Donnerstag, 9. November 2017

Männer, Gesundheit und Sex – Drei, die zusammengehören

News: Männergesundheit

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.


Eine gesunde und bis ins hohe Alter gelebte Sexualität hält Männer länger fit, so das Ergebnis zahlreicher Studien. Dennoch lauern Tücken, denn viel hilft nicht immer viel. So steigt beispielsweise in polygamen Beziehungen das Herz-Kreislauf-Risiko mit der Anzahl der Ehefrauen an. (Grafik: mit freundlicher Genehmigung von Hoang Mai, Vietnam) 
Es klingt ein wenig wie ein altgedientes Klischee: „Männer brauchen Sex, um gesund zu bleiben.“ Doch ganz ähnlich wie bei Frauen auch, so zeigen zahlreiche Studien, profitieren Männer von einer lebenslang gelebten Sexualität sowohl körperlich als auch geistig. Sex entspannt, fördert das Immunsystem und scheint länger jung zu erhalten, zumindest wenn es um häufige Alterserscheinungen geht, wie beispielsweise Erektionsstörungen oder einen Hormonmangel. Doch wer nun denkt, viel hilft viel und die Polygamie ist die beste Art, sich immer wieder neu zu erleben und auszuleben, irrt. Mehrere gleichzeitig nebeneinander bestehende Beziehungen können zu Stress führen und dieser schädigt dann langfristig das Herz – ein Blick hinter die Kulissen des Gesundheitsaspektes männlicher Sexualität, leider noch immer ein oft gesellschaftliches und politisches Tabuthema.

Eine Beziehung – vorausgesetzt, Mann hat den richtigen Partner oder die richtige Partnerin an seiner Seite – kann das Leben und auch die Gesundheit sehr wohl positiv beeinflussen. Als gesellige Wesen lieben wir Menschen es, andere Menschen um uns herum zu haben, mit denen wir sowohl unsere sozialen als auch unsere sexuellen Bedürfnisse ausleben dürfen. Partner passen zudem in Gesundheitsfragen aufeinander auf, sodass Krankheitssymptome häufig sehr viel früher erkannt werden. Eine Beziehung bietet also klare Vorteile im gesundheitlichen Bereich – für Körper und Geist.

Polygamie fördert die sexuelle Gesundheit
Polygame Beziehungen treiben dieses partnerschaftliche Fürsorgeprinzip vermeintlich auf die Spitze, denn ein Mann wird ja von mehreren Frauen „im Auge behalten“. Doch bedeutet das am Ende auch, dass es polygamen Männern in ihren Beziehungen besser geht als monogamen Männern?
So einfach ist es sicher nicht, wie aktuelle Studien belegen. Da die Polygamie sich heute überwiegend in weiten Teilen Afrikas sowie im arabischen Raum findet, stammen neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Thema oft aus diesen Regionen der Welt. So untersuchte beispielsweise eine 2016 im Balkan Medical Journal1 erschienene türkische Arbeit, ob Erektionsstörungen oder Depressionen mit dem jeweiligen Beziehungsstatus eines Mannes zusammenhängen. Insgesamt umfasste die Studie von Ekerbicer und Kollegen 80 Probanden, von denen 45 Männer monogam und 35 polygam lebten.

Schon die bei dieser als Tür-zu-Tür-Befragung angelegten Untersuchung gegebenen Antworten auf die Frage nach den Gründen für den gewählten Beziehungsstatus waren äußerst interessant. Die drei wichtigsten Beweggründe für polygame Männer, mit mehreren Frauen zusammenzuleben waren demnach: der sexuelle Antrieb (37,1 %), die Liebe (22,8 %) sowie, dass es mit der ersten Ehefrau nicht so richtig klappen wollte (17,1 %).

Sexualität ist wichtig für die Gesundheit des Mannes
Welch großen Einfluss Sexualität auf die männliche Gesundheit und Gesamtfitness hat, zeigte sich daran, dass polygame Männer seltener an erektilen Funktionsstörungen litten (IIEF-EFD polygam: 25,7 ± 3,4; monogam:  21,3 ± 6,5; p = < 0,01). Dabei gilt für den erektilen Index IIEF-EFD ein Wert 25 als Richtwert für eine klinisch relevante Erektionsstörung. Obgleich die Stichprobe in der türkischen Arbeit für wissenschaftliche Maßstäbe eigentlich viel zu klein war, zeigte die Studie dennoch, dass zwischen polygamen und monogamen Männern Unterschiede in der Erektionsfähigkeit bestehen könnten. Bietet die Polygamie also tatsächlich Vorteile für den Mann?
Die Antwort darauf ist ein klares „Jein“, denn so paradiesisch diese Zahlen anmuten mögen, nur Vorteile kann die Polygamie nicht haben. Andernfalls hätte sie sich doch sicher soziokulturell sehr viel stärker in der Welt durchgesetzt, oder nicht?

Auch auf diese Frage gibt die aktuelle Studie aus der Türkei ein paar Antworten. Die Forscher stellten den polygamen Männern eine ganz einfache  Frage: „Würden Sie die Polygamie anderen Männern empfehlen?“ Die Antwort darauf kam prompt, war aber dafür umso überraschender: Nein, sagten 62,9 % der befragten polygam lebenden Männer. Und warum nicht?

Polygame Männer bekommen doch ihre sexuellen Ansprüche sehr viel häufiger erfüllt als Monogame. Darüber hinaus dürfen sie gleich mehrere Frauen parallel lieben. Dennoch empfehlen mehr als die Hälfte dieser Männer ihren Beziehungsstatus nicht weiter. Ekerbicer und Kollegen meinten hierzu, dass die Hälfte der Frauen in einer polygamen Beziehung nicht mit dem jeweiligen Ehemann unter einem Dach lebte. Dadurch jedoch fühlt sich der Mann genötigt, „zwischen seinen Angebeteten zu pendeln“. Ein striktes Zeitmanagement ist dafür ganz sicher unumgänglich. Die erste Ehefrau sieht ihren Mann montags und donnerstags, die zweite Ehefrau vielleicht immer am Wochenende, usw.; für den Mann bedeutet das in erster Linie Termindruck und zusätzlichen Stress, der die Vorzüge der Polygamie schließlich aufwiegen könnte.  

Polygamie belastet das Herz
Andauernder Stress fördert im Allgemeinen Entzündungen im Körper und kann so z. B. die Immunantwort stören oder Blutgefäße schädigen. Darüber hinaus zeigten Studien, dass Stress bei Männern zu Schlafproblemen, Hypertonie und schlechten Ernährungsgewohnheiten sowie zu Bewegungsmangel führen kann.2-8 All diese Faktoren begünstigen gesundheitliche Folgen, wie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen. Die spannende Frage: Lassen sich solche stressbedingten Folgeerkrankungen bei polygamen Männern finden?

Die Antwort darauf lieferte eine aktuelle Studie aus Saudi-Arabien9, welche sich in der Tat mit diesem Problem auseinandergesetzt und sehr spannende Ergebnisse geliefert hatte. Insgesamt schloss die Studie 1.068 Männer ein, von denen 687 verheiratet waren. Etwa ein Drittel dieser Ehemänner lebte polygam (2 Frauen: 19%; 3 Frauen: 10 %; 4 Frauen: 3 %). Alle Studien-Teilnehmer wurden unabhängig von ihrem jeweiligen Beziehungsstatus einer Gefäßuntersuchung (Angiografie) unterzogen. Für polygame Männer bestand am Ende ein offensichtlich 4,6-fach höheres Risiko für die koronare Herzkrankheit (adjustierte OR: 4,6 [95%-KI: 2,5; 8,3]). Interessant war darüber hinaus, dass dieses Risiko sich mit steigender Anzahl an Ehefrauen noch vergrößerte.
Männer oberhalb der 45 sind sehr aktiv
Was ist aber mit monogamen Männern, Singles oder Männern, die Sex mit Männern haben (MSM)? Profitieren auch diese von den gesundheitlichen Vorteilen gesunder Sexualität? Dazu ist zu sagen, dass z. B. Männer um die 45 Jahre in der Regel sexuell sehr aktiv sind, wie aus der German Male Sex-Study (GMS)10 hervorgeht. Rund 86 % der heterosexuellen Männer gab an, in den letzten drei Monaten Sex gehabt zu haben, ebenso verhielt es sich bei den MSM.

Interessant ist zudem, dass ebenfalls die Masturbation noch immer zum Leben 45-jähriger Männer zählt und somit keinesfalls nur Teenagern und jungen Männern vorbehalten ist. Singles mittleren Alters masturbierten hierzulande zu fast 90 % innerhalb der vergangenen drei Monate – auch dies war unabhängig von ihrer sexuellen Identität.

Andererseits steigt bei Männern jenseits der 45 das Risiko für den altersbedingten Abbau des Testosteronspiegels im Blut. Jährlich verliert Mann dann circa 1 % seines Powerhormons, was zu gesundheitlichen Problemen, wie beispielsweise Müdigkeit, Gewichtszunahme bis hin zu Erektionsstörungen und Depressionen führen kann. „Sport, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und ein lebendiges Sexleben verlangsamen diesen natürlichen Prozess aber deutlich“, so Prof. Dr. med. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG), und zeigte damit einfache und durchaus kurzweilige Möglichkeiten für Männer auf, sich ganz natürlich lebenslang fit zu halten.

Hinweise darauf, dass sexuelle Aktivität bis ins hohe Alter die Männergesundheit fördert, gibt es schon seit vorchristlicher Zeit. Bereits die alten Chinesen sahen ihren Penis als den sogenannten „Urmuskel“ an. Wie jeden anderen Muskel, kann man den Penis deshalb auch gut trainieren, so die Überzeugung der alten Meister. „Mit dieser Sichtweise lagen die Chinesen gar nicht so falsch, obwohl wir heute natürlich wissen, dass der Penis anatomisch betrachtet, gar kein Muskel ist“, schätzte Prof. Sommer ein.

Eine belgische Studie11 an mehr als 1.700 MSM, stützt dennoch diese Trainingstheorie. Denn sexuell aktive Männer leiden weniger häufig unter Erektionsstörungen. Zwar hatten, wie zu erwarten, insbesondere ältere Studienteilnehmer um die 60 Jahre messbare Erektionsprobleme. Jedoch stärkte eine stabile Partnerschaft kombiniert mit regelmäßigem Sex die Erektionsfähigkeit des Penis spürbar.

