Samstag, 31. August 2019

Diamanten im Hirn

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau

Die Aufnahme von Bildern des menschlichen Gehirns sowie dessen Therapie bei neurodegenerativen Erkrankungen ist in der aktuellen medizinischen Forschung noch immer eine große Herausforderung. Die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, eine Art Filtersystem des Körpers zwischen Blutkreislauf und dem Zentralen Nervensystem, erschwert es, Medikamente oder Kontrastmittel, die eine Therapie und Bildaufnahme erlauben würden, ins Gehirn zu schleusen. WissenschaftlerInnen aus Deutschland haben nun winzige Nanodiamanten hergestellt, die als Plattform sowohl für die Therapie als auch für die Diagnose von Erkrankungen des Gehirns dienen könnten.

Die Blut-Hirn-Schranke ist eine physiologische Grenzschicht, die hochselektiv arbeitet und das Gehirn schützt: Zum einen werden Krankheitserreger oder Gifte effektiv daran gehindert, in das Gehirn einzudringen, zum anderen können jedoch benötigte Boten- und Nährstoffe ungehindert passieren. Diese Selektivität macht es für Mediziner schwierig, das Gehirn zu untersuchen oder zu behandeln, da Medikamente oder auch kontrastgebende Mittel für bildgebende Verfahren die Barriere in der Regel nicht überwinden können.


Kleine „Edelsteine“ in der Gehirnforschung


Nano-Diamanten mit einer Größe im Bereich eines Millionstel Meters haben den Vorteil einer hohen Biokompatibilität: Sie sind für den Körper nicht abbaubar, sollen gut vertragen werden und eignen sich dadurch potenziell sowohl für Diagnose- wie auch für Therapiezwecke. Für ihre Forschung haben die WissenschaftlerInnen die Diamanten auf zwei Weisen verändert: Eine Beschichtung mit einem Biopolymer, basierend auf dem häufigsten Protein des menschlichen Blutes Serumalbumin, ermöglicht die Aufnahme in das Gehirn und erlaubt es später, Medikamente mit dem Diamanten zu verbinden. „Diamanten sind chemisch nicht reaktiv – das heißt Medikamentenmoleküle anzubinden ist schwierig“, so die ForscherInnen. „Mit der Albumin-Beschichtung haben wir die Möglichkeit, eine stabile Beschichtung zu erzeugen und fast beliebige Medikamente daran anzubinden.“

Mit Albumin beschichtete Nanodiamanten können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und gezielt für Diagnose- und Therapiezwecke im Gehirn verwendet werden. ©MPI-P, Lizenz CC-BY-SA
Als weitere Modifikation wurde in den Diamanten gezielt ein Defekt eingebaut, indem ein Kohlenstoff-Atom in dem aus Kohlenstoff bestehenden Diamanten durch ein Stickstoff-Atom ausgetauscht wurde. Weiterhin befindet sich direkt neben diesem Stickstoff eine Leerstelle im Kristall. „Ein Diamant ist normalerweise sehr klar und im Idealfall lupenrein – Licht kann also einfach hindurchgehen“, erläuterten die ForscherInnen diesen Ansatz. „Indem wir nun gezielte Änderungen in der Gitterstruktur vornehmen, erzeugen wir Defekte, die es uns erlauben, den Diamanten durch Laserstrahlen oder auch durch Magnetresonanztomographen nachzuweisen: Er leuchtet sozusagen messbar auf.“

In-vivo-Versuche vielversprechend


In ihrer aktuellen Studie haben die WissenschaftlerInnen nun sowohl im Reagenzglas wie auch an Mäusen getestet, in wieweit das geschaffene Diamanten-Albumin-System die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Sie konnten einen effektiven Transport der Diamanten in das Gehirn nachweisen, ohne dass dabei die Blut-Hirn-Schranke selbst angegriffen wurde.
Das neu entwickelte System hat den Vorteil, dass es an die zu behandelnde Person angepasst werden kann und so eine hochindividuelle Diagnostik und Therapie erlauben könnte. So könnte eine Modifikation der Oberfläche der Diamanten dafür sorgen, dass nur bestimmte Zelltypen im Gehirn mit Medikamenten versorgt werden und so z. B. Tumoren gezielt therapiert werden könnten. Die WissenschaftlerInnen sehen in ihrem System einen wichtigen Schritt in Richtung der Diagnose sowie Behandlung von Erkrankungen des Gehirns, wie neurodegenerativer Erkrankungen oder auch Hirntumore.

