Mittwoch, 30. Dezember 2015

Debatte um HPV: "Impft auch die Jungen!"

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Zu teuer, nicht effektiv oder zu riskant. Nur einige der Attribute, mit denen in der HPV-Impf-Debatte um sich geworfen wird. Eine aktuelle Studie jedoch zeigt, dass sich eine Impfung von Jungen und Mädchen gleichermaßen lohnt. Das Problem: Die Impfung ist tatsächlich noch zu teuer, um wirklich flächendeckend einen Kosten-Nutzen-Ausgleich zu schaffen. Rein wissenschaftlich betrachtet erfüllt sie aber ihre Aufgabe sicher und sehr effektiv.

„Impft auch die Jungen!“, forderten die Urologen anlässlich ihres nationalen Kongresses im vergangenen September in Hamburg. Doch ist diese Forderung nicht allein eine leere Worthülse oder Kampfansage an die Impfkritiker. Sie basiert auf den Worten eines der führenden Köpfe weltweit in der Erforschung der Papillomaviren. Prof. Harald zur Hausen, Nobelpreisträger für Medizin 2008 und Begründer der HPV-Impfung sagte anlässlich des DGU-Kongresses 2015: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die HPV-Impfung von Jungen von großer Bedeutung ist. Und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Männer die Hauptüberträger für Hochrisiko-Subtypen sind. Darüber hinaus sind Papillomaviren eben nicht nur, wie früher angenommen, im Cervixbereich gefährlich, sondern lösen ebenso im Rachen oder im Analbereich Tumoren aus. Zusätzlich gibt es eine Reihe von Papillomaviren, die Genitalwarzen verursachen können. Diese sind für beide Geschlechter sehr unangenehm.“

Die HPV-Impfung wirkt gegen Virusinfektionen, nicht gegen Krebs
Anders als vielfach kommuniziert, wirkt die HPV-Impfung nicht gegen Krebs, sondern verhindert einzig und allein die Ansteckung mit potenziell krebsauslösenden Papillomaviren. Hierbei wirkt sie aber mit mehr als 95 %. Stecken sich beispielsweise Mädchen nicht mehr mit den Hochrisiko-Varianten HPV-16 und HPV-18 an, dann ist die Wahrscheinlichkeit, später im Leben an einem virusbedingten Cervixkarzinom zu erkranken, statistisch gesehen deutlich geringer. Eine Aussicht, die nicht nur die STIKO, sondern auch die Krankenkassen überzeugte, die Impfung für junge Mädchen als Kassenleistung freizugeben. Bei den Jungen ist der Nutzen der Impfung jedoch im Gegensatz dazu noch nicht allgemein anerkannt. Und dass, obwohl es mittlerweise als erwiesen gilt, dass Papillomaviren gleichermaßen an der Ausbildung von Kopf-Hals-Tumoren, Peniskarzinom oder Analkrebs beteiligt sind. Ein Schelm ist, wer jetzt wieder stereotyp denkt und allein die Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), als Risikogruppe ansehen mag. Im 21. Jahrhundert haben sich Sexualpraktiken und sexuelle Identitäten längst und nachhaltig verändert. Orale und anale Praktiken haben beispielsweise ihre frühere Tabuisierung überwunden und sind mittlerweile ebenfalls wie selbstverständlich in heterosexuelle Beziehungen eingezogen. Deshalb gilt in Bezug auf die Papillomavirus-Infektionen jeder sexuell aktive Mensch, egal ob männlich oder weiblich, zum Kreis der Risikopersonen. Unverständlich also, weshalb die Impfung für Jungen noch immer nicht allgemein anerkannt ist.

Herdenschutz greift nicht
Mit Einführung der Impfung für die Mädchen sah man das Problem Papillomavirus-Infektionen beinahe als erledigt an. Normalerweise würde ein ausreichend hoher Impfschutz in der Zielgruppe nebenbei auch die Ansteckung von Jungen verhindern, so die Idee hinter diesem Ansatz. Doch die Impfraten bei den Mädchen sind seit Jahren viel zu niedrig und liegen in Deutschland aktuell bei < 40 %. Damit lässt sich kein Herdenschutz erreichen. Hinzu kommt, dass man Jungen, die bi- oder homosexuell und mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern leben, damit ohnehin nicht erreichen würde. Was also tun?
Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden kann hier Aufschluss geben (BMJ 2015;350:h2016; doi: 10.1136/bmj.h2016). Die Forscher um Johannes Bogaards untersuchten mithilfe eines statistischen Modells, inwieweit eine direkte Impfung von Jungen gegen HP-Viren zu einer messbaren Veränderung in der Tumorlast bei Männern beitragen könnte. Ihr Ergebnis drückten sie unter anderem als Zahl der notwendigen Impfungen bei Jungen aus, um einen HPV-abhängigen Krebsfall bei Männern zu verhindern. Die Ergebnisse sind durchaus interessant und zeigen deutlich, wie wichtig die HPV-Impfung von Jungen ist. Das besondere an dieser Arbeit war zudem, dass die Folgen einer direkten Impfung bei Jungen immer gegen den Herdenschutz (aktuell und prädiktiv) verglichen wurden. Im Einzelnen sah das wie folgt aus: Werden weiterhin 60 % der Mädchen in den Niederlanden gegen HPV geimpft, so lässt sich damit die Tumorlast bei den Männern um 37 % verringern. Bei 90 % Impfabdeckung könnten bis zu 66 % der aktuell auftretenden HPV-assoziierten Tumoren (oropharyngeale, penile und anale Tumoren) bei Männern verhindert werden. Doch Impfabdeckungen von dieser Größenordnung sind nicht nur in den Niederlanden utopisch. „Männer profitieren von einer ausreichend hohen Impfrate bei den Mädchen, doch bleibt ein Restrisiko für HPV-abhängige Tumorerkrankungen bestehen“, so die Studienautoren in ihrem Resumee. Je weniger Mädchen geimpft werden, desto geringer ist die Schutzwirkung über den sogenannten Herdenschutz und desto mehr profitieren die Jungen von einer direkten Impfung. Bei der derzeitigen in den Niederlanden bestehenden Impfrate von 60 % müssten 795 Jungen geimpft werden, um einen weiteren Krebsfall zu verhindern. Tendiert die Impfabdeckung bei den Mädchen hingegen gegen 0 %, so sind es lediglich 466 Jungen, um einen weiteren HPV-assoziierten Tumor zu verhindern. „Ein klares Signal für eine Impfung der Jungen“, so Bogaards und Kollegen. Die Alternative: Impfraten bei den Mädchen von 90 % und mehr. Doch was ist dann mit den Jungen, die später ausschließlich Sex mit Männern haben?
Kosten der HPV-Impfung
Eine universelle Impfung beider Geschlechter ist das bisher ökonomisch ausgeglichendste Modell zur Kostendeckung der HPV-Impfung. Es bietet den Vorteil, dass die ubiquitäre, geschlechtsneutrale Impfung kostengünstiger ist, als das Screening und die Impfung von Mädchen allein (Audisio RA et al., Critical Revies in Oncology/Hematology 2015; http://dx.doi.org/10.1016/j.critrevonc.2015.07.015). Dennoch bleibt natürlich das Screening von Frauen als Vorsorgemaßnahme beim Cervixkarzinom unabhängig vom Impfstatus weiter zwingend bestehen. Doch auch in der Folge ist eine universelle HPV-Impfung kostengünstig. Zum einen wird die Last durch HPV-assoziierte Tumoren in der Bevölkerung stark reduziert. Zum anderen würden aber auch einige der Hochrisiko-HP-Viren quasi aus der Bevölkerung eliminiert werden. Zusätzlich ist der derzeit verfügbare quadrivalente Impfstoff (HPV-16,-18,-6, -11) dem bivalenten Impfstoff (HPV-16, -18) langfristig überlegen, da er über den eigentlichen Impfschutz hinaus Folgekosten für die oft langwierige Behandlung von Genitalwarzen einsparen hilft. Laut den aktuellen Hochrechnungen würde eine universelle HPV-Impfung von Kindern beider Geschlechter gegen HPV-16 und -18 die Analkrebs-Fälle bei Frauen um 43 %, bei Männern um bis zu 64 % verringern. Genitalwarzen würden bei Frauen zu 58 %, bei Männern zu 71 % weniger häufig auftreten. Ein neues Kapitel in der Debatte um die Kosteneffektivität von HPV-Impfungen könnte auch die kürzlich erfolgte Zulassung des 9-fach-Impfstoffes durch die EMA (European Medicines Agency) öffnen. Dieses Präparat schützt vor der Ansteckung mit neun weit verbreiteten HP-Viren, namentlich HPV-6, -11, -16, -18, -31, -33, -45, -52 sowie -58.
Zum Abschluss: Kommunikation verbessern
Derzeit übernehmen nur 15 von 153 Krankenkassen die HPV-Impfung für Jungen, als einziges Bundesland nahm lediglich Sachsen die Impfung bereits vor Jahren in seine Impfempfehlungen auf. Doch wo liegt das Problem? Auf Seiten der Ärzte? Auf Seiten der Eltern? Auf beiden, wie aktuelle Arbeiten zeigen. „Ich wusste gar nicht, dass man auch Jungen gegen HPV impfen lassen kann“, ist Perez und Kollegen nach (Psycho-Oncology 2015; 24: 1316–1323) eine sehr weitverbreitete Aussage von Eltern. Noch immer wussten mehr als 57 % der befragten Eltern in Kanada nicht, dass auch Jungen von einer HPV-Impfung profitieren können. Diejenigen, die die Impfung generell ablehnten, beriefen sich der Studie zufolge meist auf angebliche Risiken, hohe Kosten oder unzureichende Forschungsergebnisse, die eine Impfung notwendig erscheinen ließen. Daran zeigt sich, wie groß die Bedeutung von gesicherten Informationen aus Forschung und Entwicklung für Eltern ist. Ärzte sollten darauf in Vorgesprächen eingehen und hier für Klarheit sorgen. Doch sehr oft stoßen Pädiater und Allgemeinärzte hier ebenfalls an persönliche Grenzen. Gilkey und Kollegen (Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2015; 24(11):1673-9) zeigten, dass viele Ärzte sich des Themas nur zögerlich annäherten und damit häufig Unsicherheit auf die Eltern übertrugen. Eigene Abneigungen gegen oder das Unwissen über die HPV-Impfung waren die häufigsten Ursachen, dass die Impfung nicht prioritär oder als mögliche Option zur langfristigen Gesunderhaltung bei Jungen kommuniziert wurde.
Fazit
Die HPV-Impfung ist für beide Geschlechter eine sinnvolle Maßnahme der Krebsprävention. Ärzte sollten sich stets über aktuelle Entwicklungen und Forschungsergebnisse diesbezüglich informieren und eigene Meinungen dazu zurückhalten. Noch immer ist die Information des Arztes für viele Eltern eine wichtige Entscheidungshilfe, die nicht von persönlichen Ansichten, sondern vielmehr von Fakten und Risiko-Nutzen-Abwägungen getragen werden sollte. Dies wäre dann ganz im Sinne der Botschaft von Harald zur Hausen als Pionier der HPV-Impfung: „Impft auch die Jungen!“

