Samstag, 31. Dezember 2016

Sexuell gesund im 21. Jahrhundert - Neue Initiativen und Projekte in Deutschland

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Sexuell übertragbare Krankheiten nehmen seit Jahren deutlich zu, mitunter um bis zu 20 % pro Jahr. Vielfach gibt es große Versorgungslücken und auch Unkenntnis über die Folgen sexuell übertragbarer Infektionen (STI). Es stellt sich die berechtigte Frage: Wie also in Zukunft diesem Trend entgegenwirken? - WIR auf einem kleinen Ausflug ins neu aufflammende LIEBESLEBEN der Deutschen.

Wer weiß, dass z. B. Chlamydien unfruchtbar machen können? Sicher nur sehr wenige. Doch Wissenslücken finden sich teilweise auch beim ­medizinischen Personal. Daher wird das Thema Fortbildung im neuen und bisher für Deutschland in dieser Art einzigartigen "Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin - Walk In Ruhr (WIR)" sehr großgeschrieben. Prof. Norbert H. Brockmeyer, Mit-Initiator und Ärztlicher Leiter hierzu: „Auch viele Mediziner wünschen sich zu diesem Thema qualifizierte Angebote." Der Forschungsdirektor der Universitäts-Hautklinik in Bochum hat viel Arbeit in den Aufbau des Zentrums investiert. Unverzichtbar für die erfolgreiche Arbeit ist zudem die konstruktive Zusammenarbeit mit Arne Kayser, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Bochum, und mit Frau Wach vom Gesundheitsamt Bochum.
Die Gründe für die breite Unterstützung für das WIR sind für Prof. Brockmeyer klar: „Wir alle arbeiten im Walk In Ruhr Hand in Hand." Health Advisor empfangen Ratsuchende, führen Erstgespräche und leiten sie an die richtige Stelle weiter. Sprach- und Zugangsbarrieren werden so gleich von Anfang an abgebaut.

Eine interdisziplinäre Familie
All dies dient dazu, durch Information und Aufklärung das Präventionsverhalten zu stärken, Diagnosen möglichst viel früher zu stellen und schnellstmöglich therapieren zu können. „Offen sind wir auch für Menschen mit dem Wunsch nach Sexualberatung, für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch und vieles mehr. WIR umfasst eben tatsächlich alle. Die Zahl der Ratsuchenden steigt zudem kontinuierlich an“, betonte Prof. Brockmeyer. Neben dem Einsatz für den Patienten – für alle Beteiligten an erster Stelle – steht die wissenschaftliche Arbeit (Projektkonzeptionen, anonyme Datenerfassung und Auswertung), die auch dem Patienten letztlich durch verbesserte Aufklärungs- und Therapiestrategien zugute kommt.

Aufmerksamkeit durch Information
Das Gesamtkonzept wird ergänzt durch eine breite Medienarbeit. Die Ziele sind klar gesteckt: Die Menschen früh erreichen, um ihre sexuelle Gesundheit zu stärken, Therapien auf hohem Niveau anzubieten und darüber breit zu informieren. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) misst diesem Modellprojekt für sexuelle Gesundheit in Bochum ebenfalls sehr große Bedeutung zu und wird das Zentrum deshalb für die nächsten drei Jahre zusätzlich begleitend evaluieren.

Sexuelle Gesundheit und Medizin inmitten der Gesellschaft
Sexualität ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Sie dient der Fortpflanzung, der eigenen Persönlichkeitsfindung sowie der Befriedigung von Lust. Dennoch ist Sexualität bei uns noch immer ein großes Tabu. Jeder (be)treibt es in irgendeiner Form, doch darüber sprechen, selbst mit dem eigenen Partner, scheint oft ein schier unüberwindbares Hindernis. Genau an dieser Stelle soll das WIR in Bochum ansetzen. Durch seine Innenstadtlage, inmitten der Gesellschaft, ist es für jedermann zu sehen und leicht zu erreichen. Die Versorgung ist anonym und risikoadaptiert organisiert. Mitarbeiter und Patienten schaffen gemeinsam ein eher familiäres denn ein klinisches Gefühl. Dies wird noch durch das Begegnungscafé weiter verstärkt. „Wir möchten nicht über die Menschen, sondern mit ihnen sprechen“, drückte Prof. Brockmeyer das Lebensgefühl am neuen Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum aus.
In seiner Zukunftsvision soll das WIR Tabus brechen, Forschungsarbeit leisten und helfen, neue Strukturen in Deutschland zu schaffen, wie beispielsweise die Health Advisors. Ungewöhnlich und zukunftsgewandt ist denn auch der Ort des neuen Zentrums innerhalb einer progressiven katholischen Einrichtung wie des St. Josef-Hospitals.

Zusammenarbeit und Vernetzung als Stärke
Die Venerologie hat seit jeher Leuchtturmfunktion am medizinischen Wissenschaftsstandort Bochum. Dennoch ist das WIR nicht nur eine Weiterentwicklung bestehender universitärer Strukturen. Es geht vielmehr darüber hinaus und verbindet erstmals in Deutschland sechs sehr unterschiedliche Spieler, die alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: Die sexuelle Gesundheit der Menschen. Im WIR haben sich derzeit die folgenden Partner zusammengeschlossen:

Jeder der sechs Partner trägt mit den eigenen Möglichkeiten zum Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin (WIR) bei. In der Summe bringen sie gemeinsam wie ein Zahnrad mit seinem Nachbarn das Uhrwerk zum Laufen. Wie wichtig diese Kooperationen im Gesundheitswesen, gerade mit Blick auf Sexualität und sexuell übertragbare Infektionen sind, fasste Prof. Brockmeyer wie folgt zusammen: „Sexuelle Gesundheit meint weit mehr als nur Geschlechtskrankheiten. Dazu gehören eben auch Schwangerschaft, Krebs, Zeugungsfähigkeit, Erektionsvermögen und anderes; nicht zu vergessen die psychosoziale Gesundheit." Auch die Weltgesundheitsorganisation sieht den Schlüssel zur sexuellen Gesundheit mittlerweile im „positiven und respektvollen Herangehen an Sexualität".

Kampagne LIEBESLEBEN der BZgA
Der liberalen Aufklärung entsprechend, passt sich die Idee des neugegründeten „WIR – Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin“ auch wunderbar in eine aktuelle Kampagne der BZgA ein. Mit „LIEBESLEBEN“ steht die Vermeidung von Neuinfektionen bei HIV und anderen STI in der Allgemeinbevölkerung erneut im Zentrum der Anstrengungen. Die Kampagne ist vollständig als Cartoon-Serie umgesetzt worden und macht so auf lustige Weise mit dem Thema vertraut. Die vermittelten Kernbotschaften sind ebenso einfach wie einprägsam. Das ist durchaus gewollt, denn schließlich ist Sex nicht gerade eine Sache des Verstandes. Kurze prägnante Botschaften und lustige einprägsame Bilder, das ist Aufklärung im 21. Jahrhundert.

Zanzu – nicht nur für Migranten
Wer es dennoch etwas fachlicher und wissenschaftlicher mag, der sei zudem an die Seite „Zanzu – Mein Körper in Wort und Bild“ verwiesen. Ursprünglich als Informationsportal rund um Körper, Gesundheit und Sexualität für Migranten gestartet, bietet das Portal auch der Allgemeinbevölkerung vielfältige Informationen zu diesen Themen. Selbst Ärzte sind herzlich eingeladen, dieses Portal zu nutzen und in ihre Beratung mit einzubeziehen. Mit den Bildfolgen lässt sich so manche Sprachbarriere überwinden oder auch die eigene Sprache in Sachen Sexualität wiederfinden. Ebenso nutzen es Multiplikatoren für ihre Arbeit mit Migranten.

Fazit
Sexuelle Gesundheit umfasst neben Geschlechtskrankheiten vor allem auch Sexualität, die psychosoziale Gesundheit, die Fertilität, Erektionsvermögen, gesellschaftliche Aspekte und vieles mehr. Bisher ist die Prävention und Versorgung der Allgemeinbevölkerung sowie von Patienten mit HIV und/oder STI dezentral und wenig gut vernetzt. Dadurch entstehen gerade bei der Kenntnis über mögliche Ansteckungsrisiken, aber auch bei der medizinischen Versorgung von Patienten gravierende Lücken, welche die Ausbreitung der STI in den vergangenen Jahren noch beschleunigt haben. Mit dem WIR – Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum gibt es eine in dieser Art bisher einmalige Einrichtung, welche die Prävention, Diagnostik, Therapie und psychosoziale Beratung unter einem Dach vereint und die Kräfte der einzelnen Kooperationspartner gezielt bündelt. Im Fokus steht der Mensch mit seiner selbstbestimmten, gesunden Sexualität und seinem/ihrem individuellen Recht auf einen wertschätzenden, tabulosen und vorurteilsfreien Umgang – ganz im Sinne der Grundsätze der Aufklärung.
Doch auch auf Bundesebene zeigen Projekte wie „LIEBESLEBEN“ oder „Zanzu“, dass die sexuelle Gesundheit die Vorstellung von Sex als etwas Krankmachendes längst abgelöst hat. Nicht Ängste stehen im Mittelpunkt, sondern die Information und Erziehung zur eigenen sexuellen Gesundheit und Verantwortung, diese zu erhalten. Dabei – und das ist ein sehr erfreuliches Signal – werden auch zuvor an den Rand gedrängte Gruppen, wie z. B. MSM, gleichberechtigt angesprochen und beworben.
Dies alles spiegelt ein gesundes Verständnis von Sexualität wider und könnte den Grundstein legen für die sexuelle Gesundheit im 21. Jahrhundert.