Fazit
Polygamie ist eine seit Jahrtausenden gelebte Beziehungsform des Menschen, die heute hauptsächlich in der arabischen Welt sowie in weiten Teilen Afrikas beheimatet ist. Für die sexuelle Gesundheit des Mannes hat die Polygamie durchaus einige Vorzüge zu bieten. So leiden sexuell aktive polygame Männer sehr viel weniger unter Erektionsstörungen als monogame Geschlechtsgenossen.
Dennoch bringt das gleichzeitige Zusammenleben mit mehreren Frauen ebenso Risiken mit sich. Beispielsweise führt Polygamie zu zusätzlichem Stress, um als Mann alle seine Frauen „unter einen Hut zu bekommen“. In der Folge steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten bei polygamen Männern an und nimmt abhängig von der Anzahl der zu versorgenden Ehefrauen weiter zu. Erkaufen sich polygame Männer am Ende ihre sexuelle Erfüllung teuer mit einer größeren Belastung für das Herz? Weitere Studien zu diesem Thema könnten hier zukünftig mehr Licht ins Dunkel bringen.

Indes gilt als gesichert, dass Männer für eine gute Gesundheit möglichst zeitlebens sexuell aktiv sein sollten, denn die Aktivität belebt Körper und Geist gleichermaßen und verbessert so unter anderem den Testosteronspiegel sowie die Erektionsfähigkeit. Dazu genügt im Zweifel eine einzige Partnerin oder ein einziger Partner, was wiederum ein bedeutender Pluspunkt des monogamen Beziehungsmodells für die Herzgesundheit ist.

Wie schambehaftet die männliche Sexualität auch heute noch im Alltag ist und wie sehr das Thema Sex im Alter tabuisiert wird, zeigte eine von den Bündnis90/Grünen im Januar 2017 angestoßene Debatte um Sexbegleiterinnen auf Rezept für ältere, pflegebedürftige Männer. Dies führte hierzulande zu einem Aufschrei der Empörung. Von einem menschenverachtenden Versuch, ältere Pflegebedürftige „gefügig und damit pflegeleichter“ machen zu wollen, sprachen führende Pflegeforscher, wie Prof. Wilhelm Frieling-Sonnenberg von der Hochschule Nordhausen. Sexualberater, wie z. B. Vanessa de Rae, sehen die Vorschläge eher als einen Segen für die pflegebedürftigen Männer. Vor dem Hintergrund, dass Sexualität einen maßgeblichen Anteil an der Gesundheit des Mannes hat – wie im übrigen genauso auch bei Frauen –, ist einer Debatte darum, inwieweit es moralisch vertretbarer wäre, älteren und mitunter pflegebedürftigen Männern ihr Grundbedürfnis nach Nähe, Zuwendung und Sexualität absprechen zu wollen, zukünftig gesellschaftlich und politisch viel mehr Raum zu geben.

Quellen:
1 Ekerbicer HC et al., A comparison of sexual function, psychological status, and sociodemographic characteristics of turkish men within polygamous and monogamous marriages. Balkan Med J. 2016; 33: 383-9
2 Molloy GJ et al., Marital status, gender and cardiovascular mortality: behavioural, psychological distress and metabolic explanations. Social Science and Medicine 2009; 69(2): 223–228
3 Sbarra DA et al., Marital dissolution and blood pressure reactivity: evidence for the specificity of emotional intrusion-hyperarousal and task-rated emotional difficulty. Psychosomatic Medicine 2009; 71(5): 532–540
4 Tobe, A et al., The impact of job strain and marital cohesion on ambulatory blood pressure during 1 year: the double exposure study. American Journal of Hypertension 2007; 20(2): 148–153
5 Tryon MS et al., Having your cake and eating it too: a habit of comfort food may link chronic social stress exposure and acute stress-induced cortisol hyporesponsiveness. Physiology and Behavior 2013; 114-115; 32–37
6 Roberts CJ et al., Increases in weight during chronic stress are partially associated with a switch in food choice towards increased carbohydrate and saturated fat intake. European Eating Disorders Review 2014; 22(1): 77–82
7 Stults-Kolehmainen MA and Sinha R, The effects of stress on physical activity and exercise. Sports Medicine 2014; 44(1): 81–121
8 Crain TL et al., Work-family conflict, family-supportive supervisor behaviors (FSSB), and sleep outcomes. Journal of Occupational Health Psychology 2014; 19(2): 155–167
9 Daoulah A et al., Polygamy and Risk of Coronary Artery Disease in Men Undergoing Angiography: An Observational Study International Journal of Vascular Medicine 2017, Article ID 1925176; http://dx.doi.org/10.1155/2017/1925176
10 Angerer H, 68. Kongress der DGU 2016, Vortragssitzung vom 30.09.2016, Leipzig
11 Vansintejan J et al., The GAy MEn Sex StudieS (GAMESS): erectile dysfunction among Belgian gay men International Journal of General
     Medicine 2013; 6: 527-534

Dienstag, 24. Oktober 2017

Testosteronmangel macht Männer krank

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Eine fünfjährige deutsche Querschnittstudie findet den lange vermuteten Zusammenhang zwischen einem Testosteronmangel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Insgesamt ließen mehr als 20.000 Männer im Alter zwischen 18 und 100 Jahren aus mehr als 150 Städten und Großbetrieben in Deutschland ihren jeweiligen Testosteronwert im Blut bestimmen. Damit ist die „20.000er-Testosteronstudie der DGMG“ sogar eine der weltweit größten Studien auf diesem Gebiet!

Im Ergebnis der Untersuchungen litt fast jeder zwölfte Mann (= 8 % der Probanden) unter einem erheblichen Testosteronmangel (< 2,5 ng/ml Testosteron). Betrachtete man zusätzlich den sogenannten „Graubereich“ der Testosteronkonzentration zwischen 3,5 ng/ml und 2,5 ng/ml, bei dem es bereits zu ersten unspezifischen Symptomen eines Mangels kommen kann, so war beinahe bei jedem vierten Mann (23 % der Probanden) ein mehr oder minder schwerer Testosteronmangel nachweisbar.

Ein solches Hormondefizit hatte zudem messbare gesundheitliche Folgen. Zum Beispiel litten diese Männer sehr viel häufiger unter Bluthochdruck (+ 41 %) und/oder an einem Diabetes mellitus (+ 68 %; siehe Infografik). Darüber hinaus zeigten sich bei Männern mit niedrigen Testosteronkonzentrationen im Vergleich zu Männern mit normalem Hormonwert ein höherer Body Mass Index (29,5 kg/m2 versus 26,7 kg /m2) sowie ein größerer Bauchumfang (109,1 cm versus 100,5 cm).

Infografik "Testosteronmangel" (© DGMG; 2017)

Testosteronmangel beeinflusst Organ- und Stoffwechselparameter

Zusammenfassend wies die „20.000er-Testosteronstudie“ einen erheblichen Einfluss eines Hormonmangels auf verschiedene Organ- und Stoffwechselparameter bei Männern nach. Die Bestimmung des Testosteronwertes sollte folglich bei entsprechender Symptomlage oder bei Beschwerden zu einer vernünftigen Diagnostik dazugehören.

Gerade im Zusammenhang mit dem Diabetes mellitus stellte das begleitende Hormondefizit einen erheblichen Risikofaktor dar. Darüber hinaus könnte ein Testosteronmangel in allen Altersklassen Ursache für Erkrankungen sein, welche oft unter dem Oberbegriff des metabolischen Syndroms zusammengefasst, aber meist nur symptomatisch behandelt werden. Eine mögliche auslösende Ursache war dabei in der Regel der Fälle bisher unbekannt.

Hintergrund: Hypogonadismus

Testosteron ist längst nicht nur das wichtigste Sexualhormon des Mannes. Es greift auch in andere Körperfunktionen ein, wie z. B. den Muskel-, Fett-, Knochen- sowie den Zuckerstoffwechsel. Ist der Testosteronhaushalt gestört, können daraus weitreichende Folgen für den betroffenen Mann entstehen.

Der Mangel an Testosteron wird Hypogonadismus genannt und tritt natürlicherseits vor allem bei Männern jenseits des 40. Lebensjahres auf. Doch auch jüngere Männer kann es bereits treffen. Die Symptome für einen solchen Hypogonadismus sind meist vollkommen unspezifisch und unterscheiden sich von Mann zu Mann oft erheblich. Die Diagnose des Testosteronmangels wird dadurch meist erst sehr spät gestellt. Mögliche ernsthafte Folgen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder ein höheres Risiko für Übergewicht und Diabetes werden dadurch entsprechend verzögert behandelt.

Quelle:
"20.000er Testosteron-Studie" der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG)

Montag, 2. Oktober 2017

Breaking News: PrEP auf Privatrezept in Deutschland!

News: Medizin

Für Sie aufgespürt von Dr. rer. nat. Marcus Mau. Gastbeitrag der Deutschen STI-Gesellschaft.

Für Menschen, die ein großes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren und die andere Schutzmaßnahmen nur schlecht oder gar nicht nutzen können, gibt es die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Dieser wirksame Schutz steht nun für 52 € pro monatlicher Ration in Deutschland zur Verfügung!

Die PrEP ist da! (copyright: Dr. rer. nat. Marcus Mau)


Laut der Aussage von Prof. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, ist es in Verhandlungen mit einer Pharmafirma gelungen, dass die PrEP-Therapie ab sofort deutschlandweit zu erschwinglichen Preisen erhältlich sein wird. Im Unterschied zu einem kurz zuvor bekannt gewordenen Konzept, welches nur wenige Apotheken einbezog, ermöglicht es die erstmals in Bochum getroffene Vereinbarung, sämtliche interessierte Apotheken in Deutschland einzubinden. Damit ist eine sofortige flächendeckende Versorgung von Menschen gewährleitstet, die ein entsprechend hohes HIV-Risiko haben.

Die PrEP wird auf Privatrezept verschrieben. Sie ist eine anerkannte Präventionsmaßnahme: Daten aus den USA und England belegen einen Rückgang der HIV-Neuinfektionen. Allerdings schützt die PrEP nur gegen HIV und nicht gegen andere sexuell übertragbare Infektionen. Der Vorteil bei einer über den Arzt verordneten PrEP liegt darin, dass Menschen beraten und ebenfalls eine Vorsorge gegen andere STI durchgeführt werden kann.