Quellen im Text

Freitag, 27. November 2015

Das hilft wirklich gegen Haarausfall

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Unser Kopfhaar ist Teil unserer Identität. Wird es dünner oder geht gänzlich aus, sind nicht selten psychische Probleme bis hin zur Depression die Folge. Das Geschlechtshormon Testosteron steuert die Entwicklung und Funktion des männlichen Körpers, ein Leben lang. Doch kann es auch eine Ursache für den frühzeitigen Haarverlust sein – die Geschichte(n) eines allgegenwärtigen Dramas.

Haare nehmen im Alltag des Menschen eine sehr bedeutende Stellung ein. Auf dem Kopf sind sie Grundlage unseres Selbstbildes, am Körper werden sie seit jeher aufs Schärfste mit Cremes, Lotionen sowie ganz martialisch mittels Klinge oder Laser bekämpft. Politiker und Medien verlieren sich in Haarspalterei um gefärbtes Kopfhaar und so mancher Frau wird nachgesagt, sie hätte Haare auf den Zähnen. Querulanten und Besserwisser finden hingegen noch das letzte Haar in der Suppe. Haare sind omnipräsent und der Verlust des Kopfhaars kann der Beginn einer echten Lebenskrise sein. Dabei gilt, je früher die Glatzenbildung einsetzt, desto schwerer trifft dies die Psyche und das Selbstwertgefühl der Betroffenen.

Testosteron bringt Kraft, aber eben nicht fürs Haar

Testosteron beginnt beim Jungen während der Pubertät damit, den kindlichen Körper durch den Aufbau männlicher Proportionen umzugestalten. Gleichzeitig wirkt es anregend auf die Körperbehaarung; Bartwuchs und gegebenenfalls Brusthaar bilden sich aus. Für das Kopfhaar indes ist dieser Umbruch oft der Beginn des schleichenden Untergangs. Schuld daran sind zum einen die Androgen-Rezeptoren in den Haarfollikeln, zum anderen die 5-alpha-Reduktase Typ II, ein Enzym, das bei vielen Männern vor allem im Bereich des Skalps gehäuft auftritt. Es wandelt Testosteron in das aktivere Dihydrotestosteron (DHT) um. Das DHT wirkt am Androgenrezeptor in den Haarfollikeln, beschleunigt den Haarzyklus und führt schließlich dazu, dass das Haupthaar ausdünnt und gänzlich ausfällt. Doch was viele Männer noch immer nicht wissen: Es gibt tatsächlich Mittel, um den Haarausfall zumindest bei einigen von ihnen zu verringern.

Behandlungsoptionen bei Haarausfall

Obwohl einmal verlorengegangenes Haar nicht wieder vollständig ersetzt werden kann, bieten verschiedene medizinische Mittel und Operationen dennoch eine gute Chance, die Glatzenbildung aufzuhalten oder die Haardichte zumindest wieder etwas zu verbessern. Finasterid und Minoxidil sind zwei verfügbare medizinische Lösungen, deren Wirksamkeit in Studien belegt wurde. Finasterid hemmt die 5-alpha-Reduktase Typ II in den Haarfollikeln und damit die Umwandlung von Testosteron in DHT. Die Langzeiteinnahme von 1 mg Finasterid pro Tag stoppt den Haarverlust und führt zu einem begrenzten Zuwachs an aktiven Haarfollikeln. Die Nebenwirkungen, wie beispielsweise Libidoverlust und erektile Dysfunktion, treten nur in seltenen Fällen auf.

Minoxidil hingegen ist ursprünglich ein oraler Blutdrucksenker, der als Nebeneffekt das Haarwachstum anregen kann. Als 2–5 %-ige Lösung auf die Kopfhaut aufgetragen, zeigte sich bei etwa jedem dritten Mann ein verbessertes Haarwachstum. Nebenwirkungen, wie z. B. Hautrötungen und eine sehr starke Körperbehaarung, treten nur in 5–6 % der Fälle auf. Männer mit Herzkrankheiten inklusive eines zu niedrigen Blutdruckes sollten jedoch vor der Behandlung mit ihrem Kardiologen sprechen.