Quellen:
Symposium anlässlich der Eröffnung des WIR – Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin in ­Bochum, 2016
(Beitrag erstmals erschienen in DER PRIVATARZT Urologie 3/2016)
DocCheck News vom 12.08.2016


Dienstag, 29. November 2016

Sexualstudie: Der Mann mit 45 ist in der Tat sehr erfahren

News: Medizin


Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Der Mann mittleren Alters, das unbekannte Wesen? Zumindest für das Sexleben scheint das zu gelten. Doch die German Male Sex-Study (GMS) könnte dies nun ändern.

Sex als „Basis“-Funktion des Mannes? So zumindest bilden es die Studien reihenweise ab. Das Sexualverhalten von Männern wurde darin fast gänzlich als Veränderung der Libido und Sexualfunktion nach operativen Eingriffen betrachtet. Sexualverhalten in Verbindung mit Krankheitsbildern? Betroffen sind ja ohnehin nur ältere Männer jenseits des Renteneintrittsalters, so die öffentliche Meinung.
Das andere Extrem sind Studien, die sich mit den Veränderungen der Sexualität an der Grenze vom Kind zum Jugendlichen beschäftigen. Daran schließen sich Arbeiten zu männlichem sexuellem Risikoverhalten und Geschlechtskrankheiten fast nahtlos an.
Doch was ist mit dem gesunden Mann mittleren Alters? Gibt es den überhaupt? Wenn ja, was wissen wir über ihn? – Beinahe nichts, zumindest was die Sexualität angeht. Dazu existierten bislang einfach kaum Daten.

Sexuelle Orientierung und Sexualverhalten können sich unterscheiden
Bereits aus früheren Studien zur sexuellen Orientierung ist bekannt, dass diese ganz erheblichen Einfluss auf das Sexualverhalten eines Mannes nimmt. Dennoch spielt die sexuelle Orientierung in vergleichenden Studien oder im Praxisalltag eine eher untergeordnete Rolle. Dass sich dies zukünftig ändern muss, zeigen erste Daten der gerade in Auswertung befindlichen German Male Sex-Study, die Cand. med. Hannes Angerer anlässlich des 68. DGU-Kongresses in Leipzig vorstellte. Die Datenerhebung fand zwischen 2014 und 2015 an vier deutschen Zentren statt, in Heidelberg, Düsseldorf, Hannover und München. Insgesamt wurden Daten von 9.603 Männern im Alter von 45 Jahren erhoben. Davon bezeichneten sich 95 % als heterosexuell, 1,1 % als bisexuell und weitere 3,9 % als homosexuell.

Wann und mit wem? - Erste sexuelle Erfahrungen
Im Hinblick auf die sexuellen Erfahrungen mit Männern und/oder Frauen gab es deutliche Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Die überwiegende Mehrheit der hetero- (96 %) und bisexuellen Männer (91 %) gab an, sexuelle Erfahrungen mit einer Frau gemacht zu haben. Und selbst bei den homosexuellen Männern berichteten noch 46 % über erste Erfahrungen mit Frauen.
Dies zeigt deutlich, dass sich die sexuelle Identität durchaus von der gelebten Sexualität unterscheiden kann. Gründe dafür sind beispielsweise Angst vor Ausgrenzung, Stigmatisierung oder sozialer Isolation. Interessanterweise hatten 1,6 % der heterosexuellen Männer in ihrem Leben ebenso erste sexuelle Erfahrungen mit anderen Männern gesammelt; bei den Bisexuellen waren es fast 80 %.
Im Durchschnitt wurden die ersten sexuellen Erfahrungen mit Frauen in allen drei Gruppen in einem Alter von etwa 18 Jahren gemacht. Bis zum ersten sexuellen Kontakt mit Männern dauerte es in der Regel zwei Jahre länger, dieser erfolgte durchschnittlich um das 20. Lebensjahr herum. Bisexuelle Männer brauchten dafür sogar drei Jahre mehr (23. Lebensjahr) als hetero- und homosexuelle Männer.

Sexuelle Identität und Anzahl der Partner im Leben
Darüber hinaus untersuchte die Studie die Anzahl der Sexualpartner im gesamten bisherigen "sexuellen" Leben des 45-jährigen deutschen Mannes. Etwa 71 % der heterosexuellen sowie 49 % der bisexuellen Männer brachten es auf 0–10 Sexualpartner. Bei den homosexuellen Studienteilnehmern waren dies nur 29 %. Etwa jeder vierte Mann kam gruppenunabhängig im Durchschnitt auf 11–30 Sexualpartner im Leben.
Interessant wurde es wieder bei > 30 Sexpartnern im Leben. Hier hatten die homosexuellen Männer deutlich die Nase vorn: etwa 45 % von ihnen gaben an, mit mehr als 30 Partnern Sex gehabt zu haben. Bei Bisexuellen war es noch jeder vierte Mann, der dies ebenso erklären konnte. Bei den heterosexuellen Männern zeigten jedoch nur knapp 6 % ein solch „intensives“ Sexualverhalten.

Ich weiß, was Du in den letzten drei Monaten getan hast...
Die zuvor genannten Zahlen drücken natürlich noch nichts über die tatsächliche sexuelle Aktivität und Erfolgsquote der Männer aus. Dafür zitierte Angerer seine Daten zur sexuellen Aktivität des Mannes in den letzten drei Monaten sowie aktuelle Zahlen zum Masturbationsverhalten. Bei letzterem zeigten sich einige interessante Unterschiede - aber der Reihe nach.
Von den heterosexuellen Männern gaben 85,7 % an, in den letzten drei Monaten Sex gehabt zu haben, ebenso 85,9 % der homosexuellen Männer. Bei den Bisexuellen gab es mit rund 82 % keinen Unterschied. Und welche sexuellen Praktiken bevorzugte der 45-jährige Mann dabei?
Bei den heterosexuellen Männern überwog mit fast 98 % der vaginale Geschlechtsverkehr, dicht gefolgt vom Oralsex in 58 % der Fälle. Nur knapp 7 % hatten analen Verkehr. Bei den Bisexuellen hatten jeweils circa 75 % vaginalen oder oralen Sex und 35 % anal. Die homosexuellen Männer gaben zu 90 % oralen Verkehr an, zu 64 % analen Sex und immerhin noch zu fast 10 % vaginalen Geschlechtsverkehr.
Interessant ist darüber hinaus das in der German-Male-Sex-Study untersuchte Masturbationsverhalten der 45-jährigen Männer. Generell gilt dabei, dass mehr als 90 % aller Single-Männer mittleren Alters, und zwar unabhängig von ihrer sexuellen Identität, innerhalb der vergangenen drei Monate masturbiert hatten. Spannend ist aber vielmehr, dass der Beziehungsstatus für homo- und bisexuelle Männer keinen signifikanten Einfluss auf das Masturbationsverhalten zu haben scheint. Denn in diesen beiden Studiengruppen hatten sich weiterhin knapp 90 % der Probanden in den letzten drei Monaten selbstbefriedigt, obwohl sie angaben, in einer festen Partnerschaft zu leben. Bei den heterosexuellen Männern nahm die Zahl der Masturbierenden signifikant auf etwa 76 % ab, wenn sie sich in einer Partnerschaft befanden.

Bringt sexuelle Aktivität Vorteile für die Gesundheit?
Hinweise darauf, dass sexuelle Aktivität bis ins hohe Alter auch die sexuelle Gesundheit, insbesondere die urogenitale Gesundheit, fördern kann, gibt es seit vorchristlicher Zeit. Bereits die alten Chinesen, sofern man der Interpretation Giovanni Maciocias folgt, sahen den Penis als den sogenannten "Ancestral Muscle" (Zong Jin) an. Einen Muskel kann man bekanntermaßen trainieren und so seine Funktion erhalten. Dass diese Denkweise nicht grundlegend falsch ist, obgleich der Penis anatomisch gesehen natürlich kein Muskel ist, zeigen Daten aus neuerer Zeit.
Die Gay-Men-Sex-Studies aus Belgien untersuchten beispielsweise die Inzidenz der erektilen Dysfunktion (ED) in einem Kollektiv von 1752 Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), im Alter von 18 bis > 60 Jahren. Wie zu erwarten war, litten ältere Männer sehr viel häufiger unter einer ED. Gleiches traf auf MSM zu, die Probleme mit ihrer Ejakulation hatten. Interessanterweise gaben MSM in stabiler Partnerschaft oder mit häufigem und regelmäßigem Sex sehr viel weniger oft Erektionsstörungen an.
Die German-Male-Sex-Study trifft hierzu leider derzeit noch keine Aussagen. Dennoch stellte Hannes Angerer in Aussicht, dass aufgrund des prospektiven Designs der Studie mit einem Follow-up von 15 Jahren zukünftig auch Daten aus anderen Altersstufen ausgewertet werden können. Dadurch ließen sich dann Veränderungen der männlichen Sexualität je nach sexueller Identität auch im zeitlichen Verlauf verfolgen und auswerten. Wer also das 45. Lebensjahr heute noch nicht erreicht hat oder bereits jenseits davon liegt, denen sei gesagt: Es könnte in Zukunft auch für Ihre Altersklasse spannende Ergebnisse zur männlichen Sexualität geben.