Quelle:
Moscariello P et al., Unraveling In Vivo Brain Transport of Protein‐Coated Fluorescent Nanodiamonds. Small 2019; https://doi.org/10.1002/smll.201902992
PM des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung vom 30.08.2019

Sonntag, 30. Juni 2019

Mit Prostatakrebs im Netz: Das Für und Wider von "Dr. Internet"

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Die Diagnose Prostatakarzinom ist selbst für starke Männer oft erst einmal ein herber Dämpfer. Vom einen auf den anderen Moment sieht sich ein betroffener Mann plötzlich mit Krankheit und der Vergänglichkeit konfrontiert. Um mit der neuen Situation im Leben umgehen zu können, bedarf es sogenannter Bewältigungsstrategien. Nicht immer sind diese jedoch angebracht und günstig für den weiteren Verlauf. So kann es bestenfalls beispielsweise dazu kommen, dass Mann sich mehr mit seiner Krankheit auseinandersetzt. Aber in einigen Fällen verfallen Männer in depressive Phasen oder begehen sogar Selbstmord. Viele Männer jedoch schauen glücklicherweise kurz nach der Diagnose ins Internet, um dort weitere Informationen zu erhalten. Dass auch der Weg ins Netz so seine Tücken haben kann, möchte ich Ihnen gern im heutigen Blogpost näherbringen.

Normalerweise sollten alle wichtigen Informationen zum Prostatakarzinom ja bereits während des Arzt-Patienten-Gesprächs besprochen worden sein. Doch nicht immer gelingt das so, wie es eigentlich sollte. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe, welche die Informationsvermittlung erschweren können:

1. ÄrztInnen haben meist nur ein sehr enges Zeitkontingent und können dem Patienten daher nicht den Freiraum geben, den er benötigt, um tiefer in Details einzusteigen.

2. Der Patient ist nach seiner Krebsdiagnose in der Regel innerlich sehr aufgewühlt und daher nur eingeschränkt aufnahmefähig. Ein Großteil der Fragen und Antworten um seine Erkrankung herum dringen deshalb kaum oder gar nicht zu ihm durch.

Zuhause angekommen, werden viele Männer später nach mehr Informationen suchen, vor allem um gegen innere Ängste anzukämpfen. Am häufigsten führen die Betroffenen dann eigene Recherchen im Internet durch. Doch Achtung: Längst nicht alle Informationsquellen im Internet sind fachlich fundiert oder als “vertrauenswürdig” anzusehen. Daher wird die Rolle des Internets als Quelle medizinischer Informationen derzeit auch kontrovers diskutiert.

Informationen gegen die Angst

Der Statistik nach leidet jeder dritte Mann mit einer Prostatakrebs-Diagnose unter einer klinisch relevanten Angst. Wer jedoch ängstlich ist, wird eine schlechtere Lebensqualität und ebenso eine schlechtere Prognose haben. Studiendaten zeigten zudem, dass die Therapieentscheidung und auch die Adhärenz, also das Einhalten einer einmal verordneten Behandlung, von Ängsten untergraben wird.

So beeinflusst Angst beispielsweise die Entscheidung der Männer für oder gegen eine der Therapiealternativen beim Prostatakarzinom. So ist bekannt, dass etwa jeder fünfte Betroffene aus Angst vor dem Krebs die aktive Überwachung beendet und sich stattdessen lieber mit einer invasiven Therapieoption behandeln zu lassen.

Häufig sind die Entscheidungen von Informationen aus dem Netz getrieben. Die aktive Informationssuche im Internet hilft den Patienten nämlich, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bieten sich dadurch aber ebenso Angriffspunkte, um z. B. Ängste noch weiter zu verstärken. Wie das passieren kann? Nun, ungeprüfte Informationen im Netz stehen nicht selten im Widerspruch zu den ärztlichen Aussagen und sprechen insbesondere die Emotionalität der Situation an.

Darin liegen schließlich auch die Gefahren von ungeprüften Gesundheitsinformationen im Netz: Niedrigschwellige Angebote sind zwar leicht erreichbar, müssen jedoch nicht in jedem Fall auch fachlich korrekt sein. Darüber hinaus sind nur sehr wenige Angebote im Netz bisher überhaupt medizinisch geprüft. In einer großen Melanomstudie fanden ForscherInnen unlängst heraus, dass etwa ein Drittel der Krebspatienten Ängste durch das Internet abbauen konnten, doch ein weiteres Drittel gab an, dass die Informationssuche im Netz sogar noch größere Ängste verursacht habe.