Neben diesen medikamentösen Therapieformen gibt es noch die operative Haarrestauration. Hierbei werden Haarfollikel vom Hinterkopf des Mannes entnommen und in die obere Kopfhaut eingepflanzt. Da die Haarfollikel am Hinterkopf sehr viel weniger Androgen-sensitiv sind, bleiben sie dauerhaft erhalten. Diese Behandlung ist jedoch sehr aufwändig und teuer im Vergleich zu Finasterid und Minoxidil. Allerdings ist sie langfristig erfolgreicher. Denn die rein medikamentöse „Haartherapie" verliert ihre Wirkung nach Absetzen des Medikaments.



Quellen:
Arias-Santiago S et al., J Am Dermatol 2010;63:420-429
Batrinos ML, Hormones 2014;13(2):197-212
Ford ES et al., Am J Epidemiol 1996;143:651-657
Hawk E et al., Cancer Epidemiol Biom 2000;9:523-527 McElwee KJ et al., Skin Therapy Lett 2012;17:1-4
Shamsaldeen OS et al., Skin Therapy Lett 2013;18(4):5-7

Montag, 26. Oktober 2015

Antioxidantien lassen Krebs explodieren

News: Forschung

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Sie sind gesund. Oder doch nicht? Forscher fanden in Experimenten kürzlich heraus, dass Antioxidantien entgegen allen Erwartungen eine bestehende Tumorerkrankung eher noch schlimmer machen.


Erhielten Mäuse die als gesund propagierten Radikalfänger verabreicht, verdoppelte sich deren Metastasierungsrate bei Hautkrebs. Ganz ähnliche Ergebnisse sahen die Wissenschaftler bei menschlicher Haut und auch bei Lungenkrebs. Ihre Empfehlung: Krebspatienten sollten antioxidative Nahrungsergänzungen besser meiden!

 
Aggressiver Lungenkrebs

Bereits zuvor war bekannt geworden, dass an Lungenkrebs erkrankte Mäuse mit Antioxidantien zu einer höheren Aggressivität ihres Tumors neigten. Die Lungentumoren wuchsen in jenen Tieren dann sehr viel schneller. Darüber hinaus stieg die Metastasierungsrate menschlicher Tumorzellen im Versuch messbar an. Sensibilisiert durch ihre Studien, untersuchten die Forscher der Universität Göteborg nun aktuell den Einfluss der Oxidantien auf Hautkrebs. Am malignen Melanom erkrankte Mäuse erhielten als Antioxidans das N-Acetylcystein (NAC). Die für die Tiere errechnete Dosierung entsprach der Dosierungsempfehlung für den Menschen von etwa 665 bis 1.330 Milligramm pro Tag. Antioxidantien, wie das Vitamin C, gelten gemeinhin als sehr gesund.

Doch das Ergebnis der Studie war erschreckend und eindeutig zugleich: Diejenigen Mäuse, die das Antioxidans erhalten hatten, litten an doppelt so vielen Metastasen wie die Kontrolltiere. Darüber hinaus war bei den betroffenen Tieren sowohl die Zahl der befallenen Lymphknoten, als auch die Menge der Tumorzellen in den Einzelmetastasen deutlich erhöht. Die Primärtumore waren jedoch unverändert. Gerade Metastasen sind aber beim Hautkrebs ein schwerwiegendes Problem und stellen die Haupttodesursache dar. Vermutlich helfen die Antioxidantien den wandernden Tumorzellen, sich auszubreiten. Krebszellen, die einen gut vaskularisierten Tumorherd verlassen, sehen sich normalerweise oxidativem Stress ausgesetzt. Das NAC aber schafft als Radikalfänger ein „ruhiges“ Milieu für die wandernden Tumorzellen, was schließlich deren Erfolg garantieren könnte.

Antioxidantien besser vermeiden?

Angesichts solcher Ergebnisse raten die Forscher allen Krebspatienten dringend davon ab, Nahrungsergänzungsmittel mit Antioxidantien einzunehmen. Die Hoffnung, damit die Krebstherapie zu unterstützen, könnte falsch sein. Patienten mit Hautkrebs müssen auch noch etwas anderes als die Ernährung beachten: Die Haut-Lotionen sowie Sonnenmilch, die wir uns zur täglichen Pflege auftragen, enthalten nicht selten Beta-Karotin und/oder Vitamin E, die ebenfalls antioxidativ wirken. Obgleich diese Substanzen nicht Gegenstand der aktuellen Studie waren, könnten siedoch Hautkrebs auf eine ähnlich negative Weise beeinflussen wie die Antioxidantien aus Nahrungsergänzungsmitteln.

Fazit

Das lange propagierte „viel hilft viel“ in Bezug auf Antioxidantien scheint zumindest bei Krebspatienten falsch zu sein. Sie profitieren nicht von der Behandlung mit antioxidativen Nahrungsergänzungsmitteln, erleben im Gegenteil dazu einen deutlich agressiveren Verlauf z. B. bei Haut- und Lungenkrebs.

Quelle:
Kristell Le Gal et al.; Science Translational Medicine  2015: 10.1126/scitranslmed.aad3740

Dienstag, 29. September 2015

Länger und gesünder leben trotz HIV

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Die lebenslange Behandlung bei HIV wirkt auf beinahe jedes Organ ein. Betroffene leiden z. B. häufiger als Nichtinfizierte unter Herz- und Nierenerkrankungen. Moderne HIV-Medikamente sollten deshalb zukünftig deutlich weniger unerwünschte Wirkungen haben. Im 21. Jahrhundert steht nicht länger allein das Überleben der Patienten im Vordergrund, sondern vielmehr auch deren verbesserte Lebensqualität.

Die HIV-Infektion ist heute dank modernster Medikamente bei uns längst kein Schreckgespenst mehr. Die Betroffenen bleiben aber dennoch ein Leben lang chronisch mit dem Virus infiziert.

Dreierkombination noch immer Goldstandard
Die Kombination aus zwei Nukleosidanaloga mit einem Proteaseinhibitor bzw. alternativ mit einem Integrasehemmer ist nach wie vor die Therapie der Wahl für HIV-positive Patienten. Damit lässt sich für die meisten Patienten eine fast normale Lebensspanne erzielen. Diese geht jedoch zulasten der Gesundheit. HIV-Patienten leiden statistisch häufiger als Nichtinfizierte unter Begleiterkrankungen des Herzens, der Nieren oder auch unter Osteoporose. Neuere Medikamentengenerationen wie beispielsweise Tenofovir-Alafenamid (TAF) könnten zukünftig eine echte Therapie-Alternative bieten und die Nebenwirkungen minimieren, wie aktuelle Studien zeigen.

Gesundheit trotz HIV steht an oberster Stelle
„Ich fühle mich kaum von meiner Infektion beeinträchtigt", sagte Frank W. aus Bonn anlässlich eines Presseworkshops auf dem Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress in Düsseldorf im Juni 2015. „Aber wenn ich dann mal unter Zipperlein leide, weiß ich oft nicht, ob das nun das Alter ist, die HIV-Infektion oder eine Therapiefolge? Das verunsichert schon sehr." Prof. Dr. med. Jürgen Rockstroh (Bonn) fügte hinzu: „HIV-Patienten leiden mit zunehmendem Alter sehr viel stärker unter kardiovaskulären Erkrankungen, Knochenfrakturen, Nierenproblemen und Diabetes mellitus. Ursache dafür ist zum Teil die dauerhafte Immunstimulation durch das HI-Virus. Mit Medikamenten, wie z. B. TAF, ließe sich dieses Risiko aber deutlich verringern."

