Mittwoch, 25. Februar 2015

Die Masern: Faktencheck zur Impfung

Hintergrund:Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Das erklärte Ziel der deutschen Behörden war es, die Masern bis 2015 bei uns auszurotten. Der jüngste Ausbruch der Infektionskrankheit in Berlin zeigt leider sehr eindrucksvoll, wie weit wir von diesem Ziel entfernt sind. Sind die lauter werdenden Forderungen nach einer Impfpflicht tatsächlich verständlich und notwendig? Lassen sich nur so ähnliche Ausbrüche zukünftig verhindern?
Masernparties und einige Eltern, die weder sich selbst, noch ihre Kinder impfen lassen wollen. Das ist keine Utopie, sondern die reale Situation in Deutschland im Jahr 2015. Noch immer halten sich hartnäckig Anschauungen, die in der Impfung die Wurzel allen Übels vermuten. Dies zu Recht? Wohl kaum – aber der Reihe nach:

Seit wann gibt es Impfungen?
Seit wann es Impfungen gibt, ist nicht auf Tag und Jahr genau einzugrenzen. Dennoch beginnt die Geschichte des Impfens vor etwa 2.500 Jahren. Seit jeher beschäftigte die Menschen, wie man Krankheiten verhindern könnte. Die über Jahrtausende schlimmste Geißel der Menschheit war die Pockenerkrankung. Daher verwundert es kaum, dass die Geschichte des Impfens eigentlich die Geschichte der Ausrottung der Pocken ist. Doch was ist dieses sogenannte Impfen eigentlich? Was bedeutet es?

Die Geschichte des Impfens
Kaum ein anderes Feld der Medizin wird so heiß diskutiert wie der Nutzen und die Gefahren des Impfens. Wie auch immer jeder Einzelne dazu stehen mag, die Impfung hat in der Mehrzahl der Fälle ihr Ziel erreicht - nämlich Menschen vor gefährlichen und oft tödlichen Infektionen zu schützen.

Die Impfgeschichte beginnt wohl in Griechenland vor mehr als 2.500 Jahren. Griechischen Ärzten fiel auf, dass Menschen, die eine Pockenerkrankung überlebt hatten, nicht erneut an den Pocken erkranken konnten. Etwa zur gleichen Zeit bis um 1.000 vor Christus begannen die Chinesen, Menschen mit getrockneten Pockenpusteln zu infizieren. Sie nutzten pulverisierten Schorf von Pockenkranken und ritzten diesen leicht in die Haut von Gesunden. Überlebten die so „geimpften“ Kinder, waren sie fortan gegen die Krankheit geschützt. Die frühen „Impfärzte“ infizierten demnach absichtlich gesunde Menschen, um eine Immunität zu erzeugen. Heute spricht man in einem solchen Fall von natürlicher Immunisierung. Das ist zum Beispiel auch das Prinzip der sogenannten „Masernparties“. Eine auf natürlichem Weg erfolgte Infektion mit dem Masernerreger führt nach durchgemachter Erkrankung zu einer lebenslangen Immunität. Das Risiko für schwere Verläufe sowie Spätfolgen ist bei diesen Immunisierungsversuchen jedoch sehr viel unberechenbarer als bei der klassischen Masernimpfung. Doch dazu später mehr.
Geburtsstunde der modernen Impfung

Im Jahre 1717/18 brachte die Ehefrau eines britischen Gesandten, Lady Mary Wortley Montague, die chinesische Impfmethode aus Konstantinopel mit nach England. Zwar starben noch etwa 2-3% der „Geimpften“, doch war das vergleichsweise wenig in Hinblick auf eine Pockenepidemie, die regelmäßig etwa 20% Todesopfer forderte. Die Entwicklung eines ersten echten Impfstoffes ist einem englischen Bauern zu verdanken. Kühe können auch heute noch an einer leichteren und für Menschen weniger gefährlichen Pockenvariante, den Kuhpocken, erkranken. Benjamin Jesty, so der Name des Bauern, begann 1774 damit, seine Familie und sich selbst mit Kuhpocken zu infizieren. In der Folge überlebte die Familie alle Pockenepidemien der damaligen Zeit. Als Edward Jenner 1798 davon erfuhr, machte er eigene Versuche mit Freiwilligen. Er infizierte 16 Menschen mit Kuhpocken und wartete die Genesung ab. Kurz darauf brachte er einen 8-jährigen Jungen, der zuvor mit Kuhpocken „immunisiert“ worden war, mit den Pocken in Kontakt. Obgleich dieser Versuch nach heutiger ethischer Auffassung so nicht mehr möglich wäre, erkrankte der Junge nicht an den echten Pocken. Von da an entwickelte Jenner seine Impfung gegen Pocken unter Ausnutzung der Kuhpocken weiter. 1967 wurde die Pockenimpfung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit zur Pflicht. Und bereits 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet.
Das einzige Reservoir für Masern ist der Mensch