Quellen:
Angerer H, 68. Kongress der DGU 2016, Vortragssitzung vom 30.09.2016, Leipzig
Vansintejan J et al., The GAy MEn Sex StudieS (GAMESS): erectile dysfunction among Belgian gay men International Journal of General Medicine 2013; 6: 527-534
DocCheck News vom 19.10.2016

Sonntag, 30. Oktober 2016

Erstaunlich: Kohlenhydrate verlängern das Leben!

News: Medizin


Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Kohlenhydrate machen krank und dick? Ganz im Gegenteil, wie die University of Sydney meldet. Eine kohlenhydratreiche Ernährung unterstützt die Produktion eines Hormons, das den Appetit zügelt, die Gesundheit erhält und auch als lebensverlängernd gilt.

Kohlenhydrate für ein langes Leben? (Quelle: Sabine Ranke-Heinemann Pressestelle
Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund / Institut Ranke-Heinemann)

Neue Erkenntnisse von Wissenschaftlern des Charles Perkins Centre der University of Sydney zeigen, welche Bedeutung die Ernährung in Bezug auf die Produktion des Hormons Fibrolast Growth Factor 21 (FGF21) – dem so genannten „Jungbrunnen"-Hormon – hat. Die Ergebnisse, welche Ende September in der renommierten Zeitschrift „Cell Metabolism" veröffentlicht wurden, veranschaulichen, dass eine optimale Ernährung mit vielen Kohlenhydraten die Produktion des Hormons ankurbelt, welches als lebensverlängernd gilt und Fettleibigkeit bekämpfen kann.

Kohlenhydrate machen satt
Frühere Studien zeigten bereits, dass FGF21 eine wichtige Rolle dabei spielt, Appetit zu zügeln, den Stoffwechsel zu mäßigen, das Immunsystem zu verbessern und das Leben zu verlängern. Zudem wird das Hormon heutzutage bereits in der Behandlung von Diabetes eingesetzt.

Um die Hormonproduktion genauer in Bezug zur Ernährungsaufnahme zu studieren, fütterten die Wissenschaftler für ihre Studien Mäuse nach fünfundzwanzig verschiedenen Ernährungsplänen. Diese unterschieden sich in der Menge der Proteine, Kohlenhydrate, Fette und dem Energiegehalt. Anschließend werteten die Wissenschaftler den Nährstoffgehalt aus und erforschten, welche Zusammensetzungen die besten Ergebnisse bezüglich der Ausschüttung von FGF21 erzielten.

Paleo adé, lang lebe der Zucker!
Entgegen derzeitiger Trends von Diäten wie der „Paleo"-Diät, die eine Ernährung mit vielen Proteinen und wenig Kohlenhydraten vorschreibt, beobachteten die Wissenschaftler, dass ein gegenteiliger Ernährungsplan zu einer höheren Ausschüttung von FGF21 führt. Demzufolge ist eine Ernährung mit wenig Proteinen und vielen Kohlenhydraten am vorteilhaftesten für unsere Gesundheit und ein langes Leben.

Fazit
Ausschlaggebend für eine hohe Ausschüttung des Hormons FGF21 ist die Zusammensetzung des Nährstoffgehalts und die damit verbundene Balance zwischen den Protein- und Kohlehydratanteilen.
Im nächsten Schritt soll nun der genaue Signalweg von FGF21 entschlüsselt werden, um unsere Ernährung noch zielgenauer anzupassen und alle Vorteile des Hormons auszuschöpfen.

Quelle:
https://idw-online.de/de/news660548 (Sabine Ranke-Heinemann Pressestelle; Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund / Institut Ranke-Heinemann)

Freitag, 30. September 2016

MERS-Coronaviren: Eiskalt erwischt

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


Trotz des großen MERS-Ausbruchs 2015 sind längst nicht alle medizinischen Einrichtungen in der Welt auf das Virus vorbereitet. Welche schwerwiegenden Folgen dies haben kann, zeigten unlängst koreanische Forscher: Ein einziger Patient reicht aus, um eine ganze Infektionskette in Gang zu setzen.
 
Im Jahr 2015 kam es in Seoul zu einem großen Ausbruch des Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV). Auslöser war ein einzelner Fall in der Notaufnahme des Samsung Medical Centers der Metropole.
 
Wahre Detektivarbeit
Die Forscher um Cho machten alle Patienten und das medizinische Personal ausfindig, die zwischen dem 27. und dem 29. Mai 2015 in der Notaufnahme waren, als besagter Infektionsfall (Patient 0) dort behandelt wurde. Die Patienten wurden für die Auswertung nach Nähe zum Patienten kategorisiert und in Gruppen eingeteilt: Gruppe A befand sich im Zeitraum in direkter Nähe zum Patienten 0, Gruppe B hatte Überschneidungen mit dem Patienten 0 in der Annahme sowie in der Radiologie, und Gruppe C befand sich in verschiedenen Zonen ohne direkten Patientenkontakt. Interessant an der Auswertung dieses Falles ist, dass das Krankenhaus die sich ausbreitende MERS-CoV-Infektion mittels PCR-Tests von Sputumproben verfolgen konnte. Daraus ermittelten die Forscher rückblickend die Befallsraten, die Inkubationszeiten sowie mögliche Risikofaktoren einer Übertragung im klinischen Setting.

Expositionsort entscheidend für Infektionsrisiko
Ausgehend von einem einzigen Fall, der sich nur drei Tagen in der Notaufnahme befand, ermittelten die Forscher 675 Patienten und 218 Angehörige des medizinischen Personals, die als potenzielle Kontaktpersonen ausgemacht werden konnten!
Bei 82 dieser Personen wurde eine MERS-CoV-Infektion festgestellt (33 Patienten, 8 Personen des medizinischen Personals, 41 Besucher). Die Befallsrate war in der Gruppe A mit dem engsten Kontakt zum Patienten 0 erwartungsgemäß am höchsten (20 %). In den Gruppen B und C lag sie bei immerhin noch 5 % bzw. 1 %. Für das medizinische Personal betrug die Befallsrate über alle drei Bereiche hinweg insgesamt 2 %.
Die durchschnittliche Inkubationszeit bis zu den ersten Symptomen für MERS lag bei sieben Tagen. Auf Gruppenebene betrug die Inkubationszeit für Gruppe A fünf Tage, für Gruppe C elf Tage. Für Patienten, die nach dem 29. Mai 2015 in der Notaufnahme behandelt wurden, konnten keine Infektionen ermittelt werden. Damit bedeutet der Kontakt zur potenziell kontaminierten Umgebung, aber ohne direkten Kontakt zum Indexfall, kein größeres Ansteckungsrisiko. Das Infektionsrisiko stand jedoch in einem direkten Zusammenhang zum Expositionsort und der Nähe zum Indexfall.

Fazit
Die Ergebnisse der Forscher aus Seoul zeigen eines ganz deutlich: MERS-CoV hat ein erhöhtes Übertragungspotenzial, wenn es auf ein unvorbereitetes klinisches Umfeld wie beispielsweise eine überfüllte Notaufnahme trifft. Die Daten bieten eine sehr überzeugende Evidenz für das bestehende Infektionsrisiko im klinischen Setting und sollten weltweit dazu Anlass geben, bestehende Protokolle im Umgang mit Infektionskrankheiten zu überprüfen, diese zu implementieren und sich auf Erstfälle vorzubereiten.
Wie wichtig dies ist und wie wahrscheinlich es zu solchen Szenarien auch bei uns kommen kann, zeigte der Fall des Anfang 2016 an Lassafieber verstorbenen Mannes in einem Kölner Klinikum. Bevor die Infektion sicher festgestellt werden konnte, hatten sich bereits mehrere Klinikmitarbeiter dem Infektionsrisiko ausgesetzt. Und sogar der ahnungslose Bestatter des Verstorbenen war mit Lassa-Verdacht ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Eines gilt zudem als sicher im Umgang mit Infektionskrankheiten: Ausgangspunkt ist immer ein Patient 0, den es im Idealfall zu erkennen und frühzeitig zu isolieren gilt.

Originalpublikation:
MERS-CoV outbreak following a single patient exposure in an emergency room in South Korea: an epidemiological outbreak study
Cho SY, Kang JM, Ha YE, et al.; Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(16)30623-7; 2016

Freitag, 12. August 2016

HPV-Impfung: Weshalb es sich lohnt, auch die Jungen zu impfen

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

In den vergangenen Jahren zeigten Studien neben dem ­Zervixkarzinom auch eine hohe HPV-Beteiligung bei Penis-, Anal- und oropharyngealen Karzinomen, was die Impfung für Jungen weiter in den Fokus rückt.

Derzeit sind 210 HPV-Typen klassifiziert, von ­denen 40 des Genus Alpha vorwiegend die Ano­ge­nitalregion infizieren. Dort verursachen die so­ge­nann­ten Low-risk HP-Viren überwiegend Condylome, die high-risk HPV können jedoch zu Dysplasien, Zervix-, Penis- und Analkarzinomen führen.