TAF mit geringerer Nebenwirkungslast

Im Vergleich mit dem bisher standardmäßig eingesetzten Tenofovir Disoproxil-fumarat (TDF) traten unter TAF sehr viel weniger unerwünschte Wirkungen auf. Die Nierenfunktionswerte (eGFR) und ebenso die Knochensubstanz waren weniger stark beeinträchtigt. „Die bessere Verträglichkeit und deutlich weniger Nebenwirkungen erhöhen nicht nur die Therapie-Adhärenz der Betroffenen, sondern steigern zudem deren Lebensqualität", so Prof. Rockstroh. Bei heutigen Therapien stehe vor allem die dauerhafte Gesundheit trotz HIV-Infektion im Mittelpunkt. „Ich habe immer gesund gelebt. HIV hat daran nichts geändert", so Patient W. zum Abschluss des Presseworkshops.

Quellen:
Presseworkshop „Noch viel vor...", DÖAK 2015 (Veranstalter: Gilead)
DER PRIVATARZT Urologie 4/2015







 

 

 

 

 

 

 

 
 

Freitag, 28. August 2015

Testosteronbooster aus dem Dschungel

News: Komplementärmedizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Der Malaysische Ginseng (Tongkat Ali) wird in weiten Teilen Südostasiens seit jeher eingesetzt, um die Kraft und Stressresistenz des Mannes zu erhöhen. Dass dies nicht allein dem Reich des Mystizismus zuzuschreiben ist, veranschaulicht eine steigende Anzahl an wissenschaftlichen Studien.

Tongkat Ali, oder Eurycoma longifolia, so sein botanischer Name, ist ein tropischer Baum, der vor allem in den Regenwäldern Malaysias und Südost­asiens gedeiht. Für die medizinische Anwendung besonders wertvoll sind die Wurzeln der Pflanze. Diese enthalten unter anderem Eurycomanon und weitere Eurypeptide, die z. B. auf die Muskulatur, die Libido oder den Testosteronspiegel von Män­nern Einfluss nehmen.

Tongkat Ali steigert freies Testosteron
Der altersbedingte Rückgang des Testosterons bis hin zum sekundären Hypogonadismus geht mit einer Reihe physischer und psychischer Verände­rungen einher: Der Körperfettgehalt nimmt zu, während sich die Muskelmasse des Körpers ver­ringert. Darüber hinaus treten häufig aufgrund der Lebensumstände verstärkt Verstimmungen, Lustlosigkeit, Anspannung und Stress hinzu, was die Lebensqualität der Männer weiter absenkt. Hier kann Eurycoma longifolia in milden Fällen als alternatives Therapeutikum durchaus in Erwä­gung gezogen werden. Der Pflanzenextrakt för­dert den Katabolismus, erhöht z. B. die Muskel­kraft und reduziert den Fettanteil des Körpers.(1-3) Darüber hinaus reduzierte Tongkat Ali in Studien statistisch signifikant die Rate der Anspannung und Verstimmungen um 11 % bzw. 12 %, was sich ebenso im gemessenen Cortisol-Spiegel nie­derschlug. Cortisol als Stressmarker nahm dabei um insgesamt 16 % ab. Gleichzeitig stieg das Tes­tosteron im Blut der Patienten um 37 % an.(4) Dieser positive Einfluss auf die Testosteronkonzen­tration wurde in weiteren Studien bestätigt. In einer Arbeit von Tambi und Kollegen beispielsweise stieg der Testosteronwert mit täglich 200 mg Tongkat Ali-Extrakt von 5,66 ± 1,52 nmol/l auf 8,31 ± 2,47 nmol/l an.(5)

Wo setzt Eurycoma longifolia an?
Die genauen molekularen Zusammenhänge der testosteronsteigernden Wirkung von Tongkat Ali sind weitestgehend unbekannt. Sehr wahrschein­lich haben jedoch etwa 4,3 kDa große Moleküle aus dem wässrigen Extrakt einen Einfluss auf die Testosteronsynthese.(6) Diese sogenannten Eurypeptide greifen in die Steroidsynthese ein und führen zu einem Überschuss an DHEA, einer Vor­stufe des Testosterons. Ein zweiter wichtiger In­haltsstoff der Eurycoma-Wurzel ist das Eurycoma­non, welches im Tierversuch das testikuläre Testosteron erhöhte. Ausschlaggebend dafür scheinen Wirkungen auf die LH- und FSH-Aus­schüttung zu sein. Darüber hinaus blockiert Eury­comanon die Aromatase, ein Enzym, welches beim alternden Mann vornehmlich im abdomina­len Fett vorkommt und Testosteron in Östrogen umwandelt. Dies unterstützt zusätzlich einen sta­bileren Testosteronspiegel bei den betroffenen Männern.(7,8)

Tongkat Ali gegen Testosteronersatz: ein Punktsieg?
Da Eurycomanon und Eurypeptide keine Struktur­merkmale mit Testosteron teilen, wird der Feed­backmechanismus im Körper nicht beeinflusst. Anders bei der Testosteronsubstitution: Hier wird dem Körper von außen Testosteron zugeführt, was im Gehirn dazu führt, dass weniger LH und FSH ausgeschüttet werden. In der Folge bildet der Körper auch weniger eigenes Hormon. Tongkat Ali führt indes dazu, dass der Testosteronwert im Blut steigt und sich die Hor­monsynthese selbst über Feed­backmechanismen einregelt.

(Anm. d. Red.: Tongkat Ali ist in Deutschland derzeit noch nicht zu beziehen. Möglicherweise wird der Pflanzenextrakt aber ab 2016 auch hierzulande zur komplementärmedizinischen Versorgung bei mildem Testosteronmangel verfügbar sein.)

Quellen:

1 Hamzah S & Yusuf A., Br J Sports Med 2003; 37:465-466
2 George A et al., J Sports Med Doping Stud 2013; 3:127
3 Henkel R et al., Phytother Res 2014; 28:544-550
4 Talbot SM et al., J Int Soc Sports Nutr 2013; 10:28
5 Tambi MIBM et al., Andrologia 2012; 44:226-230
6 Sambandan TG et al., 2006; Patent no.: US 7,132,117 B2
7 Low BS et al., J Ethnopharmacol 2013; 149:201-207
8 Low BS et al., J Ethnopharmacol 2013; 145:706-714
9 Ismail SB et al., Evid Based Comple­ment Alternat Med 2012: 429268
 
(aus DER PRIVATARZT Urologie 3/2015)

Montag, 10. August 2015

Urologie kann mehr: Der Schlaf des Mannes

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Testosteron folgt keinem so strengen Tagesrhythmus wie beispielsweise das Cortisol. Doch besonders nachts steigen die Testosteronwerte an, weshalb das Hormon zunehmend im engen Zusammenhang mit der Schlafdauer und Schlafqualität beim Mann betrachtet wird.

Je mehr Mann schläft, desto höher ist sein nächtlicher Testosteronwert. Selbstverständlich nimmt der Serumgehalt des Hormons altersbedingt allmählich ab, dennoch hat auch ein älterer Mann mit vermindertem Testosteronwert nachts seine Konzentrationsspitze. Diese Tages-Nacht-Rhythmik hängt sehr stark davon ab, ob der Mann mindestens 3 bis 4,5 Stunden ungestörten Schlafes bekommt. Dabei ist unwichtig, ob er am Tag oder ausschließlich in der Nacht schläft.

Schlaf ist testosteronabhängig

Die Beziehung zwischen Testosteron und Schlaf ist wechselseitig, d. h., ist zu wenig Hormon im Blut, schläft der Mann schlechter; ist der Schlaf hingegen durch Stress oder Lärm gestört, wird die Testosteronspitze nicht mehr erreicht. Dieser Mangel an Testosteron kann Müdigkeit, Unruhe, Unausgeglichenheit bis hin zu sexuellen Störungen verursachen. Unser Schlaf ist dank des künstlichen Lichts, der Digitalisierung und vor allem aufgrund des steigenden Stresspegels in der Arbeitswelt sehr vielen Störfaktoren unterworfen. In der Folge sinkt die durchschnittliche Schlafzeit immer weiter auf weniger als sieben Stunden durchgehenden Nachtschlafes. Da die Testosteronspitze in der Nacht von den ersten drei bis vier Stunden Schlaf abhängt, ist es augenscheinlich, dass Schlafstörungen und Schlafentzug zu niedrigen Testosteronwerten führen.

