzuklären. Das Gesundheitsamt Frankfurt stellt beispielsweise zu diesem Zweck Informationsmaterial auf seinen Seiten zur Verfügung (www.frankfurt.de/ebola). „Die Ärzte haben aber neben allen Maßnahmen und Veranstaltungen, die wir für sie planen, eine Abholpflicht für die Informationen“, sind sich Prof. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt und Prof. Reinhardt Burger vom Robert-Koch-Institut, einig.

Ein Patient beschäftigt 30 Pfleger und Ärzte
Wir werden einige Patienten in Deutschland sehen.Bisher waren dies drei Erkrankte, die zur Therapie aus Westafrika nach Frankfurt, Hamburg und Leipzig eingeflogen worden waren. „Ich habe so viele Jahre auf diesen Tag hintrainiert“, merkt Dr. Stefan Schmiedel von der Berhard-Nocht-Klinik in Hamburg an, „Doch als der Patient schließlich eintraf, war alles so viel anders.“ Und was genau war anders? Insgesamt braucht es bis zu 30 Pfleger und Ärzte, die sich im Schichtdienst um einen einzigen Ebola-Patienten kümmern. Allein, um einen Menschen nach der Arbeit wieder sicher aus dem Schutzanzug zu bekommen, braucht es zwei weiterer Kollegen. „Ebola erfordert einen enormen materiellen und personellen Aufwand“, sind sich Dr. Schmiedel sowie seine zwei Kollegen aus Leipzig und Frankfurt, Prof. Bernhard Ruf und Dr. Timo Wolf, einig. Aus diesem Grund sind in allen Isolierstationen in Deutschland wohl kaum mehr als jeweils ein bis maximal zwei solcher Patienten zeitgleich zu behandeln. Ein Grund mehr, den Ausbruch mit allen verfügbaren Mitteln vor Ort in Westafrika anzugehen und einzudämmen.
Quelle: Ebola in Afrika – Ebola in Deutschland, Symposium vom 22.10.2014 in Frankfurt am Main

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Wird die Gefahr durch Ebola unterschätzt?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Mehr als 4.000 Tote in Westafrika und die Epidemie ist nicht zu stoppen. Aus den USA wird indes der zweite bestätigte Ebolafall außerhalb Afrikas gemeldet. Wie sich der Patient ansteckte? Unklar. Am wahrscheinlichsten sind Fehler während des Wechsels der Schutzkleidung. Und obwohl sich die Menschen hierzulande immer mehr sorgen, die deutschen Experten sind sich einig: Für Deutschland besteht keine direkte Gefahr einer Ebolaausbreitung. Doch eine intensivere Nachrichtenschau aus aller Welt lässt Zweifel an den hiesigen Aussagen aufkommen. Wird das Ebola-Virus womöglich unterschätzt?

Streikendes Flughafenpersonal, Einreiseuntersuchungen bei Ankunft aus einem westafrikanischen Land, das von Ebola betroffen ist. All dies geschieht beispielsweise in den USA und in Großbritannien. Damit soll die Einschleppung des Virus verhindert werden. Obgleich Deutschland mit Frankfurt am Main - will man den statistischen Modellen glauben - einen der verwundbarsten Flughäfen für einen Ebolaimport hat, sagen die wissenschaftlichen Experten sowie Gesundheitsminister Gröhe, dass das Risiko für die deutsche Bevölkerung bei nahe null liegt. Der Virologe Alexander Kekulé differenzierte im ZDF-Interview sogar, dass einzelne Ebola-Fälle auch in Deutschland nicht völlig auszuschließen seien, es aber generell keinen Grund zu größerer Sorge gäbe. Letztlich wird es keine Temperaturmessung für Flugpassagiere in Deutschland geben. Noch nicht.
Deutschland besitzt gut ausgestattete Isolierstationen – tatsächlich?

Sind nicht die USA vergleichbar gut ausgestattet wie Deutschland? Und dennoch gibt es dort bereits den zweiten bestätigten Ebolafall außerhalb Afrikas. Wie kann das sein? Nun, offensichtlich haben sich die betroffenen Pflegekräfte aufgrund mangelnder Schulung einen fatalen Fehler erlaubt. Und Fehler passieren leider immer wieder, umso häufiger, je weniger das Gesundheitspersonal auf solche Krankheiten wie Ebola vorbereitet wird. Menschen können Fehler machen, immer und zu jeder Zeit. Auch in Madrid machte eine Pflegehelferin einen Fehler und kämpft derzeit auf einer Isolierstation um ihr Leben.