HPV-Infektionen: längst nicht nur ein Frauenproblem
Die HIM-Studie, welche 1.200 gesunde, asymptoma­tische Männer untersuchte, fand In­fektionsraten für diverse HPV von circa 50 %. In der Regel handelte es sich dabei zwar um transiente Infektionen, die im Mittel nach sieben Monaten wieder verloren wurden. Allerdings gilt dies nicht für HIV-positive Männer, wie eine weitere Studie an 800 HIV-Positiven nachwies. Aufgrund der bestehenden erworbenen Immunschwäche wird HPV nur unzureichend oder gar nicht mehr aus dem Körper der Betroffenen eliminiert. Dies führt dazu, dass die HPV-Prävalenz in HIV-positiven Männern sogar bis auf 90 % ansteigt. Für diese Patienten besteht ein um ein Vielfaches höheres Risiko für das HPV-induzierte Analkarzinom.

Feigwarzen nehmen zu
Unabhängig vom HIV-Status haben jedoch beide Geschlechter ein etwa 10 %iges Risiko, im Leben an HPV-abhängigen Condylomen zu erkranken. Derzeit leidet etwa 1 % der deutschen Bevölkerung an Condylomata acuminata, in Großstädten liegt die Inzidenz noch darüber. Doch weshalb sind Feigwarzen heute, wie viele andere Geschlechtskrankheiten auch, weiter auf dem Vormarsch?
Eine wichtige Rolle dabei könnte die weitverbreitete Intimrasur sein. Der genitale Kahlschlag hat nämlich auch eine entscheidende Nebenwirkung: Die Intimrasur setzt immer kleine Hautschäden. Gerade für Menschen mit HPV-Infektionen besteht dabei die Gefahr, die Viren im betroffenen Hautareal zu verteilen und auch Partner, die ebenfalls im Intimbereich rasieren, sehr viel leichter anzustecken.Erstes Anzeichen sind meist kleine, aber weiträumig auftretende Warzen innerhalb des rasierten Bereichs. Doch auch andere Erkrankungen können die Mikroläsionen als Eintrittspforten nutzen, so z. B. die Syphilis. "Streng genommen gibt es nur eine Erkrankung, gegen die die Intimrasur hilfreich ist; und das sind Filzläuse. Denen wird nämlich mittels Rasur der Lebensraum dauerhaft genommen", weiß Prof. Norbert H. Brockmeyer, Vorsitzender der Deutschen STI-Gesellschaft.


Impfung schützt zuverlässig vor Feigwarzen
Österreich und die Schweiz impfen seit Kurzem beide Geschlechter gegen HPV-Infektionen. Im weltweiten Maßstab gehen hier die Australier allen voran, die mittlerweile Impfraten für Jungen und Mädchen von bis zu 70 % erreichen. Der Erfolg der HPV-Impfung in Australien zeigt sich darin, dass dort die Rate für Condylomata acuminata deutlich abnahm. Der oft vorgebrachte Herdenschutz ist bei uns mit Impfraten für Mädchen um 40 % nicht erreichbar und vernachlässigt zudem die Jungen, die später Partner aus dem nicht-geimpften Ausland haben sowie MSM. "Die Impfung der Jungen gegen HPV ist daher nicht nur gerecht, sondern auch medizinisch indiziert und ähnlich erfolgversprechend, wie der damit zu erreichende Infektionsschutz bei den Mädchen", findet Prof. Brockmeyer. Mehr dazu im folgenden Interview-Beitrag vom STI-Kongress in Berlin, 2016.

Interview mit Prof. Norbert H. Brockmeyer: Weshalb braucht es die HPV-Impfung für Jungen?

video



Quellen:
Interview mit Prof. Brockmeyer, DSTIG
Industrie-Symposium exklusiv: „Impfpräventable STI – Potenzial und Praxis einer geschlechtsneutralen HPV-Impfung bei Männern“ (Veranstalter: Sanofi Pasteur MSD GmbH), Berlin 2016

Freitag, 22. Juli 2016

Brustkrebs beim Mann - (K)ein Tabu?

Insight: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Brustkrebs ist längst nicht mehr allein Frauensache. Heutzutage erkranken jährlich bis zu 600 Männer neu an Brustkrebs, ein Viertel von ihnen stirbt daran. Die Erkrankung wird oft sehr lange ignoriert, vor allem auch deshalb, weil Mann zu wenig darüber weiß. Doch Tatsache ist: Auch wir Männer können an Brustkrebs erkranken und sterben!

In vielen Fällen ist es bei Diagnosestellung für eine Therapie schon zu spät. Mann geht eben gewohnheitsgemäß erst dann zum Arzt, wenn die Schmerzen oder Einschränkungen unerträglich werden. Glücklich, wer verheiratet ist oder in einer Partnerschaft lebt. Der Partner drängt den Mann meist sehr viel früher, zum Arzt zu gehen. Jeder von uns Männern, das schließt im Übrigen auch die Ärzte mit ein, sollte die regelmäßige Früherkennungsuntersuchung beim Hausarzt oder beim Urologen wahrnehmen. Besonders diejenigen Männer, die am Klinefelter-Syndrom leiden oder solche, in deren Familie bereits Brustkrebs aufgetreten ist, gehören zu den Hoch-Risikopatienten für Brustkrebs. Doch wie macht sich das Mammakarzinom beim Mann eigentlich bemerkbar? Wissen Sie es?

Auf Veränderungen an Haut und Brustpartie achten
Symptomatisch betrachtet unterscheidet sich Brustkrebs bei Frau und Mann eigentlich gar nicht. In vielen Fällen fällt zuerst ein tastbarer Knoten oder eine Verhärtung in der Brust auf. Dieses Frühzeichen ist jedoch schmerzlos und wird deshalb häufig nicht weiter beachtet. Anders als Frauen, betreiben Männer im häuslichen Umfeld auch keine besondere Selbstuntersuchung auf Hoden- und Brustkrebs. Oder wann haben Sie sich das letzte Mal an der Brust auf Knoten abgetastet?
Der Knoten kann lange Zeit schmerzunauffällig bleiben und wächst dennoch kontinuierlich. Im weiteren Verlauf kommt es nicht selten zur Einziehung einer Brustwarze oder zu sichtbarem Ausfluss aus der Brustwarze. Jedoch ist Mann hart im Nehmen: „Das wird schon wieder. Ist vielleicht nur eine Entzündung.“ Das Alarmzeichen, welches fast 40 % der betroffenen Männer dann schließlich in die ärztlichen Hände treibt, ist die schmerzhafte Lymphknotenschwellung in der Achselgegend.1 Auch Hautveränderungen an der Brust fallen deutlicher auf. Der Brustkrebs ist jetzt bereits metastasiert. Die Langzeitprognose dieser Patienten ist schlecht und hängt in hohem Maß auch von der Rezeptorausstattung des Tumors ab. Darin unterscheidet sich der männliche Brustkrebs ebenfalls in nichts von seinem weiblichen Pendant.

Prognostische Faktoren für männlichen Brustkrebs
Bei etwa einem Drittel der Männer mit Brustkrebs hat einer Studie zufolge die Metastasierung bereits stattgefunden, wenn die Patienten sich mit Symptomen in der Praxis vorstellen. Die bevorzugten Orte für solche Metastasen sind Knochen, Lunge und Leber.
Vergleichbar mit Brustkrebs bei Frauen, scheinen auch verschiedene Brustkrebs-Subtypen beim Mann zu existieren. Jeder dieser Subtypen steht für eine andere Prognose für den Patienten. Eine Studie untersuchte 2015 den Einfluss von vier solcher Subtypen auf das Gesamtüberleben der Männer: HR-positiv/HER2-negativ, HR-positiv/HER2-positiv, HR-negativ/HER2-positiv und dreifach-negativ. Es zeigte sich, dass die Patienten mit dreifach-negativem Brustkrebs die schlechteste Prognose hatten. Sie waren jünger, hatten den weiter fortgeschrittenen Tumor und starben sehr viel wahrscheinlicher an ihrem Brustkrebs. Auch diejenigen Männer mit HER2-positivem Tumor hatten ein schlechteres Gesamtüberleben. Die Autoren dieser Studie schlossen daraus, dass neben Alter und Tumorgrad vor allem auch der Tumorsubtyp eine bedeutende Rolle beim Gesamtüberleben von männlichen Brustkrebspatienten spielt.
Ein ER-positiver Tumor hingegen scheint zumindest innerhalb der ersten fünf Jahre nach Diagnose das Gesamtüberleben zu verlängern. Die Autoren dieser aktuellen Studie aus dem Jahr 2016 befanden darüber hinaus, dass Männer mit den folgenden Faktoren deutlich weniger lange überlebten: hohes Alter, fortgeschrittener Tumorgrad, keine Therapie, ER-negativer Tumor oder Familienstand „ledig“.

Fazit
Brustkrebs tritt bei Frauen und Männern auf. Da er beim Mann aber ungleich seltener ist, wird er oft übersehen, mit schweren Folgen für jeden vierten Betroffenen. Die einzige Möglichkeit, Brustkrebs frühzeitig zu erkennen, bleibt die Tastuntersuchung der Brust zuhause oder durch den Hausarzt bzw. Urologen. Männer mit früheren Krebserkrankungen, Strahlentherapie, Klinefelter-Syndrom oder einer Familiengeschichte, in der bereits Großvater, Vater oder Brüder an Brustkrebs erkrankt waren, sollten unbedingt die jährlichen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Es geht im Zweifel um ihr (Über-)Leben.

