Freitag, 29. Dezember 2017

Verschlafe Deine Angst

News: Medizin

Wer lange schläft, hat weniger Angst im Leben, so eine aktuelle US-amerikanische Studie. Denn ein gesunder und tiefer Schlaf scheint die Widerstandskraft der Psyche gegen Stress und Angst zu erhöhen. Unruhiger Schlaf hingegen fördert das Risiko für Angstzustände und Traumata.

Für Ihre Studie schickten die Forscher 17 Probanden mit Schlafmonitoren nach Hause, welche die Gehirnwellen während des Schlafes erfassten. Zusätzlich trug jeder Teilnehmer ein Armband zur Erfassung der Bewegungen in der Nacht. Gemessen wurde für die Dauer einer Woche.
Im Durchschnitt schläft ein Mensch zwischen sieben und acht Stunden pro Nacht, wobei die Angaben je nach zitierter Studie auch erheblich schwanken können. Etwa zwei Stunden dieser Zeit entfallen auf den Tief- bzw. REM-Schlaf. In dieser Phase finden wichtige Regenerationsprozesse statt, und das Gehirn sortiert die Erlebnisse des Tages – der Mensch träumt.
Angst-Konditionierung und Schlaf
Die Forscher konditionierten die Probanden, indem sie diesen Fotos von Zimmern mit verschiedenen Beleuchtungsfarben zeigten. Einige dieser Bilder kombinierten sie mit milden elektrischen Schocks am Finger der Teilnehmer, sodass diese mit der Zeit bei bestimmten Bild-Farb-Kombinationen den nächsten Stromstoß fürchten mussten.

Interessant dabei war, dass diejenigen Probanden, welche längere Schlafzeiten hatten und dabei auch regelmäßig den REM-Schlaf erreichten, insgesamt weniger ängstlich waren. Eine mögliche Erklärung dafür könnte darin liegen, dass bei den „Langschläfern“ das Angstzentrum in der Amygdala des Gehirns weniger stark mit dem präfrontalen Cortex und dem Hippocampus vernetzt wurde – beides Gehirnregionen zur Speicherung von Erinnerungen.

Bereits zuvor war bekannt geworden, dass Menschen mit Schlafmangel höhere Aktivitäten in der Amygdala haben und auch sehr viel stärker z. B. auf angstmachende Bilder reagierten. Doch auf welche Weise verhindert eine ausreichend lange Schlafphase solche Auswirkungen im Gehirn?

Im REM-Schlaf die Festplatte neu ordnen
Eine Theorie geht davon aus, dass während des REM-Schlafes Noradrenalin, welches den Körper unter anderem bei Stress in höhere Aktivität versetzt, aus bestimmten Zentren des Gehirns getilgt wird, also eine Art Reset durchgeführt wird. Am nächsten Morgen beginnt der Tag dann wieder entspannt und ausgeruht.

Fehlt aber der Schlaf oder wird der REM-Schlaf durch Störungen nicht oder nur selten erreicht, kann diese Selbstreinigung des Gehirns von aktivierenden Stressfaktoren wie Noradrenalin nicht ablaufen. In der Folge bleiben die Neurotransmitter erhalten und könnten dann am nächsten Tag dafür sorgen, dass der betroffene Mensch sehr viel leichter und auch stärker auf äußere Stimuli reagiert oder schneller Angst empfindet.

Ganz allgemein sind die Stresshormon-Spiegel in der REM-Phase des Schlafes gegenüber der Wachphase deutlich reduziert. „Damit wird sichergestellt, dass das Gehirn ganz in Ruhe die Eindrücke des Tages verarbeiten kann, ohne deren emotionale Betroffenheit erneut durchleben zu müssen“, fasste der frühere Schlafforscher Els van der Helm in einem Interview zusammen.
Fazit
Einfach ausgedrückt, reduziert ausreichend Schlaf den Stresslevel im Kopf des Menschen und erhöht damit die Reizschwelle für den kommenden Tag. Wenig oder oft gestörter Schlaf verhindert diesen natürlichen Reset und senkt die Reizschwelle immer weiter ab, sodass am folgenden Morgen auf äußere Stimuli sehr viel stärker, oder – in bestimmten Situationen – auch mit Angst reagiert wird.

Auf der anderen Seite, so Schlafforscher, ist es besonders wichtig, den Stress am Tage durch geeignete Mittel, wie z. B. Entspannungstrainings, Sport und Freizeit, möglichst niedrig zu halten. Weniger Stress am Tag unterstützt nämlich am Ende den REM-Schlaf, sodass das gesamte Schlaferleben sehr viel ruhiger und ausgeruhter wird.


Quelle:
Baseline Levels of Rapid-Eye-Movement Sleep May Protect Against Excessive Activity in Fear-Related Neural Circuitry. Lerner I et al., Journal of Neuroscience 2017; DOI:https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0578-17.2017

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