Freitag, 21. Juni 2013

Soja - Gesund oder ungesund?

Wissenschaft: News

Von Dr. Marcus Mau


Soja zählt dank seines hohen Eiweißgehaltes seit langer Zeit zu den Grundnahrungsmitteln des Menschen und fand ebenso Eingang in die Tierernährung. Hormonell wirksame Inhaltsstoffe schürten nicht zuletzt die Hoffnung, dass mit Soja in der Schweinemast wertvolleres und gesünderes Fleisch produziert werden kann. Doch Versuche an Schweinemuskelzellen trüben den einstigen Glanz der Sojabohne und sind dabei nicht allein. Insbesondere Babynahrung auf Sojabasis könnte zukünftig ebenso einer Neubewertung der Risiken bedürfen.

Soja, die Jahrtausende alte Nutzpflanze aus Asien, trat in der Mitte des letzten Jahrhunderts ihren Siegeszug in Europa und Nordamerika an. Doch was machte sie so begehrenswert, dass heute weltweit pro Jahr etwa 125 Mio. Tonnen Sojabohnen zu Tierfutter, Tofu, Sojamilch und Quark verarbeitet werden?

Die Pflanzenfamilie der Hülsenfrüchtler, zu welcher neben der Sojabohne auch die Erbse gehört, enthält in ihren Zellen verschiedenste hormonell aktive Substanzen. Besonders bekannt wurden die Sojaisoflavone Genistein und Daidzein. Als Nahrungsbestandteile werden diese sogenannten Phytohormone im Darm resorbiert und mit dem Blut zu den Organen und Geweben des Körpers transportiert. Dort können sie abhängig von der aufgenommenen Menge ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Soja ist besonders reich an hormonähnlichen Stoffen, und es fiel sehr schnell auf, dass Frauen in Asien seltener an Brustkrebs und Wechseljahresbeschwerden litten als Europäerinnen im direkten Vergleich. Wenig später klärten medizinische Studien auf, dass bestimmte Sojainhaltsstoffe, wie z. B. das Genistein, Krebszellen abtöteten. Soja zur Krebsvorsorge – von da an waren die Pflanze und ihre Wirkstoffpräparate nicht mehr aufzuhalten.
 
Sojaisoflavone – Zwei Seiten einer Medaille

Doch auch in der Schweinezucht machten Ferkel häufig einen vitaleren Eindruck, wenn die Muttersauen mit Soja gefüttert worden waren. Erhöhte Geburtsgewichte und verbessertes Wachstum schürten die Hoffnung, durch gezielte Anreicherung des Futters eine bessere Fleischqualität zu erzielen.

Versuchsreihen an Muskelzellen vom Schwein bremsten dennoch schon bald diese erste Euphorie. Das Wachstumsverhalten der untersuchten Muskelzellen hing sehr stark von der verabreichten Dosis an Genistein und Daidzein ab. Nahrungs­typische Konzentrationen regten die Zellen nicht zur Teilung an. Höhere Dosen, wie sie durchaus in Wirkstoffpräparaten anzutreffen sind, hemmten hingegen die Entwicklung der Zellen.

Die Forscher stellten fest, dass sich plötzlich, anders als erwartet, Schädigungen des Erbgutes und sehr häufig auch der Zelltod in den Kulturen fanden. Genistein kann Topoisomerasen hemmen, welche wichtige Enzyme bei der Reparatur von Erbgutschäden sind. Doch wie funktioniert die Schädigung des Erbgutes durch Genistein?

Stark vereinfacht betrachtet gleicht die DNA in unseren Zellen einem Reißverschluss. Jede Seite des geschlossenen Reißverschlusses stellt einen Einzelstrang der DNA dar, der jeweils fest mit seinem Gegenüber verbunden ist. Das Enzym Topoisomerase entspricht im weiteren Sinn dem Schieber, mit dessen Hilfe der Reißverschluss geöffnet oder geschlossen werden kann. Das Öffnen wird als Aufschmelzen der DNA bezeichnet. Dies ist notwendig, damit das Enzym in einem zweiten Schritt einen Bruch in den Strängen verursachen kann, um die Reparatur von Fehlerstellen im Reißverschluss durch andere Enzyme zu ermöglichen. War die Reparatur erfolgreich, wird der Reißverschluss wieder geschlossen und die Zelle bleibt gesund. Genistein verhindert jedoch die Reparatur der Fehlerstellen in der DNA, indem es die Topoisomerase, unseren Schieber, an der geöffneten Stelle blockiert. Dies führte zu Strangbrüchen im Erbgut der Muskelzellen. Sehr wahrscheinlich waren diese Schäden schließlich der Auslöser für den Tod der Zellen unter hohen Genisteinkonzentrationen.

Interessanterweise wirkt die Substanz in Krebszellen auf die gleiche Weise, nur dass der Tod der Zellen hier beabsichtigt ist. Doch wie die Versuche an den Schweinezellen nun zeigten, lassen die gleichen Konzentrationen, die Krebszellen töten, auch gesunde Körperzellen absterben.