Quellen:
1. Sanguinetti A et al., Male breast cancer, clinical presentation, diagnosis and treatment: Twenty years of experience in our Breast Unit, Int J Surg Case Rep 2016, http://dx.doi.org/10.1016/j.ijscr.2016.02.004
2. Leone JP et al., Prognostic significance of tumor subtypes in male breast cancer: a population-based study. Breast Cancer Res Treat. 2015 Aug;152(3):601-9
3. Leone JP et al., Prognostic factors in male breast cancer: a population-based study. Breast Cancer Res Treat. 2016 Apr 2. [Epub ahead of print]

Donnerstag, 30. Juni 2016

Leiden Sie auch unter Nierenfunktionsstörungen?

News: Medizin


Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Nicht-dialysepflichtige Nierenfunktionsstörungen entwickeln sich meist langsam und machen nur selten spürbare Beschwerden. Deshalb fehlten bisher auch belastbare Zahlen zur Prävalenz der ­Nierenfunktionsstörungen in Deutschland. Die Daten der DEGS1-Studie führen aber nun eines vor Augen: Das ­Problem wird oft nicht erkannt und ist dabei sehr viel präsenter als bislang vermutet.

Die gesunde Niere fördert und filtert täglich etwa 180 Liter Blut. Erst ab einer Funktionsfähigkeit von weniger als 10 % besteht Dialysepflicht, da die Filterleistung des Organs dann allein nicht mehr ausreicht, um das Überleben des Patienten zu sichern. Doch die bis dahin 90 % verlorene Funktionsfähigkeit ist keineswegs nur als ein Toleranzpuffer anzusehen. Vielmehr sollte bereits bei beginnender Einschränkung immer präventiv behandelt werden, um den eventuellen Verlust der Nierenfunktion hinauszuzögern.(1)



 Nierenprobleme
erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Schon ab etwa 30 % Funktionseinschränkung haben Patienten ein erhöhtes Risiko für kar­diovaskuläre Krankheiten. Oder sie sterben sogar frühzeitiger. Gerade bei älteren Patienten ist deshalb die Messung der glomerulären Filtrationsrate (GFR) grundlegend wichtig. Solche Patienten stellen heutzutage zudem die Hauptgruppe der unerkannt mit einer Nierenfunktionsstörung lebenden Menschen in Deutschland dar.
Sind in Deutschland laut Girndt et al.(2) insgesamt etwa 12,7 % von einer verringerten GFR und/oder einer Albuminurie betroffen, so sind es bei Pflegebedürftigen sogar bis zu 50 %.
 Erschreckend ist in diesem Zusammenhang umso mehr, dass nur 28 % der betroffenen Allgemeinbevölkerung im Alter zwischen 18 und 79 Jahren überhaupt von ihrer Erkrankung weiß. Bei 20 % der Pflegebedürftigen fanden sich zudem nicht einmal nierenspezifische Diagnosen, aus denen ein behandelnder Arzt auf die Nierenfunktion hätte rückschließen können.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Diese aktuelle Auswertung der DEGS1-Studiendaten liefert erstmals ein verlässliches Bild zur Prävalenz der Nierenfunktionsstörungen in Deutschland. Hochgerechnet ist mit einer Zahl der Betroffenen zwischen 2 und 10 Millionen zu rechnen. Diese hohe Zahl nicht diagnostizierter Patienten zeigt, dass die nephrologische Versorgung der Menschen im Lande noch nicht dem entspricht, was gewünscht oder sogar möglich ist. Neben der frühen Diagnose wird deshalb die Prävention in der Patientenbetreuung zukünftig immer mehr Raum einnehmen müssen.



Wie Nierenfunktionsstörungen vorbeugen?

Für Patienten mit Nierenerkrankungen stellen zum einen Medikamente eine größere Gefahr dar. Viele gängige Medikationen werden über die Nieren ausgeschieden oder wirken nephrotoxisch. In solchen Fällen muss der behandelnde Arzt die Nierenfunktion sehr viel strenger im Blick haben.

Doch noch etwas anderes zeigten Girndt et al. in ihrer aktuellen Studie: Diabetes mellitus und Hypertonie sind die beiden Hauptfaktoren und gleichzeitig zwei mögliche Prädiktoren für Nierenfunktionsstörungen. Die Prävalenz einer eingeschränkten Nierenfunktion war bei Probanden mit Diabetes mellitus mehr als 2-fach und bei Probanden mit Bluthochdruck sogar dreieinhalbfach erhöht.(2)




Quellen:

1. Eckardt KU, Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 83–4
2. Girndt M et al., Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 85–91
(Originaltext ursprünglich erschienen in Der Privatarzt Urologie 2/2016.)

Montag, 30. Mai 2016

Ebola-Virus länger im Körper als gedacht

News: Medizin


Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Die WHO erklärte die Ebola-Epidemie in Westafrika unlängst für beendet. Doch für viele Betroffene und mittlerweise wieder Gesunde ist der Albtraum noch längst nicht vorbei. Die Viren scheinen tatsächlich sehr viel länger im Körper aktiv zu bleiben als bisher angenommen.

Anfang des Jahres machte beispielsweise die britische Krankenschwester Pauline Cafferkey wieder Schlagzeilen, als sie nach überstandener Erkrankung erneut wegen Ebola-Symptomen in einem Klinikum behandelt werden musste. Solche Post-Infektions-Syndrome sind aber bei Ebola-Patienten nicht selten. 

Das Problem ist bekannt
Auch nach vorherigen Ausbrüchen in Afrika klagten Überlebende noch Jahre nach der Infektion über Gelenkbeschwerden und Sehstörungen. Hinzu kommt, dass das Ebola-Virus offensichtlich noch weitaus länger in Sperma verbleibt als bislang vermutet. Mehr als ein Jahr nach der Erkrankung waren die Viren bei bis zu 10 % der männlichen Betroffenen noch im Sperma nachweisbar. Ein Infektionsrisiko für Geschlechtspartner kann zudem derzeit nicht völlig ausgeschlossen werden.

Die Forschung steht noch immer am Anfang
Die Prevail-III-Studie aus den USA untersuchte als bis dato aktuellste Forschungsarbeit die Symptome von 82 früheren Ebola-Patienten mit Post-Infektions-Syndrom. Insbesondere neurologische Auffälligkeiten wurden von den Forschern berichtet. Sehr häufig traten beispielsweise Schwäche, Kopfschmerz, Gedächtnisstörungen, Depressionen und Muskelschmerzen auf. In zwei besonders schweren Fällen kam es sogar zu Halluzinationen bzw. Selbstmord.

Quelle: NEJM 2015; doi: 10.1056/NEJMoa1511410

(Erstveröffentlichung in: DER PRIVATARZT Urologie 2/2016)

Dienstag, 26. April 2016

Was tun, wenn es nicht mehr von alleine läuft?

Hintergrund: Medizin

Für Sie entdeckt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Kennen Sie auch das Gefühl, wenn die Blase randvoll ist und richtig drückt? Kein Problem werden die meisten sagen, die nächste Toilette ist ja nicht weit, notfalls tut’s auch mal ein Busch. Anders ist es aber für Menschen mit Harnverhalt. Diese können selbstständig kein Wasser mehr lassen und müssen sich dafür Hilfsmittel zunutze machen, wie beispielsweise Katheter zur Harnableitung.

Peter Kortjan (Name geändert) ist 65 Jahre alt und seit Langem schon Diabetiker. Neulich hatte er einen Termin bei seinem Urologen, der mittels Ultraschall-Untersuchung feststellte, dass Kortjan einen Harnverhalt hat. Für Diabetiker besteht nämlich immer die Gefahr, dass aufgrund der hohen Blutzuckerlast Nerven im Körper geschädigt werden. Der Arzt spricht in solchen Fällen von Polyneuropathie. Fallen die Nerven der Blase aus, kann sie anfangs nur noch unzureichend und später überhaupt nicht mehr entleert werden. Es kommt zum Rückstau des Urins bis in die Nieren, die dadurch sogar schwer geschädigt werden könnten. Diesen Rückstau nennt man auch Harnverhalt und genau das hatte Peter Kortjan.

Herr Kortjan entscheidet sich nach einem längeren Gespräch mit seinem Arzt für die Selbstkatheterisierung als einfach in seinen Alltag einzubauende Hilfe. Zugleich wird er zukünftig eine Diabetes-Schulung besuchen, um sich besser auf seine Grunderkrankung einzustellen. Nur so wird er weitere Folgeschäden durch den hohen Blutzuckerspiegel vermeiden können, berät ihn der Arzt.

Nach kurzer Zeit bereits gehen Peter Kortjan die Griffe zum Einbringen des Katheters wie selbst von der Hand:

Ø  Steril und einzeln verpackte Einmalkatheter führt er in seinem Rucksack mit, wenn er abschätzen kann, dass er länger als vier Stunden nicht zuhause sein wird.

Ø  Herr Kortjan desinfiziert den Harnröhreneingang mit einem speziellen Schleimhautdesinfektionsmittel und seine Hände mit einem Händedesinfektionsmittel.