In Deutschland gibt es spezialisierte Zentren, in denen Ebolapatienten fachgerecht betreut werden können, so z. B. in Hamburg, Frankfurt, Leipzig, Düsseldorf, München, Stuttgart und Berlin. „Insgesamt stehen 50 Betten zur Verfügung, praktisch aber wahrscheinlich nur 25“, so Kekulé auf süddeutsche.de. Fünfundzwanzig Betten? Da bleibt zu hoffen, dass jeder Infizierte, der das Land erreichen sollte, auch sofort erkannt und isoliert werden kann. Zwar zeigten Erfahrungen mit dem Marburgvirus, dass selbst nach Ausbruch der Erkrankung sehr selten Familienmitglieder und soziale Kontakte angesteckt wurden. Doch handelte es sich beim Marburgvirus seinerzeit auch um einen sehr begrenzten Ausbruch mit schnell erfolgter Isolation der betroffenen Labormitarbeiter. Welche Kreise ein unerkannter oder auch abgewiesener Fall in nur wenigen Tagen ziehen kann, zeigte vor einigen Tagen Patient null in Dallas, USA.
Übertragungswege noch immer nicht vollständig verstanden

Trotzdessen, dass das Ebolavirus bereits seit 40 Jahren bekannt ist, gibt es weder einen Impfstoff noch eine wirkliche Therapie. Ebensowenig kennt man bis heute die genauen Übertragungswege des Virus. Fakt ist, dass es über den direkten Kontakt zu Körperflüssigkeiten von Infizierten oder über von ihnen kontaminierte Oberflächen übertragen wird. Besonders gefährlich sind dabei Blut, Erbrochenes und Sperma, aber auch Stuhl, Tränen oder die Muttermilch.

Wie schnell verbreiten sich Viren?
Die Übertragung über kontaminierte Gegenstände ist nicht nur bei Ebola ein effektiv funktionierender Infektionsweg. US-Forscher demonstrierten unlängst, wie schnell sich Viren von einer kontaminierten Oberfläche, z. B. einer Türklinke, ausbreiteten. Innerhalb von zwei bis vier Stunden waren bis zu 60% aller Oberflächen und Mitarbeiter im Testpflegeheim durchseucht. Zum Glück verwendeten die Forscher für ihren Test harmlose Bakteriophagen, die für Menschen vollkommen ungefährlich sind. Dennoch vermag dieses Experiment gerade in Zeiten der Ebola-Epidemie wachzurütteln, jederzeit ein Höchstmaß an Vorsicht und Hygiene walten zu lassen. Weitaus unberechenbarer als die Ansteckungswege sind die Veränderungen, die das Ebola-Virus jederzeit mit jedem weiteren Infizierten durchlaufen könnte.

Das Ebola-Virus verändert sich
Anfang Oktober teilte der UN Ebola-Beauftragte Anthony Banbury in einer Pressekonferenz mit, dass er die Sorge habe, Ebola könnte zu einem über die Luft übertragbaren Erreger mutieren. Wörtlich sagte er: „Je länger das Virus im epidemiologischen Schmelztiegel Westafrika zirkuliert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es schließlich mutiert.“ Bereits heute wissen die Forscher, dass der aktuelle Ausbruch zu mehr als 200 bis 300 Mutationen im Genom des Ebolavirus geführt hat. Welche Auswirkungen dies auf die Aggressivität und Ansteckungsrate haben könnte, bleibt derzeit jedoch unbeantwortet. Dennoch wäre ein solches Szenario mit einem durch die Luft übertragbaren Ebolavirus ein Albtraum und die schiere Vorstellung sollte eigentlich bereits genügen, um die Weltgemeinschaft entschiedener gegen die Krankheit ankämpfen zu lassen. Doch auch weiterhin laufen die Maßnahmen in Westafrika der Seuche viel zu oft hinterher; ein rasches Ende ist nicht in Sicht. Eines machten die Ärzte ohne Grenzen in diesem Zusammenhang bereits vor wenigen Wochen unmissverständlich klar: Der wichtigste Schritt, Ebola zu besiegen, liegt darin, jetzt die Neuansteckung mittels lückenloser Quarantänemaßnahmen zu verhindern.

Wie gefährlich ein über die Luft übertragbares Ebola-Virus sein könnte, zeigten Forscher bereits 2012 in einem Laborversuch an Mäusen. Sie infizierten gentechnisch veränderte Nager unter anderem mit dem Ebola-Stamm Zaire und dem Marburgvirus, zum einen über eine direkte Injektion ins Bauchfell, zum anderen über virushaltige Aerosole (feine Flüssigkeitströpfchen). Obwohl die über Aerosole verbreiteten Viren etwas weniger ansteckungsfähig waren, führten doch beide Infektionswege sehr sicher zum Tod der Tiere.
Quelle:
Lever MS et al. 2012. Lethality and pathogenesis of airborne infection with filoviruses in A129 α/β -/- interferon receptor-deficient mice. J Med Microbiol. 2012 Jan;61(Pt 1):8-15

Samstag, 11. Oktober 2014

Ist Soja bei Brustkrebs schädlich?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Viele Frauen - vor allem auch Brustkrebspatientinnen - denken, sie tun sich etwas Gutes, indem sie sich sojareich ernähren. Doch in einigen Fällen könnte genau das Gegenteil zutreffen. Soja scheint nämlich bei jungen Frauen mit Brustkrebs bestimmte Tumorgene zu fördern.