Quelle:
Prof. Norbert Brockmeyer, DSTIG, Mitteilung vom 02.10.2017

Samstag, 30. September 2017

Achtung: Gürtelrose geht auf's Herz

NEWS:MEDIZIN

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Während der Lippenherpes meist harmlos verläuft, kann der Herpes Zoster ("Gürtelrose") sehr schwere Erkrankungen auslösen: So kommt es dabei wohl nicht nur zu neuralgischen Schmerzen, sondern auch zu Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Fast 90 % aller Menschen in Deutschland sind von Herpesviren befallen. Die Gruppe der Herpesviren umfasst viele verschiedene Viren. Allen gemeinsam ist, dass sie mehr oder minder stark abgewandelte rote Hautbereiche mit charakteristischen und schmerzhaften Bläschen bilden. Besonders häufig sind Herpes simplex Typ I (Lippenherpes), Herpes simplex Typ II (Genitalherpes) und das Varizella-Zoster-Virus (Herpes Zoster, „Gürtelrose“), die alle drei nach durchgemachter Erkrankung in Spinalganglien des Körpers persistieren und von dort aus immer wieder neu hervorbrechen können.

Unter den Herpesviren sind die Varizella-Zoster-Viren etwas besonderes, denn anders als der Lippen- und Genitalherpes führt der Herpes Zoster zu einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Nach dem Durchleben dieser als Windpocken meist im Kindesalter auftretenden Krankheitsphase, verbleibt das Varizella-Zoster-Virus dauerhaft im Körper. Eine Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus wird von der STIKO für Kleinkinder empfohlen und schützt zuverlässig vor einer Infektion, doch leider wird diese Impfmöglichkeit noch immer nicht flächendeckend angenommen.

Bei ungeimpften und im Kindesalter an Windpocken erkrankten Menschen kann das Virus im Alter durch eine Immunschwäche oder auch durch andauernden Stress aus den Spinalganglien heraus erneut aktiviert werden. Das Virus wandert dann entlang der Nervenbahnen bis in die innervierten Hautareale ein. Dort kommt es zu einer flächigen Rötung mit unzähligen Bläschen, dem sogenannten Zoster bzw. der Gürtelrose. Neben diesen Hautreaktionen treten häufig ebenfalls Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie leichtes Fieber auf.

Ein Zoster mit Folgen

Die akute Zostererkrankung heilt nach wenigen Wochen ab. Doch sehr viel schwerer wiegen die Monate bis Jahre nach dem durchlebten Zoster. Die sogenannte Post-Zoster-Neuralgie verursacht selbst lange Zeit nach Ausheilung der Gürtelrose noch schlimmste Schmerzen im betroffenen Dermatom, worunter die Lebensqualität der Betroffenen sehr stark leidet.

Eine aktuelle Studie aus Südkorea zeigte zudem, dass über die Neuralgie hinaus ebenso lebensbedrohliche Folgen auf die Gürtelrose zurückgehen könnten. So stieg das gemeinsame Risiko für einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall nach einem erstmals erlebten Zoster um etwa 41 %, das Risiko für einen Schaganfall allein um 35 %. Das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, war um circa 59 % erhöht.

Interessant ist darüber hinaus, dass das Risiko für einen Herzinfarkt im ersten Jahr nach einem Zoster deutlich erhöht war und in der Folge mit der Zeit kleiner wurde. Das höhere Risiko für einen Schlaganfall betraf überwiegend die Generation < 40 Jahre, welche ja gemeinhin noch wenig unter Arteriosklerose, einem altersbedingten Risikofaktor für einen Schlaganfall, leidet.

Ärzte sollen Patienten aufklären

Obgleich Herpesinfektionen im Allgemeinen eher als harmlos oder lästig gelten, können daraus schwere Folgeerkrankungen resultieren. Insbesondere Infektionen mit dem Varizella-Zoster-Virus sind nicht zuletzt aufgrund ihrer Rezidivneigung in Gestalt einer Gürtelrose und den damit verbundenen neuralgischen Schmerzen problematisch.

Es gibt Hinweise dafür, dass ein Zoster das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht, auch bei jüngeren Patienten. Betroffene sollen daher seitens des behandelnden Arztes auf das Risiko hingewiesen und daraufhin untersucht werden.

Wie bei allen Herpesvirusinfektionen nistet sich das Virus nach einmal durchlebter Erkrankung zeitlebens in Nervenzellen des Körpers ein. Antivirale Medikamente können im Falle der Herpesviren lediglich Ausbrüche und Rezidive kontrollieren, die Infektion jedoch nicht dauerhaft entfernen. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle auch nochmals auf die Möglichkeit der von der STIKO empfohlenen Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus bereits im Kleinkindalter hingewiesen.

Quelle:
Herpes Zoster Increases the Risk of Stroke and Myocardial Infarction.
Min-Chul Kim et al.; Journal of the American College of Cardiology, doi: 10.1016/j.jacc.2017.05.015; 2017

Montag, 4. September 2017

Erektionsstörungen können Folge eines Diabetes mellitus sein

NEWS: TAG DER SEXUELLEN GESUNDHEIT

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.


Am heutigen Tag der sexuellen Gesundheit sollte neben den vielen Geschlechtskrankheiten, die wieder auf dem Vormarsch sind, nicht vergessen werden, dass sexuelle Gesundheit weit mehr umfasst als die Summe der übertragbaren Infektionen. So leidet aktuell beispielsweise jeder zweite Mann mit Diabetes unter Erektionsstörungen.

Diabetes ist längst auf den vorderen Rängen der führenden Zivilisationskrankheiten angekommen. Unerkannt oder nur unzureichend behandelt führt der hohe Blutzuckerspiegel auf Dauer zu Folgeerkrankungen, wie z. B. einem diabetischen Fuß oder Sehstörungen bis hin zur Erblindung. „Bei Männern – und dies wird leider noch immer unterschätzt – äußert sich der Diabetes sehr oft in Form von Erektionsstörungen“, so PD Dr. med. Tobias Jäger, Urologe aus Essen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V.

Jeder zweite Diabetiker mit Erektionsstörungen?

Forscher aus Großbritannien haben sich kürzlich diesen Zusammenhang zwischen einem Diabetes und Erektionsstörungen bei 88.577 Männern (Altersdurchschnitt: 55,8 Jahre) einmal etwas genauer angesehen. Das Ergebnis war eindeutig: 52,5 % der untersuchten Diabetiker litten unter Erektionsstörungen – also jeder zweite Zuckerkranke! Männer, die an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankten, waren dabei sogar noch stärker von der erektilen Dysfunktion betroffen als Typ-1-Diabetiker.

Die Häufigkeit von Erektionsstörungen steigt mit zunehmendem Lebensalter natürlicherseits immer weiter an. Doch auffällig ist, dass diabetische Männer in der Regel circa 10-15 Jahre früher über Einschränkungen beim Liebesspiel klagen als ihre gesunden Altersgenossen, so auch in der aktuellen britischen Studie.

Manneskraft und Herzgesundheit

„Erektionsstörungen können darüber hinaus ein Hinweis auf einen drohenden Herzinfarkt oder einen Schlaganfall sein. Männer sollten daher die Möglichkeiten zur Prävention frühzeitig ergreifen“, rät Prof. Dr. med. Frank Sommer, Deutschlands einziger Universitätsprofessor für Männergesundheit und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG). Für Patienten und Ärzte heißt das gleichermaßen, dass Diabetiker routinemäßig auf Erektionsstörungen angesprochen werden sollten.

„Andererseits kann aber auch der Mann, der über mangelndes Stehvermögen oder verringerte Ausdauer berichtet, ein noch unerkannter Diabetiker sein“, ergänzt PD Dr. med. Magnus Baumhäkel, Kardiologe und ebenfalls Vorstandsmitglied der DGMG.

Fazit

Die sexuelle Aktivität und Gesundheit des Mannes hängt sowohl von psychischen als auch von körperlichen Faktoren ab. Ein bekannter Diabetes sollte daher stets besondere Aufmerksamkeit erfahren, vor allem auch seitens der betroffenen Männer. Denn frühzeitig erkannt, lässt sich die erektile Dysfunktion durchaus vermeiden und gleichzeitig der Diabetes kontrollieren, bevor dieser schwere gesundheitliche Folgen nach sich zieht.

Quellen
Kouidrat Y et al., High prevalence of erectile dysfunction in diabetes: a systematic review and metaanalysis of 145 studies. Diabet Med 2017; DOI: 10.1111/dme.13403
Presseinformation der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. vom 04.09.2017

Donnerstag, 31. August 2017

Methadon, das innovative Krebsmedikament?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Vor einigen Wochen ging eine Sensationsmeldung durch die deutsche Tagespresse: Methadon heilt Krebs! Viele Betroffene schöpften daraufhin neue Hoffnung. Trotz aller Euphorie, Methadon ist und bleibt vorerst leider nur ein Schmerzmittel, welches neben der Drogentherapie auch im Palliativbereich Verwendung findet.

Methadon ist ein seit 80 Jahren bekanntes Schmerzmedikament und wird überwiegend beim Drogenentzug angewendet. Darüber hinaus gibt es Erfahrungen zum Einsatz bei Tumorpatienten im Zuge der Schmerzbehandlung in der Palliativmedizin. Dort zeigte sich Methadon in Einzelfällen als gut verträgliche Option, z. B. für Patienten mit Nieren - und Leberinsuffizienz.

Methadon reduziert Schmerzen sehr effektiv und scheint dadurch z. B. auch die Verträglichkeit von Strahlen- und Chemotherapien zu verbessern. Doch ist es aufgrund dieser Wirkungen gerechtfertigt, beim Methadon von einem Krebsmedikament zu sprechen?


Klinische Studien fehlen

Alles begann im Jahr 2007, als Ulmer Forscher um Frau Dr. rer. nat. Dipl.-Chem. Claudia Friesen, eigentlich mehr durch Zufall, eine besondere Eigenschaft des Methadons entdeckten. D,L-Methadon - und nur diese Form - löste in Tumorzellen im Labor den programmierten Zelltod aus.

Die Entdeckung verbreitete sich sehr schnell, lag doch der Gedanke nahe, dass mit dem D,L-Methadon ein neues Krebsmedikament gefunden wurde. Wissenschaftliche Preise und Ehrungen folgten und dennoch: Methadon ist kein Krebsallheilmittel!

