Mittwoch, 26. November 2014

Alternative Arthrosemittel: Was wirklich hilft

News: Komplementärmedizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Arthrose, Arthritis, Rheuma und Gicht sind die vier häufigsten Gelenkerkrankungen in Deutschland. Sie gehören zu den Krankheiten des rheumatischen Formenkreises. Ihnen allen gemeinsam ist die Entzündung, welche schließlich zu Bewegungseinschränkungen und starken Schmerzen im Gelenk führt. Neben den klassischen Schmerzmitteln bei Arthrose und den gängigen Operationsverfahren tauchen auch immer wieder sogenannte Wundermittel auf, die gegen die Krankheit helfen sollen. Doch was hilft wirklich? Wie gut ist die Komplementärmedizin bei degenerativen Gelenkerkrankungen aufgestellt?
Fehlernährung und das damit verbundene Übergewicht sowie der latente Bewegungsmangel unserer heutigen Zeit führen dazu, dass in den Industrienationen bis zu 10% der Bevölkerung in höherem Lebensalter (> 59 Jahre) unter symptomatischen Gelenkarthrosen leidet; Frauen sind davon sogar häufiger betroffen als Männer.

Konventionelle Therapie mittels Schmerzmitteln
Aus klassisch medizinischer Sicht sind die Behandlungsmöglichkeiten bei Arthrose noch immer sehr begrenzt. Krankengymnastik und Schmerzmittelgebrauch (sogenannte NSAR) gelten weithin als etablierte Therapien. Wie solche NSAR wirken und welche Nebenwirkungen sie auslösen können, lesen Sie unter anderem hier: http://ideen-und-wissen.blogspot.de/2013/04/schmerztherapie-bei-arthrose-von.html

Interessant ist, dass die Arthroskopie bei geschädigten Gelenken noch immer sehr häufig durchgeführt wird, ohne dass es dafür tatsächlich einen wissenschaftlichen Beleg der Wirksamkeit bei Arthrose gäbe. Am Ende eines langen Leidensweges steht in vielen Fällen schließlich die Knie- oder Hüftprothese. Doch auch hier gibt es Anzeichen für eventuelle Spätfolgen, meist dadurch, dass Metalle aus den Prothesematerialien freigesetzt werden und sich im Körper anreichern können. Langzeitstudien zu diesem Thema fehlen bisher.

Künstliche Hüftgelenke sind oft der letzte Ausweg
aus dem Arthroseschmerz. (Quelle: Dieter Schütz/pixelio.de).

Liegen Hoffnungen und Wirkungen in der Komplementärmedizin?
Da die Schmerzmittel bei Langzeitanwendung schwere Nebenwirkungen haben und die Knieoperation zwar Linderung bringen kann, dies aber nicht zwingend erfolgreich muss, ist der Ruf nach Alternativen und ergänzenden (komplementären) Behandlungsverfahren größer denn je. Die Komplementärmedizin im Bereich der Arthrosebehandlung wird hauptsächlich eingesetzt, um Schmerzen zu lindern sowie die Beweglichkeit im Gelenk zu erhalten und somit den Gelenkersatz hinauszuzögern. Das Buch „Checkliste Komplementärmedizin“ (R. Huber & A. Michalsen (Hrsg., Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, ISBN: 978-3-8304-7369-5) weist die folgenden komplementären Verfahren als wirksam bei Arthose aus:
  • Während eine generelle vegetarische oder sogar vegane Ernährungsweise bei Arthrose sehr hilfreich ist, zeigte insbesondere das Heilfasten in einer kontrollierten Studie sehr gute Ergebnisse bei der Schmerzlinderung. Um diesen Effekt auch über die Zeit des Fastens hinaus zu garantieren, ist eine Ernährungsumstellung zwingend erforderlich.
  • Kräftigende und gelenkschonende Bewegung stärkt die Muskulatur und Bänder, welche die Gelenke stützen.
  • Da empfundene Schmerzen sehr häufig auch stressabhängig sind, haben sich Methoden zur Stressreduktion bei Arthrose ebenso bewährt, z. B. Yoga, Feldenkrais oder Tai-Chi und Qigong.
  • Eine besonders große Stellung nimmt die Phytotherapie bei der Behandlung einer Arthrose ein. Verschiedenste Pflanzenextrakte (z.B. Brennnessel, Weidenrinde, Weihrauch) zeigten in Studien schmerzlindernde und/oder entzündungshemmende Wirkungen. Ebenso können wohl Beinwell, Cayennepfeffer sowie Kohlwickel die Symptome einer aktiven Arthrose lindern.
  • Auf orthomolekularer Ebene zeigten sich Sojaprotein, Vitamin E und Basenpulver als fraglich bzw. gering wirksam. Chondroitin- und Glucosaminsulfat sind bei Arthrose neuesten Metaanalysen zufolge nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksam.
  • Gezielte Kälte- oder Wärmereize führen empirisch zu einer Verbesserung der Arthrosesymptome. Allerdings unterscheidet sich die Wirkung solcher medizinischer Bäder individuell. Heiße Wannenbäder sind zuhause sehr leicht umsetzbar, allerdings ist auf Begleiterkankungen wie Krampfadern und Herzschwäche zu achten, welche solche Bäder generell verbieten.
  • Ultraschall- und Elektrotherapie bei Arthrose zeigten bisher nur milde Effekte.
  • Besonders gut untersucht und hinreichend belegt ist die Wirkung der Akupunktur bei Schmerzleiden im Allgemeinen und bei Gelenkarthrosen im Besonderen. Ergänzend stehen schmerzlindernde Punkte am Ohr zur Verfügung.
  • Aus der Reihe der ausleitenden Verfahren ist die Blutegeltherapie als sehr gut geeignete Methode zur Linderung einer symptomatischen Arthrose zu nennen. Dieses Verfahren gilt als hochwirksam, was in zahlreichen Studien und anhand empirischer Beobachtungen bestätigt wurde. Eine einmalige Blutegeltherapie soll demnach bereits bei bis zu 80 % der Patienten zu einer Linderung der Gelenkschmerzen führen; und dies innerhalb von zwei bis neun Monaten.
Einen weiteren Überblick über die Studienlage zu ausgewählten Naturstoffen gibt Ihnen auch der folgende Artikel: http://ideen-und-wissen.blogspot.de/2013/08/arthrose-ganz-naturlich-behandeln-ein.html