Studie deckt Angstpotenzial im Netz auf

Eine aktuelle Studie mit Prostatakrebspatienten wollte nun gern klären, wie die Art der genutzten Informationsquelle, die Anzahl der Quellen sowie der wahrgenommene Grad an Informiertheit die Krankheitsangst beeinflussen können.

Die Männer der Studie waren im Mittel circa 70 Jahre alt. Im Ergebnis zeigte sich unter anderem, dass die Internetnutzung (β = 3,28; p > 0,001), die Anzahl der genutzten Informationsquellen (β = 1,09; p > 0,01) sowie ein als geringer empfundener Informationsgrad (β = 4,49; p > 0,001) unabhängige Schätzfaktoren für die Angst bei Prostatakrebs waren.

ÄrztInnen sollten verlässliche Internet-Quellen kennen

Insgesamt betrachtet sind heute drei von vier Männern im Alter über 60 Jahre online. Gleichzeitig leiden diese Männer jedoch mit zunehmenden Alter auch häufiger an einem Prostatakarzinom. Die Ergebnisse der Berliner Studie zeigten für diese Männer, dass viele nach der Krebsdiagnose das Internet für die weitere Informationssuche nutzten. Andererseits jedoch ist gerade diese Online-Informationssuche teils mit einer gesteigerten Krankheitsangst assoziiert.

Als bestes Mittel gegen die Angst gelten im Sinne dieser Studie medizinisch korrekte Informationen. ÄrztInnen sollten vielmehr ihren Patienten dabei helfen, Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit dem Prostatakrebs abzubauen. Beispielsweise könnten sie am Ende eines Arzt-Patienten-Gespräches auf eine kleine Auswahl verlässlicher Online-Quellen eingehen. Welche genau dies sein könnten und wie ein solches Gespräch in der Regel abläuft, habe ich im Podcast-Interview mit Frau Isabella Otto von der Berliner Charité besprochen.

Quelle:
Hilger C et al., Urologe 2018; https://doi.org/10.1007/s00120-018-0769-1

Das Podcast-Interview führte Dr. rer. nat. Marcus Mau im Auftrag von esanum.de, wo das Gespräch am 26. Juni 2019 erstmals erschienen ist.

Freitag, 31. Mai 2019

Weltnichtrauchertag: Neue Studien zur E-Zigarette

News: Medizin

Für Sie aufgespürt von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Interview zum Weltnichtrauchertag mit Frau Dr. med. Martina Pötschke-Langer, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Nichtraucherschutz e. V. sowie mit Prof. Dr. med. Robert Loddenkamper, Facharzt für Pneumologie aus Berlin. (Podcast zum Download)

Weltnichtrauchertag 2019 (Foto: mm)
Beim diesjährigen Weltnichtrauchertag unterhielt ich mich mit Frau Dr. Martina Pötschke-Langer vom Bündnis Nichtrauchen zum deutschen Flickenteppich in der Ländergesetzgebung, mangelnden Jugendschutz vor giftigem Qualm sowie Forderungen an die Politik. Des Weiteren ging es mit dem Pneumologen Prof. Dr. Robert Loddenkemper um ein Studienreview, dass beweist, dass die E-Zigarette ein problematischer Ersatz für Tabakprodukte ist.

Während auch hierzulande der Konsum von Zigaretten stetig zurückgeht, wenn auch langsamer als in anderen europäischen Mitgliedsstaaten, so nimmt dieNutzung von Shishas und E-Zigaretten sowie Tabakerhitzern ständig weiter zu. Insbesondere bei Jugendlichen erfreuen sich diese neuen E-Produkte immer größerer Beliebtheit. Dabei ist bereits seit einigen Jahren aus Studien bekannt, dass diese neuen Rauchprodukte ganz ähnliche Langzeitfolgen für die Gesundheit mit sich bringen, wie das Tabakrauchen. Letzteres zeichnet sich beispielsweise alljährlich durch etwa 120.000 Todesfälle aus.

Gelten die gesundheitlichen Folgen des Rauchens ebenso für das Dampfen?


Zu den gesundheitlichen Folgen des Rauchens gab Herr Prof. Dr. med. Robert Loddenkemper, Pneumologe aus Berlin, umfassen Auskunft. Dabei ist das Lungenkarzinom längst nicht die einzige Folgeerkrankung des Tabakkonsums. Ferner kann es zur chronischen Bronchitis, zu Asthma, zu COPD, zum obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom, zur Lungenentzündung bis hin zu interstitiellen Lungenerkrankungen kommen. Dabei gilt die einfache Formel: Je größer der Tabakkonsum, desto höher ist auch das Erkrankungsrisiko."