Darüber hinaus sind Genistein und Daidzein dem körpereigenen Östrogen sehr ähnlich und täuschen auf diese Weise den Zellen vor, körpereigene Östrogene zu sein. Sie binden im Inneren an die entsprechenden Östrogenrezeptoren. Mithilfe dieses Tricks können die körperfremden Wirkstoffe aus der Sojapflanze die Steuerung in den Zellen übernehmen. In hohen Konzentrationen konkurrieren und verdrängen sie die körpereigenen Östrogene an der Bindungsstelle des Rezeptors. Sie verhindern auf diese Weise eine Antwort auf das körpereigene Hormon oder rufen sogar ungewolltes Wachstum hervor.

Zu viel Isoflavone in der Babynahrung auf Sojabasis?

Das Hausschwein - ob uns das nun mit Stolz erfüllt oder nicht – hat eine dem Menschen ähnliche Physiologie und einen für Genistein und Daidzein vergleichbaren Stoffwechsel. Daher sind Versuche an Schweinen ebenso bedeutsam für die Beurteilung der Auswirkungen sojabasierter Babynahrung auf Entwicklungsprozesse beim menschlichen Säugling.

Derzeit werden beispielsweise etwa 15% der Neugeborenen in den USA mit Babynahrung auf Sojabasis ernährt. Diese enthält zwischen 32 und 47 mg reine Wirkstoffe pro Liter. Ein 4 Monate alter Säugling nimmt somit täglich etwa 6 bis 9 mg Isoflavone pro kg Körpergewicht auf. Die dabei im Blut zirkulierende Konzentration der Pflanzenhormone übersteigt die der körpereigenen Östrogene sogar um das 13.000- bis 22.000-fache. Welche Auswirkungen solch hohe Stoffkonzentrationen auf die kindliche Entwicklung haben, insbesondere auf die Entwicklung des hormonell noch völlig unausgereiften Körpers, ist unklar.

Fütterungsstudien an neugeborenen Ferkeln zeigen indes, dass die für die Babynahrung gemessenen Konzentrationen durchaus schwere Zellteilungsstörungen in den Darmzellen hervorrufen können. Wie akut diese Effekte von Sojanahrung bei Säuglingen sein können, lassen Berichte über Durchfälle, Reizdarm und die mögliche Beeinträchtigung des Immunsystems vermuten, auch wenn ein Zusammenhang bisher nicht hinreichend hergestellt wurde.

Dennoch gibt es auch eine gute Nachricht: „Die Menge an aufgenommenen Wirkstoffen lässt sich durch den verstärkten Einsatz von gereinigtem Sojaprotein verringern. Solche Nahrungsmittel enthalten deutlich weniger Genistein und Daidzein und werden beispielsweise bereits erfolgreich in der Nutztierfütterung eingesetzt“, bemerkt Frau Dr. Charlotte Rehfeldt vom Leibniz-Institut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN).

Derzeit gibt es im Internet mehr als 1 Million Einträge allein zum Begriff „Genistein“. Darunter sind viele, welche die Substanz als unbedenkliches Nahrungsergänzungsmittel oder als Babynahrung oder einfach nur als Unterstützung für ein besseres Wohlgefühl anpreisen. Doch ist es mit den vorliegenden Informationen nicht an der Zeit, sich über die neue Macht der Sojabohne ernsthaft Gedanken zu machen und sich sehr genau über Dosis und Wirkungsweisen zu informieren, anstatt die Präparate unbedacht einzunehmen?

 

Hier geht es zum pdf-Download "Soja - Freund oder Feind?"




Quellen und weiterführende Literatur:

Chen et al. 2005. Genistein inhibits intestinal cell proliferation in piglets. Pediatr Res 57, 192–200

Mau et al. Effects of Dietary Isoflavones on Proliferation and DNA Integrity of Myoblasts Derived from Newborn Piglets. Pediatr Res 63, 39–45
 
Mau M. 2008. In vitro-Wachstum und -Differenzierung porciner Skelettmuskelzellen unter dem Einfluss der Isoflavone Genistein und Daidzein. Dissertation, Universität Greifswald. http://ub-ed.ub.uni-greifswald.de/opus/volltexte/2008/466/pdf/Dissertation_Mau_Marcus.pdf

Ren et al. 2001. Review: Isoflavones, substances with multi-biological and clinical properties. Eur J Nutr  40, 135-146

Setchell  et al. 1998. Isoflavone content of infant formulas and the metabolic fate of these phytoestrogens in early life. Am J Clin Nutr 68 (suppl), 1453S-1461S

Setchell et al. 2001. Soy , Isoflavones – Benefits and Risks from Nature’s Selective Estrogen Receptor Modulators (SERMs). J Am  College Nutr 20(5), 354S-362S


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