Trotz aller Euphorie gibt es bisher noch keine klinischen Studien am Menschen, die bestätigen würden, was sich so eindrucksvoll im Labor-Experiment abgezeichnet hatte. Der dort beobachtete, Tumorzellen-zerstörende Effekt ist es allerdings ganz sicher wert, weiter untersucht zu werden.

Fazit

Methadon ist und bleibt, was es seit 80 Jahren Medizingeschichte ist, nämlich ein Schmerz- und kein neues Krebsmedikament. In der Palliativmedizin wird es durchaus zur Schmerzlinderung bei Tumorpatienten eingesetzt. Der Palliativarzt Dr. med. Hans-Jörg Hilscher hat hierzu aus seiner jahrelangen Erfahrung mit Tumorpatienten sogar ein eigenes Dosierungsschema für das Methadon entwickelt.

Quellen:
Pressemitteilung der Deutsche Schmerzgesellschaft vom 17.07.2017: Methadon ist kein Krebsheilmittel – keine falschen Hoffnungen wecken; https://idw-online.de/de/news678388
7. IQUO-Kongress 2017, Berlin

Sonntag, 20. August 2017

Im Notfall richtig Druck machen

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Der plötzliche Herztod kommt gar nicht so selten vor, wie allgemein geglaubt. Jedoch werden noch immer zwei Drittel der Fälle nicht sofort reanimiert. Bis der Notarzt eintrifft, vergehen wertvolle Minuten, welche in dieser Notlage über Leben und Tod entscheiden. Dabei ist die Laienreanimation eigentlich kinderleicht zu erlernen und umzusetzen.


Rechtzeitige Herz-Lungen-Wiederbelebung kann Leben retten!
(Quelle: fotoART by Thommy Weiss  / pixelio.de)


Die aktuellen Statistiken zeigen es deutlich: In Deutschland bekommen nur circa 31 % der von einem Herzstillstand betroffenen Menschen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte eine sogenannte Laienreanimation. Diese kann jedoch das Leben retten, ist einfach zu lernen und kann sogar von Kindern erfolgreich angewendet werden.

Ein Familienangehöriger oder jemand vor Ihnen in der Warteschlange an der Supermarktkasse bricht unerwartet zusammen. Puls und Atmung setzen aus. Ein solches Szenario kann jedem von uns zu jeder Zeit passieren. Die Profis, wie z. B. Ärzte und andere Mitarbeiter des Gesundheits- sowie des Rettungswesens, wissen in einer solchen Situation schnell zu reagieren. Doch wie gut kennen sich medizinische Laien mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen aus?

Oft scheuen die Menschen sich aus den verschiedensten Gründen, als Lebensretter tätig zu werden. In der Folge setzt die Herz-Lungen-Wiederbelebung häufig viel zu spät ein, und der betroffene Mensch verstirbt. Bereits fünf Minuten nach einem Herzstillstand wird das menschliche Gehirn irreversibel geschädigt. Schuld daran ist der Sauerstoffmangel infolge der fehlenden Blutzirkulation.

Wir alle müssen uns zudem von dem weit verbreiteten Irrglauben freimachen, dass die Rettungskräfte innerhalb von fünf Minuten nach dem Absetzen eines Notrufes an Ort und Stelle sein werden. Dies ist ein Trugschluss, der am Ende ein Menschenleben kosten kann.

Richtig Druck machen

Aktuelle Studien zeigen eindrucksvoll, was eine umgehend eingeleitete Laienreanimation im Ernstfall bewirkt: Zwei- bis dreimal mehr Betroffene überleben so ihren Herzinfarkt! Häufig haben wir Angst, dass wir etwas falsch machen könnten und so wird die Reanimation zu zaghaft oder überhaupt gar nicht durchgeführt. Doch der einzige Fehler ist wirklich, nichts zu tun. Vereinfacht gesprochen gilt: Jeder Druck aufs Herz kann in dieser Situation Leben retten!

In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies zum Beispiel, dass bei 8 mm bis 30 mm Drucktiefe die Chance des Patienten, lebend ein Krankenhaus zu erreichen, auf etwa 10 % steigt. Bei einer Kompressionstiefe von 51 mm bis 60 mm steigt diese Chance sogar auf 50 %. Daher gilt unter Fachleuten, in der Hauptsache kräftig drücken!

Prüfen, Notruf, Drücken - einfacher geht es nicht

Kindern fällt es besonders leicht, Neues zu lernen. Daher gab es in Deutschland seit 2006 in jährlicher Folge zahlreiche Programme und Reanimationstrainings an Schulen. In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gehört die Laienreanimation bereits fest zum Lehrplan.

Eigentlich sollte das deutschlandweit gelten, wie vor einigen Jahren schon von der Kultusministerkonferenz der Länder beschlossen wurde. Jedoch ist das Programm noch immer nicht flächendeckend umgesetzt. Eine aktuelle Studie zeigte aber kürzlich, dass jedes Schuljahr nur zwei Stunden Auffrischung genügen, damit Kinder ab 12 Jahren erst zu kleinen und später dann hoffentlich zu großen Lebensrettern werden.

Der Ablauf der lebensrettenden Laienreanimation ist im Übrigen tatsächlich kinderleicht:
  1. Prüfen (d. h. Ansprechbarkeit, Atmung und Herzschlag kontrollieren),
  2. Notruf unter 112,
  3. Reanimation nach dem 30:2-Schema (30 Herzdruckmassagen : 2 Beatmungen).

Quelle:
Sitzung des Tagungspräsidenten „Epidemiologie – plötzlicher Herztod“, 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie 2017 in Mannheim

Mittwoch, 5. Juli 2017

Liebe mit Hindernissen

Hintergründe: Medizin

Dr. rer. nat. Marcus Mau im entspannten Gespräch mit dem Dortmunder Dermatologen Dr. med. Schulte Beerbühl.

Häufig fängt es ganz langsam an: rötliche Bläschen, blumenkohlartige Hautgewächse, Schuppen, offene Wunden oder dieser unbeschreiblich aufregende Juckreiz. Die Übeltäter sind meist Viren, Bakterien oder Pilze, die unsere Schleimhäute – Mund, Nase und Genitale – in vielerlei Gestalt besiedeln und sich dort ganz wie zuhause fühlen. Das Liebesleben der Betroffenen kann darunter empfindlich leiden. Doch leider ist es für das ungeübte Auge nicht immer so leicht, die Ursache der Symptome auf den ersten Blick zu erkennen.

Seit einigen Jahren sind Geschlechtskrankheiten, wie Gonorrhoe, Syphillis und Chlamydien-Infektionen, in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Doch um sie soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Geschlechtskrankheiten sind nämlich nur die eine Hälfte der Geschichte. Es gibt darüber hinaus weit mehr zu entdecken, was die Liebe und die Intimität zweier, oder – aus Sicht der Viren – besser beliebig vieler Menschen für uns bereit hält.

Insbesondere die Schleimhäute des Mundes sowie die unserer Genitalien sind mit ihrer Feuchtigkeit und Wärme ein ideales Siedlungsgebiet für allerlei Bakterien und Pilze. Nicht immer ist es dann leicht, bakterielle, virale oder durch Pilze verursachte Erkrankungen abzugrenzen. Die genaue Diagnose jedoch ist entscheidend, um schnell und zielsicher behandeln zu können. Deshalb gilt: „Wenn es untenrum juckt oder da etwas auftaucht, das dort wohl nicht hingehört, ab zum Arzt!“, fasst Dr. med. Schulte Beerbühl, Dermatologe aus Dortmund, die Reaktion auf den ersten Schreck für Betroffene zusammen.
Kleines Bläschen, große Wirkung
Den Reigen der kleinen „Liebesgeschenke“ eröffnen die gruppierten Bläschen auf gerötetem Grund. Ihnen voraus geht eine Neuralgie und es finden sich in den meisten Fällen regionäre Lymphknotenschwellungen. „Das ist ein typischer Herpes. Da gibt es nichts anderes“, so Schulte Beerbühl. Typisch für einen solchen Herpes sei zudem das „rezidivans in loco“, d. h. das beharrliche Wiederauftreten der Bläschen an immer dergleichen Stelle, wie z. B. an den Lippen.

Nun wäre die Welt der Mediziner ja so einfach, gäbe es den Herpes nicht auch noch weit weg vom Mund, wie so mancher oder manche bereits schmerzvoll erleben musste. Die Herpes-Infektion ist nämlich durchaus für zwei Orte des Körpers typisch. Im Bereich der Lippen findet sich der Herpes labialis, der durch das Herpes simplex-Virus Typ I verursacht wird. Zum anderen gibt es aber am Genitale den Herpes genitalis, der auf die Infektion mit Herpes simplex Typ II zurückgeht.
Erschwerend kommt hinzu, dass beide Herpesviren untereinander ausgetauscht werden können, also alles andere als ortstreu sind. Möglich wird dieser Austausch durch heutzutage weitverbreitete Sexualpraktiken, wie etwa den Oralverkehr. Er macht es beiden Virustypen sehr leicht, zwischen Mund und Genitale zu wandern. Am Ende der Reise findet sich Herpes simplex Typ I eben dann auch im Genitalbereich und Herpes simplex Typ II an den Lippen.

Für den behandelnden Arzt hat das durchaus Konsequenzen, denn die Behandlung der Herpesinfektionen richtet sich nach dem Typ des Erregers. Darüber hinaus ist gerade der Genitalherpes eine sehr schmerzhafte Sache, die das Liebesleben eines jeden infizierten Menschen kurzerhand zum Erliegen bringen kann. Damit die Bläschen nicht immer wieder neu durchbrechen, hilft eigentlich nur die permanente Unterdrückung der Viren mithilfe antiviraler Medikamente.
Im vergangenen Jahr präsentierte die Arbeitsgruppe um Zeena Nawas von der University of Texas in Houston jedoch erstmals Ergebnisse einer Phase-II-Studie zu einem experimentellen Impfstoff gegen Herpes genitalis. Der Impfstoff mit dem schlanken Namen „GEN-003“ ist sehr vielversprechend, denn er reduzierte zuverlässig die Läsionen der Testpersonen und verhinderte die Freisetzung neuer Virsupartikel.

