Donnerstag, 31. Januar 2019

HIV-Selbsttest: Neu in Deutschland und in der Kritik?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Seit Oktober 2018 dürfen HIV-Schnelltests in Deutschland frei über Apotheken, Drogerien oder auch im Online-Handel verkauft werden. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) schätzte jedoch unlängst ein, dass ein positives Ergebnis in der Selbsttestung bisher nur unzureichend erklärt würde und die Testwilligen somit nicht wüssten, was ein positives Testergebnis wirklich bedeute. Diese Unwissenheit schaffe Ängste, die in der Mehrheit der Fälle unbegründet seien. Denn bei einem positiven Testergebnis, so das RWI, läge die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch mit HIV infiziert ist, statistisch gesehen bei lediglich 8 %. Ist ein Mensch denn nun positiv oder negativ, wenn der Selbsttest es doch sagt ?  eine Spurensuche.

Ausgangspunkt – und damit auch der Fehler in der Argumentation des RWI – ist die der Pressemitteilung zugrundegelegte  Überschlagsrechnung. Das Institut geht davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa 69 Millionen Menschen älter als 18 Jahre sind. Von diesen sind – soweit korrekt – schätzungsweise circa 11.400 HIV-infiziert, ohne von ihrer Infektion zu wissen.

Aus diesem Zahlenspiel schlussfolgerte das RWI, dass von je 6.000 Deutschen statistisch gesehen einer HIV-infiziert ist (69 Millionen dividiert durch 11.400). Dieser testet mit 100 %iger Sicherheit positiv im Selbsttest. Unter den 5.999 verbleibenden Personen, die nicht infiziert sind, sollten sich jedoch weitere 12 finden, die ebenfalls positiv testen. Das schließen die Forscher des RWI aus der Falsch-Positiven-Rate des Tests von 0,2 %.

Am Ende berechnete das RWI daraus eine Wahrscheinlichkeit für eine tatsächliche HIV-Infektion: Diese betrage bei positiv testenden Personen lediglich 8 %! Anders ausgedrückt: 92 % der im HIV-Selbsttest positiv reagierenden Proben sei eigentlich nicht infiziert. Die vergleichsweise „geringe“ Bedeutung eines positiven Testergebnissen sei zudem nicht ausreichend erklärt und fördere, dass Menschen nach einem positiven Selbsttest über Suizid nachdenken und diesen auch begehen würden – obwohl sie eigentlich gar nicht wirklich infiziert waren –, nur um der drohenden Stigmatisierung und einer sozialen Diskriminierung zu entgehen, die noch immer mit AIDS verbunden sei, so das RWI weiter.

Kritik entbehrt wissenschaftlicher Grundlage

„Die Erfahrungen aus anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, in denen solche Selbsttests bereits seit Längerem im Einsatz sind, haben gezeigt, dass sich die Befürchtungen der Forscher des RWI schon heute nicht bewahrheitet haben. Denn Selbsttester werden nach einem positiven Testergebnis nicht, wie postuliert, in großer Zahl zu Selbstmördern“, stellte Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, klar.

Darüber hinaus zeugt es von wenig Kenntnis der Thematik und Situation von HIV-Infizierten in Deutschland, wenn ausgehend von einem HIV-Selbsttest von einer sozialen Diskriminierung gesprochen wird, die noch immer mit AIDS verbunden sei. Das ist in der Tat selbst eine Art verbale Stigmatisierung der Betroffenen. Die HIV-Infektion ist der Zustand nach Ansteckung mit dem HI-Virus. AIDS hingegen ist das aus einer Nichtbehandlung der HIV-Infektion resultierende Krankheitsbild der Immunschwäche-Krankheit. Genau um diese Nichtbehandlung und die Ausbildung von AIDS-Symptomen zu verhindern, braucht es den Test. Denn wenn Menschen mit einem Infektionsrisiko frühzeitig von ihrer Infektion erfahren und therapiert werden, kommt es erst gar nicht zu AIDS.

„Die gesamte Darstellung des RWI krankt zudem daran, dass wir in Deutschland mit dem Selbsttest kein Screening aller Deutschen durchführen, sondern Menschen zu dem Test ermutigen, die einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren oder Angst haben, sich angesteckt zu haben. Allein dadurch, dass dem Test eben nicht die deutsche Gesamtbevölkerung gegenüber gestellt werden kann, erniedrigt sich der Quotient zwischen positiven und falsch-positiven Testergebnissen im praktischen Versorgungsalltag drastisch. Viele suchen sogar vorab Beratungsstellen auf, um sich dort fundiert über den Risikotest zu informieren“, weiß Brockmeyer aus eigener Erfahrung im Umgang mit seinen PatientInnen zu berichten.

Selbsttests sind ein wichtiges Mittel der Präventionsarbeit

HIV-Selbsttests sind abschließend betrachtet eine äußerst sinnvolle Errungenschaft in der Präventionsarbeit, um die HIV-Infektion weiter eindämmen zu können. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört, dass den Menschen verständlich erklärt wird, was ein positives oder negatives Testergebnis tatsächlich bedeutet.

Ferner gibt es keine HIV-Diagnose ohne einen entsprechenden Bestätigungstest mithilfe einer zweiten Nachweismethode. Daher auch die Empfehlung, sich bei einem positiven Selbsttest umgehend mit einer Ärztin / einem Arzt des Vertrauens in Verbindung zu setzen. Eine frühe Diagnose ist zudem aus heutiger Sicht der beste Garant für die erfolgreiche antiretrovirale Therapie der HIV-Infektion.

„In anderen Ländern, wie z. B. in Frankreich, läuft der Selbsttest bereits ausgesprochen erfolgreich. Weshalb das in Deutschland anders sein und die guten Erfahrungen unserer Nachbarn für uns keine Gültigkeit haben sollten, erschließt sich dem fachlich versierten Mediziner nicht“, so Brockmeyer abschließend.

Quellen:
www.esanum.de/today/posts/wahrscheinlich-hiv-positiv-oder-eher-doch-nicht
www.rwi-essen.de/media/content/pages/presse/downloads/190108_unstatistik_dezember.pdf

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