Schlafmangel als Auslöser für Testosteronmangel?
In Experimenten zeigten Forscher, dass Männer, die acht Nächte in Folge nur jeweils fünf Stunden Schlaf bekamen, zwischen 10 und 15 % weniger Testosteron hatten als Männer mit durchschnittlicher Schlafdauer.

Fettleibigkeit und Testosteronwerte
Ein weiterer Einflussfaktor auf die Schlafqualität und das Testosteron ist das Körpergewicht. So leiden adipöse Männer sehr viel häufiger unter Schlafapnoe und Hypogonadismus als Normalgewichtige. Könnte diesen Patienten dann eventuell eine Hormonsubstitution helfen? Eine Gewichtsreduktion lässt die Testosteronkonzentration im Blut ansteigen. Gleichzeitig verringert sich die Gefahr für die Schlafapnoe und andere Folgeerkrankungen der Fettleibigkeit. Doch wer nun, um besser schlafen zu können, Testosteron wild substituieren möchte, sei gewarnt: sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig stören die Schlafqualität. Ein Testosteronmangel verringert die Schlafeffektivität und erhöht die Zahl der Wachphasen. Gleichermaßen verändert der Testosteronmißbrauch das Schlafbild: Die Schlafzeit nimmt ab, Schlaflosigkeit tritt ein und es kommt zu Ein- und Durchschlafstörungen.

Quelle:
Witter G. Asian J Androl 2014; 16:262-265
(aus DER PRIVATARZT Urologie 3/2015)

Montag, 20. Juli 2015

Brustkrebs-Prävention: Testosteron goes feminin

Ausblick: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Testosteron gilt allgemein als das „Männerhormon“. Doch in den vergangenen Jahren begann das Bild Stück für Stück zu bröckeln. Denn auch Frauen haben Testosteron und auch bei ihnen beeinflusst das Steroid zahlreiche Körperfunktionen. Besonders interessant: Testosteron könnte eine Rolle bei der Brustkrebs-Prävention spielen.

Testosteron wird im weiblichen Körper vor allem in den Eierstöcken und in der Nebennieren­rinde gebildet. Seine Konzentrationsspitze liegt bei der Frau etwas oberhalb des 20. Lebensjahres. Ab Mitte 30 sinkt der Hormonspiegel für Testosteron langsam ab und einige Frauen zeigen dann erste Symptome eines Androgenmangels. Das fehlende Testosteron zu ersetzen, könnte deshalb auch bei der Frau zukünftig eine Rolle spielen.
Testosteron schützt die weibliche Brust

Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Testosteron vor Brustkrebs schützen kann. Das Hormon vermittelt seine krebshemmende Wirkung über den Androgenrezeptor, der in 80 – 85 % der Brusttumoren gebildet wird. Androgenrezeptor-positive Tumoren haben in der Regel eine bessere Prognose und höhere Überlebensraten.

Übergewicht lässt Testosteronvorteil schrumpfen
Fettleibigkeit und Diabetes mellitus stören jedoch die Schutzwirkung des Testosterons im weiblichen Organismus. Insbesondere das dadurch verursachte hormonelle Ungleichgewicht und die chronischen Entzündungsreaktionen lassen die Aromatase-Expression im Brustgewebe ansteigen. Durch das Enzym Aromatase wird Testosteron zu einem Teil in Östrogen umgewandelt. Das normalerweise zwischen den beiden Hormonen bestehende Gleichgewicht wird aufgehoben und hormonsensitive Tumorzellen nutzen den Überschuss an Östrogen für ihr unkontrolliertes Wachstum. Dennoch gibt es moderne Wege, eine Testosterontherapie ohne das höhere Risiko für eine Umwandlung von Testosteron in Östrogen zu beginnen.
Testosteron-Implantate sind ein hoffnungsvoller Ansatz

Glaser & Dimitrakakis demonstrierten in einer ihrer Studien, dass die kombinierte Gabe von Testosteron (60 mg) und Aromatasehemmer Anastrozol (4 mg) gegen das Mammakarzinom wirken könnte. Die Implantate wurden direkt neben den Brustkrebs-Herd eingebracht und setzten dort kontinuierlich Testosteron und Aromatasehemmer frei. Die Forscher nutzten den direkten hemmenden Effekt des Testosterons auf die Brustkrebszellen. Die Umwandlung von Testosteron zu Östrogen war dabei nicht zu befürchten. Es zeigten sich zudem keine unerwünschten Wirkungen bei dieser Behandlungsmethode. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass randomisierte kontrollierte Studien zur Wirksamkeit von Androgenen in der Brustkrebs-Prävention und ebenso bei dessen Behandlung nach wie vor fehlen.

Fazit
  • Testosteron spielt auch bei Frauen eine sehr große Rolle für die körperliche und die mentale Fitness. Es erhöht darüber hinaus die Lebensqualität der Frauen, inklusive derer mit einer Brustkrebs-Vergangenheit.
  • Testosteron scheint vor dem Mammakarzinom zu schützen, wird aber mithilfe der Aromatase teilweise in Östrogen umgewandelt. Adipositas und Diabetes mellitus erhöhen die Aromatase-Aktivität zusätzlich und stören somit die Schutzfunktion des Testosterons.
  • Die Hormontherapie mittels Testosteron oder kombiniertem Testosteron-Anastrozol könnte für Frauen mit Mammakarzinom eine echte Behandlungsalternative werden, in Fällen, wenn Östrogene kontraindiziert sind. Eine bessere Studienlage sollte in den kommenden Jahren jedoch noch abgewartet werden.

Quellen:
Boni C et al., Anticancer Res 2014; 34:1287-1290
Glaser R & Dimitrakakis C. Maturitas 2015; http://dx.doi.org/10.1016/j.maturitas.2015.06.002
Glaser R & Dimitrakakis C. Menopause 2014; 21:673

Sonntag, 21. Juni 2015

Der PSA-Wert: Besser gezielter Schuss statt Schrotsalve

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Der PSA-Wert ist für die einen der Lebensretter im Kampf gegen den Prostatakrebs, für die anderen ist er ein Sinnbild für die Überdiagnostik unserer Zeit. Von vielen Urologen in der Praxis wird der Test lange gefordert, von den Kassen jedoch noch immer nicht als Vorsorgeleistung anerkannt. Sie als ratsuchender Patient bleiben in dieser Debatte häufig im Regen stehen. Doch der PSA-Wert hat bei bestimmten Patientengruppen durchaus seine Daseinsberechtigung. Zeit, das Für und Wider in einem Überblick zusammenzufassen.
Das Prostatakarzinom (PCa) ist noch immer der in Deutschland am häufigsten diagnostizierte bösartige Tumor des Mannes und auch die dritthäufigste Todesursache. Die Früherkennung ist deshalb enorm wichtig. Doch es fehlt an geeigneten Markern, um den Prostatakrebs rechtzeitiger erkennen zu können. Das Prostata-spezifische Antigen (PSA) ist beim Prostatakrebs zwar in der Regel sehr stark erhöht, jedoch merken Kritiker an, dass es auch bei der gutartigen Prostatavergrößerung, nach dem Sport oder sogar nach dem Sex sehr viel höher ausfallen kann. Ist es deshalb aber gleich kein verlässlicher Marker zur Abschätzung des Krebsrisikos bei Männern mehr? Fakt ist: Nach wie vor ist das PSA der einzige routinemäßig messbare Marker für eine mögliche Krebserkrankung der Prostata. Rational und zielführend eingesetzt ist der Wert ein für die Früherkennung wichtiges Indiz und kann den Arzt auf die erste heiße Spur führen. Dies kann letztlich Leben retten.

