Mittwoch, 5. Juli 2017

Liebe mit Hindernissen

Hintergründe: Medizin

Dr. rer. nat. Marcus Mau im entspannten Gespräch mit dem Dortmunder Dermatologen Dr. med. Schulte Beerbühl.

Häufig fängt es ganz langsam an: rötliche Bläschen, blumenkohlartige Hautgewächse, Schuppen, offene Wunden oder dieser unbeschreiblich aufregende Juckreiz. Die Übeltäter sind meist Viren, Bakterien oder Pilze, die unsere Schleimhäute – Mund, Nase und Genitale – in vielerlei Gestalt besiedeln und sich dort ganz wie zuhause fühlen. Das Liebesleben der Betroffenen kann darunter empfindlich leiden. Doch leider ist es für das ungeübte Auge nicht immer so leicht, die Ursache der Symptome auf den ersten Blick zu erkennen.

Seit einigen Jahren sind Geschlechtskrankheiten, wie Gonorrhoe, Syphillis und Chlamydien-Infektionen, in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Doch um sie soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Geschlechtskrankheiten sind nämlich nur die eine Hälfte der Geschichte. Es gibt darüber hinaus weit mehr zu entdecken, was die Liebe und die Intimität zweier, oder – aus Sicht der Viren – besser beliebig vieler Menschen für uns bereit hält.

Insbesondere die Schleimhäute des Mundes sowie die unserer Genitalien sind mit ihrer Feuchtigkeit und Wärme ein ideales Siedlungsgebiet für allerlei Bakterien und Pilze. Nicht immer ist es dann leicht, bakterielle, virale oder durch Pilze verursachte Erkrankungen abzugrenzen. Die genaue Diagnose jedoch ist entscheidend, um schnell und zielsicher behandeln zu können. Deshalb gilt: „Wenn es untenrum juckt oder da etwas auftaucht, das dort wohl nicht hingehört, ab zum Arzt!“, fasst Dr. med. Schulte Beerbühl, Dermatologe aus Dortmund, die Reaktion auf den ersten Schreck für Betroffene zusammen.
Kleines Bläschen, große Wirkung
Den Reigen der kleinen „Liebesgeschenke“ eröffnen die gruppierten Bläschen auf gerötetem Grund. Ihnen voraus geht eine Neuralgie und es finden sich in den meisten Fällen regionäre Lymphknotenschwellungen. „Das ist ein typischer Herpes. Da gibt es nichts anderes“, so Schulte Beerbühl. Typisch für einen solchen Herpes sei zudem das „rezidivans in loco“, d. h. das beharrliche Wiederauftreten der Bläschen an immer dergleichen Stelle, wie z. B. an den Lippen.

Nun wäre die Welt der Mediziner ja so einfach, gäbe es den Herpes nicht auch noch weit weg vom Mund, wie so mancher oder manche bereits schmerzvoll erleben musste. Die Herpes-Infektion ist nämlich durchaus für zwei Orte des Körpers typisch. Im Bereich der Lippen findet sich der Herpes labialis, der durch das Herpes simplex-Virus Typ I verursacht wird. Zum anderen gibt es aber am Genitale den Herpes genitalis, der auf die Infektion mit Herpes simplex Typ II zurückgeht.
Erschwerend kommt hinzu, dass beide Herpesviren untereinander ausgetauscht werden können, also alles andere als ortstreu sind. Möglich wird dieser Austausch durch heutzutage weitverbreitete Sexualpraktiken, wie etwa den Oralverkehr. Er macht es beiden Virustypen sehr leicht, zwischen Mund und Genitale zu wandern. Am Ende der Reise findet sich Herpes simplex Typ I eben dann auch im Genitalbereich und Herpes simplex Typ II an den Lippen.

Für den behandelnden Arzt hat das durchaus Konsequenzen, denn die Behandlung der Herpesinfektionen richtet sich nach dem Typ des Erregers. Darüber hinaus ist gerade der Genitalherpes eine sehr schmerzhafte Sache, die das Liebesleben eines jeden infizierten Menschen kurzerhand zum Erliegen bringen kann. Damit die Bläschen nicht immer wieder neu durchbrechen, hilft eigentlich nur die permanente Unterdrückung der Viren mithilfe antiviraler Medikamente.
Im vergangenen Jahr präsentierte die Arbeitsgruppe um Zeena Nawas von der University of Texas in Houston jedoch erstmals Ergebnisse einer Phase-II-Studie zu einem experimentellen Impfstoff gegen Herpes genitalis. Der Impfstoff mit dem schlanken Namen „GEN-003“ ist sehr vielversprechend, denn er reduzierte zuverlässig die Läsionen der Testpersonen und verhinderte die Freisetzung neuer Virsupartikel.