Ø  Etwas knifflig ist der Moment, wenn der Einmalkatheter ohne den Penis außen zu berühren, direkt eingeführt werden muss. Herr Kortjan braucht dafür immer einen ruhigen Ort. Nach etwas Übung dauert es aber nicht einmal mehr eine Minute bei der Blasenentleerung. In der Selbsthilfegruppe hat er zudem gehört, dass es Kathetersysteme gibt, die eine spezielle Schutzfolie haben, an der man sie ganz sicher beim Einführen greifen kann. Außerdem tragen diese Katheter eine Schutzkappe, die das Eindringen von Bakterien verhindern soll.

Ø  Doch egal, welchen Katheter er anwendet, Herr Kortjan verpackt ihn am Ende im Hygienebeutel und entsorgt ihn im Müll. Nach dem gründlichen Händewaschen verlässt er ganz ruhig, aber zufrieden, die Toilette.
Peter Kortjahn hat sich mit seinem Schicksal angefreundet und achtet jetzt sehr viel mehr auf seinen Körper und ganz besonders auch auf seinen Blutzuckerspiegel. „Wenn ich das so vergleiche, bin ich auf Toilette sogar schneller als viele meiner vermeintlich gesunden Alterskollegen“, sagt er zum Abschluss mit einem Augenzwinkern und geht.

Quellen:
das-kontinenzzentrum.de/isk_richtig_katheterisieren.html
internisten-im-netz.de
pflegewiki.de/wiki/Harnverhalt
thieme.de
urologielehrbuch.de

Donnerstag, 31. März 2016

Jugendsexualität: Aktiv, aber gut geschützt

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Heutige Jugendliche (14 – 17 Jahre) und junge Erwachsene (18 – 25 Jahre) sind sexuell aktiv, aber wissen auch, wie man Schwangerschaft und STI vermeidet. Das Kondom ist dabei nach wie vor Verhütungsmittel Nummer eins. Kulturelle Unterschiede finden sich je nach Herkunft. Dies schlägt sich auch im Bereich der Aufklärung nieder, wie die Studie zur Jugendsexualität 2015 der BZgA vermittelt.

Sexuelle Aktivitäten unter den 14-Jährigen sind insgesamt mit durchschnittlich 6 % noch die Ausnahme. Doch mit etwa 17 Jahren hat bereits mehr als die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland Geschlechtsverkehr-Erfahrung. Im Alter von 19 Jahren haben 90 % der jungen Frauen deutscher Herkunft das „erste Mal“ erlebt. Bei jungen Frauen mit ausländischen Wurzeln sind hingegen erst im Alter von 21 Jahren gut zwei Drittel sexuell aktiv (70 %). Für junge Männer gilt dies erst zwei bzw. drei Jahre später.

Feste Partner sind von Bedeutung

„Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigten sich in der aktuellen Studie nicht“, betonte Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA. Positiv ist auch zu erwähnen, dass die feste Partnerschaft jungen Menschen beim „ersten Mal“ immer wichtiger ist. Das Fehlen des oder der Richtigen ist, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, der Hauptgrund für Zurückhaltung vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund spielen des Weiteren moralische Bedenken eine ebenso wichtige Rolle. Beispielsweise geben 28 % das Motiv „vor der Ehe finde ich das nicht richtig“ als Grund für sexuelle Zurückhaltung an. Bei Mädchen und jungen Frauen deutscher Herkunft wurde dies nur in 4 % der Fälle berichtet. Für Mädchen und junge Frauen mit Migrationsgeschichte ist bis ins Erwachsenenalter hinein ein anderes Motiv relevant: die Angst, „dass die Eltern davon erfahren“ (20 %). Dieses Argument teilen Mädchen und junge Frauen aus deutschen Elternhäusern in jüngeren Jahren, mit zunehmendem Alter ist es dann allerdings weniger von Bedeutung.

Es wird umsichtig verhütet

Das Verhütungsverhalten der 14- bis 17-Jährigen war im Jahr 2015 ausgesprochen umsichtig. Über 90 % der sexuell aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen sprechen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin über Verhütung. Wie sehr sich das Verhütungsverhalten insgesamt verbessert hat, zeigt der Langzeitvergleich für das Sexualverhalten deutscher Jugendlicher: 1980 trafen noch 29 % der Jungen und 20 % der Mädchen keine Verhütungsvorkehrungen beim „ersten Mal“. Heute sind es hingegen nur noch 6 bzw. 8 %. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt es zwar noch keine vergleichbaren Daten, doch ist ein Trendvergleich für die vergangenen zehn Jahre möglich. Bei Jungen mit ausländischen Wurzeln ging die Zahl Nichtverhütender beim „ersten Mal“ demnach von 34 % im Jahr 2005 auf heute 10 % zurück. Bei den Mädchen sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 19 % auf nunmehr 2 % ab. „Es ist eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung, dass Jugendliche schon bei den ersten Sexualkontakten ganz besonders auf das Schutzverhalten achten“, erklärte Dr. Thaiss weiter. Das Kondom ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit deutlichem Abstand das Verhütungsmittel Nummer eins beim „ersten Mal“. Insgesamt 73 % der 14- bis 25-Jährigen gaben dies in der Studie an.

Aufklärung durch die Eltern?

„Das Elternhaus spielt bei der Sexualaufklärung eine wichtige Rolle. Eltern sind für ihre Kinder zugleich Vertrauenspersonen und zentrale Beratungsinstanz in Verhütungsfragen,“ sagte Dr. Thaiss. Je nach Herkunft leisten Eltern unterschiedliche Aufklärungsarbeit: Aktuell sprachen 63 % der Mädchen und 51 % der Jungen deutscher Herkunft mit ihren Eltern über Verhütung, aber nur 41 % der Mädchen und 36 % der Jungen aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund.

Schule ist für Jugendliche mit Migrationshintergrund der wichtigere Bezug

Der Schule kommt neben dem Elternhaus eine wichtige Aufgabe in der Sexualaufklärung zu: Im Schnitt gaben 93 % der Jugendlichen an, Themen der Sexualaufklärung im Unterricht besprochen zu haben. Auf die Frage nach der wichtigsten Bezugsperson im Rahmen ihrer Aufklärung, nannten Jungen Lehrer und Lehrerinnen an erster Stelle. Diese sind gerade auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund sehr wichtige Bezugspersonen, da ihnen vielfach die Eltern als Ansprechpartner fehlen. Interessant ist zudem, dass etwa 15 % der Mädchen Ärzte als wichtigste Bezugsperson nannten, wohingegen nur 3 – 4 % der Jungen dies erklärten.

Quelle: Studie „Jugendsexualität 2015“ der BZgA; DER PRIVATARZT UROLOGIE 1/2016

Dienstag, 16. Februar 2016

Zikavirus im fötalen Gehirn: Ein Fallbericht

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.
Brasilien erlebt derzeit die schwerste Epidemie des Zikavirus. Noch immer tappen die Experten im Dunkeln, wie das Virus eingeschätzt werden sollte; unklar der Zusammenhang mit der beobachteten Mikrozephalie bei Neugeborenen. Der Fallbericht eines slowenischen Forscherteams lässt aufhorchen: Zikaviren im Gehirn eines Fötus nachgewiesen und elektronenmikroskopisch sichtbar gemacht! Ist das nun der Beweis? Warum ist es nur so schwer, einen möglichen Zusammenhang zwischen den Viren und der Mikrozephalie zu beweisen?
Die Geschichte beginnt bereits im Oktober 2015, als eine 25-jährige schwangere Frau ins medizinische Zentrum in Ljubljana (Slowenien) eingeliefert wird. Seit Dezember 2013 lebte und arbeitete die junge Frau in Natal (Brasilien). Ende Februar 2015 wurde sie schwanger. Doch in der 13. SSW klagte sie plötzlich über Fieber mit muskulosketalen Schmerzen, die von einem juckenden Exanthem begleitet wurden. Der Verdacht: Zikavirus!
Die adäquate Diagnostik fehlte
Die junge Frau erhielt zunächst keine virologische Diagnostik. Sonographische Kontrollen erfolgten in der 14. und 20. SSW und zeigten keine Abnormitäten des Kindes. Die Patientin kehrte in der 28. SSW zurück nach Europa und die anschließend dort durchgeführte Ultraschalluntersuchung offenbarte erste Veränderungen am Kind. Die junge Frau beschrieb zudem, das Baby weniger stark zu spüren; es bewegte sich seltener.
Viele Indizien und ein Schwangerschaftsabbruch
Bei der in der 32. SSW vorgnommenen Ultraschalluntersuchung war die Wachstumsverzögerung beim Kind schon sehr deutlich darzustellen. Amnionflüssigkeit und Plazentadicke lagen im Normalbereich. Auch die Blutversorgung war im Doppler normal. Doch der Fötus zeigte einen deutlich zu kleinen Kopfumfang, das Gehirn präsentierte sich mit offensichtlich weitläufig kalzifizierten Bereichen. Alles zusammengenommen sprach sehr für eine virale Schädigung des ungeborenen Kindes infolge einer früheren Infektion. Die Ärzte gaben dem Kind nur sehr geringen Chancen, gesund geboren zu werden. Aufgrund dieser Sachlage entschied sich die junge Frau zur Abtreibung und willigte ein, das Kind der Forschung zur Verfügung zu stellen.
Kriminalistische Spurensuche und ein Täter: Das Zikavirus?
Das ungeborene Kind maß 42 cm bei einem Gewicht von 1470 Gramm. Der Schädelumfang betrug lediglich 26 cm. Das Gehirn war mit 84 Gramm sehr leicht und zeigte sehr viele Abnormalitäten (z. B. Hydrozephalus, Kalzifizierungen, Astrogliose). Die familiäre Anamnese und genetische Untersuchung der Mutter erbrachten keine Anhaltspunkte auf genetische Störungen, die solche Entwicklungsstörungen erklären könnten.
In elektronenmikroskopischen Schnittpräparaten des fetalen Gehirns fanden sich zahlreiche Vesikel, die etwa 42 - 54 nm große Viruspartikel enthielten. Den Autoren nach könnte es sich um Zikavirus-Partikel handeln. Darüber hinaus fanden die Forscher das Virus-Genom im Gehirngewebe in einer Kopiezahl von 6.5×107 pro Milligramm Gewebe. Parallel geführte RT-PCR-Tests fanden keine Hinweise auf andere Flaviviren oder bekannte teratogene Viren, wie z. B. Varizella-Zoster, Parvovirus B19 oder CMV. Die Genomanalyse des entdeckten Zikavirus-Genoms stellt es in eine enge Nachbarschaft zu den 2013 und 2015 in Mikronesien und Brasilien gefundenen Stämmen.
Zikavirus im elektronenmikroskopischen Bild.
(Quelle: CDC/Cynthia Goldsmith; Wikimedia Public Domain)