Ein Fußpilz auf Pilgerreise
Doch neben den Herpesviren gibt es noch so manch anderen Erreger, der das Liebesglück des Menschen empfindlich stören kann. Der Fuß- und Nagelpilz ist eine in Deutschland sehr weit verbreitete Pilzerkrankung, welche langfristig und doch oft reversibel zur Zerstörung des betroffenen Zehennagels führt. „Bei gesunden Menschen bleibt die Erkrankung auf die Zehen und Füße lokalisiert und kann dort z. B. mit Lacken, Cremes und einer großen Portion Geduld relativ gut behandelt werden“, stellt Schulte Beerbühl klar.
Bei älteren Menschen und Immungeschwächten allerdings kann der Fuß- und Nagelpilz in eine ausgedehnte Tinea corporis übergehen. Dabei wandern die Pilze dann sogar bis zum Po oder in die Genitalregion. Wie das passieren kann? Ganz einfach. Niemand zieht sich seine Unterhose über den Kopf an, oder? In der Regel wird gezogen und geschoben, wobei die Füße regelmäßig am Stoff der Unterhose hängen bleiben. Genau in einem solchen Moment wird der Pilz schließlich in die Unterhose verschleppt.  Der einstmals an den Füßen beheimatete Pilz hat es nun bis in den Genitalbereich geschafft. In der Folge kommt es zur großflächigen Rötung, was nicht nur unangenehm aussieht.

„Gegen solch ausgedehnte Pilzinfektionen der Haut hilft anfangs ein antientzündlich, antimykotisch und antibakteriell (Anm. d. Red.: gegen mögliche bakterielle Superinfektionen) wirksames Medikament. Für die vollständige Ausheilung bedarf es dennoch später einer weitergehenden Systemtherapie“, rät Schulte Beerbühl seinen Kollegen gern in einer solchen Situation.
Warzen sind echte Vermehrungskünstler
Bei den Warzen handelt es sich zumeist ebenfalls um durch Viren hervorgerufene Hautwucherungen. Sehr schnell werden sie sehr zahlreich und zudem vergleichsweise groß. In der Genitalregion treten vor allem Dellwarzen auf, aber immer häufiger trifft man ebenso auf die sogenannten Feigwarzen. Letztere gehen auf eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV), z. B. HPV 6 und 11, zurück.

Die Dellwarzen, die einigen noch besser unter ihrem Fachnamen „Molluscum contagiosum“ bekannt sind, gelten als hoch ansteckend – Name verpflichtet eben manchmal doch. Die Ursache der Dellwarzen ist eine Infektion mit einem Verwandten des Pockenvirus. Obgleich Dellwarzen allgemein langsam wachsen, können sich aus einigen wenigen Herden großflächig verstreute Warzen bilden.
„Am besten geht Mann bzw. Frau schnellstmöglich zum Hautarzt. Denn je länger abgewartet wird, desto größer kann die Belastung mit den Warzen am Ende werden. Am Anfang entdeckt man vielleicht drei Dellwarzen. Nach einem halben Jahr des Abwartens sind es schon 30. Und einige Zeit später sind es plötzlich 300! Den vermeintlichen Spaß hat dann nicht mehr allein der Hautarzt, denn es kann durchaus müßig sein und seine Zeit dauern, um solche Warzen wieder loszuwerden“, rät Dr. Schulte Beerbühl, aufgrund seiner reichen Erfahrung auf diesem Gebiet.

Bitte zurückhaltend „entwalden“
Warzen erleben aber auch gerade in der modernen Zeit des sogenannten intimen Kahlschlags eine sichtliche Blüte. Das gilt insbesondere für die Feigwarzen, welche durch HP-Viren ausgelöst werden. Die weithin verbreitete Intimrasur schafft zahlreiche Mikroverletzungen der Haut, die wiederum aus Sicht der Viren herrliche Eintrittspforten darstellen, um sich weiter zu verbreiten. Einmal im Gewebe angelangt, können sich die durch die Viren verursachten Feigwarzen zu einer sehr schweren Erkrankung auswachsen.

In schweren Fällen wird z. B. das beste Stück des Mannes durch den blumenkohlartigen, wilden Wuchs der Warzen nachhaltig entstellt. Zwar gibt es mittlerweile erweiterte HPV-Impfstoffe, die vor der Infektion schützen, doch sind diese nur hilfreich, solange noch kein ungeschützter Geschlechtsverkehr zur Ansteckung geführt hatte.
In solchen Fällen, in denen sehr große Warzenherde auftreten, muss das Warzenmaterial großflächig abgetragen und anschließend mithilfe lokaler Therapiemaßnahmen zielgerichtet bekämpft werden. Das kostet viel Zeit und vor allem dem Patienten ordentlich Nerven. Eine Laserbehandlung kommt eigentlich, wenn überhaupt, nur für kleinere Warzen in Betracht, da das Verfahren durchaus zu unschönen Narben führen kann.

Der gutgemeinte Rat des Hautarztes
„Wächst etwas im Anal- oder Genitalbereich, was dort nicht hingehört, oder vorher noch nicht da war, bzw. juckt es stark, so geht es am besten gleich zum Arzt. Es gilt: Je früher solche Viruserkrankungen oder auch Geschlechtskrankheiten erkannt und behandelt werden, desto kürzer ist die individuelle Leidenszeit und desto seltener treten Komplikationen oder Spätfolgen auf“, fasst Dr. Schulte Beerbühl die wichtigsten Punkte im Umgang mit Herpes & Co für Patienten und ihre behandelnden Ärzte zusammen.

Quellen:
Vortrag Schulte Beerbühl: „Dermatose in der Hose“; 8. Urogynäkologie-Kongress, Berlin 2016
Nawas Z et al., American Academy of Dermatology (AAD) 74th Annual Meeting. Presented March 5, 2016

Dienstag, 30. Mai 2017

Tod durch Koffein: Gibt es sowas?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Im Mai 2017 titelte Spiegel online „16-Jähriger stirbt an Überdosis Koffein“. Er trank innerhalb von nur zwei Stunden mehrere koffeinhaltige Softdrinks und war kurze Zeit später tot. Angeblich war der Junge zuvor weder den Drogen noch Alkohol besonders zuträglich gewesen, ebenso wenig hatte er Vorerkrankungen. Was ist dran an diesem Fall?
Mehrere US-Medien zitierten den zuständigen Gerichtsmediziner, Gary Watts, demnach der Junge am 26. April innerhalb von zwei Stunden eine große Flasche Mountain Dew, einen Cafè Latte und einen Energy Drink getrunken hatte. Mountain Dew ist dabei ein sehr stark koffeinhaltiges Zitronengetränk auf Limonadenbasis. Wenig später brach der Jugendliche im Klassenzimmer zusammen und erlag einem Herzstillstand; ausgelöst durch das Koffein in den Erfrischungsgetränken?
Fakt ist, dass koffeinhaltige Getränke häufig ebenso viel Koffein enthalten wie Kaffee, teilweise auch mehr. Sie werden aber, anders als der Kaffee, sehr viel schneller, in größeren Mengen und sehr oft in Kombination mit Alkohol konsumiert, woraus sich gewisse Risiken ergeben, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2014 in einer großangelegten Studie aufdeckte. Eine Überdosis Koffein, so heißt es im Bericht der WHO, könne zu Herzrasen, Hypertonie, Übelkeit, Erbrechen, Krämpfen und im schlimmsten Fall auch zum Tode führen.

Die Studienlage ist dünn

PD Dr. med. Magnus Baumhäkel, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG) und Kardiologe aus Saarbrücken, merkt hierzu an: „Es liegen nur wenige Studien bezüglich der Assoziation von Koffein und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Wir wissen aber, dass ein moderater Koffeingenuss das Risiko für einen kardiovaskulären Tod sogar reduzieren kann.“
„Die heutzutage gebräuchlichen Energy Drinks beinhalten teilweise sehr hohe Koffeinkonzentrationen und werden darüber hinaus häufig zusammen mit Alkohol eingenommen. Ausreichende Daten bezüglich möglicher Herz-Kreislauf-Komplikationen liegen hierzu bislang nicht vor. Es gibt jedoch Hinweise auf z. B. eine erhöhte Gerinnbarkeit des Blutes bei exzessivem Genuss von Energy Drinks“, so Baumhäkel weiter.
Den vorliegenden Fall aus den USA bewertet PD Dr. Baumhäkel wie folgt: „In dem vorliegenden Fall ist eine Einschätzung sehr schwierig. Wir wissen nicht, ob vielleicht doch eine, bislang unentdeckte, Herzerkrankung vorgelegen hat. Vor allem genetische Störungen des Reizleitungssystems des Herzens bleiben oftmals lange unentdeckt, können aber bei Belastungen wie kompetetivem Sport, aber auch bei erhöhtem Koffeingenuss zu Herzrhythmusstörungen bis hin zu einem Herzstillstand führen.“
Das Fazit des Experten: Ein moderater Koffeingenuss ist sicherlich nicht schädlich. Exzessiver Genuss sollte jedoch vermieden werden.

Süße Verlockungen durch Energy Drinks

Die vermeintlichen „Energiebomben“ bergen neben dem Koffein durchaus noch weiteres Ungemach, wie die WHO ebenfalls in den vergangenen Jahren wiederholt erklärte. So ist etwa der süße und anziehend fruchtige Geschmack vieler solcher Erfrischungsgestränke gerade für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen sehr attraktiv. Dies ist ebenfalls ein Grund, weshalb die Kombination aus Energy Drink und Alkohol so gefährlich ist. Der süße Geschmack verdeckt vielfach den Alkoholgeschmack deutlich, wodurch größere Mengen des Getränke-Mixes in kürzerer Zeit konsumiert werden.
Wenn auch der Zusammenhang zwischen Energy Drink mit oder ohne Alkohol und dem Herztod weiterhin nicht sicher geklärt ist, lassen die folgenden Konsumdaten doch zumindest aufhorchen: Einer Studie der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach, konsumieren in der Hauptsache junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 29 Jahren Energy Drinks in Kombination mit Alkohol; immerhin taten dies 71 % der Befragten in der zitierten Studie.
Einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2014 zufolge nimmt der durchschnittliche Diskothekenbesucher etwa einen Liter Energy Drinks gemischt mit Alkohol zu sich. In Einzelfällen waren es sogar bis zu fünf Liter innerhalb von 24 Stunden!