Darüber hinaus verlieren Frauen durch das Rauchen etwa 11 Lebensjahre, Männer sogar 12. Die gute Botschaft jedoch in diesem Zusammenhang: "Wer mit dem 45. Lebensjahr oder früher aufhört zu rauchen, der erlebt hingegen wieder einen statistisch signifikanten Lebenszeitgewinn", so Loddenkemper.

E-Zigaretten und Tabakerhitzern wird ja gerade aufgrund ihrer geringeren Betriebstemperatur (350°C vs. 600°C beim Zigarettenrauchen) nachgesagt, sie wären schadstoffärmer und damit die gesündere Alternative zum Tabakrauchen. "Bislang gibt es aber aus industrieunabhängigen Studiendafür keine ausreichenden Belege", weiß Loddenkamper zu berichten. Stattdessen geht aus Zellkulturversuchen und an Arbeiten mit Mäusen hervor, dass die aufgenommenen Aerosole nicht nur das Lungengewebe schädigen können, sondern ebenso in die Blutbahn gelangen und dort zu Herz-Kreislauf-Schäden führen. Noch detaillierter geht Prof. Loddenkemper in unserem Podcast auf die Studienlage rund um die E-Zigarette ein.


Fünfzehn Punkte für die Politik


Die gegenwärtige Situation im Nichtraucherschutz deutschlandweit zu verbessern, ist ebenso das erklärte Ziel des Aktionsbündnisses Nichtraucherschutz e. V., dessen Vorsitzende Frau Dr. med. Martina Pötschke-Langer ein aktuelles Positionspapier vorstellte, in dem die Politik zur Umsetzung von 15 konkreten Maßnahmen verpflichtet werden soll.

"Im Fokus steht derSchutz von Kindern und Jugendlichen, die heute durch vermeintlich harmlos wirkende E-Produkte an das Rauchen herangeführt und durch Verniedlichungen wie 'Bubble-Gum' oder 'Gummibärchen' zum ersten Probieren verleitet werden sollen", beschreibt Pötschke-Langer das Vorgehen der Tabakindustrie.

Besonderen Handlungsbedarf sieht sie zudem im Bereich der Werbung und der Transparenz im Tabakmarkt. Die öffentliche Werbung für Tabakerzeugnisse gehöre verboten, wie es ja auch schon vielerorts in Europa Standard ist, nur eben nicht in Deutschland. Außerdem müsse die Lobbyarbeit der Tabakindustrie verstärkt öffentlich gemacht werden, um deren Einflüsse auch auf den Politikbetrieb offenzulegen. Mehr zu diesen wirklich spannenden Punkten des Positionspapiers erklärt Frau Dr. Pötschke-Langer in einem exklusiven Interview in unserem Podcast.

Quellen:
Gemeinsame Pressekonferenz der Deutschen Krebshilfe mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ) und dem Aktionsbündnis Nichtrauchen e. V. zum Weltnichtrauchertag am 28. Mai 2019
https://www.esanum.de/today/posts/weltnichtrauchertag-es-gibt-noch-viel-zu-tun

Dienstag, 30. April 2019

Neue Hoffnung für Arthrose-PatientInnen

News: Medizin

Für Sie aufgespürt von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

PatientInnen mit Arthrose des Hüft- oder Kniegelenkes können neue Hoffnung schöpfen. Auf dem diesjährigen Kongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) im Juni in Salzburg werden vielversprechende klinische Ergebnisse zu einem neuen Muskel-Training vorgestellt.

Die sogenannte Blood Flow Restriction (BFR) soll Patienten dazu bringen, unter geringer mechanischer Gelenkbelastung die Muskulatur zu trainieren und deren Kraft und Masse zu steigern. Das Mehr an Muskelkraft hilft dann wiederum bei der Stabilisierung der Gelenke und deren geringerer Belastung bei Bewegungen. Dadurch kommt es zusätzlich auch zu einer Schmerzreduktion.