Die positiven Auswirkungen einer sojareichen Ernährung werden seit Jahrzehnten auch bei uns verbreitet. So ganz falsch können die epidemiologischen Studien zum Thema ja auch nicht sein, schließlich wird Soja in asiatischen Ländern seit Jahrtausenden genutzt. Zudem kommen einige Krebsarten, wie z. B. der Brustkrebs, bei Asiatinnen weniger häufig vor. Viel Soja muss also zwangsläufig vor Brustkrebs schützen. Doch Halt! Ganz so einfach ist die Geschichte nicht erzählt. US-Forscher kommen in ihrer erst kürzlich veröffentlichten Studie zu einem weitaus differenzierteren Eindruck über den Nutzen oder Schaden durch Soja für Brustkrebspatientinnen. Je nach Lebensalter und Hormonstatus scheint die Sojabohne unterschiedliche Wirkungen zu haben.
Die Sojabohne - Jahrtausendealtes Erfolgsmodell.
(Quelle: „Sojabohne“ von Scott Bauer - US Department of Agriculture – Agricultural Research Service. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sojabohne.jpg#mediaviewer/File:Sojabohne.jpg)
 
Phytoöstrogene aus dem Soja gehen ins Blut

Soja enthält neben vielen weiteren Bestandteilen und dem wertvollen Eiweiß zwei hormonell aktive Substanzen – Daidzein und Genistein. Beide Stoffe werden vom Menschen in das Blut aufgenommen und gelangen so auch in alle Organe unseres Körpers. Dort haben diese sogenannten Pflanzenhormone ganz ähnliche Wirkungen wie das körpereigene Östrogen und fördern oder hemmen dosisabhängig das Wachstum von Zellen. In Studien an Frauen mit einem hormonabhängigen Brustkrebs wurden dennoch bisher weder eindeutig positive noch negative Einflüsse von Soja gefunden. Aufgrund dieser noch sehr unsicheren Datenlage empfiehlt das American Institute for Cancer Research (AICR) einen täglichen Sojakonsum von weniger als 160 Gramm Tofu bzw. einem halben Liter Sojamilch. Die dabei ins Blut aufgenommenen Mengen der Phytoöstrogene werden noch als unbedenklich eingestuft. Höhere Konzentrationen von Daidzein und Genistein hatten zuvor in größeren Zellkultur-Studien DNA-Schäden bis hin zum Zelltod zur Folge.

Angriffsziele der Phytohormone Daidzein und Genistein in den Zellen des Menschen. Hohe Konzentrationen beider Stoffe führen zu Schäden an der DNA sowie im Eiweißhaushalt der Zelle. (Quelle: Dr. Marcus Mau)
Soja beeinflusst Gene im Tumor

US-Forscher um Dr. Moshe Shike gingen nunmehr der Frage nach, ob die Aufnahme von Soja die Genexpression in einem aktiven Brustkrebs verändern könne. Insgesamt erhielten 140 Frauen mit einem frischdiagnostizierten Brustkrebs im Frühstadium eine Nahrungsergänzung mit 26 Gramm Sojaeiweiß oder Placebo (Kuhmilcheiweiß). Acht von zehn Frauen hatten einen hormonabhängigen Tumor, d.h., ihr Krebs war für Östrogene und ähnlich aufgebaute Substanzen sensibel. Ein Drittel aller Teilnehmerinnen hatte zudem die Menopause („Wechseljahre“) noch nicht erreicht.

Blutproben der Frauen mit einer Sojanahrung zeigten über den Untersuchungszeitraum von bis zu 30 Tagen einen sehr raschen Anstieg der Phytohormone um das Vier- bis Siebenfache. Eine wirkliche Überraschung waren jedoch Änderungen der Genaktivität im untersuchten Tumorgewebe. In der Sojagruppe waren zehn Tumorgene stärker aktiv; in der Kontrollgruppe nur fünf. Von besonderer Bedeutung sind dabei zwei Gene: eines für die DNA-Reparatur sowie ein anderes für den Östrogenstoffwechsel im Tumor. Beide zeigten eine um 90 % größere Aktivität. Ein drittes vermehrt gebildetes Eiweiß konnte als wichtiger Wachstumsfaktor für Tumoren ausgemacht werden.

Aufgrund dieser Ergebnisse schlossen die Studienautoren, dass Brustkrebspatientinnen nur mit der gebotenen Vorsicht Soja zu sich nehmen sollten. Craig Jordan, ein führender Onkologe aus den USA, meinte dazu: „Östrogenwirkungen sind recht komplex. Während Frauen mit einem Brustkrebs vor den Wechseljahren eher mit einem Tumorwachstum auf östrogenartige Hormone reagieren, verschiebt sich das Gleichgewicht bei Frauen nach den Wechseljahren deutlich. Bei ihnen überwiegt häufig der durch die Östrogene ausgelöste Zelltod.“ Kurzum: Ältere Brustkrebspatientinnen könnten möglicherweise von hormonell aktiven Substanzen aus dem Soja profitieren, jüngere Frauen vor den Wechseljahren jedoch ganz sicher nicht.

Quelle:
Shike M et al. 2014. J Natl Cancer Inst 106(9):dju189
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