Bereits Kinder greifen zum Energieschub aus der Flasche

Die bereits zuvor zitierte EFSA-Studie aus dem Jahr 2013 belegte ferner, dass jedes fünfte Kind in Europa im Alter zwischen sechs und zehn Jahren Energy Drinks konsumierte. Unter diesen Kindern gab es zudem bereits Vielverzehrer, welche wöchentlich etwa vier bis fünf Mal einen knappen Liter koffeinhaltige Erfrischungsgetränke zu sich nahmen.
In einem Bericht der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2014 wird dazu ein Kinderkardiologe zitiert, der ein erhöhtes Risiko für solche Kinder sah, die längerfristig und wiederholt hohe Mengen Energy Drinks zu sich nahmen. Die Folgen können Herzrhythmusstörungen, Hypertonie und Kardiomyopathie sein. Letzteres ist eine Verdickung des Herzmuskels, die unbehandelt nach einiger Zeit zum Tode führen kann.

Fazit

Bisher gibt es zu wenige Studien, um zweifelsfrei zu klären, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen koffeinhaltigen Energy Drinks und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt.
Dennoch kann ein Gesundheitsrisiko bei regelmäßigem und hohem Konsum koffeinhaltiger Erfrischungsgetränke gerade für Kinder, Schwangere, Stillende und koffeinempfindliche Personen nicht generell ausgeschlossen werden, was sowohl die WHO als auch das BfR einstimmig feststellen.
Inwieweit der Konsum koffeinhaltiger Drinks beim vorliegenden Fall eines 16-jährigen Jungen aus den USA ursächlich mit dessen plötzlichem Herztod zusammenhängt, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Aus Expertensicht ist jedoch ein moderater Koffeingenuss per se sicher nicht schädlich. Der exzessive Konsum allerdings ist zu vermeiden.
Quellen:
bfr.bund.de/de/presseinformation/2016/07/energy_drinks__wann_besteht_ein_risiko_-196544.html
spiegel.de/panorama/usa-16-jaehriger-stirbt-an-ueberdosis-koffein-a-1147852.html
test.de/Energy-Drinks-WHO-Forscher-warnen-4777079-0/

Samstag, 29. April 2017

Schlaflos durch die Nacht: Das muss nun wirklich nicht sein

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Die Deutschen schlafen nicht nur schlecht, sie schlafen immer schlechter. Zu diesem Schluss kommt ein aktueller Gesundheitsreport der DAK-Gesundheit. Das Problem: Betroffene sehen meist keinen Bedarf, Ärzte zu konsultieren und streben lieber eine selbstständige Lösung an.

Insgesamt sind Frauen (10,9 %) hierzulande stärker von Schlafstörungen betroffen als Männer (8,0 %), wie die Zahlen der aktuellen Studie belegen. Auffällig ist dabei der Anteil junger Betroffener zwischen 18 und 29 Jahren. In dieser Altersgruppe gaben nahezu 12 % der Männer und Frauen an, nicht gut schlafen zu können. Dies sind sogar mehr als die im Bundesdurchschnitt über alle Altersgruppen gemessenen 10 %.

Auch die berufliche Situation ist in diesem Zusammenhang ausschlaggebend. Gemeinhin würde man davon ausgehen, dass Menschen, die selbstständig arbeiten und die gesamten Unsicherheiten, die dies mit sich bringt, allein schultern müssen, eher unter unruhigem Schlaf leiden. Dem ist allerdings keineswegs so.

Mit einem Anteil von 1,4 % an Schlaflosen ist die Gruppe der Selbstständigen und Freiberufler diejenige, die am wenigsten von Schlafstörungen betroffen ist. Arbeiter und Angestellte hingegen rangierten zwischen 9 und 12 %. Und selbst Beamte werden zu etwa 7 % von häufig wiederkehrenden Schlafproblemen heimgesucht.

Risikofaktoren für Schlafstörungen

Im Arbeitsalltag machte die Studie ein paar wichtige Ursachen für Schlafprobleme aus. Zu sagen, der Stress lässt uns weniger gut schlafen, ist wenig hilfreich, weil zu unbestimmt. Stress wird sehr subjektiv empfunden und auch der Umgang damit erfolgt sehr individuell. Arbeitsbelastung, Pausenverzicht und häufiger Termindruck werden von der Mehrzahl der Menschen als Stressfaktoren wahrgenommen.

Häufig an der eigenen Leistungsgrenze arbeiten zu müssen, war beispielsweise in 24,4 % der Fälle eine Ursache für Schlafstörungen. Wer in acht oder mehr Nachtschichten pro Monat arbeiten musste, gab in 19 % der Fälle an, schlecht zu schlafen. Dahinter lagen Termindruck und Nichteinhalten von Pausenzeiten mit etwa 17 % gleichauf auf Platz 3.

Daneben gibt es aber auch einen nicht unerheblichen Anteil an selbstverursachten Auslösern für die Schlafstörungen. Als wichtigste Ursache ist hier die ständige mobile Erreichbarkeit zu nennen. Fast 13 % der Menschen, die ständig und auch im Urlaub für den Arbeitgeber erreichbar sind, litten unter Schlaflosigkeit. Wer hingegen außerhalb der Arbeitszeiten kaum verfügbar ist, gab die Erreichbarkeit nur in 7 % der Fälle als möglichen Grund für seine Schlafprobleme an.

Welche Schlafstörungen sind die häufigsten?

Von echten Schlafstörungen spricht man, wenn sie mehr als dreimal pro Woche über einen Monat hinaus auftreten. Die mit Abstand häufigsten Schlafstörungen sind dabei Durchschlafprobleme und Einschlafstörungen, die zusammen circa 80 % der Schlafprobleme bei Betroffenen ausmachen.
Zwischen 2009 und 2016 hat die Zahl derer mit Einschlaf- und Durchschlafproblemen zudem um 66 % zugenommen; es sind also immer mehr Menschen in Deutschland davon betroffen.

Dabei gilt aber immer auch, dass das natürliche Einschlafen etwa 30 Minuten pro Nacht beanspruchen kann. Darüber hinaus wacht jeder Mensch in jeder Nacht mehrfach auf, nur erinnern wir uns im Normalfall am nächsten Morgen nicht mehr daran. Doch das „unbewusste“ Erwachen gehört durchaus zu unserem natürlichen Schlafrhythmus.

Warum werden Schlafprobleme so wenig behandelt?

Die Behandlung von Schlafstörungen ist nicht ganz einfach, denn oft hat man lediglich das Symptom, kennt aber die Ursache nicht. Darüber hinaus können Schlafstörungen multifaktoriell verursacht sein, was die Behandlung zusätzlich verkompliziert.

Auch das Verständnis von Schlafstörungen als eigenständiges Krankheitsbild ist noch nicht überall in den Köpfen angekommen. Betroffene sehen meist keinen Bedarf, Ärzte zu konsultieren und streben lieber eine selbstständige Lösung für das Problem an. Hinzu kommt, dass scheinbar fast jeder im persönlichen Umfeld über ähnliche Erfahrungen berichtet, sodass Schlafstörungen als ein allgemeines Problem unserer Zeit verstanden werden: „Das hat doch jeder, oder?“

Dennoch können Schlafstörungen oder das Empfinden, schlecht geschlafen zu haben, durchaus auf schwerwiegende Erkrankungen zurückgehen, weshalb Patienten unbedingt in ärztliche Abklärung gehören. Atmungsstörungen wie die Schlafapnoe, oder Bewegungsstörungen, zentralnervöse Ursachen und ähnliches können damit ausgeschlossen werden.

Die reale Behandlungssituation beim Arzt

Die Realität sieht jedoch auch hier anders aus: Nur etwas mehr als 15 % der von Schlafstörungen betroffenen Patienten suchten innerhalb der vergangenen zwölf Monate einen Arzt auf, um sich medizinisch behandeln zu lassen.

Ärzte wiederum untersuchten in 64 % der Fälle rein körperlich, in 70 % wurde zumindest eine psychische Ursache diskutiert. Doch vertiefend fragte kaum ein Arzt nach. So gehörten ein Schlafprotokoll, Fragebögen oder Somnographien mit einem jeweiligen Anteil von unter 20 % eher zu den stiefmütterlich behandelten Diagnosemöglichkeiten.

Stattdessen stellte der Arzt häufig ein Rezept für schlaffördernde Medikamente – ob aus Gewohnheit oder auf Wunsch des Patienten ist nicht bekannt. Die Schlaftablette ist auch heute noch mit 50 % die am häufigsten empfohlene „Therapie“ beim Arzt; und das, obwohl mittlerweile hinreichend bekannt ist, dass Schlafmittel die Schlafqualität auf Dauer sogar noch weiter verschlechtern und in einer Abhängigkeit münden können.

Wege ohne Schlafmittel: Zauberwort Schlafhygiene

Viel wichtiger als den Geist mittels Schlaftabletten zu sedieren, ist daher eine Schlafroutine zu entwickeln und strikt auf Schlafhygiene zu achten. Doch was ist das überhaupt? Bestimmte äußere und innere Faktoren beeinflussen unseren Schlaf. Neben Lärm, Licht, Stress und Ernährung spielt beispielsweise auch die Bewegung im Tagesverlauf eine große Rolle. Wer daher gut schlafen möchte, muss eine gewisse Schlafhygiene einhalten und Stressfaktoren, so weit möglich, einschränken oder ganz vermeiden.

Eigentlich meint Schlafhygiene nichts anderes, als dass Betroffene selbst mithilfe von Entspannung, Bewegung und Ernährung ihren Tag und besonders die Nacht möglichst störungsarm gestalten sollen. Hier einmal in aller Kürze ein paar Eckpunkte, um dies auch erreichen zu können:
Es ist wichtig, zu verinnerlichen, dass keine der Maßnahmen Schlafstörungen vorbeugen kann, wenn man einmal dies und ein anderes Mal jenes ausprobiert. Regelmäßigkeit und Wiederholung sind für den gesunden Schlaf sehr wichtig. Fachleute nennen das auch gern die persönliche Schlafroutine. Diese soll sicherstellen, dass sich Körper und Geist mittels fester Rituale auf den bevorstehenden Schlaf gut vorbereiten können.

Wie baut man eine funktionierende Schlafroutine auf?