Mit Manschettendruck zu mehr Muskeln

Zunächst werden den PatientInnen Blutdruck-Manschetten mit einem Ultraschallmesser an Armen oder Beinen angelegt. Dann wird schrittweise der Druck in den Manschetten gesteigert, bis der Blutfluss kurz zum Erliegen kommt. Auf diese Weise ermitteln die Forscher den individuellen arteriellen Verschlussdruck. Im Trainingsplan für den Patienten wird der Manschettendruck dann auf 40-80 % des arteriellen Verschlussdruckes eingestellt.
Alexander Franz, Sportwissenschaftler und Leiter des Bereichs Muskelforschung erläuterte hierzu: „Abgeklemmt werden die venösen Gefäße, die für den Rücktransport des Blutes bestimmt sind, nicht die arteriellen Blutbahnen.“
Die Trainingsmethode wird bereits routinemäßig bei PatientInnen der ATOS Orthoparc Klinik Köln und der Uniklinik Düsseldorf angewendet. Die PatientInnen sind im Schnitt 60 Jahre alt. Viele bewegen sich seit langer Zeit nicht oder wenig, weil Knie- und Hüftgelenke schmerzen. Mit dem BFR trainieren sie vor allem die Oberschenkel- und Wadenmuskulatur. Beispielsweise werden die PatientInnen zweimal pro Woche auf einem Fahrrad-Ergometer mit den angelegten Manschetten belastet. Innerhalb von sechs Wochen konnte so die Muskelkraft um 150 % gesteigert werden und es gab einen messbaren Muskel-Zuwachs von circa fünf Zentimetern.

Mehr Stabilität in den Gelenken beim Treppensteigen

Das physiologische Wirkprinzip ist noch nicht vollständig untersucht. Eines steht jedoch fest: Lactat -und Kohlendioxid-Werte sind sehr hoch, da diese Abbauprodukte von den Venen nicht richtig abtransportiert werden können. Hinzu kommt ein hoher Sauerstoff-Verbrauch der Muskelzellen. Durch das angesammelte Lactat werden mehr Muskelfasern rekrutiert.
Die PatientInnen geben unter anderem an, nach dem Training z.B. beim Treppensteigen mehr Stabilität in den Gelenken zu empfinden. Der Muskel wird während des Trainings an seine absolute Leistungsgrenze gebracht. Da jedoch die mechanische Komponente so stark reduziert wird, entstehen keine Mikrofrakturen und der Muskelkater bleibt aus.
Hinzu kommt, dass sich in den Venen Wasser ansammelt, welches in das Gewebe abgegeben wird. Die Muskeln nehmen das Wasser auf, werden größer und fangen an, Proteine zu bilden. Die BFR mache es somit möglich zu trainieren, ohne, dass die PatientInnen am nächsten Morgen mit mehr Gelenkschmerzen aufwachen müssten.
Quelle: Pressemitteilung der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) vom 30.04.2019 (Link: https://idw-online.de/de/news714856)

Sonntag, 31. März 2019

Gesunder Schlaf ist nicht bloß eine Frage der Definition

News: Medizin

Für Sie aufgespürt von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Gesunder Schlaf lässt sich schlecht definieren. Unser Schlafbedürfnis ist individuell verschieden und so auch das Empfinden darüber, was einen gesunden Schlaf ausmacht. Dennoch gibt es ein paar Punkte, die für alle Menschen gleichermaßen gelten und deren gesundes Schlafpensum definieren.

Ein gesunder Schlaf ist, wenn wir ausreichend lange und vor allem auch erholsam schlafen. Wie viel Schlaf jeder braucht, ist jedoch individuell verschieden. Manche Menschen bräuchten deutlich mehr Schlaf als andere, um sich am nächsten Morgen ausgeschlafen zu fühlen.

Sowohl zuviel als auch zu wenig Schlaf ist schädlich

Es gibt verschiedenen Studien, die zeigen, dass sowohl eine sehr kurze als auch eine sehr lange Schlafdauer einen negativen Effekt auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden haben können. Hinzu kommen unterschiedliche Chronotypen. Manche Menschen sind sogenannte Lerchen, andere sind Eulen. Lerchen sind Menschen, die abends früh müde und morgens früh wach werden. Eulen hingegen sind Personen, die abends spät müde und morgens spät wach werden.

Stimmt über einen längeren Zeitraum der Schlaf-Wach-Rhythmus nicht mit dem Chronotyp überein, könne dies zu einem Schlafmangel führen, der sich negativ auf das Funktionieren im Alltag und das Wohlbefinden auswirkt. Dieses Phänomen findet sich oft bei Jugendlichen: So sind viele jungen Menschen Eulen, müssten aber früh aufstehen, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Somit folgen sie einem Rhythmus, der nicht ihrer inneren Uhr entspricht.

