Freitag, 30. September 2016

MERS-Coronaviren: Eiskalt erwischt

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. Marcus Mau.


Trotz des großen MERS-Ausbruchs 2015 sind längst nicht alle medizinischen Einrichtungen in der Welt auf das Virus vorbereitet. Welche schwerwiegenden Folgen dies haben kann, zeigten unlängst koreanische Forscher: Ein einziger Patient reicht aus, um eine ganze Infektionskette in Gang zu setzen.
 
Im Jahr 2015 kam es in Seoul zu einem großen Ausbruch des Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV). Auslöser war ein einzelner Fall in der Notaufnahme des Samsung Medical Centers der Metropole.
 
Wahre Detektivarbeit
Die Forscher um Cho machten alle Patienten und das medizinische Personal ausfindig, die zwischen dem 27. und dem 29. Mai 2015 in der Notaufnahme waren, als besagter Infektionsfall (Patient 0) dort behandelt wurde. Die Patienten wurden für die Auswertung nach Nähe zum Patienten kategorisiert und in Gruppen eingeteilt: Gruppe A befand sich im Zeitraum in direkter Nähe zum Patienten 0, Gruppe B hatte Überschneidungen mit dem Patienten 0 in der Annahme sowie in der Radiologie, und Gruppe C befand sich in verschiedenen Zonen ohne direkten Patientenkontakt. Interessant an der Auswertung dieses Falles ist, dass das Krankenhaus die sich ausbreitende MERS-CoV-Infektion mittels PCR-Tests von Sputumproben verfolgen konnte. Daraus ermittelten die Forscher rückblickend die Befallsraten, die Inkubationszeiten sowie mögliche Risikofaktoren einer Übertragung im klinischen Setting.

Expositionsort entscheidend für Infektionsrisiko
Ausgehend von einem einzigen Fall, der sich nur drei Tagen in der Notaufnahme befand, ermittelten die Forscher 675 Patienten und 218 Angehörige des medizinischen Personals, die als potenzielle Kontaktpersonen ausgemacht werden konnten!
Bei 82 dieser Personen wurde eine MERS-CoV-Infektion festgestellt (33 Patienten, 8 Personen des medizinischen Personals, 41 Besucher). Die Befallsrate war in der Gruppe A mit dem engsten Kontakt zum Patienten 0 erwartungsgemäß am höchsten (20 %). In den Gruppen B und C lag sie bei immerhin noch 5 % bzw. 1 %. Für das medizinische Personal betrug die Befallsrate über alle drei Bereiche hinweg insgesamt 2 %.
Die durchschnittliche Inkubationszeit bis zu den ersten Symptomen für MERS lag bei sieben Tagen. Auf Gruppenebene betrug die Inkubationszeit für Gruppe A fünf Tage, für Gruppe C elf Tage. Für Patienten, die nach dem 29. Mai 2015 in der Notaufnahme behandelt wurden, konnten keine Infektionen ermittelt werden. Damit bedeutet der Kontakt zur potenziell kontaminierten Umgebung, aber ohne direkten Kontakt zum Indexfall, kein größeres Ansteckungsrisiko. Das Infektionsrisiko stand jedoch in einem direkten Zusammenhang zum Expositionsort und der Nähe zum Indexfall.

Fazit
Die Ergebnisse der Forscher aus Seoul zeigen eines ganz deutlich: MERS-CoV hat ein erhöhtes Übertragungspotenzial, wenn es auf ein unvorbereitetes klinisches Umfeld wie beispielsweise eine überfüllte Notaufnahme trifft. Die Daten bieten eine sehr überzeugende Evidenz für das bestehende Infektionsrisiko im klinischen Setting und sollten weltweit dazu Anlass geben, bestehende Protokolle im Umgang mit Infektionskrankheiten zu überprüfen, diese zu implementieren und sich auf Erstfälle vorzubereiten.
Wie wichtig dies ist und wie wahrscheinlich es zu solchen Szenarien auch bei uns kommen kann, zeigte der Fall des Anfang 2016 an Lassafieber verstorbenen Mannes in einem Kölner Klinikum. Bevor die Infektion sicher festgestellt werden konnte, hatten sich bereits mehrere Klinikmitarbeiter dem Infektionsrisiko ausgesetzt. Und sogar der ahnungslose Bestatter des Verstorbenen war mit Lassa-Verdacht ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Eines gilt zudem als sicher im Umgang mit Infektionskrankheiten: Ausgangspunkt ist immer ein Patient 0, den es im Idealfall zu erkennen und frühzeitig zu isolieren gilt.

Originalpublikation:
MERS-CoV outbreak following a single patient exposure in an emergency room in South Korea: an epidemiological outbreak study
Cho SY, Kang JM, Ha YE, et al.; Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(16)30623-7; 2016
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