Ganz ähnlich wie bei den Pocken ist der Mensch der einzige Wirt für die Masern. Sobald es keinen Menschen mehr gibt, der noch das Virus in sich trägt oder an den Masern erkrankt ist, wäre die Infektionskrankheit ebenfalls ausgerottet. Impfgegner argumentieren häufig, dass die massenhafte Impfung gegen Masern hierzulande die Infektionsspitze auf die Kinder unter 12 Monaten verlagert hätten. Das ist tatsächlich so, denn Säuglinge können aufgrund ihres unreifen Immunsystems noch nicht vor dem 12. Monat gegen Masern geimpft werden und tragen daher statistisch bei uns die Hauptlast der Masernfälle. Doch wir erinnern uns: Gäbe es keine Infizierten mehr, würde es auch keine weiteren Ansteckungen mehr geben. Das bedeutet, dass nur eine konsequente Impfung aller die Masern weltweit für immer stoppen könnte. Natürlich finden sich darunter auch immer einige Menschen, die nicht geimpft werden können. Sei es aus allergischen Gründen oder weil ihr Immunsystem eine solche Impfung einfach nicht zulässt. All diese profitieren in besonderem Maß von einer kollektiven Impfung der anderen Menschen um sie herum. Der Fachmann nennt das Herdenschutz. Die Impfrate der 20- bis 39-Jährigen jedoch liegt derzeit weiterhin deutlich unterhalb der in Deutschland angestrebten Impfquote von mindestens 95%. Gleichzeitig laufen Impfgegner Sturm gegen die derzeit diskutierte Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht. Doch sind die Gegner sich über ihre Rolle für die Gemeinschaft, in der sie leben, eigentlich vollauf bewusst, wenn sie ihre persönliche Impfung ablehnen? Neugeborene, Transplantatempfänger, Menschen mit HIV, einige Allergiker und jene mit schwachem Immunsystem gehören neben den Impfverweigerern zu den Leidtragenden. Die vielleicht beste Möglichkeit, die Risiken von natürlich ablaufender Erkrankung und Schutzimpfung gegeneinander aufzurechnen, ist die Gegenüberstellung der Zahlen zur Masernerkankung sowie zur Masernimpfung. Völlig ohne Wertung oder Kommentar sollen die Statistiken hier für sich selbst sprechen:
Mathematik einer Infektionskrankheit

a)     Die natürliche Maserninfektion ist zwischen 2012 und 2013 von deutschlandweit 165 Fällen auf 1.771 gemeldete Erkrankungen angestiegen. Als Schwerpunkte gelten hier seit 2013 Bayern und Berlin, was sich mit dem derzeitigen Ausbruch in der Hauptstadt wiederum bestätigt. Die Hauptlast der Infektionen liegt statistisch im Alter von der Geburt bis zum ersten Lebensjahr. Die Masern sind eine systemisch verlaufende Erkrankung. Das Masernvirus ist hochansteckend und führt bereits bei sehr flüchtigem Kontakt zu einer 100%-igen Ansteckung. Von den Infizierten erkranken schließlich 95% an Masern. Da eine Masernerkrankung das Immunsystem sehr stark schwächt, treten häufig Superinfektionen mit Bakterien und Komplikationen auf, z. B. Mittelohrentzündung, Bronchitis oder Lungenentzündung. In 0,1% der Fälle entsteht eine Gehirnentzündung (Enzephalitis), die in 10-20% dieser Fälle tödlich verläuft und in weiteren 20-30% zu Spätschäden führen kann. Eine besonders gefürchtete Spätfolge, die sogar erst Jahre nach der Masernerkrankung auftreten kann, ist die SSPE, eine Sonderform der Enzephalitis. Je jünger das Kind bei der Masernerkrankung war, desto höher ist dabei sein Risiko, eine SSPE zu entwickeln. Diese Enzephalitis-Form endet in der Regel tödlich. Die WHO gibt für die Industrieländer eine allgemeine Sterblichkeit bei Masern von 0,05 bis 0,1% an.
 
b)    Im Vergleich zur Masernerkrankung gehörten in einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 26.333 verabreichten Dosen Masernimpfstoff nur 64 (= 0,24%) zu den „schlecht vertragenen Impfungen“. Einige der Impflinge zeigten besonders nach der ersten Impfung die sogenannten „Impfmasern“ mit mäßigem Fieber, flüchtigem Exanthem und Atemproblemen. Meist treten sie in der zweiten Woche nach der Impfung auf und sind nicht ansteckend. Zu den Nebenwirkungen der Impfung zählten in der vorliegenden Studie:

·         Fieber in 31 Fällen (= 0,12%)
·         Impfmasern in 10 Fällen (= 0,04%)
·         Ödembildung oder Hautausschlag in 22 Fällen (= 0,08%)
·         Fieberkrampf in 5 Fällen (= 0,02%)
 
Nach MedDRA-Kodierung entspricht dies einem „seltenen Auftreten“ (≥ 0,01% bis < 0,1%).