Fazit: Die derzeitig rasant zunehmende Zahl der Forschungsarbeiten zu alternativen Behandlungsmethoden – nicht nur bei Arthrose - zeigt eines ganz deutlich: Die Komplementärmedizin ist endlich auch in der etablierten klinischen Medizin angekommen.
Quelle: Huber, Roman; Michalsen, Andreas (Hrsg.): Checkliste Komplementärmedizin, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2014, ISBN: 9783830473695

Samstag, 15. November 2014

Harninkontinenz: Land unter in Deutschland?

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Bis zum Jahr 2040 wird der Anteil der Männer und Frauen in Deutschland, die älter als 65 Jahre sind, auf über 25 % ansteigen. Die moderne Medizin und verbesserte Rahmenbedingungen im Alltag sorgen dafür, dass die Menschen bei uns immer älter werden. Zeitgleich wird aber ebenso die Zahl der Mediziner in Deutschland um bis zu 37.000 sinken. Dies birgt sehr schwerwiegende sozioökonomische Risiken für unser Gesundheitswesen. In der Altersgruppe der 60- bis 79-Jährigen leidet bereits heute mehr als die Hälfte der Menschen an einer überaktiven Blase. Etwa 30 bis 40 % dieser Patienten klagen sogar über Harninkontinenz - das Unvermögen, den Harn in der Blase zu halten. Wird die Harninkontinenz damit in Deutschland zu einem ernstzunehmenden Problemfall?

Mit zunehmendem Alter - und meist noch dadurch verstärkt, wenn ein älterer Mensch ins Senioren- oder Pflegeheim geht - steigen die Harninkontinenzraten drastisch an. In einigen Häusern sind bis zu 90 % der Senioren davon betroffen; eine Häufung findet sich vor allem bei Frauen. Bereits heute sind Pflegekräfte vielfach mehr mit dem Trockenlegen von Patienten beschäftigt als mit ihren eigentlichen Routineaufgaben. Erschwerend kommt hinzu, dass Harninkontinenz noch immer als ein Problem der Alten gilt und in der öffentlichen Meinung als klassisches Tabuthema angesehen wird.
 
Droht im Rahmen der Harninkontinenz ein Dammbruch?
Zukünftig mehr betroffene Patienten zu haben, ist nicht das einzige Problem am Horizont. Aktuelle Hochrechnungen des Deutschen Krankenhausinstituts zeichnen ein düsteres Bild: Bis 2019 werden mehr als 37.000 Ärzte in Praxen und Krankenhäusern fehlen, sollte sich der Ärztemangel wie bisher entwickeln. Solange sich weiterhin 35 % derer, die ihr Medizinstudium in Deutschland beginnen, später nicht als Ärzte betätigen, wird diese Entwicklung wohl nur schwer aufzuhalten sein.

