Mittwoch, 5. Juli 2017

Liebe mit Hindernissen

Hintergründe: Medizin

Dr. rer. nat. Marcus Mau im entspannten Gespräch mit dem Dortmunder Dermatologen Dr. med. Schulte Beerbühl.

Häufig fängt es ganz langsam an: rötliche Bläschen, blumenkohlartige Hautgewächse, Schuppen, offene Wunden oder dieser unbeschreiblich aufregende Juckreiz. Die Übeltäter sind meist Viren, Bakterien oder Pilze, die unsere Schleimhäute – Mund, Nase und Genitale – in vielerlei Gestalt besiedeln und sich dort ganz wie zuhause fühlen. Das Liebesleben der Betroffenen kann darunter empfindlich leiden. Doch leider ist es für das ungeübte Auge nicht immer so leicht, die Ursache der Symptome auf den ersten Blick zu erkennen.

Seit einigen Jahren sind Geschlechtskrankheiten, wie Gonorrhoe, Syphillis und Chlamydien-Infektionen, in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Doch um sie soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Geschlechtskrankheiten sind nämlich nur die eine Hälfte der Geschichte. Es gibt darüber hinaus weit mehr zu entdecken, was die Liebe und die Intimität zweier, oder – aus Sicht der Viren – besser beliebig vieler Menschen für uns bereit hält.

Insbesondere die Schleimhäute des Mundes sowie die unserer Genitalien sind mit ihrer Feuchtigkeit und Wärme ein ideales Siedlungsgebiet für allerlei Bakterien und Pilze. Nicht immer ist es dann leicht, bakterielle, virale oder durch Pilze verursachte Erkrankungen abzugrenzen. Die genaue Diagnose jedoch ist entscheidend, um schnell und zielsicher behandeln zu können. Deshalb gilt: „Wenn es untenrum juckt oder da etwas auftaucht, das dort wohl nicht hingehört, ab zum Arzt!“, fasst Dr. med. Schulte Beerbühl, Dermatologe aus Dortmund, die Reaktion auf den ersten Schreck für Betroffene zusammen.
Kleines Bläschen, große Wirkung
Den Reigen der kleinen „Liebesgeschenke“ eröffnen die gruppierten Bläschen auf gerötetem Grund. Ihnen voraus geht eine Neuralgie und es finden sich in den meisten Fällen regionäre Lymphknotenschwellungen. „Das ist ein typischer Herpes. Da gibt es nichts anderes“, so Schulte Beerbühl. Typisch für einen solchen Herpes sei zudem das „rezidivans in loco“, d. h. das beharrliche Wiederauftreten der Bläschen an immer dergleichen Stelle, wie z. B. an den Lippen.

Nun wäre die Welt der Mediziner ja so einfach, gäbe es den Herpes nicht auch noch weit weg vom Mund, wie so mancher oder manche bereits schmerzvoll erleben musste. Die Herpes-Infektion ist nämlich durchaus für zwei Orte des Körpers typisch. Im Bereich der Lippen findet sich der Herpes labialis, der durch das Herpes simplex-Virus Typ I verursacht wird. Zum anderen gibt es aber am Genitale den Herpes genitalis, der auf die Infektion mit Herpes simplex Typ II zurückgeht.
Erschwerend kommt hinzu, dass beide Herpesviren untereinander ausgetauscht werden können, also alles andere als ortstreu sind. Möglich wird dieser Austausch durch heutzutage weitverbreitete Sexualpraktiken, wie etwa den Oralverkehr. Er macht es beiden Virustypen sehr leicht, zwischen Mund und Genitale zu wandern. Am Ende der Reise findet sich Herpes simplex Typ I eben dann auch im Genitalbereich und Herpes simplex Typ II an den Lippen.

Für den behandelnden Arzt hat das durchaus Konsequenzen, denn die Behandlung der Herpesinfektionen richtet sich nach dem Typ des Erregers. Darüber hinaus ist gerade der Genitalherpes eine sehr schmerzhafte Sache, die das Liebesleben eines jeden infizierten Menschen kurzerhand zum Erliegen bringen kann. Damit die Bläschen nicht immer wieder neu durchbrechen, hilft eigentlich nur die permanente Unterdrückung der Viren mithilfe antiviraler Medikamente.
Im vergangenen Jahr präsentierte die Arbeitsgruppe um Zeena Nawas von der University of Texas in Houston jedoch erstmals Ergebnisse einer Phase-II-Studie zu einem experimentellen Impfstoff gegen Herpes genitalis. Der Impfstoff mit dem schlanken Namen „GEN-003“ ist sehr vielversprechend, denn er reduzierte zuverlässig die Läsionen der Testpersonen und verhinderte die Freisetzung neuer Virsupartikel.

Ein Fußpilz auf Pilgerreise
Doch neben den Herpesviren gibt es noch so manch anderen Erreger, der das Liebesglück des Menschen empfindlich stören kann. Der Fuß- und Nagelpilz ist eine in Deutschland sehr weit verbreitete Pilzerkrankung, welche langfristig und doch oft reversibel zur Zerstörung des betroffenen Zehennagels führt. „Bei gesunden Menschen bleibt die Erkrankung auf die Zehen und Füße lokalisiert und kann dort z. B. mit Lacken, Cremes und einer großen Portion Geduld relativ gut behandelt werden“, stellt Schulte Beerbühl klar.
Bei älteren Menschen und Immungeschwächten allerdings kann der Fuß- und Nagelpilz in eine ausgedehnte Tinea corporis übergehen. Dabei wandern die Pilze dann sogar bis zum Po oder in die Genitalregion. Wie das passieren kann? Ganz einfach. Niemand zieht sich seine Unterhose über den Kopf an, oder? In der Regel wird gezogen und geschoben, wobei die Füße regelmäßig am Stoff der Unterhose hängen bleiben. Genau in einem solchen Moment wird der Pilz schließlich in die Unterhose verschleppt.  Der einstmals an den Füßen beheimatete Pilz hat es nun bis in den Genitalbereich geschafft. In der Folge kommt es zur großflächigen Rötung, was nicht nur unangenehm aussieht.