Zum Abschluss

Obgleich dieser Fallbericht aus Slowenien das Zikavirus als Verdächtigen im Fall der Mikrozephalien in Brasilien noch wahrscheinlicher macht, ist es doch immer noch ein Einzelfall. In der gegenwärtigen Situation ist es nicht einfach, kontrollierte Studien durchzuführen, um zu einer statistisch validen Einschätzung zu kommen. Angst und Unwissen ob der Bedrohung durch das Virus leiten die Entscheidungen der Menschen in den betroffenen Gebieten. Und selbst bei uns titeln die Tageszeitungen mit Zika als Bedrohung, zählen gar jeden neuen Fall. Belastbare Forschungsergebnisse lassen sich aber nicht mit lautstarken Angstreden erzielen. Es braucht nun einmal Zeit, die Daten zu produzieren und auszuwerten, im Übrigen auch in Hinblick auf eine mögliche Impfung.

Siebzig Jahre lang war das Virus in Regionen zuhause, wo sich Menschen bereits früh als Kleinkinder infizierten und anschließend immun waren. Für das Zikavirus anfällige Schwangere gab es nicht, da die Populationen in Südostasien und Afrika praktisch mit Zika großgeworden waren. In Brasilien jedoch, oder in der sogenannten Neuen Welt, trifft das Zikavirus auf naive Populationen, die vom Kleinkind bis zum Greis empfänglich für die Infektion sind.

Wer mehr über diese Hintergründe erfahren möchte, und weshalb es so schwer ist, jetzt zu verlässlicheren Daten zu kommen, dem sei das folgende Interview empfohlen: Dr. Marcus Mau im Gespräch mit Frau Prof. Susanne Modrow von der Gesellschaft für Virologie zu den Fakten rund um das Zikavirus (Stand: 12.02.2016).




Quelle: Mlakar J et al. NEJM 2016; DOI: 10.1056/NEJMoa1600651

Dienstag, 2. Februar 2016

Angst vor dem Zika-Virus

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.

Die Welt hat einen neuen Feind. Und selbst die WHO ruft diesmal recht früh den internationalen Notstand aus. Aber Moment! Ganz so neu ist das doch alles nicht, oder doch? Nein, vieles erinnert an die Ebola-Krise in den vergangenen zwei Jahren. Der neue Feind: das Zika-Virus. Doch erst einmal hübsch der Reihe nach.
In Brasilien sind derzeit etwa 1,5 Millionen Menschen mit dem Zika-Virus infiziert, so schätzen die Experten. Das Virus wird überwiegend durch Mücken übertragen und steht im Verdacht, beim ungeborenen Kind zu Fehlbildungen am Kopf zu führen, zum sogenannten Mikrozephalus. Angeblich sei die Situation nach Meinung vieler Medien nun auch dank des raschen Eingreifens der WHO mit der Ebola-Epidemie in Westafrika vergleichbar. Obwohl Ebola aufgrund der sehr schnellen und dramatischen Krankheitsverläufe sicher noch in einer anderen Liga spielt als das Zika-Virus, drängen sich tatsächlich einige Parallelen auf. Ganz ähnlich wie Ebola ist Zika bereits seit Längerem bekannt, seit genau 70 Jahren. Und ebenso wie bei seinem todbringenden „Vetter“ hatte es bis dato niemand für nötig erachtet, das Virus genauer zu studieren oder sogar Impfstoffe und Therapien dagegen zu entwickeln. Ein Schelm, wer nun Böses denkt.

Doch genau wie Ebola war und ist Zika hauptsächlich eine Tropenkrankheit. Denn das Zika-Virus ist vor allem in Afrika und Asien zuhause. Nun hat es aber, so die Experten, sehr wahrscheinlich während der letzten Fußball-WM den Sprung nach Südamerika unternommen. In der Gelbfiebermücke (Aedes aegyti) fand das Virus seinen Wirt und verbreitet sich seitdem ungehemmt in einem der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Und warum ist Zika dann plötzlich weltweit von so großem Interesse? Kinder mit viel zu kleinen Köpfen gab es doch auch schon viel früher in Mikronesien und Polynesien. Auch dafür scheint das Virus verantwortlich zu sein. Aber trotz dieser Ausbreitungstendenz des Zika-Virus gen Westen blieb der weltweite Aufschrei damals aus. Ist das Virus heute etwa gefährlicher geworden? Natürlich nicht. Doch in wenigen Monaten beginnen die Olympischen Spiele in Brasilien, da kommt das Virus sehr wahrscheinlich zur denkbar ungünstigsten Zeit. Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter dem Zika-Virus? Müssen wir tatsächlich Angst in Deutschland haben?
Steckbrief Zika-Virus
Das Zika-Virus gehört in die Gruppe der Flaviridae, zu denen z. B. auch Dengue, West-Nile-Virus und Japanische Enzephalitis zählen. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt durch die sogenannte Gelbfieber-Mücke Aedes aegypti. Die Mücke Aedes aegypti ist als Überträger des Gelbfiebers bereits seit Jahrhunderten sehr zahlreich in Südamerika vertreten, was die Virusausbreitng natürlich erleichtert. Doch bereits im Jahr 2007 gab es einmal einen Ausbruch auf einer entfernt gelegenen Pazifikinsel. Bis zu jenem Tag galt das Zika-Virus einzig auf Afrika und Südostasien beschränkt.
Symptome einer Zikavirus-Infektion

Die Erkrankung verläuft meist mild und gleicht vom Symptomenkomplex her vor allem der Dengue- oder der Chikungunya-Infektion. Die Infizierten leiden nach einer Inkubationszeit zwischen 3 und 12 Tagen unter subfebrilem bis mäßigem Fieber, Hautausschlag sowie Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen. Eine nichteitrige Konjunktivitis ist ebenfalls nicht selten. Der weitaus größte Anteil der Infektionen jedoch verläuft asymptomatisch, so vermuten Fachleute.

Hohe Durchseuchung in immunologisch naiven Populationen
Treten Zika-Viren erstmals innerhalb einer Population auf, so rechnen Experten mit einem anfangs sehr hohen Infektionsdruck. Einige Erfahrungen konnte man bereits bei den Ausbrüchen in Polynesien und Mikronesien machen. So waren auf der mikronesischen Insel Yap im Jahr 2007 wohl mehr als 70 % der Bevölkerung im Alter von > 3 Jahren infiziert.

Mittlerweile gilt als erwiesen, dass das Zika-Virus, dass sich derzeit in Brasilien ausbreitet ursprünglich zum asiatischen Genus gehörte und sehr wahrscheinlich im Zuge der WM 2014 mit Touristen ins Land kam. Seit Mitte 2015 explodieren nun die Infektionszahlen regelrecht und neben Brasilien sind unterdessen auch Kolumbien, Venezuela und Staaten Mittelamerikas betroffen. Von Brasilien aus könnte sich das Virus im Zuge der bevorstehenden Olympischen Spiele auch weltweit ausbreiten. Diese Bedrohungslage rief unlängst die WHO auf den Plan, die nun nach reichlicher Prüfung der Sachlage den globalen Gesundheitsnotstand ausrief.
Pränataler Mikrozephalus: Zusammenhang unklar
Seit Oktober 2015 kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen bei einer Reihe von Neugeborenen in Brasilien. Die meisten dieser Kinder litten an einer ausgeprägten Mikrozephalie mit resultierender geistiger Retardierung und frühem Säuglingstod. Obgleich es in einem Fall eines betroffenen Kindes gelang, Zika-Viren aus dem Blut zu isolieren, ist der kausale Zusammenhang zwischen Virusinfektion und Mikrozephalus noch nicht hinreichend belegt. Auch im Fruchtwasser zweier Schwangerer mit fehlgebildeten Embryos wurde Virus-RNA nachgewiesen. Besonders Frauen im ersten und zweiten Schwangerschafts-Trimester gelten als gefährdet.