Elektronische Medien stören den gesunden Schlaf

Neben der Länge des Schlafes sind weitere Faktoren wichtig für einen gesunden Schlaf. So wird häufig auch die Nutzung von elektronischen Medien vor dem zu Bett gehen für einen schlechteren Schlaf angeführt. Durch die Nutzung elektronischer Medien gelangt Licht in unsere Augen. Die Augen sind mit einem Gebiet im Gehirn verbunden, das für die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zuständig ist, wodurch wir müde werden. Wenn wir also Licht ausgesetzt sind, wird unserem Körper signalisiert, dass es noch nicht Zeit ist, zu schlafen, und das Einschlafen fällt schwerer. Hierbei sind es vor allem die blauen Wellenlängen des Lichtes, das sogenannte blaue Licht, das einen aufmunternden Effekt hat. Dieses Licht finden wir auch bei elektronischen Medien wie Computerbildschirmen oder Handydisplays.

Allerdings zeigen nicht alle Studien, dass die Nutzung elektronischer Medien einen negativen Effekt auf unseren Schlaf bzw., dass eine Reduktion der elektronischen Medien einen positiven Effekt auf den Schlaf hat. Hier bedarf es weiterer Studien, um mögliche Zusammenhänge genauer zu verstehen.

Schlafhygiene heißt das Zauberwort, doch was ist das überhaupt?

Grundsätzlich kann jedoch jeder z. B. auf seine Schlafhygiene achten. ExpertInnen empfehlen regelmäßige Schlafzeiten, sowohl unter der Woche als auch am Wochenende, keine koffeinhaltigen Getränke und schwere Mahlzeiten vor dem Schlafengehen, eine angenehme Schlafumgebung (d. h. abgedunkelte Umgebung, wenig Geräusche etc.), wenig Licht vor dem Schlafengehen – hierzu zählen auch Fernsehen, Computer oder andere elektronische Medien – sowie eine Reduktion von stimulierenden Aktivitäten vor dem zu Bett gehen (z. B. sehr aktiver Sport direkt vor dem Schlafengehen) und keine Mittagsschläfchen am Tag. Hat jemand indes große Schwierigkeiten mit dem Ein- und/oder Durchschlafen sollte der nicht auf den Wecker schauen und nicht länger als ca. 30 Minuten wach im Bett liegen bleiben.

Quelle: 
PM der Hochschule Fresenius
Text bereits zuvor erschienen auf esanum.de [https://www.esanum.de/today/posts/gesunder-schlaf-mehr-als-reine-definition]

Donnerstag, 28. Februar 2019

Bisher unbekannter Schutzmechanismus im Darm entdeckt

News: Medizin

Für Sie aufgespürt von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Ein internationales Forscherteam mit Beteiligung von Universität Bern und Inselspital, Universitätsspital Bern konnte einen bislang unbekannten Schutzmechanismus des Darms identifizieren. Eine gezielte Beeinflussung dieses Mechanismus könnte in Zukunft die Behandlung von entzündlichen Darmerkrankungen verbessern.

Unser Darm ist täglich einer Vielzahl von Umwelteinflüssen ausgesetzt. Einige dieser Faktoren, wie Nahrungsbestandteile, Bakterien oder Viren, können das empfindliche Gleichgewicht im Darm stören. Zusammen mit genetischen Faktoren können sie zu überschiessenden Abwehrreaktionen führen, die sich als chronisch entzündliche Darmerkrankungen (Inflammatory Bowel Diseases, IBD) äussern. IBD, zu denen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zählen.

Ein Bestandteil innerhalb der Darmzellen, der besonders sensibel auf Umweltstressoren reagiert, ist das endoplasmatische Retikulum (ER). In diesem verzweigten Membrannetzwerk werden für die Zelle lebenswichtige Eiweisse hergestellt. In vorangegangenen Studien konnte bereits gezeigt werden, dass sogenannter ER-Stress für die Entstehung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Ob ER-Stress dagegen auch eine Darmentzündung hemmen kann, war bislang unklar.

Neueste Resultate von einem internationalen Forschungsteam mit massgeblicher Beteiligung von Forschenden vom Department for Biomedical Research (DBMR) der Universität Bern und der Abteilung Gastroenterologie der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin, Inselspital Bern zeigten zum ersten Mal positive Effekte von ER-Stress bei Darmentzündungen: Durch diesen werden in der Darmschleimhaut gezielt Abwehrzellen aus der Bauchhöhle rekrutiert. Diese Zellen können über die Produktion von Antikörpern vom Typ Immunoglobulin A (IgA) die Schutzbarriere der empfindlichen Darmschleimhaut verstärken und damit vor überschiessenden Entzündungsreaktionen schützen.