Schlafroutine bedeutet wirklich das, wonach es sich anhört: eine Routine oder Wiederholung von immer gleichen Abläufen vor dem Schlafengehen. Eine gut funktionierende Schlafroutine beinhaltet einen geregelten Tagesablauf mit festen Schlaf- und Aufwachzeiten.

Der Tag sollte, sofern der eigene Biorhythmus dies zulässt, am frühen Morgen beginnen. Morgens ist der Blutspiegel der Hormone Serotonin und Adrenalin am höchsten. Dies erleichtert den Start in den Tag und gibt den notwendigen Antrieb, um die Arbeit oder andere Tagesaufgaben zu meistern. Ein Powernap, also eine kleine Mittagsruhe, macht zudem fit für die zweite Tageshälfte.

Wer früh aufstehen möchte, sollte auch früh zu Bett gehen. Der Schlaf vor Mitternacht ist angeblich der gesündeste, obgleich dies nicht durch Studien belegbar ist. Besonders die Tiefschlafphase ist sehr wichtig, da sonst während der Nacht kein Regenerationsschlaf stattfindet und so die Kraftreserven des Körpers bis zum Morgen nicht wieder aufgefüllt werden können.

Tipp: Generell gilt, auf das Schlafbedürfnis des eigenen Körpers zu hören und lieber schlafen zu gehen, sobald einen abends die Müdigkeit überkommt. Das Gehirn vor dem Fernseher einzuschläfern funktioniert nicht. Die Bilder mit ihren raschen Farb- und Lichtwechseln wühlen meist das Gehirn auf und verzögern das Müdigkeitsempfinden.

Was lässt einen besser schlafen?

Neben einem streng geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus sollte ebenso genau auf die Ernährung sowie die Einrichtung bzw. Ausstattung des Schlafzimmers geachtet werden. Es ist besonders wichtig, wenig belastende und gesunde Nahrungsmittel auszuwählen. Diese sollten beispielsweise wenig stimulierende Inhaltsstoffe wie Zucker oder Koffein enthalten.

Kartoffeln und Getreideprodukte sind zudem sehr reich an komplexen Kohlenhydraten wie Stärke, welche lang anhaltend Energie liefert und den Blutzuckerspiegel konstant hält. Ein Hungergefühl, welches das Ein- und Durchschlafen stört, wird so vermieden. Eiweiße, oder vielmehr Aminosäuren aus der Nahrung, sind wiederum wichtige Baustoffe für Hormone wie das Adrenalin oder auch Serotonin und Melatonin.

Das Schlafzimmer sollte in erster Linie frei von Fernseher und Büromöbeln und zusätzlich in nicht zu grellen Farben gehalten sein. Dadurch weiß der Körper, dass dort das Schlafzimmer ist, ein persönlicher Raum der Ruhe.

Fazit

Chronische Schlafstörungen betreffen bis zu 10 % der Deutschen, Tendenz weiterhin steigend. Das Mittel der Wahl zur Behandlung bleibt für viele leider noch immer die verschriebene oder auch frei verkäufliche Schlaftablette. Besser ist es jedoch, ohne diese Mittel auszukommen und wieder mehr Gespür für die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu entwickeln.

Alltagsstress lässt sich aufgrund der heutigen Arbeitsverhältnisse meist nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, sich als Gegenpol auch ausreichend Auszeiten zu gönnen und dem täglichen Stress mit geeigneten Entspannungsmaßnahmen zu begegnen.

Das Bedürfnis nach Schlaf wird von manchen als Schwäche empfunden, ist er doch eher unproduktiv. Doch dieses Verständnis von Schlaf ist falsch. Nur während der Schlafphase regenerieren Geist und Körper und machen uns fit für den neuen Tag.

Quellen:

dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf
Erstveröffentlichung auf DocCheck vom 30.03.2017
Mau M., Gesunder Schlaf, wissen-kompakt-Verlag 2013

Freitag, 31. März 2017

Dumm, Dümmer, Junkfood


News: Ernährung

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Essen Jugendliche zu viel fettreiches Junkfood/Fastfood, so schränkt dies möglicherweise ihr geistiges Potenzial im Erwachsenenalter ein. Schuld daran ist einer aktuellen Studie an Mäusen zufolge das Überangebot an Fett aus den Burgern.

Forscher untersuchten unlängst die Auswirkungen von fettreichem Essen auf die Gehirnentwicklung bei Mäusen – mit weitreichenden und beunruhigenden Erkenntnissen für die heranwachsenden Tiere: So kam es zu messbaren Veränderungen und Defiziten bei Lernprozessen, der „Persönlichkeit“ sowie der Impulskontrolle.

Fett macht kindliche Gehirne träge

Bereits vier Wochen nach dem Start der Versuchsreihe zeigten die Mäuse, welche fettreich ernährt wurden, Defizite im Vergleich mit den ausgewogen ernährten, gleichaltrigen Kontrolltieren. Noch bevor die heranwachsenden Tiere an Gewicht zulegten, „vergaßen“ sie den zuvor bekannten Weg durch ein Labyrinth und hatten Schwierigkeiten, diesen wieder neu zu erlernen.

Interessant war auch, dass jene Tiere, welche als Erwachsene fettreich ernährt wurden, lediglich verfetteten, jedoch keinerlei geistige Einschränkungen zeigten. Der Mechanismus dahinter ist noch völlig unbekannt. Es könnte aber durchaus sein, dass Prozesse bei der Hirnreifung durch Nahrungsfette gestört werden.

Änderungen in Persönlichkeit, Impulskontrolle und Planung

Der präfrontale Cortex ist der Sitz unserer Persönlichkeit, der Planung, der Impulskontrolle und unseres Sozialverhaltens. Gerade heranreifende Hirnzellen sind aber noch sehr anfällig für Stressoren, wie z. B. Infektionen oder eine einseitige Ernährung. Das ist bei Mensch und Maus in gewisser Weise vergleichbar.

In den Mäusehirnen sahen die Forscher nun, dass ein hoher Fettkonsum in der "Jugend" zu einer Abnahme des Zellproteins Reelin führte. Dieses Eiweiß ist jedoch wichtig, damit sich synaptische Querverbindungen im Gehirn ausbilden können. Diese sind eine entscheidende Grundlage für die zunehmende Vernetzung des Gehirns und das spätere Lernverhalten.

Obgleich sie sicher aufrütteln, ganz so einfach lassen sich die Ergebnisse aus dem Mäuseversuch aber nicht auf den Menschen übertragen. So erhielten die Mäuse im Versuch nämlich Fettmengen, die ein Mensch nicht allein über Pizza und Hamburger erreichen kann. Dennoch zeigen derartige Untersuchungen, dass die Ernährung im Jugendalter auch das Gehirn und seine Funktionen im späteren Leben beeinflussen kann.

Fazit

Kleine Esssünden verzeiht der sich entwickelnde Körper noch sehr gut. Aber eine dauerhaft schlechte Ernährungsweise führt sehr wahrscheinlich auch zu längerfristigen Einschränkungen und sollte schon deshalb vermieden werden.

Quelle:
Molecular Psychiatry, 2016; doi: 10.1038/mp.2016.193

Dienstag, 28. März 2017

Nierenzellen aus der Retorte

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Forschern der Universität Freiburg ist es erstmals gelungen, Nierenzellen aus Hautzellen zu generieren. Dabei gleichen die umprogrammierten Hautzellen nicht nur rein äußerlich den Nierentubuli, sondern funktionieren auch vergleichbar dem Original. Dieser Erfolg könnte ein erster wichtiger Schritt sein, um zukünftig degenerative Nierenerkrankungen besser erforschen und behandeln zu können.

Die Freiburger Mediziner nutzten für ihre Arbeiten speziell generierte Trägerviren, um vier verschiedene Gene in vorbereitete Fibroblasten einzuschleusen. Diese Steuerungsgene programmierten anschließend die Zellen um, sodass sie sich in nierenähnliche Zellen umwandelten.

„Ganz identisch mit dem natürlichen Vorbild sind die auf diese Weise erzeugten Nierentubuli noch nicht. Dennoch teilen sie erstaunlich viele Charakteristika mit echten Nierenzellen“, so die Forscher. Besonders interessant dabei ist, dass die künstlich erzeugten Nierentubuli eine Vielzahl an Genen aktivieren, welche auch in der Niere aktiv sind. Zudem reagierten die umprogrammierten Hautzellen sehr empfindlich auf nierenschädigende Substanzen.
Die Wissenschaftler haben sich ihr Verfahren mittlerweile patentieren lassen und wollen es gern weiterentwickeln, um zukünftig vielleicht ganz auf Tierversuche verzichten zu können, wenn es um den Test neuer Medikamente und um deren Nierenverträglichkeit geht. Darüber hinaus sind Anwendungen denkbar, um Nierenkranken aus eigenen Hautzellen neue Nierenzellen wachsen zu lassen. Dies würde die Abstoßungsreaktionen, wie sie bei Organspenden auftreten, vermeiden helfen.

Doch bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg. Denn das Einschleusen von Genen mittels Viren ist nicht ohne Risiken und auch die Niere muss erst einmal im Körper sicher und in ausreichender Menge mit dem Virusmaterial erreicht werden.
Alternativ zu diesem hier vorgestellten neuen Ansatz gab es bereits zuvor andere Versuche, um Nierengewebe von außen zu reparieren. Einigen Forscherteams gelang es so z. B. vor wenigen Jahren bereits, eine Art Vorniere aus embryonalen Nierenzellen zu züchten. Diese „künstlich geschaffene Niere“ enthielt tatsächlich zwei der wichtigsten Nierenzelltypen.

Vor zwei Jahren brachte ein anderes Team unter Zuhilfenahme eines Wachstumsfaktors sogenannte Stammzellen dazu, sich in nierenähnliche Zellen zu differenzieren. Doch die meisten Methoden zur Schaffung von Nierengewebe sind sehr zeitaufwendig und auch kostenintensiv. Bei der Verwendung embryonaler Zellen und Stammzellen stellen sich zudem in Deutschland viele ethische Fragen.
Quelle:
Nature Cell Biology, 2016; doi: 10.1038/ncb3437

Dienstag, 28. Februar 2017

Sex hoch drei: Ich, Du und HPV

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Eine aktuelle US-Studie präsentierte kürzlich Zahlen zur Prävalenz genitaler Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) bei Männern im Alter zwischen 18 und 59 Jahren. Bis zu 45 Prozent der Männer waren demnach HPV-positiv, darunter fanden sich auch die krebsinduzierenden HPV 16 und 18 sowie die warzenverursachenden HPV 6 und 11.