Interessant: In Französisch Polynesien kam es bereits 2014/15 zu einer Zika-Virus-Epidemie und auch dort wurden auffallend häufig fehlgebildete Kinder geboren. Gemeinsam mit der Mikrozephalie wurden hier Hirnfehlbildungen, polymalformatives Syndrom mit Hirnbeteiligung sowie Stammhirn-Dysfunktionen mit Schluckstörungen beobachtet. Die vier untersuchten Mütter hatten allesamt Virus-Antikörper in ihrem Blut. Sie konnten sich aber nicht daran erinnern, je an Zika erkrankt gewesen zu sein.
Besteht ein Risiko in Deutschland?

In der nächsten Zeit werden Ärzte wohl häufiger auf verunsicherte Patientinnen treffen, die vielleicht eine Reise in die derzeitigen Zika-Virus-Gebiete planen. „Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“ ist ganz gewiss eine der häufigsten Fragen in diesem Zusammenhang. Doch wie reagieren Sie darauf?

Im Allgemeinen ist die Gefahr, sich z. B. in Deutschland mit Zika-Viren zu infizieren beinahe ausgeschlossen, da sich die Vektoren, also die betreffenden Mückenarten, bei uns (noch) nicht dauerhaft ansiedeln bzw. weiter ausbreiten können. Jedoch kommt bei uns beispielsweise die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus ) auch in Süddeutschland vor. Ob sie aber eins geeigneter Überträger für Zika-Viren ist ? Bisher jedenfalls  ist noch kein solcher Fall bekannt geworden.
Nach Ansicht der Experten besteht jedoch ein geringes Restrisiko der Ansteckung auf sexuellem und perinatalem Weg. Infizierte Reiserückkehrer stellen hier einen Risikokontakt dar. Es kann jedoch zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass das Virus auch sexuell, also ohne Mücke als Vektor, übertragbar ist. Dazu gibt es bis dato nur zwei ältere Einzelfall-Beobachtungen aus den USA, in denen das Virus unter anderem im Ejakulat nachgewiesen wurde.

Das größte Infektionsrisiko besteht jedoch weiterhin für Reisende, die beispielsweise nach Brasilien oder in andere betroffene südamerikanische Staaten, nach Afrika bzw. Südostasien fliegen.
Aktuelle Reiseempfehlungen mit Stand Januar 2016

Aufgrund der Tatsache, dass selbst nach 70 Jahren, die das Virus bereits bekannt ist, weder spezifische Therapien noch Impfungen gegen Zikavirus-Infektionen verfügbar sind, gründet sich die individuelle Prävention in Risikogebieten darauf, Mückenstiche zu vermeiden. Dabei aber bitte nicht vergessen: Mücken der Gattung Aedes stechen auch tagsüber!

Die folgenden Empfehlungen für Reisende in betroffenen Ländern sollten beachtet werden:
  • Reisende in tropische Länder auf mittlerweile allen Kontinenten sollten sich über den aktuellen Stand der Zika-Virus- Infektionen informieren und sich in geschlossenen Räumen und im Freien gegen Mückenstiche schützen. Am besten gelingt dies mithilfe von Insektenschutzmitteln (sog. Repellents), bedeckende Kleidung und in nicht klimatisierten Zimmern durch das Nutzen von Bettnetzen.
  • Reisende, die innerhalb von drei Wochen nach der Rückkehr aus einem betroffenen Gebiet Symptome entwickeln, die eine Infektion mit dem Zikavirus vermuten lassen, sollten einen Arzt aufsuchen. Wichtig für den Arzt ist es, auch an eine umfassende Reise-Anamnese zu denken! Wer ganz sicher gehen will, kann eine umfassende Zikavirus-Diagnostik beispielsweise beim Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (Nationales Referenzzentrum für tropische Infektionserreger) in Hamburg beauftragen. Ärzte sollten immer daran denken, auch eine Urinprobe ihres Patienten für den Virusdirektnachweis (RT-PCR) einzuschicken.
  • Schwangere, die in Endemie-Gebiete gereist waren, und potenziell Kontakt mit dem Zika-Virus gehabt haben, sollten ihren Frauenarzt bei Vorsorgeuntersuchungen darauf hinweisen.
  • Schwangere, Menschen mit einer Immunstörung oder einer anderen schweren chronischen Krankheit sowie Reisende mit kleinen Kindern sollten vor der Reise den Hausarzt aufsuchen oder sich von einer reisemedizinischen Einrichtung beraten lassen. Die Deutsche Tropenmedizinische Gesellschaft (DTG) empfiehlt derzeit Schwangeren, von Reisen in bekannte Zikavirus-Gebiete Abstand zu nehmen. Bei unvermeidlichen Reisen muss zwingend auf konsequenten Mückenschutz geachtet werden. Das Auswärtige Amt schließt sich dieser Empfehlung z. B. für die Endemiegebiete in Brasilien an.
Gesundheitsnotstand – Und nun?
Momentan bekommt die Entwicklung einer Impfung gegen Zika-Viren oberste Priorität. Dafür hat die Europäische Union kürzlich zehn Millionen Euro an Forschungsgeldern ausgelobt. Zika-Viren unterscheiden sich zudem in einem besonderen Punkt von z. B. Dengue, was durchaus Hoffnung macht. Der Experte der Gesellschaft für Virologie Prof. Dr. med. Christian Drosten sagt: „Anders als beim Dengue-Fieber kann sich der Mensch nur einmal im Leben mit Zika-Viren anstecken. Danach ist er lebenslang immun.“ Es ist also denkbar, dass die derzeitige Virusausbreitung eine immune Bevölkerung hinterlässt und dazu führt, dass die Zika-Epidemie letztenendes selbstlimitierend sein wird.

Bleibt zu hoffen, dass dieses Statement auf 70 Jahren wissenschaftlicher Erkenntnisse beruht und nicht nur eine Hoffnung der Experten ist. Den Frauen in Brasilien nützt dies unterdessen wenig. Immer mehr Schwangere gehen dort den Weg der Abtreibung; manche angeblich sogar, ohne das Testergebnis auf Zika-Viren überhaupt abzuwarten. Zu groß ist die Angst vor einem mikrozephalen Kind.

Quelle: Gesellschaft für Virologie; RKI, Epidemiologisches Bulletin 2/2016, Ärztezeitung.de
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Donnerstag, 28. Januar 2016

Kinderlosigkeit verringert Risiko für Prostatakrebs

News: Medizin


Ein Kommentar von Dr. Marcus Mau.

Kinderlose Männer haben ein geringeres Risiko, am Prostatakarzinom zu erkranken, so das Ergebnis einer aktuellen Studie im Wissenschaftsmagazin Nature. Zum Glück wusste das in der Steinzeit noch niemand. Wer weiß, ob es die Menschheit bis hierher geschafft hätte?

Sterben wir nun aus, weil kein Mann mehr Kinder haben möchte? Wohl kaum und auch, wenn die vorliegende Studie sicher sehr interessant ist, so bleiben noch eine Menge Fragen unbeantwortet. Ich muss schon zugeben, als ich vor Kurzem morgens im Newsletter diese Schlagzeile fand, fühlte ich mich doch gleich wieder in den Statistikkurs aus meiner Studentenzeit zurückversetzt. Dort wiesen wir gemeinsam mit den Dozenten mit von Stolz geschwellter Brust einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Störche und der Geburtenzahl in einer deutschen Stadt X nach.
Selbst wenn es einen Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und Prostatakarzinom gibt, so sind es doch vielmehr Alter, ethnische Zugehörigkeit sowie die liebe alte Genetik, die noch immer als Hauptursachen für die bis zu 1,2 Millionen weltweit jährlich auftretenden Neuerkrankungsfälle verantwortlich sind. Auch Lebensstil und Umwelfaktoren (wie z. B. Gonokokken-Infektionen) fordern dabei ihren Tribut.

Die Fakten aus der erwähnten Studie von Mao und Kollegen
Die Forscher analysierten in ihrer Metastudie 11 Arbeiten mit insgesamt 182.012 Prostatakarzinom-Fällen. Dabei stellten sie fest, dass kinderlose Männer ein um circa 9 % geringeres Risiko hatten, an einem Prostatakarzinom zu erkranken, als Väter. Bei unfruchtbaren Männern sorgt sehr wahrscheinlich der Testosteronmangel dafür, dass sie weniger oft an Prostatakrebs erkranken. Dennoch vermag dieser Risikovorteil gegenüber den Vätern nicht recht dazu zu verleiten, unfruchtbar und kinderlos leben zu wollen. Denn Hypogonadismus (eine der Hauptursachen für Unfruchtbarkeit) steigert unbehandelt das Risiko für das metabolische Syndrom, psychische Veränderungen sowie Osteoporose beim Mann. Darauf jedoch gehen Mao und Kollegen nicht weiter ein. Und obgleich Kinder und Familie einen Stressfaktor darstellen, der das Herzinfarktrisiko ansteigen lässt, wie Studien belegen, bietet einem die gleiche Familie sehr viel Rückhalt und Freude, was lebensverlängernd wirkt, wie wieder andere Studien zeigten.

Fazit
Der Untergang der Menschheit infolge Kindermangels ist wohl vorerst abgesagt. Doch eine echte Lösung, wie man dem Prostatakarzinom als häufigste Todesursache des Mannes vorbeugen kann, bietet die Studie ebensowenig an.

Quelle:
Mao et al., Nature 2016; 6:19210 
feedeater.de