Der PSA-Test liefert einen Richtwert
Die European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC) zeigte für die Gruppe der 55- bis 65-Jährigen, dass eine regelmäßige Frühtestung die Sterblichkeitsrate um 21 % senkte. Die Teilnehmer dieser Studie unterzogen sich über 11 Jahre hinweg einer regelmäßigen Früherkennung (sogenanntes „Screening“). Männer im Alter zwischen 70 und 75 Jahren hatten jedoch keinen vergleichbaren Effekt durch ein regelmäßiges PSA-Screening. Ein lebenslanges PSA-Screening ist deshalb sicher nicht der richtige Weg und zudem sehr teuer. Doch wann sollten Männer einen PSA-Test machen lassen?

Weitere Studien zeigten in diesem Zusammenhang, dass die Höhe des PSA-Wertes in frühen Lebensjahren und das Risiko für ein Prostatakrzinom im späteren Leben sehr stark miteinander zusammenhängen. Für Männer, die im Alter zwischen 44 und 50 Jahren einen PSA-Wert von mehr als 2 ng/ml haben, gilt, dass sie mit einem um 40 % höheren Risiko bis zum 75. Lebensjahr an einem Prostatakarzinom erkranken könnten. Und was bedeutet das für Sie als Patient?
Derzeit wird ein Startwert („Basal-PSA“) im jungen Erwachsenenalter befürwortet, um später abschätzen zu können, ob der PSA-Wert gestiegen ist, oder nicht. Es gibt Männer, die durchaus das ganze Leben zu einem leicht erhöhten PSA-Wert neigen. Ohne einen Startwert ist es aber im späteren Leben für den Arzt schwieriger, zu entscheiden, ob hier Handlungsbedarf besteht oder nicht. Schließlich ist die Diagnostik bei einem Krebsverdacht durchaus anstrengend für den Patienten. Um Arzt und Patient den Umgang mit dem PSA-Wert zu erleichtern, gibt es die sogenannte S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom, in der sowohl die Diagnostik als auch alle weiteren Schritte zur Behandlung eines Tumors in Form von Empfehlungen festgelegt werden.

Männer ab 45 Jahren zum PSA-Test
Insgesamt sind im Vergleich zur letzten Aktualisierung 2011 mehr als zehn Neuerungen bei der Leitlinie Prostatakarzinom unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) vorgenommen worden. Der wesentliche Punkt dieser im Herbst 2014 aktualisierten S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom ist, dass Männer nun erst ab dem 45. Lebensjahr - nicht mehr ab dem 40. Lebensjahr - über die Möglichkeit einer PSA-gestützten Früherkennung informiert werden sollen. Lediglich Männer mit Risikofaktoren und/oder erhöhtem Basal-PSA sollen weiterhin ab dem 40. Lebensjahr einen PSA-Test im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen angeboten bekommen.

Eine Untersuchung, die Männern völlig zu unrecht regelmäßig die Schweißtropfen auf die Stirn treibt, ist die rektale Abtastung der Prostata durch den Urologen mithilfe eines Fingers. Diese sogenannte digital-rektale Untersuchung ist in der Neufassung der Leitlinie allerdings kein Standard mehr. Vergleichbar mit der nun an ihre Stelle getretenen Prostatabiopsie ist sie aber zweifelsfrei das geringere Übel. Bisher galt für die Prostatabiopsie, bei der Gewebe mithilfe einer Biopsienadel direkt aus der Prostata entnommen wird: Die Biopsie empfahl sich bei einem kontrollierten PSA-Wert von ≥ 4 ng/ml bei der erstmaligen Früherkennungs­konsultation, wenn die folgenden Faktoren erfüllt waren: Krebsverdacht nach digital-rektaler Untersuchung sowie ein auffälliger PSA-Wert. Neu ist: In der aktualisierten Fassung der Leitlinie wird diese Vorgehensweise nun ergänzt, sodass ebenso bei jüngeren Patienten individuell auch bei niedrigeren PSA-Werten eine Biopsie angedacht werden kann.
Sofern keine Biopsie notwendig ist, richten sich die Intervalle der Nachfolgeuntersuchungen derzeit nach dem aktuell gemessenen PSA-Wert. Männer ab 45 Jahren mit einem PSA-Wert < 1 ng/ml und einer statistischen Lebenswartung von mindestens zehn weiteren Jahren müssen alle vier Jahre zur erneuten Untersuchung erscheinen. Liegt der PSA-Wert zwischen 1 und 2 ng/ml verkürzt sich das Intervall auf 2 Jahre und beträgt sogar nur noch ein Jahr, wenn der gemessene PSA-Wert die 2 ng/ml übersteigt. Da Männer zwischen dem 70. und 75. Lebensjahr gemäß ERSPC-Studie nicht gleichermaßen von der Früherkennung durch die Messung ihres PSA-Wertes profitieren, wird für Männer über 70 Jahre mit einem PSA-Wert ˂ 1 ng/ml keine weitere PSA-gestützte Früherkennung mehr empfohlen.

Doch was ist mit Männern ab 60 Jahren? Sind sie zu alt für den PSA-Test oder doch noch zu jung, um nicht mehr davon zu profitieren? Eine weitere Studie gibt auch auf diese Frage eine gute Antwort:
PSA-Wert ab dem 60. Lebensjahr: “To screen or not to screen”

Schwedische Forscher untersuchten den Zusammenhang zwischen PSA-Screening, Häufigkeit des Prostatakarzinoms sowie Sterblichkeit bei 60-jährigen Männern. Die Studie verglich eine Gruppe mit PSA-Screening bestehend aus 1.756 Männern mit einer ungescreenten Gruppe, die 1.162 Männer umfasste. Die PSA-Werte der Probanden wurden anhand eingelagerter Blutproben von 1981 nachbestimmt.

Die Überraschung: Die in beiden Gruppen gemessenen PSA-Werte unterschieden sich nicht. Allerdings verringerte das PSA-Screening die Sterblichkeit bei Männern, deren PSA-Wert über 2 ng/ml lag. Der Krebs wurde bei ihnen einfach in einem früher Stadium entdeckt. Um in dieser Patientengruppe einen Tod durch Prostatakrebs zu verhindern, mussten lediglich 23 Männer gescreent werden. Diejenigen, die einen gemessenen PSA-Wert unter 2 ng/ml hatten, profitierten allerdings nicht vom PSA-Screening. In diesen Fällen erkrankten bzw. starben ebenso viele Männer an einem Prostatakarzinom wie in der ungescreenten Kontrollgruppe.

Aufgrund dieser Ergebnisse sollten Männer im Alter von 60 Jahren, die einen PSA-Wert von < 1-2 ng/ml haben, keine regelmäßige PSA-Wert-Bestimmung erhalten. Da das etwa drei Viertel der Männer in dieser Altersgruppe ausmacht, lassen sich durch ein solches rationales Vorgehen einerseits die Untersuchungskosten reduzieren, andererseits wird aber auch eine Überdiagnostik ohne wirklich spürbaren Zusatznutzen vermieden. Das schont sowohl die Geldbörsen als auch die Nerven der Männer in dieser Altersgruppe.