Einige der mehr als 200 bekannten humanen Papillomviren (HPV) können bei Frauen und Männern gleichermaßen Krebserkrankungen auslösen, beispielsweise das Zervixkarzinom bei Frauen, das Peniskarzinom beim Mann sowie Mund-Rachen-Karzinome oder anogenitale Tumoren bei beiden Geschlechtern. Während Mädchen auch in Deutschland kostenfrei geimpft werden, wird die HPV-Impfung für Jungen hierzulande bisher nur von der Sächsischen Impfkommission (SIKO) empfohlen und daher von den sächsischen Krankenkassen übernommen. Dennoch, auch deutschlandweit regen sich immer mehr kleinere Kassen, meist Betriebskrankenkassen, und erstatten die Kosten für die Impfung der Jungen im Einzelfall.

HPV: Jeder zweite Mann ist Träger
Wie wichtig es ist, HPV im Blick zu behalten, zeigt die aktuelle amerikanische Studie, welche die Prävalenz genitaler HPV-Infektionen bei Männern zwischen 18 und 59 Jahren untersuchte. Das aufregende an dieser Arbeit: es nahmen 1.868 Männer teil, und diese rekrutierten sich nicht allein aus der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Somit gibt diese Studie wohl einen guten Querschnitt über die HPV-Last bei Männern im Allgemeinen. Denn die Infektion ist keine Folge der sexuellen Orientierung. Sie betrifft vielmehr alle Männer gleichermaßen und hängt vom persönlichen Schutzverhalten und den sexuellen Praktiken ab.

Insgesamt testeten 45 Prozent, also fast jeder zweite Mann, positiv auf eine genitale HPV-Infektion. Jeder Vierte war dabei sogar mit einem Hochrisiko-HPV infiziert. Interessant ist zudem, dass in 7 Prozent der Fälle eine Infektion mit einem HPV-Typ bestand, der in der 4-fach-Impfung enthalten ist. 15,4 Prozent der Männer hatten einen Virustyp, der über die nonavalente Schutzimpfung abgedeckt wäre.

Dem gegenüber stand, dass nur jeder zehnte Mann, der die HPV-Impfung hätte bekommen können, auch tatsächlich geimpft war. Hierzu sei angemerkt, dass die HPV-Impfung für Jungen in den USA bereits allgemein empfohlen wird, die Akzeptanz aber derzeit noch zu gering ist.
Für Männer älter 23 Jahre war eine HPV-Infektion in etwa doppelt so wahrscheinlich wie für die Jüngeren (18–22 Jahre). Dies lässt sich möglicherweise mit der in den USA praktizierten HPV-Impfung erklären, die für Jungen und Jugendliche zwischen 9 und 21 Jahren empfohlen wird (Quelle: CDC). In der vorliegenden Studie waren 22 Prozent der 18- bis 22-Jährigen HPV-geimpft. Alleinstehende Männer, Witwer oder dauerhaft getrennt lebende Männer hatten im Vergleich mit verheirateten Männern ebenfalls eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für genitale HPV-Infektionen. Dies wiederum geht wohl darauf zurück, dass die Zahl der Sexualpartner bei Singles im Normalfall höher liegt als bei Verheirateten und damit auch das persönliche Infektionsrisiko steigt.

HP-Viren werden sexuell übertragen
Diese Studie zeigt, dass HPV-Infektionen durchaus ein größeres Problem bei Männern darstellen, als bisher angenommen. Dabei darf natürlich nicht vergessen werden, dass in immunkompetenten Menschen ein Großteil dieser Infektionen wieder verlorengeht. Dennoch bleibt der Mann in der Zeit bis zum Sieg seines Immunsystems über die Viren eine nicht zu vernachlässigende Quelle für HPV-Neuinfektionen.

Die erhöhte Wahrscheinlichkeit für HPV-Infektionen bei alleinstehenden Männern verdeutlicht das Übertragungs- und Ansteckungsrisiko zusätzlich. Der infizierte Mann verliert möglicherweise tatsächlich die Viren nach einiger Zeit wieder, aber er kann bis dahin durchaus seine Partnerin(nen) oder den Partner erfolgreich angesteckt haben.

Jeder zweite Mann birgt der Studie zufolge ein erhöhtes Infektionsrisiko für Sexualpartner. Darüber hinaus bieten nicht allein nur der ungeschützte Geschlechts- oder Analverkehr ein Ansteckungsrisiko. Als sexuell übertragbare Erreger gehen die HPV ebenso beim Oralverkehr vom Penis auf die Mund- und Rachenschleimhaut über. Bei Immunschwäche, anderen Koinfektionen, chronischen Entzündungen oder einfach einer ungenügenden Immunantwort auf das Virus, kann sich dieses in den Schleimhautzellen festsetzen und im ungünstigen Fall und je nach HPV-Typ über Jahre hinweg sogar Krebs auslösen.

Fazit
Genitale HPV-Infektionen finden sich bei bis zu 45 Prozent der Männer im sexuell aktiven Alter. Damit stellt der Mann einen ganz entscheidenden Ansteckungsfaktor für diese sexuell übertragbaren Erreger dar. Insbesondere die HPV-Hochrisiko-Typen können bei Mann und Frau verschiedene genitale und extragenitale Tumoren auslösen.

Die verfügbaren 2-, 4- und 9-fach-Impfstoffe schützen vor der Infektion mit einer Reihe solcher krebsauslösender HPV. Sexualität ist in erster Linie schleimhaut- und feuchtebezogen; ein Kondom kann deshalb je nach angewendeter Sexualpraktik nicht hundertprozentig vor einer Ansteckung schützen. Die HPV-Impfung jedoch schützt, wie in Studien belegt, nahezu zu 100 Prozent vor einer Ansteckung mit den Impfvirus-Typen; und zwar dann Frauen und Männer gleichermaßen.

Quelle:
Prevalence of Genital Human Papillomavirus Infection and Human Papillomavirus Vaccination Rates Among US Adult Men
Jasmine J. Han et al.; JAMA Oncology, doi:10.1001/jamaoncol.2016.6192; 2017

Dienstag, 31. Januar 2017

Blinddarm raus oder nicht?

News: Medizin

Für Sie recherchiert und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.


Im Volksmund heißt er Wurmfortsatz, Blinddarm oder Anhängsel, medizinisch Appendix – Wertschätzung sieht sicher anders aus. Doch sein Ansehen könnte dank neuester Forschungen bald deutlich steigen. Sprechen wir also vielleicht schon bald vom „caecoappendiculären Komplex“?Zumindest wenn es nach Heather F. Smith und ihren Forscherkollegen von der Midwestern University Arizona (USA) geht, könnte der meist durch Entzündungen überhaupt erst ins Bewusstsein tretende Wurmfortsatz am äußersten Ende des menschlichen Caecums zum neuen Shooting-Star aufsteigen.

Ganz so unbedeutend, wie es scheint, ist der Appendix nämlich gar nicht, wie eine Studie quer durch alle Gruppen der Säugetiere (Mammalia) bereits schon jetzt erahnen lässt. So könnte es sich beim Appendix um ein bisher unbekanntes Reservoir für nützliche Darmbakterien handeln.

Evolution: Einmal entstanden, verschwindet der Blinddarm nicht mehr
Insgesamt werteten Smith und ihr internationales Team Daten zum Appendix und zur Darm-Morphologie von 533 Säugetierarten aus. Am Ende ihrer Studie blickten die Wissenschaftler auf einen phylogenetischen Baum, der ihnen zeigte, wie sich der Appendix der Säugetiere evolutionsbiologisch entwickelt hatte.

Interessant ist, dass sich der Appendix offensichtlich bis zu 30 Mal unabhängig voneinander in der Klasse der Säugetiere entwickelt haben muss. Einmal entstanden, verschwindet er darüber hinaus nicht wieder aus der betreffenden Säugerlinie. Dies spricht dafür, dass er durchaus eine wichtige Funktion erfüllen könnte.

Entgegen der bisherigen Lehrmeinung scheint der Appendix kein Indiz für besondere Nahrungsanpassungen oder Umweltbedingungen zu sein. Stattdessen besitzen alle Spezies mit Appendix eine höhere Dichte an lymphatischem Gewebe im Caecum. Der Wurmfortsatz – ein uraltes sekundäres Immunorgan? Oder ist er vielmehr die „Kinderstube“ nützlicher Darmbakterien, welche in ihm mit unserem Immunsystem wechselwirken, um später toleriert zu werden? Smith und Kollegen betrachten den Appendix im Ergebnis ihrer Arbeit eher als funktionelle Einheit mit dem Caecum. Einen wohlklingenderen Namen haben die Wissenschaftler unserem kleinen Wurmfortsatz ebenfalls bereits angedacht: der caecoappendiculäre Komplex.

Kleiner Wurmfortsatz bald ganz groß?
Gerade unter dem Aspekt der modernen Mikrobiom-Forschung sind die Ergebnisse äußerst spannend. Wir stehen gerade erst am Anfang, das Wechsel- oder vielmehr das Zusammenspiel des menschlichen Körpers und seines Darm-Mikrobioms zu verstehen. Gesundheit und Krankheit lassen sich unter anderem auf Ungleichgewichte in der „normalen“ Darmflora zurückführen, wie beispielsweise in der Ätiologie entzündlicher Darmerkrankungen oder des Diabetes mellitus beobachtet wurde.

Spannende Zeiten also für den Appendix. Ist dies nun eine echte Chance für ein möglicherweise lange unterschätztes Organ, seine allgemeinhin eher schlechte Reputation deutlich zu verbessern? Vielleicht fällt der caecoappendiculäre Komplex schon bald nicht mehr so häufig vorschnell dem Skalpell zum Opfer. (Anm. d. Red.: Ausnahme bleibt dabei selbstverständlich die akute Appendizitis, die bei bestehender Gefahr des Darmdurchbruchs noch immer lebensbedrohlich ist!)

Quelle:
Heather F. Smith et al.; Morphological evolution of the mammalian cecum and cecal appendix, Comptes Rendus Palevol, doi: 10.1016/j.crpv.2016.06.00; 2017
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