„Gegen solch ausgedehnte Pilzinfektionen der Haut hilft anfangs ein antientzündlich, antimykotisch und antibakteriell (Anm. d. Red.: gegen mögliche bakterielle Superinfektionen) wirksames Medikament. Für die vollständige Ausheilung bedarf es dennoch später einer weitergehenden Systemtherapie“, rät Schulte Beerbühl seinen Kollegen gern in einer solchen Situation.
Warzen sind echte Vermehrungskünstler
Bei den Warzen handelt es sich zumeist ebenfalls um durch Viren hervorgerufene Hautwucherungen. Sehr schnell werden sie sehr zahlreich und zudem vergleichsweise groß. In der Genitalregion treten vor allem Dellwarzen auf, aber immer häufiger trifft man ebenso auf die sogenannten Feigwarzen. Letztere gehen auf eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV), z. B. HPV 6 und 11, zurück.

Die Dellwarzen, die einigen noch besser unter ihrem Fachnamen „Molluscum contagiosum“ bekannt sind, gelten als hoch ansteckend – Name verpflichtet eben manchmal doch. Die Ursache der Dellwarzen ist eine Infektion mit einem Verwandten des Pockenvirus. Obgleich Dellwarzen allgemein langsam wachsen, können sich aus einigen wenigen Herden großflächig verstreute Warzen bilden.
„Am besten geht Mann bzw. Frau schnellstmöglich zum Hautarzt. Denn je länger abgewartet wird, desto größer kann die Belastung mit den Warzen am Ende werden. Am Anfang entdeckt man vielleicht drei Dellwarzen. Nach einem halben Jahr des Abwartens sind es schon 30. Und einige Zeit später sind es plötzlich 300! Den vermeintlichen Spaß hat dann nicht mehr allein der Hautarzt, denn es kann durchaus müßig sein und seine Zeit dauern, um solche Warzen wieder loszuwerden“, rät Dr. Schulte Beerbühl, aufgrund seiner reichen Erfahrung auf diesem Gebiet.

Bitte zurückhaltend „entwalden“
Warzen erleben aber auch gerade in der modernen Zeit des sogenannten intimen Kahlschlags eine sichtliche Blüte. Das gilt insbesondere für die Feigwarzen, welche durch HP-Viren ausgelöst werden. Die weithin verbreitete Intimrasur schafft zahlreiche Mikroverletzungen der Haut, die wiederum aus Sicht der Viren herrliche Eintrittspforten darstellen, um sich weiter zu verbreiten. Einmal im Gewebe angelangt, können sich die durch die Viren verursachten Feigwarzen zu einer sehr schweren Erkrankung auswachsen.

In schweren Fällen wird z. B. das beste Stück des Mannes durch den blumenkohlartigen, wilden Wuchs der Warzen nachhaltig entstellt. Zwar gibt es mittlerweile erweiterte HPV-Impfstoffe, die vor der Infektion schützen, doch sind diese nur hilfreich, solange noch kein ungeschützter Geschlechtsverkehr zur Ansteckung geführt hatte.
In solchen Fällen, in denen sehr große Warzenherde auftreten, muss das Warzenmaterial großflächig abgetragen und anschließend mithilfe lokaler Therapiemaßnahmen zielgerichtet bekämpft werden. Das kostet viel Zeit und vor allem dem Patienten ordentlich Nerven. Eine Laserbehandlung kommt eigentlich, wenn überhaupt, nur für kleinere Warzen in Betracht, da das Verfahren durchaus zu unschönen Narben führen kann.

Der gutgemeinte Rat des Hautarztes
„Wächst etwas im Anal- oder Genitalbereich, was dort nicht hingehört, oder vorher noch nicht da war, bzw. juckt es stark, so geht es am besten gleich zum Arzt. Es gilt: Je früher solche Viruserkrankungen oder auch Geschlechtskrankheiten erkannt und behandelt werden, desto kürzer ist die individuelle Leidenszeit und desto seltener treten Komplikationen oder Spätfolgen auf“, fasst Dr. Schulte Beerbühl die wichtigsten Punkte im Umgang mit Herpes & Co für Patienten und ihre behandelnden Ärzte zusammen.

Quellen:
Vortrag Schulte Beerbühl: „Dermatose in der Hose“; 8. Urogynäkologie-Kongress, Berlin 2016
Nawas Z et al., American Academy of Dermatology (AAD) 74th Annual Meeting. Presented March 5, 2016

Dienstag, 30. Mai 2017

Tod durch Koffein: Gibt es sowas?

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Im Mai 2017 titelte Spiegel online „16-Jähriger stirbt an Überdosis Koffein“. Er trank innerhalb von nur zwei Stunden mehrere koffeinhaltige Softdrinks und war kurze Zeit später tot. Angeblich war der Junge zuvor weder den Drogen noch Alkohol besonders zuträglich gewesen, ebenso wenig hatte er Vorerkrankungen. Was ist dran an diesem Fall?
Mehrere US-Medien zitierten den zuständigen Gerichtsmediziner, Gary Watts, demnach der Junge am 26. April innerhalb von zwei Stunden eine große Flasche Mountain Dew, einen Cafè Latte und einen Energy Drink getrunken hatte. Mountain Dew ist dabei ein sehr stark koffeinhaltiges Zitronengetränk auf Limonadenbasis. Wenig später brach der Jugendliche im Klassenzimmer zusammen und erlag einem Herzstillstand; ausgelöst durch das Koffein in den Erfrischungsgetränken?
Fakt ist, dass koffeinhaltige Getränke häufig ebenso viel Koffein enthalten wie Kaffee, teilweise auch mehr. Sie werden aber, anders als der Kaffee, sehr viel schneller, in größeren Mengen und sehr oft in Kombination mit Alkohol konsumiert, woraus sich gewisse Risiken ergeben, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2014 in einer großangelegten Studie aufdeckte. Eine Überdosis Koffein, so heißt es im Bericht der WHO, könne zu Herzrasen, Hypertonie, Übelkeit, Erbrechen, Krämpfen und im schlimmsten Fall auch zum Tode führen.