Stress kann auch positiv sein

Die Forschenden untersuchten mehrere Mausmodelle, bei denen sich durch genetische Veränderungen ER-Stress in den Zellen der Darmschleimhaut entwickelt, und fanden als gemeinsames Merkmal aller Modelle einen signifikanten IgA-Anstieg. Wenn die Forschenden zusätzlich die Produktion oder den Transport von Antikörpern störten, wurde der Schutzeffekt von IgA unterbunden, und es kam zu einer vermehrten Darmentzündung.

"Besonders wichtig für diese Studie waren Beobachtungen an keimfreien Mäusen", sagte Niklas Krupka, einer der Ko-Erstautoren der Studie. Da in keimfreien Mäusen der stimulierende Einfluss von Bakterien, Viren oder Pilzen auf das Immunsystem fehlt, stellen diese Tiere normalerweise nur wenig IgA her. "Allein durch das genetische Erzeugen von ER-Stress in den Darmzellen konnten wir in keimfreien Mäusen einen deutlichen Anstieg der IgA-Produktion auslösen. Dies zeigt, dass wir es mit einem fundamentalen Schutzmechanismus des Darmes zu tun haben, für den nicht einmal eine natürliche mikrobielle Besiedlung erforderlich ist."

Neuer Behandlungsansatz?

Als Ursprung für die durch ER-Stress ausgelöste IgA-Antwort identifizierten die Forschenden eine spezielle Gruppe von Abwehrzellen in der Bauchhöhle. "Unsere Daten zeigen, dass der Darm bei ER-Stress über bislang noch unbekannte Faktoren aktiv mit diesen Zellen kommuniziert und sich damit Hilfe aus der Ferne holt", erklärte Niklas Krupka. Vergleichbare Schutzmechanismen könnten auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eine Rolle spielen: Als Hinweis dafür fanden die Forschenden in Darmbiopsien von Patientinnen und Patienten, die eine ER-Stress-fördernde Genvariante aufwiesen, vermehrt IgA-produzierende Zellen.

Die Forschenden erhoffen sich nun, dass die gewonnenen Erkenntnisse in Zukunft für neue Behandlungsansätze für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen genutzt werden können und planen bereits weiterführende Studien. "ER-Stress der Darmschleimhaut kann eine nützliche Funktion ausüben – vergleichbar mit dem aus der Psychologie entlehnten Begriff Eustress: einem stressauslösenden Reiz, der den Organismus jedoch positiv beeinflusst", so Krupka abschließend.

Quelle: Grootjans J et al., Epithelial endoplasmic reticulum stress orchestrates a protective IgA response, Science 2019; http://dx.doi.org/10.1126/science.aat7186
Pressemitteilung der Universität Bern vom 28.02.2019

Donnerstag, 31. Januar 2019

HIV-Selbsttest: Neu in Deutschland und in der Kritik?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Seit Oktober 2018 dürfen HIV-Schnelltests in Deutschland frei über Apotheken, Drogerien oder auch im Online-Handel verkauft werden. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) schätzte jedoch unlängst ein, dass ein positives Ergebnis in der Selbsttestung bisher nur unzureichend erklärt würde und die Testwilligen somit nicht wüssten, was ein positives Testergebnis wirklich bedeute. Diese Unwissenheit schaffe Ängste, die in der Mehrheit der Fälle unbegründet seien. Denn bei einem positiven Testergebnis, so das RWI, läge die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch mit HIV infiziert ist, statistisch gesehen bei lediglich 8 %. Ist ein Mensch denn nun positiv oder negativ, wenn der Selbsttest es doch sagt ?  eine Spurensuche.

Ausgangspunkt – und damit auch der Fehler in der Argumentation des RWI – ist die der Pressemitteilung zugrundegelegte  Überschlagsrechnung. Das Institut geht davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa 69 Millionen Menschen älter als 18 Jahre sind. Von diesen sind – soweit korrekt – schätzungsweise circa 11.400 HIV-infiziert, ohne von ihrer Infektion zu wissen.

Aus diesem Zahlenspiel schlussfolgerte das RWI, dass von je 6.000 Deutschen statistisch gesehen einer HIV-infiziert ist (69 Millionen dividiert durch 11.400). Dieser testet mit 100 %iger Sicherheit positiv im Selbsttest. Unter den 5.999 verbleibenden Personen, die nicht infiziert sind, sollten sich jedoch weitere 12 finden, die ebenfalls positiv testen. Das schließen die Forscher des RWI aus der Falsch-Positiven-Rate des Tests von 0,2 %.