Quellen:

Poethko-Müller C et al. Impfnebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys. Bundesgesundheitsblatt 2011; 54:357–364; DOI 10.1007/s00103-010-1234-5
Robert Koch-Institut: Infektionsepidemiologisches Jahrbuch für 2013, Berlin, 2014

RKI, 2015, Antworten des Robert Koch Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen: http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Bedeutung/Schutzimpfungen_20_Einwaende.html;jsessionid=394C3869C2E1E7F3BE3DA246F1E93CC1.2_cid298?nn=2378394#doc2378400bodyText3
RKI, 2015, Masern - RKI-Ratgeber für Ärzte: http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Masern.html#doc2374536bodyText3

Freitag, 20. Februar 2015

HPV-Infektionen bei Frauen doch häufiger als gedacht?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Isolde Kummer (Name geändert) ist 47 Jahre alt und leidet an Gebärmutterhalskrebs. Damit teilt sie mit jährlich fast 5.000 weiteren Frauen in Deuschland ein gemeinsames Schicksal. Gebärmutterhalskrebs wird vor allem durch sogenannte Humane Papillomviren (HP-Viren, HPV) verursacht, welche zu den sexuell übertragbaren Krankheitserregern zählen. Bisher gingen Mediziner davon aus, dass mit HP-Viren infizierte Zellen in der Mehrzahl der Fälle durch unser Immunsystem aus dem Körper getilgt werden. Doch neuere Zahlen malen ein anderes Bild: anscheinend verbleiben die Viren bei viel mehr Frauen dauerhaft im Körper als gedacht.

Im Rahmen der Wolfsburg-HPV-Epidemiologie-Studie (WOLVES) wurden erstmals zwischen 2009 und 2014 HPV-Infektionen und deren Verläufe bei 990 Frauen untersucht. Zu Beginn der Studie waren 26,8 % der Frauen HPV-positiv. In den darauf folgenden Jahren infizierten sich viele der zuerst negativen Teilnehmerinnen aber ebenfalls mit HP-Viren: im ersten Untersuchungsjahr waren es 15,7 %, während des zweiten Untersuchungsjahres 13,8 % und im dritten Jahr zusätzlich noch einmal 11,4 %. Die Mediziner stellten zudem fest, dass sich die unterschiedlichen HP-Virustypen in den Frauen unterschiedlich verhielten.
Hochrisikotypen verursachen häufig Krebs

Einige der HPV-Infektionen wurden vom Immunsystem erfolgreich bekämpft. Diese spontane Heilungsrate innerhalb von zwei bis drei Jahren betraf insgesamt 13 % aller untersuchten Frauen. Bei bis zu 18 % der übrigen Frauen nisteten sich die Viren in den Zellen langfristig ein. Interessant dabei ist, dass sich vor allem die Virustypen HPV 16, HPV 51 und HPV 31 nicht vom Immunsystem beeindrucken ließen. Infizieren diese Viren dauerhaft Zellen, verändern sie dort das Genom und führen zu Krebsvorstufen oder sogar zu einem Tumor. HPV 16 fand sich in allen untersuchten Krebsvorstufen und macht somit den bedeutendsten Faktor bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs aus.

Die HPV-Impfung schützt vor der Ansteckung

Eine HPV-Impfung, wie sie derzeit für Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren empfohlen wird, kann die Ansteckung mit HPV 16 und 18 zu mehr als 95 % verhindern. Da auch Jungen sich mit HP-Viren anstecken und später im Leben z.B. an Peniskrebs erkranken können, befürworten Urologen und Kinderärzte ebenso die Impfung von Jungen ab 9 Jahren. Studien zeigten bereits, dass durch die HPV-Impfung eine Ansteckung mit dem krebsauslösenden HPV 16 zuverlässig verhindert wird.

Fazit
HPV-Infektionen werden wohl in deutlich geringerem Ausmaß als bisher angenommen vom körpereigenen Immunsystem entfernt. Weniger als die Hälfte der Infektionen heilten bei Frauen innerhalb der ersten zwei Jahre aus. Demzufolge steigt das Risiko, dass sich die Viren dauerhaft in den Zellen einnisten und später eine Krebserkrankung auslösen. Hätte Isolde Kummer bereits in ihrer Jugend die Möglichkeit zur HPV-Impfung gehabt, hätte sie sich ganz sicher impfen lassen, sagt sie. Ihre Tochter jedenfalls ist geimpft.

Anmerkung der Redaktion: Insgesamt betrachtet liegt die Impfrate bei der HPV-Impfung in Deutschland noch deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Lassen Sie sich doch beim Kinderarzt, Urologen oder Gynäkologen über die Impfung Ihres Kindes beraten. In Sachsen sowie bundesweit durch die Bahn-Bkk werden sogar die Kosten für die HPV-Impfung von Jungen im Alter ab 9 Jahren vollumfänglich erstattet.
Quelle: Luyten A et al. P15. STI-Kongress 2014, Berlin
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