Die Studienlage ist dünn

PD Dr. med. Magnus Baumhäkel, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG) und Kardiologe aus Saarbrücken, merkt hierzu an: „Es liegen nur wenige Studien bezüglich der Assoziation von Koffein und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Wir wissen aber, dass ein moderater Koffeingenuss das Risiko für einen kardiovaskulären Tod sogar reduzieren kann.“
„Die heutzutage gebräuchlichen Energy Drinks beinhalten teilweise sehr hohe Koffeinkonzentrationen und werden darüber hinaus häufig zusammen mit Alkohol eingenommen. Ausreichende Daten bezüglich möglicher Herz-Kreislauf-Komplikationen liegen hierzu bislang nicht vor. Es gibt jedoch Hinweise auf z. B. eine erhöhte Gerinnbarkeit des Blutes bei exzessivem Genuss von Energy Drinks“, so Baumhäkel weiter.
Den vorliegenden Fall aus den USA bewertet PD Dr. Baumhäkel wie folgt: „In dem vorliegenden Fall ist eine Einschätzung sehr schwierig. Wir wissen nicht, ob vielleicht doch eine, bislang unentdeckte, Herzerkrankung vorgelegen hat. Vor allem genetische Störungen des Reizleitungssystems des Herzens bleiben oftmals lange unentdeckt, können aber bei Belastungen wie kompetetivem Sport, aber auch bei erhöhtem Koffeingenuss zu Herzrhythmusstörungen bis hin zu einem Herzstillstand führen.“
Das Fazit des Experten: Ein moderater Koffeingenuss ist sicherlich nicht schädlich. Exzessiver Genuss sollte jedoch vermieden werden.

Süße Verlockungen durch Energy Drinks

Die vermeintlichen „Energiebomben“ bergen neben dem Koffein durchaus noch weiteres Ungemach, wie die WHO ebenfalls in den vergangenen Jahren wiederholt erklärte. So ist etwa der süße und anziehend fruchtige Geschmack vieler solcher Erfrischungsgestränke gerade für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen sehr attraktiv. Dies ist ebenfalls ein Grund, weshalb die Kombination aus Energy Drink und Alkohol so gefährlich ist. Der süße Geschmack verdeckt vielfach den Alkoholgeschmack deutlich, wodurch größere Mengen des Getränke-Mixes in kürzerer Zeit konsumiert werden.
Wenn auch der Zusammenhang zwischen Energy Drink mit oder ohne Alkohol und dem Herztod weiterhin nicht sicher geklärt ist, lassen die folgenden Konsumdaten doch zumindest aufhorchen: Einer Studie der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach, konsumieren in der Hauptsache junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 29 Jahren Energy Drinks in Kombination mit Alkohol; immerhin taten dies 71 % der Befragten in der zitierten Studie.
Einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2014 zufolge nimmt der durchschnittliche Diskothekenbesucher etwa einen Liter Energy Drinks gemischt mit Alkohol zu sich. In Einzelfällen waren es sogar bis zu fünf Liter innerhalb von 24 Stunden!

Bereits Kinder greifen zum Energieschub aus der Flasche

Die bereits zuvor zitierte EFSA-Studie aus dem Jahr 2013 belegte ferner, dass jedes fünfte Kind in Europa im Alter zwischen sechs und zehn Jahren Energy Drinks konsumierte. Unter diesen Kindern gab es zudem bereits Vielverzehrer, welche wöchentlich etwa vier bis fünf Mal einen knappen Liter koffeinhaltige Erfrischungsgetränke zu sich nahmen.
In einem Bericht der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2014 wird dazu ein Kinderkardiologe zitiert, der ein erhöhtes Risiko für solche Kinder sah, die längerfristig und wiederholt hohe Mengen Energy Drinks zu sich nahmen. Die Folgen können Herzrhythmusstörungen, Hypertonie und Kardiomyopathie sein. Letzteres ist eine Verdickung des Herzmuskels, die unbehandelt nach einiger Zeit zum Tode führen kann.

Fazit

Bisher gibt es zu wenige Studien, um zweifelsfrei zu klären, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen koffeinhaltigen Energy Drinks und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt.
Dennoch kann ein Gesundheitsrisiko bei regelmäßigem und hohem Konsum koffeinhaltiger Erfrischungsgetränke gerade für Kinder, Schwangere, Stillende und koffeinempfindliche Personen nicht generell ausgeschlossen werden, was sowohl die WHO als auch das BfR einstimmig feststellen.
Inwieweit der Konsum koffeinhaltiger Drinks beim vorliegenden Fall eines 16-jährigen Jungen aus den USA ursächlich mit dessen plötzlichem Herztod zusammenhängt, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Aus Expertensicht ist jedoch ein moderater Koffeingenuss per se sicher nicht schädlich. Der exzessive Konsum allerdings ist zu vermeiden.
Quellen:
bfr.bund.de/de/presseinformation/2016/07/energy_drinks__wann_besteht_ein_risiko_-196544.html
spiegel.de/panorama/usa-16-jaehriger-stirbt-an-ueberdosis-koffein-a-1147852.html
test.de/Energy-Drinks-WHO-Forscher-warnen-4777079-0/

Samstag, 29. April 2017

Schlaflos durch die Nacht: Das muss nun wirklich nicht sein

Hintergrund: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Die Deutschen schlafen nicht nur schlecht, sie schlafen immer schlechter. Zu diesem Schluss kommt ein aktueller Gesundheitsreport der DAK-Gesundheit. Das Problem: Betroffene sehen meist keinen Bedarf, Ärzte zu konsultieren und streben lieber eine selbstständige Lösung an.