Am Ende berechnete das RWI daraus eine Wahrscheinlichkeit für eine tatsächliche HIV-Infektion: Diese betrage bei positiv testenden Personen lediglich 8 %! Anders ausgedrückt: 92 % der im HIV-Selbsttest positiv reagierenden Proben sei eigentlich nicht infiziert. Die vergleichsweise „geringe“ Bedeutung eines positiven Testergebnissen sei zudem nicht ausreichend erklärt und fördere, dass Menschen nach einem positiven Selbsttest über Suizid nachdenken und diesen auch begehen würden – obwohl sie eigentlich gar nicht wirklich infiziert waren –, nur um der drohenden Stigmatisierung und einer sozialen Diskriminierung zu entgehen, die noch immer mit AIDS verbunden sei, so das RWI weiter.

Kritik entbehrt wissenschaftlicher Grundlage

„Die Erfahrungen aus anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, in denen solche Selbsttests bereits seit Längerem im Einsatz sind, haben gezeigt, dass sich die Befürchtungen der Forscher des RWI schon heute nicht bewahrheitet haben. Denn Selbsttester werden nach einem positiven Testergebnis nicht, wie postuliert, in großer Zahl zu Selbstmördern“, stellte Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, klar.

Darüber hinaus zeugt es von wenig Kenntnis der Thematik und Situation von HIV-Infizierten in Deutschland, wenn ausgehend von einem HIV-Selbsttest von einer sozialen Diskriminierung gesprochen wird, die noch immer mit AIDS verbunden sei. Das ist in der Tat selbst eine Art verbale Stigmatisierung der Betroffenen. Die HIV-Infektion ist der Zustand nach Ansteckung mit dem HI-Virus. AIDS hingegen ist das aus einer Nichtbehandlung der HIV-Infektion resultierende Krankheitsbild der Immunschwäche-Krankheit. Genau um diese Nichtbehandlung und die Ausbildung von AIDS-Symptomen zu verhindern, braucht es den Test. Denn wenn Menschen mit einem Infektionsrisiko frühzeitig von ihrer Infektion erfahren und therapiert werden, kommt es erst gar nicht zu AIDS.

„Die gesamte Darstellung des RWI krankt zudem daran, dass wir in Deutschland mit dem Selbsttest kein Screening aller Deutschen durchführen, sondern Menschen zu dem Test ermutigen, die einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren oder Angst haben, sich angesteckt zu haben. Allein dadurch, dass dem Test eben nicht die deutsche Gesamtbevölkerung gegenüber gestellt werden kann, erniedrigt sich der Quotient zwischen positiven und falsch-positiven Testergebnissen im praktischen Versorgungsalltag drastisch. Viele suchen sogar vorab Beratungsstellen auf, um sich dort fundiert über den Risikotest zu informieren“, weiß Brockmeyer aus eigener Erfahrung im Umgang mit seinen PatientInnen zu berichten.

Selbsttests sind ein wichtiges Mittel der Präventionsarbeit

HIV-Selbsttests sind abschließend betrachtet eine äußerst sinnvolle Errungenschaft in der Präventionsarbeit, um die HIV-Infektion weiter eindämmen zu können. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört, dass den Menschen verständlich erklärt wird, was ein positives oder negatives Testergebnis tatsächlich bedeutet.

Ferner gibt es keine HIV-Diagnose ohne einen entsprechenden Bestätigungstest mithilfe einer zweiten Nachweismethode. Daher auch die Empfehlung, sich bei einem positiven Selbsttest umgehend mit einer Ärztin / einem Arzt des Vertrauens in Verbindung zu setzen. Eine frühe Diagnose ist zudem aus heutiger Sicht der beste Garant für die erfolgreiche antiretrovirale Therapie der HIV-Infektion.

„In anderen Ländern, wie z. B. in Frankreich, läuft der Selbsttest bereits ausgesprochen erfolgreich. Weshalb das in Deutschland anders sein und die guten Erfahrungen unserer Nachbarn für uns keine Gültigkeit haben sollten, erschließt sich dem fachlich versierten Mediziner nicht“, so Brockmeyer abschließend.

Quellen:
www.esanum.de/today/posts/wahrscheinlich-hiv-positiv-oder-eher-doch-nicht
www.rwi-essen.de/media/content/pages/presse/downloads/190108_unstatistik_dezember.pdf
feedeater.de