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Der Alltag: Falsch-positive Testergebnisse und Übertherapie?
Die Vorteile eines flächendeckenden allgemeinen PSA-Screenings würden unter den derzeitigen Bedingungen mit Überdiagnostik und Übertherapie erkauft. Die Anzahl falsch-positiver Testergebnisse wäre sehr hoch. In vielen Fällen würde der erhöhte PSA-Wert mit invasiven Untersuchungen, wie z.B. der Biopsie, abgeklärt. Sehr oft bekämen Patienten schließlich eine Krebsdiagnose, obgleich es sich lediglich um ein klinisch nicht weiter bedeutsames Prostatakarzinom handelt. Dieses würde z. B. auch unbehandelt nicht zum Tod des Patienten führen. Diese Übertherapierate beträgt derzeit bis zu 50 %. In der Folge der Krebstherapie leiden die Patienten zu einem großen Teil an erheblichen Einschränkungen ihres Alltags und der individuellen Lebensqualität. Infektionen, Inkontinenz oder Erektionsprobleme sind nur einige der Nachwirkungen dieser Übertherapie. Deshalb plädieren viele Fachgesellschaften weltweit dafür, dass nach der aktuellen Studienlage ein unselektiertes PSA-Massenscreening von Männern jeden Alters nicht sinnvoll ist. Dennoch darf dies nicht als ein generelles „Nein“ zum PSA-Wert missverstanden werden!

Denn ein genereller Verzicht auf einen Früherkennungsmarker wie PSA ist ebenso wenig zu empfehlen. Experten gehen derzeit davon aus, dass ein Verzicht auf den PSA-Test zu einem Anstieg der relativen krebsspezifischen Sterblichkeit zwischen 20 und 30 % führen könnte. Darüber hinaus gibt es bisher keine wissenschaftlich begründeten Alternativen, die das PSA in Bezug auf Sensitivität und Spezifität übertreffen würden. Ein echter Nachfolger für das PSA bei der Früherkennung des Prostatakarzinoms ist demnach noch nicht gefunden.

Fazit: Der PSA-Test ist ein Diagnosetool für Einzelpersonen sowie wohl definierte Risikogruppen.


Das nach wie vor bestehende Dilemma beim Einsatz des PSA-Tests lässt sich wie folgt zusammenfassen: Auf der einen Seite schwelt der Konflikt zwischen der volkswirtschaftlichen und der gesundheitspolitischen Betrachtungsweise des PSA-Screenings, die noch immer im Grundtenor eher ablehnend ist. Dem entgegen steht die persönliche Einstellung vieler Männer und ihrer behandelnden Urologen, die das individuelle Risiko, an Prostatakrebs zu versterben, gern verringern möchten. Hier müsste eine breiter angelegte Aufklärungsarbeit der Ärzte mit mehr Bestimmtheit ansetzen, um Patienten wie Gesundheitspolitikern und Krankenkassenverbänden den Nutzen des PSA-Tests gerade für Einzelpersonen bestimmter Alters- oder Risikogruppen darzulegen. Um das persönliche Risiko des Mannes für ein Prostatakarzinom zu verringern, gibt es bis dato keinen besseren „Tumormarker“ als das PSA. Intelligent angewendet rettet der PSA-Wert als früher Marker des Prostatakarzinoms tatsächlich Leben. Der Kompromiss zu einem als wenig sinnvoll erachteten Massenscreening ist das risikoadaptierte PSA-Screening, denn hier gibt es eine vordefinierte Betroffenengruppe (z. B. Männer ab dem 40. Lebensjahr mit Risikofaktoren oder erhöhtem Basal-PSA). Mit einer solchen Vorgehensweise ließe sich letztlich Überdiagnosen und Übertherapien begegnen und gleichzeitig das Sterblichkeitsrisiko innerhalb der Risikogruppe reduzieren. Der PSA-Wert sollte deshalb eher als fokussiertes Diagnoseinstrument eingesetzt werden, denn nach dem Gießkannenprinzip. Dies würde seine Akzeptanz wahrscheinlich deutlich erhöhen und kommt letztlich ganz besonders den Männern mit Prostatakarzinom zugute; und deren Zahl steigt leider auch heute noch weiterhin an.

 Exkurs: Was ist PSA?


(Zum Vergrößern bitte Text anklicken)

 
 
 
 
Quellen:
Carlsson et al. BMJ 2014; 348: g2296
 
Esch L et al. Onkologe 2013; 19:705–710
Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms Langversion 3.0 – 2. Aktualisierung – September 2014 AWMF-Register-Nummer 043/022OL
Lilja H et al. Cancer 2011; 117:1210–1219
Lilja H et al. J Clin Oncol 2007; 25:431–436
Schroder FH, Hugosson J, Roobol MJ et al (2012) Prostate-cancer mortality at 11 years of follow-up. N Engl J Med 366:981–990
Vickers AJ & Lilja H. World J Urol 2012; 30:131–135

Samstag, 30. Mai 2015

HIV im 21. Jahrhundert – (K)ein Problem mehr in Deutschland?