Insgesamt sind Frauen (10,9 %) hierzulande stärker von Schlafstörungen betroffen als Männer (8,0 %), wie die Zahlen der aktuellen Studie belegen. Auffällig ist dabei der Anteil junger Betroffener zwischen 18 und 29 Jahren. In dieser Altersgruppe gaben nahezu 12 % der Männer und Frauen an, nicht gut schlafen zu können. Dies sind sogar mehr als die im Bundesdurchschnitt über alle Altersgruppen gemessenen 10 %.

Auch die berufliche Situation ist in diesem Zusammenhang ausschlaggebend. Gemeinhin würde man davon ausgehen, dass Menschen, die selbstständig arbeiten und die gesamten Unsicherheiten, die dies mit sich bringt, allein schultern müssen, eher unter unruhigem Schlaf leiden. Dem ist allerdings keineswegs so.

Mit einem Anteil von 1,4 % an Schlaflosen ist die Gruppe der Selbstständigen und Freiberufler diejenige, die am wenigsten von Schlafstörungen betroffen ist. Arbeiter und Angestellte hingegen rangierten zwischen 9 und 12 %. Und selbst Beamte werden zu etwa 7 % von häufig wiederkehrenden Schlafproblemen heimgesucht.

Risikofaktoren für Schlafstörungen

Im Arbeitsalltag machte die Studie ein paar wichtige Ursachen für Schlafprobleme aus. Zu sagen, der Stress lässt uns weniger gut schlafen, ist wenig hilfreich, weil zu unbestimmt. Stress wird sehr subjektiv empfunden und auch der Umgang damit erfolgt sehr individuell. Arbeitsbelastung, Pausenverzicht und häufiger Termindruck werden von der Mehrzahl der Menschen als Stressfaktoren wahrgenommen.

Häufig an der eigenen Leistungsgrenze arbeiten zu müssen, war beispielsweise in 24,4 % der Fälle eine Ursache für Schlafstörungen. Wer in acht oder mehr Nachtschichten pro Monat arbeiten musste, gab in 19 % der Fälle an, schlecht zu schlafen. Dahinter lagen Termindruck und Nichteinhalten von Pausenzeiten mit etwa 17 % gleichauf auf Platz 3.

Daneben gibt es aber auch einen nicht unerheblichen Anteil an selbstverursachten Auslösern für die Schlafstörungen. Als wichtigste Ursache ist hier die ständige mobile Erreichbarkeit zu nennen. Fast 13 % der Menschen, die ständig und auch im Urlaub für den Arbeitgeber erreichbar sind, litten unter Schlaflosigkeit. Wer hingegen außerhalb der Arbeitszeiten kaum verfügbar ist, gab die Erreichbarkeit nur in 7 % der Fälle als möglichen Grund für seine Schlafprobleme an.

Welche Schlafstörungen sind die häufigsten?

Von echten Schlafstörungen spricht man, wenn sie mehr als dreimal pro Woche über einen Monat hinaus auftreten. Die mit Abstand häufigsten Schlafstörungen sind dabei Durchschlafprobleme und Einschlafstörungen, die zusammen circa 80 % der Schlafprobleme bei Betroffenen ausmachen.
Zwischen 2009 und 2016 hat die Zahl derer mit Einschlaf- und Durchschlafproblemen zudem um 66 % zugenommen; es sind also immer mehr Menschen in Deutschland davon betroffen.

Dabei gilt aber immer auch, dass das natürliche Einschlafen etwa 30 Minuten pro Nacht beanspruchen kann. Darüber hinaus wacht jeder Mensch in jeder Nacht mehrfach auf, nur erinnern wir uns im Normalfall am nächsten Morgen nicht mehr daran. Doch das „unbewusste“ Erwachen gehört durchaus zu unserem natürlichen Schlafrhythmus.

Warum werden Schlafprobleme so wenig behandelt?

Die Behandlung von Schlafstörungen ist nicht ganz einfach, denn oft hat man lediglich das Symptom, kennt aber die Ursache nicht. Darüber hinaus können Schlafstörungen multifaktoriell verursacht sein, was die Behandlung zusätzlich verkompliziert.

Auch das Verständnis von Schlafstörungen als eigenständiges Krankheitsbild ist noch nicht überall in den Köpfen angekommen. Betroffene sehen meist keinen Bedarf, Ärzte zu konsultieren und streben lieber eine selbstständige Lösung für das Problem an. Hinzu kommt, dass scheinbar fast jeder im persönlichen Umfeld über ähnliche Erfahrungen berichtet, sodass Schlafstörungen als ein allgemeines Problem unserer Zeit verstanden werden: „Das hat doch jeder, oder?“

Dennoch können Schlafstörungen oder das Empfinden, schlecht geschlafen zu haben, durchaus auf schwerwiegende Erkrankungen zurückgehen, weshalb Patienten unbedingt in ärztliche Abklärung gehören. Atmungsstörungen wie die Schlafapnoe, oder Bewegungsstörungen, zentralnervöse Ursachen und ähnliches können damit ausgeschlossen werden.

Die reale Behandlungssituation beim Arzt

Die Realität sieht jedoch auch hier anders aus: Nur etwas mehr als 15 % der von Schlafstörungen betroffenen Patienten suchten innerhalb der vergangenen zwölf Monate einen Arzt auf, um sich medizinisch behandeln zu lassen.