Von Ärztemangel bis Harninkontinenz
Doch was heißt das nun ganz konkret für die Harninkontinenz? Immer mehr Patienten stehen immer weniger ausgebildeten Ärzten gegenüber. Wer soll denn dann zukünftig die Betroffenen versorgen? Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft und ihr 1. Vorsitzender, Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann, stellten anlässlich der Tagung der Gesellschaft in Frankfurt am Main einen konkreten Lösungsansatz vor: Speziell ausgebildete Kontinenzschwestern – nach österreichischem Vorbild und mit Zusatzqualifikation – könnten anstelle eines Arztes inkontinente Patienten versorgen. „Wir müssen ja das Rad nicht neu erfinden. Österreich hat bereits seit einiger Zeit Erfahrung mit solchen Qualifizierungsprogrammen für Kontinenzschwestern“, merkte Prof. Jünemann weiter an. Und warum kann das nicht jede Schwester einfach tun? „Nun, die Krankenschwestern und Pfleger müssen in der Lage sein, einfachste differentialdiagnostische Schlüsse zu ziehen“, so Prof. Jünemann, „Wir benötigen Fachleute für diese Aufgabe.“

Um dieses Ziel schließlich auch erreichen zu können, bedarf es noch so mancher Anstrengung. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft kann nicht allein politische Änderungen und Nachbesserungen bei der Ausbildung von medizinischem Personal bewirken. „Deshalb werden wir verstärkt mit Verbänden der Urologen, Gynäkologen und Viszeralchirurgen zusammenarbeiten.“, so Prof. Jünemann zum Abschluss.

Harninkontinenz - Was ist das?



Harninkontinenz - Was ist das?
Harninkontinenz - Was ist das? (Infografik mit freundlicher Genehmigung der Param GmbH, Hamburg)

 Quelle:
Pressekonferenz anlässlich des 26. Jahreskongresses der Deutschen Kontinenz Gesellschaft am 14.11.2014 in Frankfurt am Main

Montag, 3. November 2014

Ersetzen Nanopartikel bald unsere Antibiotika?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Ein internationales Forscherteam hat eine neue Substanz entwickelt, um schwere bakterielle Infektionen ganz ohne den Einsatz von klassischen Antibiotika zu behandeln. „Damit könnten künftig auch Antibiotika-Resistenzen vermieden werden“, sind sich dieForscher sicher.

Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Bei uns längst als besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose, Gonorrhoe und Co. treten derzeit einen ungeahnten Siegeszug rund um die Welt an. Und viele unserer Antibiotika - die einstigen Wunderwaffen gegen bakterielle Infektionen - sind bereits unwirksam oder schwächeln spürbar. Der sorglose Umgang mit Antibiotika in der modernen Medizin fördert diese Entwicklungen, sodass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar schon vor Zuständen wie in der prä-antibiotischen Zeit warnt. Doch haben wir überhaupt wirksame Alternativen? Mit der Entdeckung des Forscherteams unter der Leitung von Eduard Babiychuk und Annette Draeger vom Institut für Anatomie der Universität Bern könnte sich tatsächlich ein neues Kapitel im Kampf gegen Antibiotika-resistente Keime öffnen.
Der Ansatz der Forscher: Aus Liposomen - das sind künstlich hergestellte Nanopartikel, die aus Bestandteilen der Fettschicht von Körperzellen gebildet werden – entwickelten sie einen „Schutzschild“. Dieser fängt die von den Bakterien ausgestossenen Giftstoffe ein und neutralisiert sie sehr effektiv. Dadurch werden die Bakterien für den Menschen ungefährlich und können von den Zellen des Immunsystems attackiert und unschädlich gemacht werden.

Das ist ein unwiderstehlicher Köder für Bakterien-Gifte
Liposomen werden unter anderem verwendet, um Medikamente in den Körper zu schleusen. Die Berner Wissenschaftler setzten nun Liposomen ein, welche bakterielle Giftstoffe anziehen und so die Körperzellen vor diesem gefährlichen Giftcocktail schützten.

„Mit unseren Liposomen haben wir tatsächlich einen unwiderstehlichen Köder für bakterielle Toxine entwickelt. Die Gifte greifen bevorzugt diese Liposomen an und werden dort gezielt eingefangen und unschädlich gemacht. Schäden an unseren Körperzellen treten dann praktisch nicht mehr auf“, sagte der Studienleiter Eduard Babiychuk begeistert.

„Das Tolle daran: Da sich die Wirkung der Liposomen nicht gegen die Bakterien, sondern deren Giftstoffe richtet, kann sich auch keine Resistenz entwickeln“, fügte Annette Draeger hinzu. Im Tierversuch überlebten mit Liposomen behandelte Mäuse eine ansonsten tödliche Blutvergiftung und wurden auch ganz ohne Antibiotika wieder vollständig gesund.

Mit Patent zur Anwendung?
Der neue Wirkstoff ist bereits zum Patent angemeldet worden. Die neue Substanz wird als Medikament unter dem Namen „CAL02“ von der Genfer Biotechnologiefirma LASCCO SA weiterentwickelt und für die klinischen Studien und die Anwendung am Menschen vorbereitet. Eine erste klinische Studie ist bereits in Planung mit Patienten, die an einer schweren Lungenentzündung durch Streptokokken leiden.

Quelle:
Henry BD et al. Engineered liposomes sequester bacterial exotoxins and protect from severe invasive infections in mice, Nature Biotechnology, 2.11.2014, doi:10.1038/nbt.3037
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