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


Seit Anfang der 1980er Jahre die ersten Menschen mit HIV diagnostiziert werden konnten, starben Millionen Patienten weltweit an der Immunschwächekrankheit. Auch heute noch, mehr als 30 Jahre später, leben geschätzte 78.000 Menschen in Deutschland mit der Infektion durch das HI-Virus. Doch ist das Leben mit HIV dank der neuen Therapien wirklich einfacher geworden?
Die Medikamente haben sich seit den Anfängen sehr stark weiterentwickelt, sodass viele Menschen mit HIV heute ein beinahe normales Leben führen können. So normal, wie es nach Außen den Anschein hat, ist der Umgang mit HIV und AIDS jedoch hierzulande bei Weitem noch nicht. Viele HIV-Patienten leiden unter der Stigmatisierung und der noch immer nicht abgelegten gesellschaftlichen Diskriminierung. Psychische Erkrankungen sind die Folge und diese können die HIV-Therapie ganz erheblich beeinträchtigen.
Auf dem Weg zu einer Impfung gegen HIV
Es gibt sehr viele verschiedene Ansätze, eine Impfung gegen HIV zu entwickeln. Auf der HIV Research for Prevention-Konferenz in Kapstadt 2014 ließ die Forschungsarbeit eines Mannes die Fachwelt besonders aufhorchen. Dr. Louis Picker präsentierte Ergebnisse aus Affenstudien zur Entwicklung einer möglichen HIV-Impfung auf Basis eines Cytomegalievirus und schürte damit große Hoffnungen bei Infizierten. „Sofern die noch laufenden Versuche mit den Affen erfolgreich sind, könnten die Studien am Menschen bereits 2016 beginnen“, so Dr. Picker weiter.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Impfung geben wird“, bewertete Prof. Norbert H. Brockmeyer, Sprecher des Deutschen Kompetenznetzes HIV/AIDS, in einem Tagesschau-Interview diese Entwicklungen. Dennoch gaben sowohl Picker als auch Brockmeyer unabhängig voneinander an, dass bis zu einer funktionierenden Impfung für den Menschen möglicherweise noch viele Jahre vergehen werden. Die Ansteckung ganz zu verhindern oder zumindest die frühzeitige Diagnose und Behandlung von Menschen mit HIV seien deshalb nach wie vor das erklärte oberste Ziel bei der Bekämpfung des HI-Virus.
Medikamente allein reichen nicht aus
Die heute zur Verfügung stehenden Medikamente zur HIV-Behandlung sind sehr wirksam und deutlich nebenwirkungsärmer als in der Vergangenheit. Menschen mit HIV haben deshalb zumindest in den Industrieländern eine in der Regel hohe Lebensqualität und weitestgehend normale Lebenserwartung. Sie sind fähig, einer Arbeit nachzugehen und ihren Beruf auszuüben. Doch geht dieses infolge der Therapie gewonnene Arbeitsvermögen auch mit einer erhöhten Akzeptanz am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft einher?
Leider ist dem noch immer vielfach nicht so. Stigmatisierung und versteckte oder gar offene Ausgrenzung von HIV-Positiven sind auch heute noch überall zu finden – allen Aufklärungs­kampagnen in den Medien zum Trotz. Praktiker, wie Prof. Brockmeyer, werden mit diesen Lebenswelten tagtäglich konfrontiert. Er hat sogar den persönlichen Eindruck, dass die Vorbehalte gegen die Patienten eher noch zugenommen haben. So wurden zwei seiner Patienten bereits genötigt, ihren Arbeitsplatz wegen ihrer HIV-Infektion aufzugeben. Prof. Brockmeyer führt solche Entwicklungen darauf zurück, dass HIV in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich keine Rolle mehr spielt. „HIV ist doch vermeidbar – selbst Schuld, wer sich ansteckt“, so eine sehr häufige Aussage. Mangelnde Erfahrung und Wissenslücken bieten den Nährboden für unbegründete Ängste im Umgang mit Infizierten und fördern somit deren Ausgrenzung, selbst durch einige Ärzte und Pflegepersonal, so der Fachmann. Die Betroffenen erleben diese Ausgrenzung und Stigmatisierung fortlaufend in ihrem Alltag. Häufig kommt es zu kumulativer Stigmatisierung, da Menschen mit HIV sich aufgrund der HIV-Infektion oder als Homosexuelle und/oder Drogenabhängige im gesellschaftlichen wie persönlichen Umfeld isoliert fühlen. Direkte Folgen können sehr belastende depressive, ängstliche aber auch psychosomatische Störungen sein. Am Ende drohen noch immer allzuoft Jobverlust, Erwerbsunfähigkeit und letztlich die soziale Isolation.
Urologische Begleit- und Folgeerkrankungen bei der HIV-Infektion
Ebenso erhöhen bestehende Koinfektionen mit Hepatitis C oder Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Tripper & Co. den Leidensdruck von Menschen mit HIV. Die Infektion bzw. die mit ihr einhergehende Immun­schwäche führt zudem nicht selten zu urologischen Krankheitsbildern, wie z.B.:
  • Erektile Dysfunktion,
  • Feigwarzen,
  • HIV-assoziierte Nierenschwäche,
  • Hoden-/Nebenhodenentzündung,
  • Hypogonadismus,
  • Kaposi-Sarkom und Hodentumoren,
  • Miktionsstörungen,
  • Niereninsuffizienz,
  • Peniskarzinom,
  • Prostata-Entzündung,
  • Prostatakrebs,
  • Steinbildungen und
  • Unfruchtbarkeit.
Stigmatisierung und sichtbare krankhafte Veränderungen des Körpers erhöhen zusätzlich das Risiko für Depressionen.
Antivirale Medikamente und Komplementärverfahren – auf Wechselwirkungen achten!
Patienten mit leichter Depression kann in der Regel bereits mit Psychotherapie geholfen werden. Listen geeigneter Therapeuten bekommen sie unter anderem bei den örtlichen HIV-Beratungsstellen oder beim Arzt. Betroffene mit schweren Depressionen erhalten zusätzlich Antidepressiva. Patienten, die sowohl antiviral als auch antidepressiv behandelt werden, laufen jedoch Gefahr, dass sich die Medikamente gegenseitig beeinflussen. Eine antidepressive Medikation sollte deshalb immer in Absprache mit einem Facharzt erfolgen.
Menschen nach einer schockierenden Diagnose wie einer HIV-Infektion neigen durchaus verstärkt dazu, ihr Leben neu zu überdenken und sind offener gegenüber alternativen Behandlungsstrategien. Selbstmedikationen sind eine direkte Folge dessen. Werden naturheilkundliche Präparate ohne Absprache mit dem Arzt eingenommen, kann dies jedoch im schlimmsten Fall dazu führen, dass die antiviralen Medikamente unwirksam werden. Beispielsweise ist Johanneskraut durchaus zur Behandlung von Depressionen und Unruhezuständen beim Menschen zugelassen. Bei HIV-Infizierten mit antiretroviraler Medikation aber senkt das Präparat den Plasmaspiegel einiger antiviraler Medikamente deutlich ab und mindert so deren hemmende Wirkung auf das Virus.
Fazit:
Auch heute noch, nach mehr als 30 Jahren des medizinischen Fortschritts, ist eines der Hauptprobleme für Menschen mit HIV ihre Stigmatisierung und Diskriminierung im Alltag – und das trotz der langjährigen Aufklärungskampagnen in den Medien. Die neue Generation der HIV-Medikamente sorgt dafür, dass die Betroffenen das Virus unter die Nachweisgrenze zurückdrängen und in der Folge fast normale Lebensspannen erreichen können. Die Vorurteile und Ängste im Kopf ihrer Mitmenschen lassen sich trotz dessen leider nicht so leicht abbauen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Quellen:
Eckart Aretz. 01.12.2014. Aids in Deutschland „nicht heilbar – nur kontrollierbar“. Interview mit Prof. Norbert H. Brockmeyer auf tagesschau.de.
Grobler L et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013;2: Art. CD004536
Hillier SL et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010;1: Art. CD007502
Liu C et al. Altern Ther Health Med 2012;18:18-22
Lutge EE et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013; 4: Art. CD005175
Mertens A. 2014. MMW; 156(Suppl. 1):15
O’Brien K et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010;8: Art.CD001796
Picker L. 2014. HIV Research for Prevention Conference, Kapstadt, Südafrika
Ronel J. 2014. MMW-Fortschr Med; 156(Suppl. 1):20
 
 
 
 
 
 
 

 
 

Donnerstag, 21. Mai 2015

Sind Medizinstudien mit Mäusen vielleicht fehlerhaft?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern eben auch im Geruch – zumindest, wenn es nach Labormäusen geht. Forscher fanden heraus, dass sich dieser kleine Unterschied sehr nachhaltig auf das Verhalten der Tiere auswirkt.
Sind Männer im Labor anwesend, sind die Mäuse geruchlich gestresst, während bei Frauen eher Ruhe herrscht. Weil dieser Stress jedoch auch Einfluss auf das Schmerzempfinden der Tiere nimmt, müssen wohl eine ganze Reihe medizinischer Studien neu bewertet werden.

Fehlerquelle Mann
Bereits seit Längerem beobachteten Wissenschaftler, dass sich bestimmte Studienergebnisse im Mäuseversuch nicht wiederholen ließen oder sehr stark variierten. In einem gezielten Versuch wurde nun die Reaktion von Mäusen auf getragene T-Shirts von Männern und Frauen untersucht. Das Ergebnis: T-Shirts von Männern stressen die Labormäuse, während der Geruch von Frauen sie beruhigt. Das Geheimnis liegt offenbar in den im Körperschweiß transportierten Pheromonen. Das sind kleine Signalmoleküle, die in der Riechschleimhaut der Nase meist unterbewusste Reaktionen auslösen können. Nagetiere, zu denen auch die Mäuse gehören, kommunizieren sehr stark über solche „verborgenen“ Signale. Auch wir Menschen sind davon nicht frei, wodurch der Ausspruch „jemanden nicht riechen können“ eine ganz neue Aktualität bekommt.

Männer und Frauen als entspanntes Team
Evolutionsbiologisch ist dieses Verhalten durchaus erklärbar. Männliche Mäuse – besonders die männliche Single-Maus – sind oft aggressiver als die Weibchen. Da männliche Mäuse in Begleitung von Weibchen friedlicher und sozialer agieren, lässt sich auch erklären, warum die Labormäuse auf die gleichzeitige Anwesenheit eines Mannes und einer Frau im Labor deutlich entspannter reagierten. Erleichternd kommt hinzu, dass der Stress bei den Mäusen nicht von Dauer ist.

Fazit: Einfach einige Minuten vor dem eigentlichen Versuch da sein. Das beruhigt im Zweifel alle Beteiligten.
Quelle: Nature Methods 2014; doi:10.1038/nmeth.2935
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