Ärzte wiederum untersuchten in 64 % der Fälle rein körperlich, in 70 % wurde zumindest eine psychische Ursache diskutiert. Doch vertiefend fragte kaum ein Arzt nach. So gehörten ein Schlafprotokoll, Fragebögen oder Somnographien mit einem jeweiligen Anteil von unter 20 % eher zu den stiefmütterlich behandelten Diagnosemöglichkeiten.

Stattdessen stellte der Arzt häufig ein Rezept für schlaffördernde Medikamente – ob aus Gewohnheit oder auf Wunsch des Patienten ist nicht bekannt. Die Schlaftablette ist auch heute noch mit 50 % die am häufigsten empfohlene „Therapie“ beim Arzt; und das, obwohl mittlerweile hinreichend bekannt ist, dass Schlafmittel die Schlafqualität auf Dauer sogar noch weiter verschlechtern und in einer Abhängigkeit münden können.

Wege ohne Schlafmittel: Zauberwort Schlafhygiene

Viel wichtiger als den Geist mittels Schlaftabletten zu sedieren, ist daher eine Schlafroutine zu entwickeln und strikt auf Schlafhygiene zu achten. Doch was ist das überhaupt? Bestimmte äußere und innere Faktoren beeinflussen unseren Schlaf. Neben Lärm, Licht, Stress und Ernährung spielt beispielsweise auch die Bewegung im Tagesverlauf eine große Rolle. Wer daher gut schlafen möchte, muss eine gewisse Schlafhygiene einhalten und Stressfaktoren, so weit möglich, einschränken oder ganz vermeiden.

Eigentlich meint Schlafhygiene nichts anderes, als dass Betroffene selbst mithilfe von Entspannung, Bewegung und Ernährung ihren Tag und besonders die Nacht möglichst störungsarm gestalten sollen. Hier einmal in aller Kürze ein paar Eckpunkte, um dies auch erreichen zu können:
Es ist wichtig, zu verinnerlichen, dass keine der Maßnahmen Schlafstörungen vorbeugen kann, wenn man einmal dies und ein anderes Mal jenes ausprobiert. Regelmäßigkeit und Wiederholung sind für den gesunden Schlaf sehr wichtig. Fachleute nennen das auch gern die persönliche Schlafroutine. Diese soll sicherstellen, dass sich Körper und Geist mittels fester Rituale auf den bevorstehenden Schlaf gut vorbereiten können.

Wie baut man eine funktionierende Schlafroutine auf?

Schlafroutine bedeutet wirklich das, wonach es sich anhört: eine Routine oder Wiederholung von immer gleichen Abläufen vor dem Schlafengehen. Eine gut funktionierende Schlafroutine beinhaltet einen geregelten Tagesablauf mit festen Schlaf- und Aufwachzeiten.

Der Tag sollte, sofern der eigene Biorhythmus dies zulässt, am frühen Morgen beginnen. Morgens ist der Blutspiegel der Hormone Serotonin und Adrenalin am höchsten. Dies erleichtert den Start in den Tag und gibt den notwendigen Antrieb, um die Arbeit oder andere Tagesaufgaben zu meistern. Ein Powernap, also eine kleine Mittagsruhe, macht zudem fit für die zweite Tageshälfte.

Wer früh aufstehen möchte, sollte auch früh zu Bett gehen. Der Schlaf vor Mitternacht ist angeblich der gesündeste, obgleich dies nicht durch Studien belegbar ist. Besonders die Tiefschlafphase ist sehr wichtig, da sonst während der Nacht kein Regenerationsschlaf stattfindet und so die Kraftreserven des Körpers bis zum Morgen nicht wieder aufgefüllt werden können.

Tipp: Generell gilt, auf das Schlafbedürfnis des eigenen Körpers zu hören und lieber schlafen zu gehen, sobald einen abends die Müdigkeit überkommt. Das Gehirn vor dem Fernseher einzuschläfern funktioniert nicht. Die Bilder mit ihren raschen Farb- und Lichtwechseln wühlen meist das Gehirn auf und verzögern das Müdigkeitsempfinden.

Was lässt einen besser schlafen?

Neben einem streng geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus sollte ebenso genau auf die Ernährung sowie die Einrichtung bzw. Ausstattung des Schlafzimmers geachtet werden. Es ist besonders wichtig, wenig belastende und gesunde Nahrungsmittel auszuwählen. Diese sollten beispielsweise wenig stimulierende Inhaltsstoffe wie Zucker oder Koffein enthalten.

Kartoffeln und Getreideprodukte sind zudem sehr reich an komplexen Kohlenhydraten wie Stärke, welche lang anhaltend Energie liefert und den Blutzuckerspiegel konstant hält. Ein Hungergefühl, welches das Ein- und Durchschlafen stört, wird so vermieden. Eiweiße, oder vielmehr Aminosäuren aus der Nahrung, sind wiederum wichtige Baustoffe für Hormone wie das Adrenalin oder auch Serotonin und Melatonin.

Das Schlafzimmer sollte in erster Linie frei von Fernseher und Büromöbeln und zusätzlich in nicht zu grellen Farben gehalten sein. Dadurch weiß der Körper, dass dort das Schlafzimmer ist, ein persönlicher Raum der Ruhe.

Fazit

Chronische Schlafstörungen betreffen bis zu 10 % der Deutschen, Tendenz weiterhin steigend. Das Mittel der Wahl zur Behandlung bleibt für viele leider noch immer die verschriebene oder auch frei verkäufliche Schlaftablette. Besser ist es jedoch, ohne diese Mittel auszukommen und wieder mehr Gespür für die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu entwickeln.

Alltagsstress lässt sich aufgrund der heutigen Arbeitsverhältnisse meist nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, sich als Gegenpol auch ausreichend Auszeiten zu gönnen und dem täglichen Stress mit geeigneten Entspannungsmaßnahmen zu begegnen.