Ein Fußpilz auf Pilgerreise
Doch neben den Herpesviren gibt es noch so manch anderen Erreger, der das Liebesglück des Menschen empfindlich stören kann. Der Fuß- und Nagelpilz ist eine in Deutschland sehr weit verbreitete Pilzerkrankung, welche langfristig und doch oft reversibel zur Zerstörung des betroffenen Zehennagels führt. „Bei gesunden Menschen bleibt die Erkrankung auf die Zehen und Füße lokalisiert und kann dort z. B. mit Lacken, Cremes und einer großen Portion Geduld relativ gut behandelt werden“, stellt Schulte Beerbühl klar.
Bei älteren Menschen und Immungeschwächten allerdings kann der Fuß- und Nagelpilz in eine ausgedehnte Tinea corporis übergehen. Dabei wandern die Pilze dann sogar bis zum Po oder in die Genitalregion. Wie das passieren kann? Ganz einfach. Niemand zieht sich seine Unterhose über den Kopf an, oder? In der Regel wird gezogen und geschoben, wobei die Füße regelmäßig am Stoff der Unterhose hängen bleiben. Genau in einem solchen Moment wird der Pilz schließlich in die Unterhose verschleppt.  Der einstmals an den Füßen beheimatete Pilz hat es nun bis in den Genitalbereich geschafft. In der Folge kommt es zur großflächigen Rötung, was nicht nur unangenehm aussieht.

„Gegen solch ausgedehnte Pilzinfektionen der Haut hilft anfangs ein antientzündlich, antimykotisch und antibakteriell (Anm. d. Red.: gegen mögliche bakterielle Superinfektionen) wirksames Medikament. Für die vollständige Ausheilung bedarf es dennoch später einer weitergehenden Systemtherapie“, rät Schulte Beerbühl seinen Kollegen gern in einer solchen Situation.
Warzen sind echte Vermehrungskünstler
Bei den Warzen handelt es sich zumeist ebenfalls um durch Viren hervorgerufene Hautwucherungen. Sehr schnell werden sie sehr zahlreich und zudem vergleichsweise groß. In der Genitalregion treten vor allem Dellwarzen auf, aber immer häufiger trifft man ebenso auf die sogenannten Feigwarzen. Letztere gehen auf eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV), z. B. HPV 6 und 11, zurück.

Die Dellwarzen, die einigen noch besser unter ihrem Fachnamen „Molluscum contagiosum“ bekannt sind, gelten als hoch ansteckend – Name verpflichtet eben manchmal doch. Die Ursache der Dellwarzen ist eine Infektion mit einem Verwandten des Pockenvirus. Obgleich Dellwarzen allgemein langsam wachsen, können sich aus einigen wenigen Herden großflächig verstreute Warzen bilden.
„Am besten geht Mann bzw. Frau schnellstmöglich zum Hautarzt. Denn je länger abgewartet wird, desto größer kann die Belastung mit den Warzen am Ende werden. Am Anfang entdeckt man vielleicht drei Dellwarzen. Nach einem halben Jahr des Abwartens sind es schon 30. Und einige Zeit später sind es plötzlich 300! Den vermeintlichen Spaß hat dann nicht mehr allein der Hautarzt, denn es kann durchaus müßig sein und seine Zeit dauern, um solche Warzen wieder loszuwerden“, rät Dr. Schulte Beerbühl, aufgrund seiner reichen Erfahrung auf diesem Gebiet.

Bitte zurückhaltend „entwalden“
Warzen erleben aber auch gerade in der modernen Zeit des sogenannten intimen Kahlschlags eine sichtliche Blüte. Das gilt insbesondere für die Feigwarzen, welche durch HP-Viren ausgelöst werden. Die weithin verbreitete Intimrasur schafft zahlreiche Mikroverletzungen der Haut, die wiederum aus Sicht der Viren herrliche Eintrittspforten darstellen, um sich weiter zu verbreiten. Einmal im Gewebe angelangt, können sich die durch die Viren verursachten Feigwarzen zu einer sehr schweren Erkrankung auswachsen.

In schweren Fällen wird z. B. das beste Stück des Mannes durch den blumenkohlartigen, wilden Wuchs der Warzen nachhaltig entstellt. Zwar gibt es mittlerweile erweiterte HPV-Impfstoffe, die vor der Infektion schützen, doch sind diese nur hilfreich, solange noch kein ungeschützter Geschlechtsverkehr zur Ansteckung geführt hatte.
In solchen Fällen, in denen sehr große Warzenherde auftreten, muss das Warzenmaterial großflächig abgetragen und anschließend mithilfe lokaler Therapiemaßnahmen zielgerichtet bekämpft werden. Das kostet viel Zeit und vor allem dem Patienten ordentlich Nerven. Eine Laserbehandlung kommt eigentlich, wenn überhaupt, nur für kleinere Warzen in Betracht, da das Verfahren durchaus zu unschönen Narben führen kann.

Der gutgemeinte Rat des Hautarztes
„Wächst etwas im Anal- oder Genitalbereich, was dort nicht hingehört, oder vorher noch nicht da war, bzw. juckt es stark, so geht es am besten gleich zum Arzt. Es gilt: Je früher solche Viruserkrankungen oder auch Geschlechtskrankheiten erkannt und behandelt werden, desto kürzer ist die individuelle Leidenszeit und desto seltener treten Komplikationen oder Spätfolgen auf“, fasst Dr. Schulte Beerbühl die wichtigsten Punkte im Umgang mit Herpes & Co für Patienten und ihre behandelnden Ärzte zusammen.

Quellen:
Vortrag Schulte Beerbühl: „Dermatose in der Hose“; 8. Urogynäkologie-Kongress, Berlin 2016
Nawas Z et al., American Academy of Dermatology (AAD) 74th Annual Meeting. Presented March 5, 2016
feedeater.de