Das Bedürfnis nach Schlaf wird von manchen als Schwäche empfunden, ist er doch eher unproduktiv. Doch dieses Verständnis von Schlaf ist falsch. Nur während der Schlafphase regenerieren Geist und Körper und machen uns fit für den neuen Tag.

Quellen:

dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf
Erstveröffentlichung auf DocCheck vom 30.03.2017
Mau M., Gesunder Schlaf, wissen-kompakt-Verlag 2013

Freitag, 31. März 2017

Dumm, Dümmer, Junkfood


News: Ernährung

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Essen Jugendliche zu viel fettreiches Junkfood/Fastfood, so schränkt dies möglicherweise ihr geistiges Potenzial im Erwachsenenalter ein. Schuld daran ist einer aktuellen Studie an Mäusen zufolge das Überangebot an Fett aus den Burgern.

Forscher untersuchten unlängst die Auswirkungen von fettreichem Essen auf die Gehirnentwicklung bei Mäusen – mit weitreichenden und beunruhigenden Erkenntnissen für die heranwachsenden Tiere: So kam es zu messbaren Veränderungen und Defiziten bei Lernprozessen, der „Persönlichkeit“ sowie der Impulskontrolle.

Fett macht kindliche Gehirne träge

Bereits vier Wochen nach dem Start der Versuchsreihe zeigten die Mäuse, welche fettreich ernährt wurden, Defizite im Vergleich mit den ausgewogen ernährten, gleichaltrigen Kontrolltieren. Noch bevor die heranwachsenden Tiere an Gewicht zulegten, „vergaßen“ sie den zuvor bekannten Weg durch ein Labyrinth und hatten Schwierigkeiten, diesen wieder neu zu erlernen.

Interessant war auch, dass jene Tiere, welche als Erwachsene fettreich ernährt wurden, lediglich verfetteten, jedoch keinerlei geistige Einschränkungen zeigten. Der Mechanismus dahinter ist noch völlig unbekannt. Es könnte aber durchaus sein, dass Prozesse bei der Hirnreifung durch Nahrungsfette gestört werden.

Änderungen in Persönlichkeit, Impulskontrolle und Planung

Der präfrontale Cortex ist der Sitz unserer Persönlichkeit, der Planung, der Impulskontrolle und unseres Sozialverhaltens. Gerade heranreifende Hirnzellen sind aber noch sehr anfällig für Stressoren, wie z. B. Infektionen oder eine einseitige Ernährung. Das ist bei Mensch und Maus in gewisser Weise vergleichbar.

In den Mäusehirnen sahen die Forscher nun, dass ein hoher Fettkonsum in der "Jugend" zu einer Abnahme des Zellproteins Reelin führte. Dieses Eiweiß ist jedoch wichtig, damit sich synaptische Querverbindungen im Gehirn ausbilden können. Diese sind eine entscheidende Grundlage für die zunehmende Vernetzung des Gehirns und das spätere Lernverhalten.

Obgleich sie sicher aufrütteln, ganz so einfach lassen sich die Ergebnisse aus dem Mäuseversuch aber nicht auf den Menschen übertragen. So erhielten die Mäuse im Versuch nämlich Fettmengen, die ein Mensch nicht allein über Pizza und Hamburger erreichen kann. Dennoch zeigen derartige Untersuchungen, dass die Ernährung im Jugendalter auch das Gehirn und seine Funktionen im späteren Leben beeinflussen kann.

Fazit

Kleine Esssünden verzeiht der sich entwickelnde Körper noch sehr gut. Aber eine dauerhaft schlechte Ernährungsweise führt sehr wahrscheinlich auch zu längerfristigen Einschränkungen und sollte schon deshalb vermieden werden.

Quelle:
Molecular Psychiatry, 2016; doi: 10.1038/mp.2016.193

Dienstag, 28. März 2017

Nierenzellen aus der Retorte

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Forschern der Universität Freiburg ist es erstmals gelungen, Nierenzellen aus Hautzellen zu generieren. Dabei gleichen die umprogrammierten Hautzellen nicht nur rein äußerlich den Nierentubuli, sondern funktionieren auch vergleichbar dem Original. Dieser Erfolg könnte ein erster wichtiger Schritt sein, um zukünftig degenerative Nierenerkrankungen besser erforschen und behandeln zu können.

Die Freiburger Mediziner nutzten für ihre Arbeiten speziell generierte Trägerviren, um vier verschiedene Gene in vorbereitete Fibroblasten einzuschleusen. Diese Steuerungsgene programmierten anschließend die Zellen um, sodass sie sich in nierenähnliche Zellen umwandelten.

„Ganz identisch mit dem natürlichen Vorbild sind die auf diese Weise erzeugten Nierentubuli noch nicht. Dennoch teilen sie erstaunlich viele Charakteristika mit echten Nierenzellen“, so die Forscher. Besonders interessant dabei ist, dass die künstlich erzeugten Nierentubuli eine Vielzahl an Genen aktivieren, welche auch in der Niere aktiv sind. Zudem reagierten die umprogrammierten Hautzellen sehr empfindlich auf nierenschädigende Substanzen.
Die Wissenschaftler haben sich ihr Verfahren mittlerweile patentieren lassen und wollen es gern weiterentwickeln, um zukünftig vielleicht ganz auf Tierversuche verzichten zu können, wenn es um den Test neuer Medikamente und um deren Nierenverträglichkeit geht. Darüber hinaus sind Anwendungen denkbar, um Nierenkranken aus eigenen Hautzellen neue Nierenzellen wachsen zu lassen. Dies würde die Abstoßungsreaktionen, wie sie bei Organspenden auftreten, vermeiden helfen.

Doch bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg. Denn das Einschleusen von Genen mittels Viren ist nicht ohne Risiken und auch die Niere muss erst einmal im Körper sicher und in ausreichender Menge mit dem Virusmaterial erreicht werden.
Alternativ zu diesem hier vorgestellten neuen Ansatz gab es bereits zuvor andere Versuche, um Nierengewebe von außen zu reparieren. Einigen Forscherteams gelang es so z. B. vor wenigen Jahren bereits, eine Art Vorniere aus embryonalen Nierenzellen zu züchten. Diese „künstlich geschaffene Niere“ enthielt tatsächlich zwei der wichtigsten Nierenzelltypen.

Vor zwei Jahren brachte ein anderes Team unter Zuhilfenahme eines Wachstumsfaktors sogenannte Stammzellen dazu, sich in nierenähnliche Zellen zu differenzieren. Doch die meisten Methoden zur Schaffung von Nierengewebe sind sehr zeitaufwendig und auch kostenintensiv. Bei der Verwendung embryonaler Zellen und Stammzellen stellen sich zudem in Deutschland viele ethische Fragen.
Quelle:
Nature Cell Biology, 2016; doi: 10.1038/ncb3437

Dienstag, 28. Februar 2017

Sex hoch drei: Ich, Du und HPV

News: Medizin

Für Sie aufgespürt und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.

Eine aktuelle US-Studie präsentierte kürzlich Zahlen zur Prävalenz genitaler Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) bei Männern im Alter zwischen 18 und 59 Jahren. Bis zu 45 Prozent der Männer waren demnach HPV-positiv, darunter fanden sich auch die krebsinduzierenden HPV 16 und 18 sowie die warzenverursachenden HPV 6 und 11.

Einige der mehr als 200 bekannten humanen Papillomviren (HPV) können bei Frauen und Männern gleichermaßen Krebserkrankungen auslösen, beispielsweise das Zervixkarzinom bei Frauen, das Peniskarzinom beim Mann sowie Mund-Rachen-Karzinome oder anogenitale Tumoren bei beiden Geschlechtern. Während Mädchen auch in Deutschland kostenfrei geimpft werden, wird die HPV-Impfung für Jungen hierzulande bisher nur von der Sächsischen Impfkommission (SIKO) empfohlen und daher von den sächsischen Krankenkassen übernommen. Dennoch, auch deutschlandweit regen sich immer mehr kleinere Kassen, meist Betriebskrankenkassen, und erstatten die Kosten für die Impfung der Jungen im Einzelfall.

HPV: Jeder zweite Mann ist Träger
Wie wichtig es ist, HPV im Blick zu behalten, zeigt die aktuelle amerikanische Studie, welche die Prävalenz genitaler HPV-Infektionen bei Männern zwischen 18 und 59 Jahren untersuchte. Das aufregende an dieser Arbeit: es nahmen 1.868 Männer teil, und diese rekrutierten sich nicht allein aus der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Somit gibt diese Studie wohl einen guten Querschnitt über die HPV-Last bei Männern im Allgemeinen. Denn die Infektion ist keine Folge der sexuellen Orientierung. Sie betrifft vielmehr alle Männer gleichermaßen und hängt vom persönlichen Schutzverhalten und den sexuellen Praktiken ab.

Insgesamt testeten 45 Prozent, also fast jeder zweite Mann, positiv auf eine genitale HPV-Infektion. Jeder Vierte war dabei sogar mit einem Hochrisiko-HPV infiziert. Interessant ist zudem, dass in 7 Prozent der Fälle eine Infektion mit einem HPV-Typ bestand, der in der 4-fach-Impfung enthalten ist. 15,4 Prozent der Männer hatten einen Virustyp, der über die nonavalente Schutzimpfung abgedeckt wäre.

Dem gegenüber stand, dass nur jeder zehnte Mann, der die HPV-Impfung hätte bekommen können, auch tatsächlich geimpft war. Hierzu sei angemerkt, dass die HPV-Impfung für Jungen in den USA bereits allgemein empfohlen wird, die Akzeptanz aber derzeit noch zu gering ist.
Für Männer älter 23 Jahre war eine HPV-Infektion in etwa doppelt so wahrscheinlich wie für die Jüngeren (18–22 Jahre). Dies lässt sich möglicherweise mit der in den USA praktizierten HPV-Impfung erklären, die für Jungen und Jugendliche zwischen 9 und 21 Jahren empfohlen wird (Quelle: CDC). In der vorliegenden Studie waren 22 Prozent der 18- bis 22-Jährigen HPV-geimpft. Alleinstehende Männer, Witwer oder dauerhaft getrennt lebende Männer hatten im Vergleich mit verheirateten Männern ebenfalls eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für genitale HPV-Infektionen. Dies wiederum geht wohl darauf zurück, dass die Zahl der Sexualpartner bei Singles im Normalfall höher liegt als bei Verheirateten und damit auch das persönliche Infektionsrisiko steigt.

HP-Viren werden sexuell übertragen
Diese Studie zeigt, dass HPV-Infektionen durchaus ein größeres Problem bei Männern darstellen, als bisher angenommen. Dabei darf natürlich nicht vergessen werden, dass in immunkompetenten Menschen ein Großteil dieser Infektionen wieder verlorengeht. Dennoch bleibt der Mann in der Zeit bis zum Sieg seines Immunsystems über die Viren eine nicht zu vernachlässigende Quelle für HPV-Neuinfektionen.

Die erhöhte Wahrscheinlichkeit für HPV-Infektionen bei alleinstehenden Männern verdeutlicht das Übertragungs- und Ansteckungsrisiko zusätzlich. Der infizierte Mann verliert möglicherweise tatsächlich die Viren nach einiger Zeit wieder, aber er kann bis dahin durchaus seine Partnerin(nen) oder den Partner erfolgreich angesteckt haben.

Jeder zweite Mann birgt der Studie zufolge ein erhöhtes Infektionsrisiko für Sexualpartner. Darüber hinaus bieten nicht allein nur der ungeschützte Geschlechts- oder Analverkehr ein Ansteckungsrisiko. Als sexuell übertragbare Erreger gehen die HPV ebenso beim Oralverkehr vom Penis auf die Mund- und Rachenschleimhaut über. Bei Immunschwäche, anderen Koinfektionen, chronischen Entzündungen oder einfach einer ungenügenden Immunantwort auf das Virus, kann sich dieses in den Schleimhautzellen festsetzen und im ungünstigen Fall und je nach HPV-Typ über Jahre hinweg sogar Krebs auslösen.

Fazit
Genitale HPV-Infektionen finden sich bei bis zu 45 Prozent der Männer im sexuell aktiven Alter. Damit stellt der Mann einen ganz entscheidenden Ansteckungsfaktor für diese sexuell übertragbaren Erreger dar. Insbesondere die HPV-Hochrisiko-Typen können bei Mann und Frau verschiedene genitale und extragenitale Tumoren auslösen.

Die verfügbaren 2-, 4- und 9-fach-Impfstoffe schützen vor der Infektion mit einer Reihe solcher krebsauslösender HPV. Sexualität ist in erster Linie schleimhaut- und feuchtebezogen; ein Kondom kann deshalb je nach angewendeter Sexualpraktik nicht hundertprozentig vor einer Ansteckung schützen. Die HPV-Impfung jedoch schützt, wie in Studien belegt, nahezu zu 100 Prozent vor einer Ansteckung mit den Impfvirus-Typen; und zwar dann Frauen und Männer gleichermaßen.

Quelle:
Prevalence of Genital Human Papillomavirus Infection and Human Papillomavirus Vaccination Rates Among US Adult Men
Jasmine J. Han et al.; JAMA Oncology, doi:10.1001/jamaoncol.2016.6192; 2017

Dienstag, 31. Januar 2017

Blinddarm raus oder nicht?

News: Medizin

Für Sie recherchiert und zusammengefasst von Dr. rer. nat. Marcus Mau.


Im Volksmund heißt er Wurmfortsatz, Blinddarm oder Anhängsel, medizinisch Appendix – Wertschätzung sieht sicher anders aus. Doch sein Ansehen könnte dank neuester Forschungen bald deutlich steigen. Sprechen wir also vielleicht schon bald vom „caecoappendiculären Komplex“?Zumindest wenn es nach Heather F. Smith und ihren Forscherkollegen von der Midwestern University Arizona (USA) geht, könnte der meist durch Entzündungen überhaupt erst ins Bewusstsein tretende Wurmfortsatz am äußersten Ende des menschlichen Caecums zum neuen Shooting-Star aufsteigen.

Ganz so unbedeutend, wie es scheint, ist der Appendix nämlich gar nicht, wie eine Studie quer durch alle Gruppen der Säugetiere (Mammalia) bereits schon jetzt erahnen lässt. So könnte es sich beim Appendix um ein bisher unbekanntes Reservoir für nützliche Darmbakterien handeln.

Evolution: Einmal entstanden, verschwindet der Blinddarm nicht mehr
Insgesamt werteten Smith und ihr internationales Team Daten zum Appendix und zur Darm-Morphologie von 533 Säugetierarten aus. Am Ende ihrer Studie blickten die Wissenschaftler auf einen phylogenetischen Baum, der ihnen zeigte, wie sich der Appendix der Säugetiere evolutionsbiologisch entwickelt hatte.

Interessant ist, dass sich der Appendix offensichtlich bis zu 30 Mal unabhängig voneinander in der Klasse der Säugetiere entwickelt haben muss. Einmal entstanden, verschwindet er darüber hinaus nicht wieder aus der betreffenden Säugerlinie. Dies spricht dafür, dass er durchaus eine wichtige Funktion erfüllen könnte.

Entgegen der bisherigen Lehrmeinung scheint der Appendix kein Indiz für besondere Nahrungsanpassungen oder Umweltbedingungen zu sein. Stattdessen besitzen alle Spezies mit Appendix eine höhere Dichte an lymphatischem Gewebe im Caecum. Der Wurmfortsatz – ein uraltes sekundäres Immunorgan? Oder ist er vielmehr die „Kinderstube“ nützlicher Darmbakterien, welche in ihm mit unserem Immunsystem wechselwirken, um später toleriert zu werden? Smith und Kollegen betrachten den Appendix im Ergebnis ihrer Arbeit eher als funktionelle Einheit mit dem Caecum. Einen wohlklingenderen Namen haben die Wissenschaftler unserem kleinen Wurmfortsatz ebenfalls bereits angedacht: der caecoappendiculäre Komplex.

Kleiner Wurmfortsatz bald ganz groß?
Gerade unter dem Aspekt der modernen Mikrobiom-Forschung sind die Ergebnisse äußerst spannend. Wir stehen gerade erst am Anfang, das Wechsel- oder vielmehr das Zusammenspiel des menschlichen Körpers und seines Darm-Mikrobioms zu verstehen. Gesundheit und Krankheit lassen sich unter anderem auf Ungleichgewichte in der „normalen“ Darmflora zurückführen, wie beispielsweise in der Ätiologie entzündlicher Darmerkrankungen oder des Diabetes mellitus beobachtet wurde.

Spannende Zeiten also für den Appendix. Ist dies nun eine echte Chance für ein möglicherweise lange unterschätztes Organ, seine allgemeinhin eher schlechte Reputation deutlich zu verbessern? Vielleicht fällt der caecoappendiculäre Komplex schon bald nicht mehr so häufig vorschnell dem Skalpell zum Opfer. (Anm. d. Red.: Ausnahme bleibt dabei selbstverständlich die akute Appendizitis, die bei bestehender Gefahr des Darmdurchbruchs noch immer lebensbedrohlich ist!)

Quelle:
Heather F. Smith et al.; Morphological evolution of the mammalian cecum and cecal appendix, Comptes Rendus Palevol, doi: 10.1016/j.crpv.2016.06.00; 2017
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